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Der Geist ist willig, und der Geist ist schwach Man muß dem Autor Kurt Flasch, dem Bochumer Professor für
Philosophie, dankbar sein, daß er sein eigenes Programm nicht
buchstäblich nahm. Im Vorwort teilt er mit, sein Interesse galt
"dem philosophischen Denken des Ersten Weltkrieges", aber
noch vor dem Anfang wissen wir: Er wird es dabei nicht belassen. Denn
bereits vier Seiten vorher, auf der Rückseite des Titels, zitiert
er Georg Trakls "Grodek"* ("Die heiße Flamme des
Geistes nährt heute ein / gewaltiger Schmerz, / Die ungeborenen
Enkel"), ein Gedicht. Und schon dem Inhaltsverzeichnis entnehmen
wir weitere Namen, die zur ausführlichen Analyse vorgesehen sind
und nur im Unsere älteren Bibliotheken verwahren eine Unzahl von Büchern, Broschüren und Zeitungsartikeln zum Ersten Weltkrieg. Es sind Texte, von denen kaum jemand spricht, obwohl sie zum Teil von berühmten Autoren stammen. Darunter sind namhafte Philosophen, die damals das Wort ergriffen, nicht als Fachphilosophen, sondern als geistige Führer der Nation. Sie seien "berauscht" gewesen, hört man oft, und wir haben uns an diese Metapher gewöhnt, aber ich schlage vor, sie durch distanziert-historische Beschreibung und Analyse zu ersetzen: Um den Weltkrieg zu deuten, haben Theologen und Ökonomen, Romanschriftsteller und Psychologen, Historiker und Juristen sich des vorhandenen, beschränkten Ideenvorrats bedient; sie haben die ethischen, geschichtstheoretischen und metaphysischen Argumente ins Spiel gebracht, die sie darin finden oder daraus entnehmen konnten; sie haben dessen Begrenztheit und sein Mißverhältnis zur realen Geschichte öffentlich vorgeführt. Ich habe mich lange mit diesen Textten gequält. Daß mir ihre Argumentationen fast niemals einleuchteten, nehme ich als Zeichen geschichtlicher Andersheit, nicht als Beweis für Begeisterungssturm, Heuchelei oder "Verrat". Einige dieser Autoren und Texte werden dementsprechend untersucht.
Dabei folgt das Buch einem eigenen methodischen Aufbau. Delbrücks Freund Harnack wiederum sprach ergriffen von Blut und Tränen, aber er redete, als sei die religiöse Verklärung der Opfer, also die endzeitliche Auferstehung, schon die tägliche Erfahrung aller: "Blut und Tränen. Aber wie? Sucht nach den Weinenden; findet ihr sie von trostlosem Schmerz verzehrt? Nein! Wohl sah ich schon viele liebe Augen tränenvoll; aber es waren Tränen, wie ich sie noch nie in meinem Leben geschaut habe, Tränen, auf denen der Glanz eines freudigen Stolzes lag, Tränen, die in fester Zuversicht schimmerten, ja sogar in Dankbarkeit: Ich durfte ein Opfer bringen; ich habe ein Opfer gebracht.' Wer solche Tränen geschaut und in solche Augen geblickt hat, der hat den Eindruck des Ewigen und Seligen mitten in dem Leid! Und nicht traurig nur, nein fromm und feierlich zugleich wird uns zumute, wenn wir wieder von einem Todesopfer hören. Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel?" Ein wahrhaft "ungewöhnliches Stück Prosa, das neutestamentliche
Auferstehungsworte auf die deutschen Weltkriegsopfer umdeutet"
(Flasch). Insgesamt ist Balls Kritik ein schwer zu verteidigendes Buch. Es kocht vor Distanzierungswut, es wimmelt von ungerechten Urteilen, es verheddert sich in seinen kurzatmigen Bewertungen, und es ist zu kurz, um die Beweislast für seine zahllosen Verurteilungen zu tragen. ... Es teilt mit Spengler, Carl Schmitt, Bloch und Heidegger die viel zu globalen geisteswissenschaftlichen Etikettierungen, und um es gerecht zu beurteilen, muß man es lesen neben den philosophisch-geistesgeschichtlichen Kriegsschriften von Max Scheler, Werner Sombart und Thomas Mann, die es an Verantwortlichkeit, Scharfblick und Erudition immer noch unendlich übertrifft. Im Dritten Teil ("Textmassen und ihre Ordnung") wird dann
die Materialfülle unter besonderen Blickrichtungen präsentiert:
Autoren, Themen, Tendenzen, Adressaten. Und "der vierte Teil versucht
das Unmögliche, eine Art Resümee". Gesetzt den Fall, ein Reisender aus Australien hätte
die Absicht, sich, bevor er Deutschland betritt, mit den dort herrschenden
Denkweisen vertraut zu machen. Gesetzt weiter den noch unwahrscheinlicheren
und geradewegs unglücklichen Fall, er wolle dies dadurch erreichen,
daß er die in Deutschland am weitesten verbreiteten Philosophiegeschichten
studierte, so müßte er folgern, in diesem Land habe der Erste
Weltkrieg nicht stattgefunden. Oder, so könnte er sich fragen,
waren die deutschen Denkbeamten von solcher Robustheit, daß sie
ihre Systeme unbehindert fortgesponnen haben? ... Wäre man nicht schon durch die Lektüre bis dahin überzeugt,
spätestens hier würde dem Leser die raison d'être des
ganzen Buches klar. * Ein Gedicht übrigens, das Heidegger 1953 zum Gegenstand seiner
Betrachtung machte. Flaschs Buch endet mit diesem Kommentar dazu: "Aber
Heideggers meditative Umschreibung des Traklschen Textes in eine vage
Besinnlichkeit verliert Trakls Erfahrung aus dem Auge. Fritz R. Glunk Kurt Flasch |
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