Nr. 26, Juni/Juli 2000
 
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 Stefanie Oswalt
 Kurt Flasch
 Literaturlexikon

 

 

Der Geist ist willig, und der Geist ist schwach

Man muß dem Autor Kurt Flasch, dem Bochumer Professor für Philosophie, dankbar sein, daß er sein eigenes Programm nicht buchstäblich nahm. Im Vorwort teilt er mit, sein Interesse galt "dem philosophischen Denken des Ersten Weltkrieges", aber noch vor dem Anfang wissen wir: Er wird es dabei nicht belassen. Denn bereits vier Seiten vorher, auf der Rückseite des Titels, zitiert er Georg Trakls "Grodek"* ("Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein / gewaltiger Schmerz, / Die ungeborenen Enkel"), ein Gedicht. Und schon dem Inhaltsverzeichnis entnehmen wir weitere Namen, die zur ausführlichen Analyse vorgesehen sind und nur im erfreulich weiteren Sinn zur Philosophie gezählt werden können: Historiker wie Ernst Troeltsch und Friedrich Meinecke oder auch Schriftsteller und Dichter wie Rudolf Borchardt und Hugo Ball, eine Künstlerin: Anette Kolb (die bei den Intellektuellen ihrer Zeit eine allgemeine "Ohmacht des Geistes" diagnostizierte). Ein anderes Vorhaben allerdings, nämlich ein Buch zu schreiben, das laut Lessings Forderung "nach den Quellen schmeckt", ist erfreulicherweise und glänzend erfüllt.
Die Bibliographie ist nicht identisch mit einem im Vorwort erwähnten Quellenverzeichnis, denn dieses "umfaßt zur Zeit 13001 Titel", und der Autor hofft, es "eines Tages publizieren zu können", idealerweise als CD-Rom. Zu der so in Aussicht gestellten Liste erläutert Flasch:

Unsere älteren Bibliotheken verwahren eine Unzahl von Büchern, Broschüren und Zeitungsartikeln zum Ersten Weltkrieg. Es sind Texte, von denen kaum jemand spricht, obwohl sie zum Teil von berühmten Autoren stammen. Darunter sind namhafte Philosophen, die damals das Wort ergriffen, nicht als Fachphilosophen, sondern als geistige Führer der Nation. Sie seien "berauscht" gewesen, hört man oft, und wir haben uns an diese Metapher gewöhnt, aber ich schlage vor, sie durch distanziert-historische Beschreibung und Analyse zu ersetzen: Um den Weltkrieg zu deuten, haben Theologen und Ökonomen, Romanschriftsteller und Psychologen, Historiker und Juristen sich des vorhandenen, beschränkten Ideenvorrats bedient; sie haben die ethischen, geschichtstheoretischen und metaphysischen Argumente ins Spiel gebracht, die sie darin finden oder daraus entnehmen konnten; sie haben dessen Begrenztheit und sein Mißverhältnis zur realen Geschichte öffentlich vorgeführt. Ich habe mich lange mit diesen Textten gequält. Daß mir ihre Argumentationen fast niemals einleuchteten, nehme ich als Zeichen geschichtlicher Andersheit, nicht als Beweis für Begeisterungssturm, Heuchelei oder "Verrat".

Einige dieser Autoren und Texte werden dementsprechend untersucht. Dabei folgt das Buch einem eigenen methodischen Aufbau.
In einem Ersten (Vorkriegs-)Teil "Zu den Waffen! Zu den Waffen!" kommen Eucken, Troeltsch, Meinecke und einer Gruppe von Berliner Professoren zu Wort. Ihre kriegsbegeisterte Rhetorik wird einer ersten Themen-Analyse unterzogen (Leitideen dieser Reden: "Das ‘Erlebnis' von Kriegsbeginn und Mobilmachung", "Die Gerechtigkeit der deutschen Sache beweisen", "Der Kriegsausbruch hat den Pazifismus widerlegt", "Die deutsche Überlegenheit beweisen", "Versuch der geschichtlichen Selbstbestimmung", "Einsatz religiöser Elemente"). Hier ein Beispiel von Adolf von Harnack (des Initiators der "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften", die heute Max-Planck- Gesellschaft heißt):

Delbrücks Freund Harnack wiederum sprach ergriffen von Blut und Tränen, aber er redete, als sei die religiöse Verklärung der Opfer, also die endzeitliche Auferstehung, schon die tägliche Erfahrung aller: "Blut und Tränen. Aber wie? Sucht nach den Weinenden; findet ihr sie von trostlosem Schmerz verzehrt? Nein! Wohl sah ich schon viele liebe Augen tränenvoll; aber es waren Tränen, wie ich sie noch nie in meinem Leben geschaut habe, Tränen, auf denen der Glanz eines freudigen Stolzes lag, Tränen, die in fester Zuversicht schimmerten, ja sogar in Dankbarkeit: ‘Ich durfte ein Opfer bringen; ich habe ein Opfer gebracht.' Wer solche Tränen geschaut und in solche Augen geblickt hat, der hat den Eindruck des Ewigen und Seligen mitten in dem Leid! Und nicht traurig nur, nein fromm und feierlich zugleich wird uns zumute, wenn wir wieder von einem Todesopfer hören. Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel?"

