Nr. 26, Juni/Juli 2000
 
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 Stefanie Oswalt
 Kurt Flasch
 Literaturlexikon

 

 

Das Alte und das Neue

Ein Sachwörterbuch zur deutschen Literatur, das - laut seltsam ungezeichnetem Vorwort - "ungefähr die Mitte" halten möchte zwischen vielen Stichwörtern mit Kurzerklärung und wenigen, aber ausführlich erläuterten Stichwörtern und das gleichwohl "eine Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Denkens und Wissens über die deutsche Literatur" sein will (wie auch immer "- lexikalisch stark verkürzt -", so die eingeschobene exculpatio) - was für ein Programm!
Blättern wir kurz mal darin, mit mäßig spitzen Fingern.
Und beginnen wir bei den klassischen Lieblingskindern aller Literatur-Sachlexika, den rhetorischen Figuren. Beispiel Chiasmus - es ist tatsächlich drin:

Chiasmus, Bezeichnung - nach dem griech. Buchstaben chi - für die syntaktische Überkreuzstellung von Wörtern zweier aufeinander bezogener Satzglieder: "ich weis nicht was ich wil / ich wil nicht was ich weis" (Martin Opitz). Meist dient die rhetorische Figur der Verdeutlichung einer Antithese (s.d.).

Das ist knapp und gut erklärt, und es gibt einem das beruhigende Gefühl, die Welt der literarischen Bildung sei doch noch in Ordnung: Wenn dieses moderne und von Reclam offenbar zum tätigen Gebrauch bestimmte Taschenlexikon so etwas Antikes wie den Chiasmus präsentiert, dann kann die Welt noch nicht ganz verloren sein.
Da ist denn auch mein eigener Liebling nicht weit, das Hendiadyoin. Komplett mit einem Zitat ebenfalls aus der Barock-Literatur: "Hier hat sie Treu und Hand", Daniel Casper von Lohenstein. Lohenstein!, man faßt es nicht! Namen, die keiner mehr nennt. Ist das Barock das Spezialgebiet des Verfassers?
Wir schlagen dort nach. Und finden einen mehr als vierseitigen Langartikel zum Begriff: seine Herkunft aus der Kunstgeschichte, seine europäische Verbreitung, die deutsche Barockliteratur (katholische, protestantische), die Sprachgesellschaften, die Rezeption des Humanismus, getrennt nach den klassischen Gattungen. Sehr fundiert und ausführlich. Und doch: Erst beim Theater stoßen wir auf eines der, wie wir fest überzeugt sind, tragenden Themen der deutschen Barockliteratur, die "vergänglichkeit menschlicher sachen". Daß dies gerade vor dem Erfahrungshintergrund des Dreißigjährigen Krieges auch ein cantus firmus der gesamten Lyrik des Barock war, erfahren wir nicht. Auch nichts darüber, wie dialektisch diese erlebte Todesnähe mit der damaligen Erfindung des höfischen Festes zusammenhängt. Am Platzmangel kann diese unverständliche Zurückhaltung nicht liegen. Aber SChluß damit, es ist ein fast immer müßiges Kinderspiel, einem Lexikon seine Lücken nachzuzählen.
Also gleich wieder ein großes Lob dafür, wie ausführlich der Autor auch so etwas wie die neulateinische Literatur auf deutschem Boden in einen längeren Artikel aufgenommen hat und damit etwa dem Humanisten- und Jesuitendrama seinen Platz in der Theatergeschichte einräumt. Vergleichbare, mehrseitige Artikellängen finden wir immer wieder bei wichtigen Stichwörtern, etwa "Hermeneutik" oder "Minnesang" oder "spätmittelalterliche Literatur". Oder auch und natürlich bei "Interpretation", bei der - so das Lexikon - moderne Methoden wie "Dekonstruktion" die Begriffe "Autor" oder "Textsinn" in Frage stellen. Und nicht, siehe das Interview mit Dr. Schumann, auch das literarische "Werk"? Zu diesem Stichwort gibt es keinen Eintrag; offenbar wird das Konzept fraglos für selbstverständlich genommen. Oder sollen wir uns bei der Bewertung "emphatischer Werkbegriff" (im Stichwort "Postmoderne") unsere eigenen Gedanken machen?
Nehmen wir einen neuen Strang auf: die Literaturkritik. Mit nicht geringer Freude lesen wir hier, daß sie ihre ersten Vorstufen schon im höfischen Roman hatte und ihre große Zeit Anfang des vorigen Jahrhunderts. Allerdings:

