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Das faktische Prius und der kausale Nexus
Am 6. Juni 1986 veröffentlichte Ernst Nolte in
der FAZ einen Beitrag mit dem Titel "Vergangenheit, die nicht vergehen
will". Unmittelbar danach wurde der Text zum Anlaß des "Historikerstreits"
um die Vergleichbarkeit des Holocaust. Zwangsläufig, denn Nolte
führte hier neue, dunkle, raunende Erklärungs- und Entschuldigungsfiguren
ein, von denen die Zunft bis dahin erfreulicherweise noch nie gehört
hatte. Und Fragen, die bizarrerweise "auf Wahrheiten beruhen".
Hier einige Auszüge aus der auch sprachlich gequälten "Rede,
die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte" (Untertitel).
Der Anlaß für unsere Reanimation des Textes ist ein Festakt
der deutschen Rechten: Am 4. Juni verleiht die nicht gerade als liberal
bekannte Deutschland-Stiftung dem Verfasser
in der Münchner königlichen Residenz den mit zehntausend Mark
dotierten Konrad-Adenauer-Preis für Wissenschaft".
Archipel GULag und Auschwitz
Es ist ein auffallender Mangel der Literatur über den Nationalsozialismus,
daß sie nicht weiß oder nicht wahrhaben will, in welchem
Ausmaß all dasjenige, was die Nationalsozialisten später
taten, mit alleiniger Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung,
in einer umfangreichen Literatur der frühen zwanziger Jahre bereits
beschrieben war: Massendeportationen und -erschießungen, Folterungen,
Todeslager, Ausrottungen ganzer Gruppen nach bloß objektiven Kriterien,
öffentliche Forderungen nach Vernichtung schuldloser, aber als
"feindlich" erachteter Menschen.
Es ist wahrscheinlich, daß viele dieser Berichte übertrieben
waren. Es ist sicher, daß auch der "weiße Terror"
fürchterliche Taten vollbrachte, obwohl es in seinem Rahmen keine
Analogie zu der postulierten "Ausrottung der Bourgeoisie"
geben konnte. Aber gleichwohl muß die folgende Frage als zulässig,
ja unvermeidbar erscheinen: Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte
Hitler eine "asiatische" Tat vielleicht nur deshalb, weil
sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer
"asiatischen" Tat betrachteten? War nicht der "Archipel
GULag" ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der "Klassenmord"
der Bolschewiki das logische und faktische Prius des "Rassenmords"
der Nationalsozialisten? Sind Hitlers geheimste Handlungen nicht gerade
auch dadurch zu erklären, daß er den "Rattenkäfig"
nicht vergessen hatte? Rührte Auschwitz vielleicht in seinen
Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte?
...
[Diese Fragen] gelten als antikommunistische Kampfthesen oder als Produkt
des kalten Krieges. Sie passen auch nicht recht zur Fachwissenschaft,
die immer engere Fragestellungen wählen muß. Aber sie beruhen
auf schlichten Wahrheiten. Wahrheiten willentlich auszusparen, mag moralische
Gründe haben, aber es verstößt gegen das Ethos der Wissenschaft.
Die Bedenken wären nur dann berechtigt, wenn man bei diesen Tatbeständen
und Fragen stehenbliebe und sie nicht ihrerseits in einem größeren
Zusammenhang stellte, nämlich in den Zusammenhang jener qualitativen
Brüche in der europäischen Geschichte, die mit der industriellen
Revolution beginnen und jeweils eine erregte Suche nach den "Schuldigen"
oder doch nach den "Urhebern" einer als verhängnisvoll
betrachteten Entwicklung auslösten. Erst in diesem Rahmen würde
ganz deutlich werden, daß sich trotz aller Vergleichbarkeit die
biologischen Vernichtungsaktionen des Nationalsozialismus qualitativ
von der sozialen Vernichtung unterscheiden, die der Bolschewismus vornahm.
Aber so wenig wie ein Mord, und gar ein Massenmord, durch einen anderen
Mord "gerechtfertigt" werden kann, so gründlich führt
doch eine Einstellung in die Irre, die nur auf den einen Mord
und den einen Massenmord hinblickt und den anderen nicht zur
Kenntnis nehmen will, obwohl ein kausaler Nexus wahrscheinlich ist.
Ihr
Kommentar
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