Ein wahrhaft "ungewöhnliches Stück Prosa, das neutestamentliche Auferstehungsworte auf die deutschen Weltkriegsopfer umdeutet" (Flasch).
Der Zweite Teil befaßt sich mit den "Deutschen Denkern im Großen Krieg" und unter ihnen auch mit einem Überraschungsgast: dem Dadaisten Hugo Ball. Von ihm gibt es eine kaum bekannte, dafür umso bizarrere "Kritik der deutschen Intelligenz", die in der Quintessenz die Rückkehr zu einem undogmatischen vorlutherischen Christentum fordert. Flasch nach einer längeren Inhaltsanalyse dazu:

Insgesamt ist Balls Kritik ein schwer zu verteidigendes Buch. Es kocht vor Distanzierungswut, es wimmelt von ungerechten Urteilen, es verheddert sich in seinen kurzatmigen Bewertungen, und es ist zu kurz, um die Beweislast für seine zahllosen Verurteilungen zu tragen. ... Es teilt mit Spengler, Carl Schmitt, Bloch und Heidegger die viel zu globalen geisteswissenschaftlichen Etikettierungen, und um es gerecht zu beurteilen, muß man es lesen neben den philosophisch-geistesgeschichtlichen Kriegsschriften von Max Scheler, Werner Sombart und Thomas Mann, die es an Verantwortlichkeit, Scharfblick und Erudition immer noch unendlich übertrifft.

Im Dritten Teil ("Textmassen und ihre Ordnung") wird dann die Materialfülle unter besonderen Blickrichtungen präsentiert: Autoren, Themen, Tendenzen, Adressaten. Und "der vierte Teil versucht das Unmögliche, eine Art Resümee".
Dieser Schlußteil beginnt allerdings mit einer verblüffenden Enthüllung:

Gesetzt den Fall, ein Reisender aus Australien hätte die Absicht, sich, bevor er Deutschland betritt, mit den dort herrschenden Denkweisen vertraut zu machen. Gesetzt weiter den noch unwahrscheinlicheren und geradewegs unglücklichen Fall, er wolle dies dadurch erreichen, daß er die in Deutschland am weitesten verbreiteten Philosophiegeschichten studierte, so müßte er folgern, in diesem Land habe der Erste Weltkrieg nicht stattgefunden. Oder, so könnte er sich fragen, waren die deutschen Denkbeamten von solcher Robustheit, daß sie ihre Systeme unbehindert fortgesponnen haben? ...
Während wohl niemand den Versuch wagen könnte, die Geschichte der Malerei oder der Literatur unseres Jahrhunderts zu schreiben, ohne den Ersten Weltkrieg zu erwähnen, bestätigen deutsche Philosophiehistoriker ihrer Zunft noch einmal deren extraterritoriale Autonomie. Im Haus des Gehenkten schweigt man vom Strick; deutsche Nachkriegsphilosophiehistoriker vergaßen den Krieg. Konsequent, wie sie erzogen waren, verschwiegen sie nicht nur den Zweiten Weltkrieg, sondern gleich auch noch den Ersten.

Wäre man nicht schon durch die Lektüre bis dahin überzeugt, spätestens hier würde dem Leser die raison d'être des ganzen Buches klar.
Es sind frappierende und oft unerfreuliche Begegnungen und Wiederbegegnungen, denen selbst der belesene Zeitgenosse hier ausgesetzt wird. Fixsterne wie Trakl oder die nachdenkliche Anette Kolb bleiben natürlich an ihrem Ort, aber manch anderer kaum weniger Berühmte wird so genau ausgeleuchtet, daß seine Mängel, sein Versagen, seine "Ohnmacht des Geistes" peinlich scharf hervortreten und manch langer, schmutzig dunkler Schatten bis in unsere Tage reicht.
Positionierung (wie man das heute nennt): Kein Geschenkbuch, aber für jeden wachen Kopf unbedingt empfehlenswert.

* Ein Gedicht übrigens, das Heidegger 1953 zum Gegenstand seiner Betrachtung machte. Flaschs Buch endet mit diesem Kommentar dazu: "Aber Heideggers meditative Umschreibung des Traklschen Textes in eine vage Besinnlichkeit verliert Trakls Erfahrung aus dem Auge.
Heidegger zitiert die Zeile: ‘Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz.' Grodek ist der Name des Ortes einer Schlacht. Heidegger würdigt das Heute, das in Trakls Zeile die betonte Mitte bildet, keines Wortes. Dieses Heute ist präzis zu bestimmen: Es ist der Tag nach der Schlacht bei Grodek."

Fritz R. Glunk

Kurt Flasch
Die geistige Mobilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg. Ein Versuch
Alexander Fest Verlag, Berlin 2000
22 x 14 Zentimeter, 445 Seiten
DM 68,--, öS 496, sFr 62,--

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