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Das Alte und das Neue
Ein Sachwörterbuch zur deutschen Literatur, das - laut seltsam
ungezeichnetem Vorwort - "ungefähr die Mitte" halten
möchte zwischen vielen Stichwörtern mit Kurzerklärung
und wenigen, aber ausführlich erläuterten Stichwörtern
und das gleichwohl "eine Bestandsaufnahme des gegenwärtigen
Denkens und Wissens über die deutsche Literatur" sein will
(wie auch immer "- lexikalisch stark verkürzt -", so
die eingeschobene exculpatio) - was für ein Programm!
Blättern wir kurz mal darin, mit mäßig spitzen Fingern.
Und beginnen wir bei den klassischen Lieblingskindern aller Literatur-Sachlexika,
den rhetorischen Figuren. Beispiel Chiasmus - es ist tatsächlich
drin:
Chiasmus, Bezeichnung - nach dem griech. Buchstaben
chi - für die syntaktische Überkreuzstellung von Wörtern
zweier aufeinander bezogener Satzglieder: "ich weis nicht was ich
wil / ich wil nicht was ich weis" (Martin Opitz). Meist dient die
rhetorische Figur der Verdeutlichung einer Antithese (s.d.).
Das ist knapp und gut erklärt, und es gibt einem das beruhigende
Gefühl, die Welt der literarischen Bildung sei doch noch in Ordnung:
Wenn dieses moderne und von Reclam offenbar zum tätigen Gebrauch
bestimmte Taschenlexikon so etwas Antikes wie den Chiasmus präsentiert,
dann kann die Welt noch nicht ganz verloren sein.
Da ist denn auch mein eigener Liebling nicht weit, das Hendiadyoin.
Komplett mit einem Zitat ebenfalls aus der Barock-Literatur: "Hier
hat sie Treu und Hand", Daniel Casper von Lohenstein. Lohenstein!,
man faßt es nicht! Namen, die keiner mehr nennt. Ist das Barock
das Spezialgebiet des Verfassers?
Wir schlagen dort nach. Und finden einen mehr als vierseitigen Langartikel
zum Begriff: seine Herkunft aus der Kunstgeschichte, seine europäische
Verbreitung, die deutsche Barockliteratur (katholische, protestantische),
die Sprachgesellschaften, die Rezeption des Humanismus, getrennt nach
den klassischen Gattungen. Sehr fundiert und ausführlich. Und doch:
Erst beim Theater stoßen wir auf eines der, wie wir fest überzeugt
sind, tragenden Themen der deutschen Barockliteratur, die "vergänglichkeit
menschlicher sachen". Daß dies gerade vor dem Erfahrungshintergrund
des Dreißigjährigen Krieges auch ein cantus firmus der gesamten
Lyrik des Barock war, erfahren wir nicht. Auch nichts darüber,
wie dialektisch diese erlebte Todesnähe mit der damaligen Erfindung
des höfischen Festes zusammenhängt. Am Platzmangel kann diese
unverständliche Zurückhaltung nicht liegen. Aber SChluß
damit, es ist ein fast immer müßiges Kinderspiel, einem Lexikon
seine Lücken nachzuzählen.
Also gleich wieder ein großes Lob dafür, wie ausführlich
der Autor auch so etwas wie die neulateinische Literatur auf deutschem
Boden in einen längeren Artikel aufgenommen hat und damit etwa
dem Humanisten- und Jesuitendrama seinen Platz in der Theatergeschichte
einräumt. Vergleichbare, mehrseitige Artikellängen finden
wir immer wieder bei wichtigen Stichwörtern, etwa "Hermeneutik"
oder "Minnesang" oder "spätmittelalterliche Literatur".
Oder auch und natürlich bei "Interpretation", bei der
- so das Lexikon - moderne Methoden wie "Dekonstruktion" die
Begriffe "Autor" oder "Textsinn" in Frage stellen.