Heute ist das öffentliche Interesse an der L. eher gering (eine Ausnahme ist die weniger literarisch als politisch motivierte Diskussion bzw. Polemik um Günter Grass' Roman Ein weites Feld, 1995). Populär und (im ökonomischen Sinn) einflussreich ist einzig die von Marcel Reich-Ranicki moderierte Kritikerrunde ‘Das Literarische Quartett' im Fernsehen, eine Art Schwundform der L., die auch für manche Magazine und Zeitschriften charakteristisch ist.

Diese "Schwundstufe" sollte man genießen. Denn nicht oft läßt sich der durchweg objektive, durchaus auktoriale Autor zu so schönen und notwendigen Spitzen verleiten.
Bis hierher hält das Sachwörterbuch sehr gut die Mitte zwischen dem klassischen Begriffsinventar (typische Stichwörter: Odenstrophe, rhetorische Figuren, Gattungen, Stilepochen, Buch) und seiner immensen Erweiterung durch die Moderne (Poststrukturalismus, Rezeption, Experimentelle Literatur, Visuelle Dichtung, Literatursoziologie, Theaterkritik, Buchhandel, Leser). Aber wie stellt es sich zu einer noch recht wenig faßbaren Textsorte wie der Hyperfiktion? Das Stichwort selbst fehlt. Fündig wird man erst, wenn man die Synonyme nimmt und dann zwischen "Interlinearversion" und "Interpolation" auf einen verwandten Eintrag stößt, immerhin:

Internetliteratur, Begriff für die durch das neue elektronische Medium verbreitete bzw. eigens für dieses Medium geschriebene Literatur. Zu unterscheiden ist also zwischen Literatur im Internet, bei der die Differenz zur traditionellen Literatur letztlich nur in der neuen Publikationsform liegt, und einer spezifischen Net- oder Internet-Literatur, die die Möglichkeiten des Mediums selbst fruchtbar macht und dadurch zu neuen Literaturformen zu gelangen sucht. Andere in der Diskussion gebrauchte Bezeichnungen sind Web-, Netz-, Cyber- oder Hyperliteratur. ...

Na also, da kommen sie ja doch noch, die sonst nicht gelisteten Suchbegriffe. Im weiteren Artikelverlauf werden kurz die technischen Möglichkeiten des Mediums genannt, woran sich die vorsichtige Vermutung knüpft, "dass die neue Publikations- und Literaturform auch den sprachlichen Ausdruck beeinflusst", und zuletzt noch auf den jährlichen Internetliteratur-Preis der ZEIT hingewiesen wird. Eine abgewogene Erläuterung, weder anbiedernd noch herablassend, weder aus dem Blickwinkel des Möchtegern-Auch-dabei noch vom Hochsitz des klassischen Gelehrten aus.
Man muß also sagen: Das kleine Sachwörterbuch hat sein großes Ziel errreicht. Es analysiert, von "Mythos" bis "Postmoderne", kurz, bündig, rundum belesen und wach für eine entwicklungsfähige Gegenwart die langen, verschlungenen Wege der deutschen Literatur und ihrer großen und kleinen Repräsentanten.Und es ist dabei nicht nur handlich jackentaschenfähig, sondern auch noch vorbildlich preiswert.

Christian Meyers

Volker Meid
Sachwörterbuch zur deutschen Literatur
Philipp Reclam jun., Stuttgart 1999
15,5 x 10 Zentimeter, 571 Seiten
DM 29,--, öS 218, sFr 27,50

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