Nr. 26, Juni/Juli 2000
 
 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv

 
Rubriken
 
 
 
 Lese-Effekte
 Fundsache
 Texte, die wir nicht  verstehen
 Unzeitgemäß
 Die Adresse
 Peinlichkeiten

 
 
 Leserbriefe
 Impressum

Das faktische Prius und der kausale Nexus

Am 6. Juni 1986 veröffentlichte Ernst Nolte in der FAZ einen Beitrag mit dem Titel "Vergangenheit, die nicht vergehen will". Unmittelbar danach wurde der Text zum Anlaß des "Historikerstreits" um die Vergleichbarkeit des Holocaust. Zwangsläufig, denn Nolte führte hier neue, dunkle, raunende Erklärungs- und Entschuldigungsfiguren ein, von denen die Zunft bis dahin erfreulicherweise noch nie gehört hatte. Und Fragen, die bizarrerweise "auf Wahrheiten beruhen".
Hier einige Auszüge aus der auch sprachlich gequälten "Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte" (Untertitel). Der Anlaß für unsere Reanimation des Textes ist ein Festakt der deutschen Rechten: Am 4. Juni verleiht die nicht gerade als liberal bekannte Deutschland-Stiftung dem Verfasser in der Münchner königlichen Residenz den mit zehntausend Mark dotierten Konrad-Adenauer-Preis für Wissenschaft".

Archipel GULag und Auschwitz

Es ist ein auffallender Mangel der Literatur über den Nationalsozialismus, daß sie nicht weiß oder nicht wahrhaben will, in welchem Ausmaß all dasjenige, was die Nationalsozialisten später taten, mit alleiniger Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung, in einer umfangreichen Literatur der frühen zwanziger Jahre bereits beschrieben war: Massendeportationen und -erschießungen, Folterungen, Todeslager, Ausrottungen ganzer Gruppen nach bloß objektiven Kriterien, öffentliche Forderungen nach Vernichtung schuldloser, aber als "feindlich" erachteter Menschen.
Es ist wahrscheinlich, daß viele dieser Berichte übertrieben waren. Es ist sicher, daß auch der "weiße Terror" fürchterliche Taten vollbrachte, obwohl es in seinem Rahmen keine Analogie zu der postulierten "Ausrottung der Bourgeoisie" geben konnte. Aber gleichwohl muß die folgende Frage als zulässig, ja unvermeidbar erscheinen: Vollbrachten die Nationalsozialisten, vollbrachte Hitler eine "asiatische" Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer "asiatischen" Tat betrachteten? War nicht der "Archipel GULag" ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der "Klassenmord" der Bolschewiki das logische und faktische Prius des "Rassenmords" der Nationalsozialisten? Sind Hitlers geheimste Handlungen nicht gerade auch dadurch zu erklären, daß er den "Rattenkäfig" nicht vergessen hatte? Rührte Auschwitz vielleicht in seinen Ursprüngen aus einer Vergangenheit her, die nicht vergehen wollte? ...
[Diese Fragen] gelten als antikommunistische Kampfthesen oder als Produkt des kalten Krieges. Sie passen auch nicht recht zur Fachwissenschaft, die immer engere Fragestellungen wählen muß. Aber sie beruhen auf schlichten Wahrheiten. Wahrheiten willentlich auszusparen, mag moralische Gründe haben, aber es verstößt gegen das Ethos der Wissenschaft.
Die Bedenken wären nur dann berechtigt, wenn man bei diesen Tatbeständen und Fragen stehenbliebe und sie nicht ihrerseits in einem größeren Zusammenhang stellte, nämlich in den Zusammenhang jener qualitativen Brüche in der europäischen Geschichte, die mit der industriellen Revolution beginnen und jeweils eine erregte Suche nach den "Schuldigen" oder doch nach den "Urhebern" einer als verhängnisvoll betrachteten Entwicklung auslösten. Erst in diesem Rahmen würde ganz deutlich werden, daß sich trotz aller Vergleichbarkeit die biologischen Vernichtungsaktionen des Nationalsozialismus qualitativ von der sozialen Vernichtung unterscheiden, die der Bolschewismus vornahm. Aber so wenig wie ein Mord, und gar ein Massenmord, durch einen anderen Mord "gerechtfertigt" werden kann, so gründlich führt doch eine Einstellung in die Irre, die nur auf den einen Mord und den einen Massenmord hinblickt und den anderen nicht zur Kenntnis nehmen will, obwohl ein kausaler Nexus wahrscheinlich ist.

Ihr Kommentar


 
 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv