Nr. 26, Juni/Juli 2000
 
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Kommentar

Gastkolumnen:
Günter Franzen
Oliver Necker


 

 

Günter Franzen

Der Unberührbare

Die um den Prinzen zu Sayn-Wittgenstein gescharte christlich-soziale Bruderhorde ist mit dem Versuch, ihr bröckelndes Lügengebäude mit dem fiktiven Nachlaß fiktiver jüdischer Emigranten zu sanieren, gescheitert. Der Wink mit dem antisemitischen Zaunpfahl hat weder die Presse noch die parlamentarischen Ermittlungsinstanzen nachhaltig abzulenken oder einzuschüchtern vermocht. Der Ekel über die zinsträchtige Restverwertung des Holocaust und die Erleichterung über die späte Aufdeckung des Coups halten sich die Waage, aber eine Frage rumort unüberhörbar im Hintergrund: Wie viele der am Rande oder jenseits der Legalität operierenden sehr ehrenwerten Stiftungen, Scheinfirmen und Vereinigungen mögen es wohl sein, die sich seit Gründung der Bundesrepublik hinter den Kulissen des kollektiven Gedächtnistheaters in aller Seelenruhe der Lebenden und der Toten bemächtigen, um die Rendite für einen umgepolten, auf gewundenen Pfaden von der Vernichtung zur Unberührbarkeit führenden Umgang mit sogenannten "jüdischen Mitbürgern" abzuschöpfen und auf die eigenen Mühlen zu lenken?
Wenn das zerbrechliche Gefüge kollektiver Wertvorstellungen zu kollabieren droht und sein klapperndes Gestänge bis auf die schlecht geschmierten Scharniere bloßliegt, scheint mit einem Mal alles möglich, was hierzulande mit dem Schlimmsten identisch ist. In diesem Klima blüht die Paranoia, und man tut gut daran, das weite Feld der ausufernden Spekulationen zu verlassen und auf dem schmalen Terrain der Literatur über die Beschreibung einer individuellen Leseerfahrung zur Präzisierung und Eingrenzung des Unbehagens beizutragen.
Der berühmteste deutsche Literaturkritiker der Gegenwart, Marcel Reich-Ranicki, hat 1999 unter dem Titel "Mein Leben" eine Autobiografie verfaßt, die seit dem Tag ihrer Veröffentlichung die Bestsellerlisten anführt. Im Gegensatz zu dieser oft geäußerten und zu respektierenden Wertschätzung halte ich das Werk für ein publizistisches Desaster. Es ist miserabel geschrieben, es ist weder spannend noch unterhaltsam, und ich möchte keinen Augenblick missen, den ich, Flüche und Verwünschungen ausstoßend, mit der Lektüre dieses Buches verbracht habe. Dieses paradoxe Urteil und seine hochgradige affektive Aufladung legen den nicht zu entkräftenden Verdacht persönlicher Verwicklungen nahe.
1965 wurde ich am Beginn meiner Ausbildung zum Buchhändler von meinem Lehrherrn mit einer vom Frankfurter Börsenverein herausgegebenen Literaturliste konfrontiert, in der chronologisch geordnet, von den Merseburger Zaubersprüchen bis zu Heinrich Bölls "Haus ohne Hüter" an die 600 ranghohe deutschsprachige Titel versammelt waren, die in den nachfolgenden drei Jahren der beschleunigten Aneignung durch den Jungbuchhändler harrten. An Eifer fehlte es nicht. Aber da das von soliden Kenntnissen weitgehend ungetrübte belletristische Urteilsvermögen in einem kaum zu verleugnenden Mißverhältnis zum brennenden volksaufklärerischen Ehrgeiz stand, wäre ich bei der befohlenen Überquerung des Wörtermeers ohne den gerade am künstlichen Himmel des Literaturbetriebes aufsteigenden Kritikerstar wenn nicht untergegangen, so doch sicher ins Schlingern geraten: Marcel Reich-Ranickis streitlustige, unzweideutige und wohltuend unprätentiöse Rezensionen und Debattenbeiträge in "Welt", "Zeit" und "FAZ" schlugen Schneisen ins Dickicht einer akademisch erstarrten, auf die Einschüchterung des gemeinen Publikums abonnierten Literaturkritik, in der sich geisteswissenschaftlicher Schwulst und elitärer Dünkel wechselseitig in Schach hielten. Mit Reich-Ranickis Übersiedlung aus Polen endete die hiesige Literaturrezeption als geschlossene Veranstaltung für Eingeweihte. Das einzige, was der eloquente Lispler mir und meinesgleichen abverlangte, war das, was er selbst in überreichem Maße mit jeder Zeile verströmte und binnen kürzester Zeit geradezu verkörperte: die unbedingte Liebe zur deutschen Dichtkunst und ihren wortmächtigen Vertretern. Daß die Heftigkeit dieser Liebe nicht selten von einer grenzüberschreitenden Maßlosigkeit des über einzelne Liebesobjekte verhängten Urteils begleitet war, stellt eine nachgetragene Einsicht dar. Im spätpubertären Überschwang dieser Jahre befand ich mich stets in schönster innerer Übereinstimmung mit einem Menschen, der sich immer wieder den Mund verbrannte, um ihn hernach ohne sichtbare Blessuren gleich wieder aufzureißen.
