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Interview mit Professor Dr. Horst Möller, Direktor des Instituts
für Zeitgeschichte, am 6. Juni 2000
Ich habe den Eindruck, daß Nolte sozusagen im Dreischritt
eine, wie die FAZ es heute nennt, "jüdische Genealogie des
Holocaust" zu begründen versucht hat. Zu Anfang, in dem, was
den Historikerstreit ausgelöst hat, war es der - schon nach damaligem
Empfinden an den Haaren herbeigezogene - "Rattenkäfig",
der Hitlers Angst vor dem Bolschewismus belegen sollte. Wie haben Sie
damals diese Begründung bewertet?
Ich muß sagen, meine Schätzung von Teilen von Noltes Werken
beruht fast nicht auf Einzelbegründungen dieser Art. Und zwar deswegen,
weil ich meine, daß hier zwei Ebenen durcheinandergeraten. Er
argumentiert zunächst einmal auf einer Ebene, die man in Bezug
auf die Zwischenkriegszeit als eine "welthistorische Ebene"
bezeichnen kann, die man mit der Interpretation in den Griff bekommt,
aber wenig mit empirischer Rekonstruktion. Ich würde also sagen,
die Berechtigung seines Ansatzes - das sagen heute auch Historiker wie
Heinrich August Winkler - liegt darin, daß er zunächst einmal
(wie in seinem ersten großen Buch) den Faschismus als Epochenbegriff
definiert hat und dargelegt hat, Faschismus und Nationalsozialismus
sind nicht erklärbar ohne die bolschewistische Oktoberrevolution,
ohne die kommunistische Herausforderung. Das finde ich eine angemessene
Interpretationsebene.
Dann kommt die Frage der Einzelheiten: Wie kommt er etwa zu dem Beispiel,
das Sie genannt haben? Er liest eine Fülle von Quellen aus der
NS-Literatur, in denen alle möglichen Horrorgeschichten vorkommen.
Und dann sagt er: Das belegt die Bolschewistenfurcht. Das stand bereits
vor Jahrzehnten in seinem eigenen Buch "Der Faschismus in seiner
Epoche", ebenso in einer anderen Untersuchung "Bolschewismus
und deutsche Sozialdemokratie" über die Zeit 1918/19, in der
auch die Frage gestellt wurde: Wieweit ist die sozialdemokratische Führung
in ihrer Reaktion während der Revolutionsphase in ihrem Zusammengehen
mit den nun sicher nicht auf dem Boden der späteren Weimarer Verfassung
stehenden Militärs beeinflußt gewesen durch Bolschewistenfurcht.
Das halte ich für legitime Zugänge. Nur sind viele der Einzelbelege,
wie auch der hier genannte, argumentativ überflüssig, manchmal
im Zusammenhang gesehen auch falsch.
Wenn ich also Noltes Leistung hervorhebe, dann beurteile ich die großen
interpretativen Zugänge.
In Noltes letztem Buch "Historische Existenz" finde ich
nun eine zweite Art der Begründung, die nicht mehr mit ausschließlicher
Bolschewistenfurcht argumentiert, sondern jetzt mit Hitlers Identifizierung
des Bolschewismus mit dem Judentum. Dafür bringt der Verfasser
eine ganze Reihe von stützenden Hinweisen, Fundstellen. Ich meine
jedoch, daß sogar einige der dort namentlich genannten Zeugen,
etwa Rosenberg oder von Scheubner-Richter ausgesprochen schlechte Gewährsleute
sind. So war etwa von Scheubner-Richter selbst der Vertreter einer der
ziemlich brutalen Studentenschaften, und beide haben ja früh die
Sowjetunion verlassen, so daß man nicht sagen kann, sie hätten
Hitler hier mit "realen Erfahrungen" versorgt.
Das ist sicher richtig. Ich sehe es so: Die Bolschewistenfurcht war
da, ebenso der Antisemitismus, und beides hat sich miteinander verbunden.
Also glaube ich auch bei dieser Frage, die Sie mit Recht stellen, daß
es Nolte darauf ankommt, Belege zu suchen, wo der oder jener Alt-PG
Hitler so etwas überbracht hat - Ressentiments, die natürlich
dem Zeitgeist entsprachen, der seine antisemitischen Wurzeln hatte,
und das paßte sehr gut zu dieser Feind- Ideologie.
Ich glaube, das ist wirklich eines der Probleme: Nolte überschätzt
weit die inhärente Logik des Nationalsozialismus. Es handelt sich
dabei m.E. um eine sehr heterogene Cluster- Bildung, da sind Elemente
drin aus der alten Antisemiten-Ideologie schon des 19. Jahrhunderts,
Lesefrüchte aus sozialpsychologischer Literatur, andere politische
Aktualisierungen - alles mögliche. Das wird miteinander verbunden.