Und nicht, siehe das Interview
mit Dr. Schumann, auch das literarische "Werk"? Zu diesem
Stichwort gibt es keinen Eintrag; offenbar wird das Konzept fraglos
für selbstverständlich genommen. Oder sollen wir uns bei der
Bewertung "emphatischer Werkbegriff" (im Stichwort "Postmoderne")
unsere eigenen Gedanken machen?
Nehmen wir einen neuen Strang auf: die Literaturkritik. Mit nicht geringer
Freude lesen wir hier, daß sie ihre ersten Vorstufen schon im
höfischen Roman hatte und ihre große Zeit Anfang des vorigen
Jahrhunderts. Allerdings:
Heute ist das öffentliche Interesse an der L.
eher gering (eine Ausnahme ist die weniger literarisch als politisch
motivierte Diskussion bzw. Polemik um Günter Grass' Roman Ein
weites Feld, 1995). Populär und (im ökonomischen Sinn)
einflussreich ist einzig die von Marcel Reich-Ranicki
moderierte Kritikerrunde Das Literarische Quartett' im Fernsehen,
eine Art Schwundform der L., die auch für manche Magazine und Zeitschriften
charakteristisch ist.
Diese "Schwundstufe" sollte man genießen. Denn nicht
oft läßt sich der durchweg objektive, durchaus auktoriale
Autor zu so schönen und notwendigen Spitzen verleiten.
Bis hierher hält das Sachwörterbuch sehr gut die Mitte zwischen
dem klassischen Begriffsinventar (typische Stichwörter: Odenstrophe,
rhetorische Figuren, Gattungen, Stilepochen, Buch) und seiner immensen
Erweiterung durch die Moderne (Poststrukturalismus, Rezeption, Experimentelle
Literatur, Visuelle Dichtung, Literatursoziologie, Theaterkritik, Buchhandel,
Leser). Aber wie stellt es sich zu einer noch recht wenig faßbaren
Textsorte wie der Hyperfiktion? Das Stichwort selbst fehlt. Fündig
wird man erst, wenn man die Synonyme nimmt und dann zwischen "Interlinearversion"
und "Interpolation" auf einen verwandten Eintrag stößt,
immerhin:
Internetliteratur, Begriff für die durch das neue
elektronische Medium verbreitete bzw. eigens für dieses Medium
geschriebene Literatur. Zu unterscheiden ist also zwischen Literatur
im Internet, bei der die Differenz zur traditionellen Literatur letztlich
nur in der neuen Publikationsform liegt, und einer spezifischen Net-
oder Internet-Literatur, die die Möglichkeiten des Mediums selbst
fruchtbar macht und dadurch zu neuen Literaturformen zu gelangen sucht.
Andere in der Diskussion gebrauchte Bezeichnungen sind Web-, Netz-,
Cyber- oder Hyperliteratur. ...
Na also, da kommen sie ja doch noch, die sonst nicht gelisteten Suchbegriffe.
Im weiteren Artikelverlauf werden kurz die technischen Möglichkeiten
des Mediums genannt, woran sich die vorsichtige Vermutung knüpft,
"dass die neue Publikations- und Literaturform auch den sprachlichen
Ausdruck beeinflusst", und zuletzt noch auf den jährlichen
Internetliteratur-Preis der ZEIT hingewiesen wird. Eine abgewogene Erläuterung,
weder anbiedernd noch herablassend, weder aus dem Blickwinkel des Möchtegern-Auch-dabei
noch vom Hochsitz des klassischen Gelehrten aus.
Man muß also sagen: Das kleine Sachwörterbuch hat sein großes
Ziel errreicht. Es analysiert, von "Mythos" bis "Postmoderne",
kurz, bündig, rundum belesen und wach für eine entwicklungsfähige
Gegenwart die langen, verschlungenen Wege der deutschen Literatur und
ihrer großen und kleinen Repräsentanten.Und es ist dabei
nicht nur handlich jackentaschenfähig, sondern auch noch vorbildlich
preiswert.
Christian Meyers
Volker Meid
Sachwörterbuch zur deutschen Literatur
Philipp Reclam jun., Stuttgart 1999
15,5 x 10 Zentimeter, 571 Seiten
DM 29,--, öS 218, sFr 27,50
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