Der Austausch der Lautsprecher fand an einem Morgen statt, von dem an die Sonne durch die Fügungen des Weltgeistes nur noch im Osten aufgehen sollte. Die Ankündigung des alsbaldigen Todes der Literatur, die Suspendierung ästhetischer Kategorien und die Hinwendung zur verschärften Kapitalschulung beendeten nicht nur abrupt meine Buchhandelskarriere, sondern auch die heimliche Mesalliance mit einem Mann, dessen Verdienste um die Sozialdemokratisierung des Feuilletons keiner wahrhaft kritischen Musterung standhielten. War er nicht bei Licht betrachtet nicht doch nur ein bewußtloser Agent des allgemeinen gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs, ein willfähriges Rad im Getriebe der Kulturindustrie, ein populistischer Verführer der genasführten Massen, ein sadistischer Pausenclown, der die verstörten Debütanten alle Jahre wieder durch die Autorenmanege von Klagenfurt trieb? Erst Ende der 80er Jahre dämmerte mir, daß diesem wie jedem Vatermord die nachhaltige Befriedigung verwehrt bleibt, die sich die Söhne seit Ödipus von ihrer kühnen Tat versprechen. Vom Teufel, vom Chef des Rowohlt Verlages oder möglicherweise von beiden geritten, drängte ich zwischen 1987 und 1992 mit zwei Romanen auf den überfüllten Buchmarkt, für die sich weder die Kritiker noch die Leser erwärmen konnten. Als ich am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse auf der Suche nach meinen Zielgruppen durch die sich leerenden Hallen streunte, wurde ich plötzlich von der fixen Idee heimgesucht, den branchenüblichen Dienstweg des Klinkenputzens zu verlassen und mich direkt in die Höhle des Löwen zu begeben, der in Wirklichkeit mit seiner Frau in dem nur einen Steinwurf weit entfernten Dichterviertel wohnte und nach Auskunft des Kollegen Rainald Goetz ("Reise durch das deutsche Feuilleton") Hausschlappen tragen und auch ansonsten recht umgänglich sein sollte. Er würde mir das verkannte Werk aus der Hand nehmen, es sofort lesen, begeistert rezensieren und damit meinen Aufstieg in die Bundesliga der deutschen Dichter besiegeln: Fortan würde es Stadtschreibereien, Stipendien und Preise regnen. Zu diesem Besuch und seinen erträumten Folgen ist es selbstredend nie gekommen. Läßt man den bemüht humorvollen Ton dieser aus Verzweiflung erwachsenen Milchmädchenrechnung beiseite, wird in der individuellen Erlösungsphantasie jenseits des privaten Mitteilungsdrangs womöglich deutlich, welchen Rang Reich-Ranicki nicht nur unter Buchmachern einnimmt - selbst den Zeitgenossen, deren Kulturleistung sich in der regelmäßigen Handhabung der Fernbedienung erschöpft, erscheint er als eine unumstößliche Instanz, die bis zum heutigen Tag auf dem Bildschirm ein abwesendes Medium zuverlässig repräsentiert und abbildet: das geschriebene Wort.
Er hat alles erreicht. Nun schreibt er selbst. Und es ist ihm leider nicht vergönnt, sich im Licht der erworbenen Anerkennung zu sonnen und ein überbordend reiches Leben in aller Ruhe Revue passieren zu lassen. Seine verkrampfte Autobiografie atmet von der ersten bis zur letzten Zeile nicht einen Hauch von Gelassenheit und Souveränität, aber setzt sich diese Feststellung nicht blauäugig oder gar böswillig über die Demütigungen und Beschädigungen hinweg, die durch die Deportation ins Warschauer Getto und die Ermordung der Angehörigen ihren grauenhaften Höhepunkt erreichten und zur unheilbaren Verwundung des Verfassers führten? Diese vom "Spiegel" im Vorabdruck des Textes nahegelegte Lesart ist nicht zu widerlegen, aber führt die Spur des Mangels nicht weiter zurück? Reich-Ranicki spricht von der prägenden Wirkung, die Thomas Manns "Tonio Kröger"auf ihn ausgeübt habe. Die Klage Tonios, er sei es oft sterbensmüde, "das Menschliche darzustellen, ohne am Menschlichen teilzuhaben", habe die seit seiner Kindheit niemals nachlassende Furcht angefacht, "nur in der Literatur zu leben und von den rings umher liegenden grünen Weiden" des Lebens ausgeschlossen zu sein. Diese Furcht überspannt und verschattet die Biografie wie ein Fluch. Das schreckliche Kind Marcel kommt als Kritiker zur Welt und kritisiert diese Welt und alles, was auf ihr kreucht und fleucht, auf Anhieb in Grund und Boden: den schwächlichen Vater, die halbgebildete Mutter, die schriftunkundigen Freunde, die unzulänglichen Geliebten, die legasthenischen Autoren und in allen: sich selbst. Eben jene Geschichte "Tonio Kröger", der er doch die klare und bittere Einsicht in sein Dilemma verdankt, kanzelt er umgehend als "unvollkommene und vielleicht sogar fragwürdige Erzählung" ab. Erich Kästner, dessen "Lyrische Hausapotheke" von seiner Frau handkopiert seinen 21.Geburtstag im Getto erhellt und über die gemeinsame Lektüre den Einbruch des Grauens vorübergehend abwendet und mildert, wird auf der nachfolgenden Seite postwendend einen Kopf kürzer gemacht: "Zur großen deutschen Poesie kann man Kästners Gebrauchslyrik mit Sicherheit nicht zählen." Von der polnischen Schriftstellerin Gustawa Jarecka, die ihm bis zur letzten, für sie tödlichen Selektion durch die SS als Mitarbeiterin im Judenrat zur Seite steht, weiß er nicht nur zu sagen, daß sie ihm in einseitiger Liebe zugetan war, sondern daß die "nicht unbekannte, wenn auch nicht berühmte Autorin" Romane geschrieben habe, die ihn nach 1945 "gewiß interessierten, doch nicht gerade begeisterten." Dieser schnarrende, nörgelnde, kleinliche, parvenühafte und vor allem unfrohe Ton wird über geschlagene 555 Seiten durchgehalten: Das im Register aufgeführten Personal von Paul Abraham bis Stefan Zweig wird systematisch in roter Oberlehrertinte ersäuft, und am Ende mag man dem niedergemäkelten Heinrich Böll kaum noch widersprechen, der den Verfasser der Memoiren in aller Schlichtheit als "Arschloch" bezeichnete. Marcel Reich-Ranicki hat sich nach der Machtergreifung der Nazis der schützenden Wahlverwandschaft Thomas Manns versichert und für die Anlehnung an die menschenferne Kunstauffassung des deutschen Schwergewichtsmeisters einen hohen Preis bezahlt: "Ich bin auf alles eingerichtet", heißt es in einer Novelle Christoph Heins, "mich wird nichts mehr verletzen. Ich habe in Drachenblut gebadet und kein Lindenblatt ließ mich irgendwo schutzlos. Aus dieser Haut komme ich nicht mehr heraus. In meiner unverletzbaren Hülle werde ich krepieren." Nach der perfiden Instrumentalisierung durch die germanischen Geldwäscher werden sich viele der in Deutschland ansässigen Juden einmal mehr fragen, auf welchem Mist das ihnen seit Jahrzehnten demonstrativ entgegengebrachte, zwischen erlesener Höflichkeit und ausgesuchter Feindseligkeit schwankende Interesse eigentlich gewachsen ist. Im Wagnis der unmittelbaren Auseinandersetzung mit einem fremden Menschen, der das eigene Leben unwiderruflich beeinflußt hat, werden Unterscheidungen im Nebel des Mißtrauens möglich. In "Mein Leben" spricht Marcel Reich-Ranicki mit Verbitterung über die Tatsache, daß er mit seiner Arbeit während der ersten zwölf Jahre in der Bundesrepublik zwar auf viel Anerkennung gestoßen sei, daß man ihm aber nie eine Festanstellung in einer Zeitung, einem Verlag oder einem Rundfunksender angeboten habe; obwohl er im Feuilleton der "Zeit" immer freie Hand gehabt habe, sei er nie zu einer Redaktionskonferenz gebeten worden. Ein Beleg für die Fortdauer antisemitischer Ressentiments, wie Reich-Ranicki vorsichtig mutmaßt, oder ein Indiz für das mangelnde soziale Gespür eines Mannes, dem die Kritik nicht nur zum Beruf, sondern zur zweiten Natur geworden ist? An einen Zahnarzt, der anläßlich einer Abendgesellschaft die anwesenden Gäste auffordert, den Mund zu öffnen, um ihnen anschließend mitzuteilen, daß ihre Kauwerkzeuge hochgradig von Karies und Parodontose befallen sind, wird mit Sicherheit keine zweite Einladung ergehen. Man wird ihn zukünftig meiden. Nicht weil er Jude ist, sondern weil er keine Manieren hat. Das ist alles.


oliver necker

kalwa, roll over

zu der von ihnen als erforschung des amerikabilds der deutschen ausgegebenen artikelserie ist grundsaetzlich zu sagen, dass ein, wie sie schreiben, 'in new york und west cornwall/connecticut' lebender seinem gewaehlten aufenthaltsort gemaessere themen behandeln sollte; wer holte sich schliesslich von seit einem dutzend jahren in japan lebenden amerikanern tiefschuerfende auskuenfte ueber die derzeitige situation der amerikanischen filmindustrie? wenig wunder also, dass hier mit hilfe von ferndiagnose (die bisher nur in kleinen medizinischen teilgebieten einigermassen ist) aus schlagwoertern, klischees, zitaten, zahlen, - sowie missverstandenem und nicht-zum-thema-gehoerigen eine schnipseljagd gezeigt wird, die in den sprichwoertlichen wald fuehrt, welcher jedoch vor lauter baeumen ...

dabei gibt es zumindest eine handvoll herrlicher deutschland/usa-themen, die verbittert auf berichterstatter warten, beispielsweise die ebenso unterschiedlichen wie interessanten zeitungs- oder theater- oder orchesterkulturen. aber da ist es selbstredend nicht mit gerade mal erinnertem, dem schnellen griff in den zettelkasten oder hurtig angelesenem getan: das verlangt intensives und solides studium der materie, und damit hat der vertrackte zeitungeist auch im journalismus nicht mehr viel im sinn; wenn aus keinem anderen, so aus dem grund, dass es weder geschaetzt noch angemessen bezahlt wird -- wobei nicht klar ist, ob die bezahlung oder die wertschaetzung dabei den ausschlag gibt: in unserer vom geld getriebenen gesellschaft, in der alles billig (und nichts recht?) sein muss, wird's wahrscheinlich die bezahlung sein

so ist diesem schon ob seiner aetherischen qualitaet schwierigen thema in einem grenzland, das einer restlosen bewaeltigung ohnehin widersteht, nicht beizukommen. ergebnis: vor uns liegen zehn seiten, die wissenwertes enthalten, das leicht auf eine einzige gepasst haette; ergo neun seiten wissensmuell mehrerer wahrheits- und wichtigkeitsstufen

vor ueber sechzig jahren in die vereinigten staaten gekommen, habe ich in jugendlichem leichtsinn vor etwa vierzig jahren die maxime aufgestellt, dass ueber dieses land alles behauptet werden koenne; es sei irgendwo wahr: aber genauso wahr ist auch dessen gegenteil. ich hatte glueck; wenn wir von der um der pointe willen geschehenen ueberhoehung absehen, musste ich bisher nichts zuruecknehmen. und noch lerne ich jeden tag neues, erstaunliches, absurdes und frappierendes ueber die vereinigten staaten hinzu, das meine these erhaertet ... und das wird wohl bis an mein lebensende so bleiben. wie soll sich jemand, wie soll sich ein ganzes volk, wie sollen sich diese 80 millionen deutsche der nach wie vor unterschiedlichsten staemme ein auch nur halbwegs zutreffendes bild von solch einem grossen und dem widerspruechlichsten land der welt machen?

eine zugegebenermassen umstaendliche art, darzubringen, dass es unmoeglich ist, die vereinigten staaten und die in ihnen herrschenden verhaeltnisse, von denen herr kalwa in grossangelegter, wenngleich nicht unbedingt beabsichtigter themenverfehlung schreibt, restlos oder auch nur gut zu kennen. und ist gutes kennen nicht voraussetzung fuer ein urteil, und ist ein gutes urteil nicht voraussetzung fuer ein bild?

aber, um einmal spezifisch zu werden: wie viele deutsche und in deutschland praktizierende anwaelte, von richtern soll hier gar nicht erst die rede sein, kennen das amerikanische justizsystem? oder wie viele journalisten --herr kalwa streift dieses problem, das ich hiemit boeswilligerweise auf die insassen des auswaertigen amts einschliesslich seiner auslandsvertretungen ausdehne-- haben mehr als eine ahnung davon, was die amerikaner, im weissen haus, im state und defense department und deren und anderen einschlaegigen unterorganisationen immer so spielen? die antwort auf beide fragen lautet: so gut wie keine; und das liegt nicht unbedingt an der tatsache, dass die amerikanische seite selbst nicht immer sicher ist, wo sie hin will

wirkt sich das, wenn ueberhaupt, auf das bild aus, das sich die deutschen von den vereinigten staaten zurechtzimmern? auch diese antwort duerfte negativ ausfallen. das bild wird dadurch wahrscheinlich weniger beeinflusst als von den wohl jedem deutschen leser gelaeufigen, in den 'vermischtes'-spalten deutscher zeitungen zusammenzitierten und zwischen wider- und wahnsinn oszillierenden gesetzesauszuegen aus einer anzahl amerikanischer staaten, darunter keineswegs an letzter stelle, muss ich leider sagen, mein heimatstaat new york. auch die zeit spielt eine rolle und einzelfaelle oder solche, die sich um einzelpersonen ranken: so ist sicherlich amerika zum zeitpunkt der beerdigung john kennedys wegen seiner witwe jacqueline ganz anders eingeschaetzt worden als am tag ihrer eheschliessung mit ari onassis

die erkenntnisse der von herrn kalwa aktivierten 'grossen zahl deutscher', die 'vermutlich der ansicht ist, die verhaeltnisse in den vereinigten staaten so gut zu kennen wie in keinem anderen land' bleiben ungeschmaelert, denn derlei ist relativ. es kann ja durchaus sein, dass mehr deutsche sich --und gar besser-- in den usa auskennen als in irgendeinem anderen land (ich koennte mir sogar denken, dass mehr deutsche eine groessere affinitaet den usa gegenueber haben als anderen staaten). aber das land kennen, das tun sie nicht. schon aus diesem einfachen grund kann das bild auch nicht akkurat sein. beispiel: obschon von zeit zu zeit durchaus darueber berichtet wird, wer weiss in europa beispielsweise schon, dass amerikanische behoerden normaliter um des dienstes am buerger da sind und nicht, ihn zu kontrollieren? und dass es den buergern obliegt, ihre behoerden unter kontrolle zu halten?

immerhin aber gibt es allgemeingueltiges, auf das es sich einigen laesst. wenn wir (warum eigentlich? was ist daran so wichtig?) mithin ueber die vereinigten staaten und ihr bild in einzelnen laendern klar kommen sollen, waere zunaechst die erstaunliche feststellung zu machen, dass diesen in jeder beziehung maechtigen --um nicht zu sagen uebermaechtigen-- koloss der fast kindlich zu nennende, sicherlich jedoch naive wunsch beseelt (sollte ein koloss eine seele haben), von jedem geliebt zu werden. dieser drang ist nicht nur auf den koloss als solchen beschraenkt; er bringt selbst hartgekochte maenner wie die kriegsverbrecher (ex-aussenminister) kissinger und (ex-verteidigungsminister) mcnamara dazu, die drolligsten verrenkungen zu machen. ich glaube nicht, dass die beweggruende dafuer auf den alten sinnspruch von den huren zurueckzufuehren sind, die im alter fromm werden

zum vergleich wenn wir das volk hernehmen, das aehnlich haeufig von sich spricht und gleichermassen von sich eingenommen ist, finden wir etwas ganz anderes. die franzosen sehen sich als grande nation; die immer mal wieder rundum erneuerte marianne drapiert zu strammnationalen, von leuten wie hector berlioz und darius milhaud (selbst die vornamen strotzen stolz) erfundenen klaengen ihren glorienschein so kunstvoll, dass keiner dessen loecher sehen kann, und niemand schert sich einen deut, wie andere voelkerschaften sich zu diesem rummel à la chauvin stellen oder was sie davon halten. die franzosen sind allerdings auch weitgehend individualisten strengster observanz, und das waren die amerikaner zumindest bisher eher nicht (gewisse anzeichen einer besserung lassen sich aber inzwischen finden, wenn auch nicht ueberall im land: die usa haben ebenfalls ihre meck-pomms)

die vereinigten staaten macht ihre sollen wir sagen liebesbeduerftigkeit jedoch keinsfalls und nimmer so dusselig, dass sie darueber ihre groesse, ihre mission, ja ihre sendung vergaessen. und ihre groesse ist nicht auf geografisches ausmass beschraenkt; auch ihr verstaendnis und langmut, ihre generositaet und bereitschaft, beispielsweise im kosovo-krieg, ueberlegene technik kostenlos zur verfuegung zu stellen und ihre nicht selten demonstrierte selbstlosigkeit gehoert hierher -- die ausnahmen, beispielsweise den golfkrieg weitestgehend auf auslaendische kosten gefuehrt zu haben, bestaetigen, wie immer, die regel. ihre mission, verwaschen seit dem hinscheiden der sowjetunion und dem nicht-so-recht-durchschlagen der 'new world order', muesste jenseits des primus inter pares-anspruchs klar definiert werden, was vielleicht der im jahr 2001 antretende praesident einmal schafft; aber bis dahin den atem anzuhalten, ist niemandem anzuraten. (dabei steht das meiste eigentlich schon in der mehr als 200 jahre alten unabhaengigkeitserklaerung.)