Und m.E. ist die fatale Wirksamkeit dieser Ideologie stärker aus
dem heterogenen Charakter zu erklären als durch eine stringente
Logik, von der Nolte ausgeht.
Für mich unterscheidet sich der Marxismus als Ideologie vom Nationalsozialismus
nicht allein durch das Niveau - der Marxismus steht, obwohl ich ihn
strikt ablehne, von seinem ethischen und intellektuellen Anspruch her
etliche Etagen darüber. Er ist eine Ideologie, die natürlich
auch ihre Widersprüchlichkeiten hat, die aber in sich konsistent
und stringent ist. Das würde ich vom Nationalsozialismus nicht
sagen. Hier meine ich: Gerade die propagandistische Wirksamkeit beruht
darauf, daß er eben nicht eine derartig stringente Ideologie mit
Niveau ist, sondern ein Konglomerat aus verschiedenen Elementen, die
auf bestimmte Teile der Bevölkerung gewirkt haben. Da gibt es sicher
Ähnlichkeiten mit dem Kommunismus (den Antikapitalismus, die antibürgerlichen
Ressentiments und vieles mehr), aber insgesamt versucht der Nationalsozialismus
mit antisemitischen Elementen die Antisemiten zu erreichen, mit antibürgerlichen
die Proletarier, mit antikapitalistischen die Arbeitslosen.
Das ist typisch für eine Protest-Ideologie. Und hier setzt meine
argumentative Kritik an Nolte ein. Ich finde es zutreffend, wenn er
sagt, der Nationalsozialismus ist ohne Bolschewismus nicht erklärbar;
ich finde es nicht zutreffend, daß der Nationalsozialismus nur
mit dem Bolschewismus erklärbar ist, weil da, wie ich meine, verschiedene
Dinge ausgeblendet werden: ein Stück weit eine aus dem 19. Jahrhundert
kommende nationalistische Tradition, also das, was wir als extremen
Nationalismus betrachten; dann eine antisemitische Tradition, die es
zwar bis 1933 im gemeineuropäischen Rahmen gab, die sich dann,
aber nur in Deutschland in dieser unglaublichen Weise radikalisiert
hat - und zwar auch im Handeln; in der Ideologie, in "Mein Kampf",
war das schon vorher der Fall.
Das heißt, ich kann zwar erklären, daß Bolschewismus
und Judentum gleichgesetzt wurden, ich kann damit aber nicht die Entwicklung
des Antisemitismus in Deutschland und seine Radikalisierung erklären.
Diese Gleichsetzung war natürlich - wie auch Nolte sagt - eine
absolute Fiktion.
Wenn Nolte sich nun aber die Mühe macht, hier auch eine Person
wie Dietrich Eckart als Zeugen herbeizuziehen, dazu dessen Schrift "Der
Bolschewismus von Moses bis Lenin", und wenn man dann feststellt,
daß dieses angebliche "Gespräch mit Hitler" zwar
von Nolte als "sicherlich nicht bloß der dichterischen Phantasie
entsprungen" bezeichnet wird, ansonsten aber nur noch von Autoren
für authentisch gehalten wird, die der nazistisch-esoterisch- okkulten
Szene zuzuordnen sind - ist dann nicht die Hinzuziehung eines solchen
Beweismittels ein außerordentlich fragwürdiges Vorgehen?
Ich würde manches bei Nolte schon für plausible Belege halten,
anderes weniger. Im Umgang mit den Texten liegt ein Problem. Man muß
natürlich wissen: Wenn in den 20er und 30er Jahren auch im Nationalsozialismus
ideologische Positionen entwickelt werden, so muß man den agitatorischen
Charakter berücksichtigen. Das ist bei Marx etwas ganz anderes.
Er betreibt zwar auch Agitation, aber zunächst entwickelt er in
seiner Studierstube ein ideelles Weltkonzept - und erst danach ein Manifest,
sozusagen die Popularisierung. Das nazistische Schrifttum entsteht m.E.
jedoch in bestimmten Zirkeln, in einer bestimmten Ressentiment- Atmosphäre,
in bestimmten fatalen Traditionen. Und immer mehr, während der
Nationalsozialismus aus einer Splittergruppe zur Herrschaftspartei in
der Diktatur wird, kann man sein Schrifttum nicht mehr anders lesen
als unter dem Gesichtspunkt, welchem propagandistischen Ziel es dient.
Da würde nun meine Kritik ansetzen. Wir Historiker tun normalerweise
folgendes: Wir befragen jeden Text quellenkritisch, zu welchem Zweck
er geschrieben wurde. Man kann zum Beispiel nicht sagen: Hitler hält
da eine Rede, und ich nehme das alles wörtlich. Ich stelle mir
vielmehr zunächst die Frage: Wo hat er die Rede gehalten, wann,
vor welchem Publikum, zu welchem Zweck. Nehmen Sie als Beispiel die
Rede von 1939, in der er sagt, wenn das Judentum noch einmal einen Krieg
auslöse, bedeute das den Untergang der jüdischen Rasse. So
etwas kann ich nicht allein als Beleg für Hitlers Antisemitismus
nehmen - das ist es natürlich auch, aber es ist außerdem
eine Propagandarede, mit der er vor der Weltöffentlichkeit einen
Schuldigen als Alibi nennen und intern ein Feindbild verstärken
will. Das heißt, ich frage mich bei der Lektüre dieses Textes:
Welchem Zweck dient er? Und da muß ich nun sagen: Ernst Nolte
ist oft ein Autor, der sich mit Akribie an den Wortlaut hält und
ihn deswegen nicht so ausleuchtet, wie ich es geschildert habe, weil
er ihn als Beleg für seine Grundeinschätzung, seine Interpretation
sieht. Hier liegt also ein Unterschied der Argumentationsweise und des
methodischen Vorgehens zwischen ihm und den "normalen" Historikern.
Deshalb bezeichne ich ihn ja auch mehr als einen Geschichtsdenker, Geschichtsinterpreten,
manchmal auch als Geschichtsphilosophen, je nach Bezugspunkt in seinem
Werk. Während wir Historiker rekonstruieren: Welche Bedeutung hat
diese Quelle?, hat er zunächst einmal den interpretatorischen Ansatz,
und dann sucht er Quellen. Im übrigen mit einer unglaublichen Belesenheit
und einer intimen Kenntnis dieser Literatur, auf der anderen Seite jedoch
weniger, als ich es jetzt täte, mit einer Hierarchisierung dieser
Quellen nach ihrem Genus und ihrer Entstehungszeit.
Da liegen unterschiedliche Zugänge vor - das muß man auch
ganz einfach sagen, auch ohne sich nur auf Noltes umstrittene Passagen
oder Themen zu beziehen, die von vielen Historikern als Irritation betrachtet
werden. Wenn es jetzt nur so wäre, dann bräuchten wir uns
nicht weiter zu unterhalten. Aber er hat in seinen Interpretationsansätzen
oder auch in Büchern, die mit Nationalsozialismus nichts oder nur
wenig zu tun haben, etwa "Marxismus und industrielle Revolution",
große interpretatorische Leistungen und eine große Quellenarbeit
geleistet. Man muß hier auch sehen, daß überhaupt seine
frühen Bücher außerordentliche Erfolge waren, auch in
der in- und ausländischen Fachkritik. Vieles, was heute an ihm
kritisiert wird oder 1985/86 Anstoß erregt hat, stand vom Ansatz
her ja schon diesen frühen Büchern.
Ich komme noch einmal auf eine Einzelheit zurück. Noltes Erwähnung
dessen, was gern die "Kriegserklärung" der Juden an Deutschland
genannt wird, kann ich nicht mehr, wie manches andere, als gern aufgegriffene
Belegstelle nehmen. Denn schon an der Art der Zitierweise der Aussage
von Chaim Weizmann - in "Historische Existenz": eingerückt,
abgesetzt, hervorgehoben - zeigt sich, daß Nolte solchen Aussagen
eine ganz erhebliche Bedeutung beimißt. Man gewinnt den Eindruck,
als ob hier eine Angelegenheit, die wirklich längst ausgestanden
war (bekanntlich waren die Juden kein Völkerrechtssubjekt), von
ihm jetzt wieder aufgegriffen wird in dem Bemühen zu behaupten,
die Juden trügen selber Schuld oder Mitschuld an der weiteren Entwicklung.
Dazu würde ich als erstes sagen: Diese Behauptung ist in meinen
Augen ein abwegiger Gedankengang. Zu dem von Ihnen Zitierten kann ich
nur sagen: Als ich, wie andere auch, 1986 Nolte gegen den Vorwurf der
Apologie in Schutz genommen habe, habe ich durchaus einzelne Dinge beispielhaft
kritisiert, unter anderem das hier Genannte und mit demselben Argument:
Die Juden waren kein Völkerrechtssubjekt. Viel später, nämlich
als ich mir jetzt das alles noch einmal angesehen habe, stellte ich
fest: So hat es Nolte gar nicht gesagt. Er hat bei einer Tagung, die
in einem englischen Sammelband 1985 veröffentlich wurde, einen
Diskussionsbeitrag gebracht. In dieser Tagung nahm er Bezug auf zwei
Aussagen von David Irving, darunter die "Kriegserklärung",
und darauf hat er geantwortet: Wenn man sozusagen diesen Gedankengang
ernstnimmt, dann hätte Hitler die Juden als im Kriegszustand mit
ihm internieren, aber nicht umbringen dürfen. Also ich persönlich
würde so nicht argumentieren. Aber das Problem ist eben, daß
er sich darauf einläßt und sich sagt: Ich will jetzt rekonstruieren,
was hier - in meinen [Möllers] Worten - die Motivlage der Nationalsozialisten
war.
Er tut das übrigens auf dieselbe Weise, also mit hypothetischen
Gedankenexperimenten, beim Bolschewismus. Das ist sein methodisches
Vorgehen. Dabei kommt dann eine Art phänomenologisches Verstehen
heraus, nicht im Sinn der Billigung oder Rechtfertigung, sondern im
Sinn des historischen Verstehens. Er versucht auch den (...) Fanatismus
aus dem Zeithorizont, den Voraussetzungen der damals Handelnden zu erklären.
Das macht die Sache immer zu einem äußerst schwierigen Experiment:
Es heißt nämlich, er läßt sich in diesem Fall
auf Hitler und die Täter ein, und wenn man das jetzt aus dem Zusammenhang
nimmt, dann hat man tatsächlich ziemlich oft fatale Zitate. Wenn
man sieht, daß etwas bei ihm ein Gedankenexperiment ist, muß
man es nicht für richtig halten. Aber man sieht, daß es nicht
apologetisch ist.
Andererseits sagt Nolte aber auch, diese Äußerung Weizmans
zeige, daß man Hitler nicht in jeder Hinsicht die Berechtigung
absprechen kann, nur reagiert zu haben. Das ist doch das Urteils des
Historikers, nicht die Nachzeichnung einer psychischen Befindlichkeit
in jener Zeit.
Das ist richtig. Nur muß man auch sehen, daß er das immer
wieder mit dem Begriff des "rationalen Kerns" erklärt,
indem er sich sozusagen auf eine - m.E. fiktive, sozusagen interne -
"Rationalität" der Nationalsozialisten einläßt.
Und dann kommen solche Formulierungen zustande, die ich in der Tat für
falsch halte oder in manchan Punkten für fatal, weil sie den Eindruck
suggerieren können, er sieht im Angriff Hitlers auf die Juden,
von der Verfolgung bis hin zum organisierten Massenmord, eine nachvollziehbare
Rationalität, im Sinne einer Rechtfertigung. Wenn Sie ihn aber
selbst hören, dann tut er das gerade nicht. Er sagt dann: "Rational"
meine ich hier in dem und dem Sinn. Ich muß dazu sagen, ein zusätzliches
Problem entsteht, weil keiner das tut, was Nolte eigentlich annimmt,
nämlich seine Werke im Zusammenhang zu sehen. Um bei diesem Beispiel
zu bleiben: Ich habe ihn selber kritisiert, weil im "Europäischen
Bürgerkrieg" die ideologiegeschichtliche Komponente, die ja
seine große Stärke ist, weit zurückgedrängt wird
- weil hier für ihn der Nationalsozialismus als Antwort, in Abstoß
und und Anziehung, auf den Bolschewismus absolute Priorität hat.
Würde er sein eigenes Buch von 1963 dazunehmen, würde er die
Passage, die wir hier - wegen des reduzierten Ergebnisses - vermissen,
sofort ergänzen. Da fehlen mir also die genuinen deutschen Wurzeln
der Entstehung des Nationalsozialismus, auch andere Wurzeln, etwa der
Faschismus als Vorbild - was Nolte natürlich im Prinzip sieht.
Können Sie mir vielleicht noch eine Stelle in "Historische
Existenz" erläutern, die mir recht verblüffend vorkommt.
Die Stelle lautet:"Vielleicht gibt es keine beweiskräftigere
Aussage als diejenige Adolf Hitlers, der behauptete, die Juden seien
die "Drahtzieher der Geschicke der Menschheit". In der Sache
ist diese Behauptung natürlich unrichtig, ja widersinnig ... [wenn
sie schon so viel bewirkt haben sollen, sind sie keine "Parasiten",
sondern "Übermenschen"] Aber daß eine solche Behauptung
artikuliert werden konnte, stellt zwingend unter Beweis, daß es
sich tatsächlich um eine besonders herausragende Menschengruppe
handelte." Ich meine: Es gibt eine ganze Reihe von ganz absurden
Äußerungen, die artikuliert worden sind, und die Tatsache
ihrer Artikulierbarkeit beweist zwingend noch überhaupt nichts.
Ist das eine Art ontologischer Gottesbeweis?
Richtig. Ich halte mich da auch lieber einfach daran, daß nicht
jede Fiktion oder jede Wahnidee Wirklichkeitscharakter hat. Ich kann
das auch nicht als zwingende Interpretation ansehen.
Die dritte Begründungsweise Noltes sehe ich nun in einigem,
was er in seiner Preisverleihungsrede, Presseberichten zufolge, gesagt
hat: daß Hitler nämlich in der "Intellektualisierung"
der Geschichte eine Gefahr sah und diese Intellektualisierung speziell
im Judentum angelegt und virulent sah. Ist das so gesagt worden?
Ich habe den Wortlaut jetzt nicht mehr im Kopf. Er hat das Thema in
der von Ihnen geschilderten Weise angesprochen, also Hitlers Auseinandersetzung
mit dem, was er als "Intellektualisierung" ansieht. Dann sagte
er: Sie werden natürlich verstehen, ich bin selbst ein Intellektueller,
also gehöre ich zu den Angegriffenen; es ist also klar, daß
ich diesen Gedankengang nicht billigen kann. Dann kommt sozusagen ein
typischer Nolte, indem er (mit meinen Worten) hinzufügt: Aber wenn
man sich mal in die Vorstellungswelt Hitlers versetzt, dann kann man
sagen, daß er in seinen Augen damit recht hatte - aber, wie gesagt
nicht in meinen. Weil Nolte hier eben synchronisiert: Intellektualisierung
der Geschichte, Bolschewismus, jüdische Geschichtsphilosophie,
überproportionaler Anteil der Juden, Juden als Intellektuelle.
Das ist eine ganz eigene Art bei ihm, dialektisch zu denken und zugleich
diese phänomenologisch-verstehensorientierte Methode anzuwenden.
Es wird zu selten zitiert, daß Nolte an vielen Stellen sagt: Ich
meine damit keinerlei Rechtfertigung, keine Apologie, ich verabscheue
den ideologisch motivierten Mord in jeder Hinsicht, und selbstverständlich
in seiner schrecklichsten Ausformung, im Nationalsozialismus. Aber es
ist wirklich schwierig für einen Zuhörer (nicht ganz so für
einen Leser), sich auf diese dialektische Bewegung einzulassen. Nolte
sagt zunächst mal: Wie hat Hitler das gemeint? Dann kommt erstens
die Frage: Was steht in den Texten? Dann folgt die Suche nach solchen
Stellen. Als Zweites schaut er sich phänomenologisch den Bolschewismus
an. Gibt es sozusagen einen "rationalen Kern" in Hitlers Argumentation,
verstanden als eine inhärente Rationalität Hitlers, also nicht
eine, die wir als Historiker gutheißen, und dann sagt er: Dieses
Geschichtsbild hat einen "rationalen Kern". Das macht uns
Historikern die Sache so schwierig, weil wir so nicht argumentieren.
Es widerstrebt uns, den Begriff "Rationalität" auf das
extrem Irrationale zu übertragen, da sträubt sich etwas in
uns. Ebenso die Aussage: So und so verstanden, könnte Hitler sich
im Recht wähnen. Das ist für uns Historiker schon ein semantisches
Problem, wo wir ihm nicht folgen können.
Noltes Verdienst wiederum ist natürlich, daß er mit diesen
Gedankengängen den Versuch macht, den wir ewig machen werden, überhaupt
diese Form der Ideologie des 20. Jahrhunderts, die mit gutem Gewissen
Massenmord begeht, zu erklären. Ich fürchte, man verkennt
hier seine Integrität. Es geht ihm nicht um Rechtfertigung, sondern
um Erklärung. Da sein Spezialgebiet die Rekonstruktion der Ideologiegeschichte
der Moderne ist, sucht er nach einer Interpretation, die alles umfaßt.
Wir anderen Historiker dagegen untersuchen - wenn man so will - auf
schlichterer Ebene die politischen Vorgänge, die Motive, die Wirkungen,
die beteiligten Gruppen und Personen. Und dann bleibt bei uns nach allen
Erklärungen und Nachzeichnungen die Frage des Warum. Da sträubt
sich dann auch bei mir die bei Nolte zwar anders definierte Kategorie
der "Rationalität", weil ich sage: Dieses Geschehen ist
im Kern so extrem und irrational, daß es für mich mit dem
Begriff "rationales Verstehen" nicht zu fassen ist. Darin
liegt wiederum für alle das Ärgernis. Und Nolte vertritt wohl
die Meinung: Selbst das Irrationale, das in diesem grauenhaften Verbrechen
steckt, muß ich aus der Ideologie der Zeit heraus rational zu
erklären versuchen, als auf einer zweiten Bedeutungsebene von "rational".
Während ich also diese Verwendung des Begriffs als Wissenschaftler
akzeptieren kann (denn wenn ich etwas nicht rational erklären kann,
ist das nur eine Herausforderung für ständig neue Anläufe),
kann ich die andere Verwendung des Begriffs bei ihm nicht nachvollziehen
oder ich finde sie zumindest mißverständlich. Er ist kein
Apologet, er geht aber das Risiko ein, als solcher dazustehen.
Nolte erscheint mir als Wissenschaftler, der immer nur eine einzige
Art Anlauf unternimmt und diesen mit wechselnden Hilfsmitteln. Wenn
dieser eine Weg mit zum Teil fragwürdigen Hilfsmitteln und verschiedenen
Erklärungsmustern begangen wird, wäre es dann ungerecht, ihn
unbelehrbar zu nennen?
Sein Interpretationsansatz ist in gewisser Weise hermetisch. Er ist
andererseits in seinen Zugängen sehr weitgespannt. Er geht immer
auf verschiedenen Ebenen an sein Problem heran. Oft ergibt das eine
kühne Interpretationsweise, die für Historiker Horizonte eröffnet-
weil wir von der "Zunft" ganz anders vorgehen würden.
Wir sagen zum Beispiel: Die Teilung Deutschlands und der Welt ist ein
Ergebnis des Zweiten Weltkriegs; dafür gibt es Ursachen, eine Hauptursache
ist die nationalsozialistische Diktatur und die Art der Kriegführung
im Zweiten Weltkrieg, die sich besonders im Angriffskrieg auf die Sowjetunion
durch ihre Brutalisierung qualitativ vom bereits ziemlich grausamen
Ersten Weltkrieg unterschied. Die Bekämpfung Hitlers war ein Krieg
auch zur Wiederherstellung der Zivilisation. Ein Stück weit war
der ideologische Krieg aber auch das, was Nolte gesagt hatte, nämlich
nicht nur ein Krieg der totalitären Ideologien untereinander, sondern
vorher ein Krieg der totalitären Ideologien gegen das, was er das
"liberale System" nennt. Dies jedoch wird zwischen 1941 und
1945 buchstäblich stillgestellt, weil Hitler als der gefährlichere
Gegner angesehen wird. Erst 1945 bricht dieser Gegensatz wieder auf.
Das ist sozusagen der schlichte Historiker-Zugang.
Noltes Zugang geht darüber hinaus. Er fragt: Was bedeutet dieser
Vorgang weltgeschichtlich? Weltgeschichtlich, sagt er, haben wir es
hier mit zwei progressiven Mächten zu tun, den USA und der Sowjetunion.
Der Gegensatz zwischen diesen beiden progressiven Mächten wird
den Zweiten Weltkrieg überdauern - bis zur Teilung Deutschlands
und der Welt. Alle anderen von mir genannten Gründe, die er natürlich
auch sieht, treten demgegenüber in den Hintergrund. Das wäre
in seinen Augen zu kurz gegriffen.
An der Stelle, ich karikiere das etwas, denken die Historiker dann erst
mal scharf nach und fragen: Ja, kann das denn stimmen? Dort sehe ich
aber die große Fruchtbarkeit und das Potential von Noltes Anstößen,
auch bei Fragestellungen, die bisher niemand als problematisch angesehen
hat, weil sie die normalen Historiker zur Auseinandersetzung mit zunächst
ungewöhnlichen Perspektiven zwingen. Das führt in Einzelfällen
auch zu Begründungen, die heute allgemein akzeptiert sind.
Gehört der "kausale Nexus", mit dem Nolte vorrangig
in die Presse geriet, zu den weiterführenden, fruchtbaren Überlegungen
oder eher zu den nur verblüffenden, nicht nachvollziehbaren Erklärungen?
Der "kausale Nexus" zwischen Bolschewismus und Nationalsozialismus
hat m.E. eine Teilwahrheit. Das heißt: Er ist eine Ursache unter
mehreren, die man hierarchisieren müßte, und da wäre
dann die Frage an die Forschung zu stellen: Ist er die entscheidende
Ursache? Ich muß hier für einen Moment zwischen Nationalsozialismus
und Antisemitismus trennen. Im Bezug auf den Antisemitismus kann ich
diesen "kausalen Nexus" nicht erkennen. Auch die Tatsache,
daß sich der Antibolschewismus bei Hitler mit dem Antisemitismus
verband, halte ich nicht für eine ausreichende Erklärung der
extremen, bis zum Massenmord gehenden Form des Antisemitismus. Ich halte
den "kausalen Nexus" auch nicht für eine fruchtbare Anregung
im vorhin geschilderten Sinn. Da, meine ich, spricht Nolte viel zu sehr
im Sinne einer formalen Analogie. Da ich jedoch den Massenmord an den
Juden zu den singulären Kennzeichen des Nationalsozialismus zähle,
meine ich, daß der Antisemitismus Hitlers in die Zeit vor 1914
zurückgeht. Da brauchte er keine Oktoberrevolution. Man kann das
ja schon in der Biographie Hitlers sehen, das haben Karl Dietrich Bracher,
Joachim Fest, Allan Bullock bis zu Brigitte Hamann und Ian Kershaw aufgezeigt.
Das Feindbild Bolschewismus mag dazu beigetragen haben, Hitlers Antisemitismus
zu verstärken, aber es ist nicht die Ursache, nicht der Kerninhalt.
Ich halte also Noltes Analogie hier nicht für einen weiterführenden
oder anregenden Gedankengang.
Wenn Sie sich nun so deutlich von zumindest einigen Erklärungsfiguren
Noltes distanzieren, wie kommen Sie dann dazu, eine Preisrede auf ihn
zu halten, von der die FAZ schrieb, mehr Kritik sei in einer Laudatio
nicht denkbar?
Es gibt dafür, kurz gesagt, drei, vier Motive.
Von der Sache ausgehend sage ich, die Laudatio gilt einen Gesamtwerk,
in dem sich mehrere bedeutende Teile befinden - was ja auch ernstzunehmende
Kritiker nicht bestritten haben. Nolte ist ja auch nicht zufällig
als Gastprofessor von der Hebräischen Universität Jerusalem
eingeladen worden, ins MIT in Boston, nach Princeton. Da stehe ich also
nicht allein. Das ist das werkgeschichtliche Motiv.
Das zweite Motiv bezieht sich auf den Umgang mit ihm. Ich verstehe vollständig
, daß sich ernstzunehmende Historiker und Publizisten und Politiker
an bestimmten Passagen stoßen, ja sie für anstößig
halten. Was ich offen gesagt aber nicht akzeptabel finde, ist die persönliche
Diffamierung des Autors, die im Umgang mit ihm für eine pluralistische
Gesellschaft alles andere als vorbildhaft ist.
Das dritte Motiv: Man müßte doch auch einmal ein Zeichen
für einen pluralistischen Umgang miteinander setzen, was ich mit
meiner Rede und ihrer differenzierenden Auseinandersetzung mit dem Werk
Noltes versucht habe.
Und der vierte Grund ist ganz einfach: Ich kenne Nolte aus unserer gemeinsamen
Zeit am Friedrich-Meinecke-Institut, als wir zusammen unter einem starken
Druck linsextremer Gruppen standen, die manche Kollegen körperlich
mißhandelt haben, so daß einer von uns sogar zweimal vor
Aufregung einen Herzanfall bekam (der zweite war dann tödlich).
Da zählte Nolte zu denen, die mit äußerstem Mut und
mit Loyalität zu den Kollegen für den Pluralismus in der Wissenschaft
gekämpft haben - und das in einer Weise, die sogar uns Schwierigkeiten
machte, wenn er sagte: Auch diese marxistischen Gruppen haben teil an
der allgemeinen Menschenvernunft, und wir müssen ihre Argumentaiton
einbeziehen. Meine Rede war also ein Stück persönlicher Loyalität,
die nichts mit seinem Oeuvre zu tun hat.
Darf ich die Frage zugespitzt wiederholen: Wie kommt der Direktor
des Instituts für Zeitgeschichte dazu, eine Laudatio jetzt nicht
auf Nolte zu halten, sondern eine Rede anläßlich eines Preises
der Deutschland-Stiftung, die ja nun stärker unter Ideologieverdacht
steht, wenn man ihre Gründungsväter anschaut.
Sie können sich denken, daß ich mir das Für und Wider
überlegt habe. Ich habe zur Deutschland-Stiftung keinerlei persönliche
oder sonstige Beziehungen. Ich habe aber mit dem Vorsitzenden der Stiftung
gesprochen und festgestellt, daß Adalbert Reif nach meiner Meinung
ein untadeliger Mann ist und daß im Vorstand mit Rupert Scholz,
Bernhard Vogel und Gertrud Höhler niemand ist, der in irgendeiner
Weise in einem rechtskonservativen Umfeld steht. Von daher hatte ich
also keine Bedenken, die Laudatio zu halten.
Aber bleibt nicht die Frage, ob hier der gute Ruf des Instituts
für Zeitgeschichte auf das Ansehen der Deutschland-Stiftung abfärbt
oder doch umgekehrt?
Das war eine Frage, die ich mir in der Tat stellen mußte. Nun
muß ich aber sagen, daß es mir nicht um eine Rede für
die Stiftung ging, sondern um eine Laudatio für ein Gesamtwerk.
Natürlich ist die Stiftung eine politische Vereinigung (wie immer
man das sonst nennen möchte), und das hat mit der auschließlich
wissenschaftlichen und Forschungstätigkeit des Instituts nichts
zu tun. Ich habe also keine Rede für deren Zielsetzungen gehalten,
sondern eine Rede als Historiker über einen Geschichtsdenker.
Man kann, meine ich, den Direktor dieses Instituts kritisieren und sagen,
er hätte diese Rede nicht halten dürfen. Absolut nicht legitim
ist es, die gesamte Arbeits des Instituts in den Dreck zu ziehen und
zu sagen, wie es in dem Artikel in der Süddeutschen Zeitung stand,
da sei ja in den letzten zehn Jahren nichts mehr passiert. Die Autorin
hätte sich mit geringem Rechercheaufwand informieren können
und herausbekommen, daß das Institut während meiner Zeit
etwa vierzig Prozent seiner gesamten Veröffentlichungen publiziert
hat (zuletzt das vierbändige Werk über Auschwitz), von zahlreichen
Großprojekten während dieser Zeit ganz zu schweigen, von
denen die Obersalzberg-Ausstellung, die erstmals umfassend die NS- Diktatur
ausstellt und weltweit als vorbildlich gelobt wurde, nur eines ist (und
für die ich, nebenbei, eine ganze Menge von beleidigenden Briefen
von Rechtsextremen bekommen habe). Eine solche Berichterstattung finde
ich nicht verantwortungsvoll, ja infam, und sie beschädigt die
Arbeit des Instituts.
Aber auch die sehr ruhig berichtende FAZ hat in einem Feuilletonartikel
zu bedenken gegeben, ob es einem Institut wie Ihrem gut ansteht, wenn
der Direktor mit einer Organisation wie der Deutschland-Stiftung in
Verbindung gebracht werden kann. Wie stellen Sie sich zu dieser doch
eher abwägenden Kritik?
Diese Kritik halte ich für begründbar. Ich habe in meiner
vorherigen Überlegung, wie ich sie kurz erwähnt habe, eine
Abwägung vorgenommen. Nun kann man sagen: Diese Abwägung war
falsch. So etwas halte ich für verständlich und begründbar.
Wenn man sich aber mit dem auseinandersetzt, was ich wirklich gesagt
habe, halte ich auch meine Entscheidung für begründbar. Natürlich
hat eine kritische Presse auch das Recht zu sagen, wir halten das für
ein falsche Signal. Ich habe es übrigens weniger als Signal verstanden,
als dann geschrieben wurde. Möglicherweise ist es dann immer mehr
zum Signal geworden.
Selbstverständlich darf sich das Institut als Institut niemals
für politische Organisationen, und sei es eine demokratische Partei
oder Richtung oder Gruppierung, einsetzen - das kann es nicht und das
darf es nicht. Weil die Diskussion in bestimmten historischen Fragestellungen,
die in die Gegenwart hereinwirken, dann automatisch politisch würde.
Das ist bei solchen strittigen Fragen immer eine Gratwanderung. Und
ich finde es legitim zu sagen: Naja, da ist er vielleicht neben den
Grat getreten. In meiner Rede habe ich deshalb ja auch herauszustellen
versucht, worum es mir eigentlich geht. Natürlich bin ich nicht
von einem anderen Stern, ich weiß, daß es anders verstanden
werden kann. Aber dazu möchte ich sagen: Dann lest doch erst mal
meine Rede und akzeptiert die Meinungsfreiheit nicht nur für euch
selbst, sondern auch für andere.
Ihr
Kommentar
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