schon bin ich dabei, den gleichen fehler wie herr kalwa zu machen und ueber amerika zu schreiben statt ueber die
meinung anderer laender, hier deutschlands, ueber dasselbe. wollen wir mithin einmal sehen, ob die chrysler-uebernahme durch daimler-benz das deutsche selbstgefuehl gefoerdert hat, ob derlei geschehnisse die 'grossraeumige' volksmeinung ueberhaupt tangieren oder massgeblich beeinflussen koennen. in diesem besonderen fall waere fairerweise zu beruecksichtigen, dass daimler-benz (dessen schild noch ruestung ich nota bene zu bekleckern vorhabe) sich mit dornier, fokker, airbus und in der raumfahrt eine blutige nase nach der anderen (aber auch aus dem staatssaeckel bis zu fuenf milliarden an direkten und indirekten subventionen pro jahr) geholt hat, dinge, die trotz ihrer bedeutung in unser langzeitgedaechtnis nicht eingegangen sind; und ueber das gelingen der fusion mit chrysler ist das letzte wort auch noch laengst nicht gesprochen

wenn nun jedoch wider meinen glauben diese uebernahme dem deutschen selbstgefuehl aufgeholfen haben sollte, dann besteht die gefahr, dass auch herr piech recht hat und saemtliche anderen deutschen autobauer, die ihre stetig anschwellenden heilixblechle mit immer groesseren, aufwendigeren, staerkeren und mehr treibstoff schluckenden triebwerken ausruesten: zeigen wir's doch der welt mal!

was aber passiert der allgemeinen psyche, wenn bramarbas piëch den schwanz einziehen muss, weil selbst seine bis zum unklugen ueberhoehten milliardengebote die volkswagen ag fuer rolls royce eben nicht akzeptabel machen -- ist das nicht eine schoene demonstration richtig verstandenen (auch national-) stolzes -- und wollen wir nicht vergessen, dass auf dem europaeischen herd sueppchen simmern, die das deutsch-amerikanische menu nicht kennt: zunaechst mal zwischen den insularen briten und allen kontinentalen per se, die hier quasi erst in zweiter linie durch deutsche dargestellt werden -- dann aber auf einer anderen schiene wieder die produzenten von beispielsweise rommels kuebelwagen waren? und was, wenn bmw sich in england nun schon seit einem jahr, und immer verbissener, nicht nur bis in den erzgrundsboden hinein blamiert, sondern darueber fast in den bankrott treiben laesst? was uns zu den fragen bringen koennte, wirken (1) sich solche schlappen fuer das deutschlandbild ueberhaupt aus (ja?) und (2) dann auf das bild amerikas in deutschland ein? wenn, wie herr kalwa meint, die daimler-benz-uebernahme von chrysler das amerikabild deutschlands aendert, muesste auch diese antwort positiv ausfallen

nach meinem dafuerhalten duerften solche geschehnisse rund um das auto auf das bild, das sich ein volk von einem anderen macht, bestenfalls marginal einwirken. wenn aber ein paar jugendtrunkene halbstarke aus langeweile von einer autobahnbruecke mit wackersteinen auf drunterwegfahrende pkws zielen und dabei zwei menschen toeten und vielen toedliche schrecken einjagen, erbeben die stammtische unter der wucht einer entruestung, die viele klischees schon wieder einmal bestaetigt sieht, und herr kalwa schlaegt durchaus in diese kerbe -- aber wie nachhaltig das im grossen rahmen ist, und was davon dem grossen bild einverleibt wird, laesst sich unmoeglich sagen, wie auch unbekannt ist, welchen einfluss die bier- oder bartische auf die gesamte volksmeinung haben ... ich schaetze ihn eher gering ein

mehr oder minder gehoeren fuer mich auch die professionellen meinungsfinder à la allensbach in die kategorie der weniger einflussreichen. erstens, weil ich solche umfragen haeufig mangels intelligenz belaestigend finde und deshalb wenig ernstzunehmende antworten gebe (was noch nie bemerkt wurde), zweitens die fragen haeufig so suggestiv gestellt sind, dass sie ohne ziemlichen aufwand unabhaengige antworten entmutigen; drittens, weil die fragen dann bei publikation in der regel nicht praezis wiedergegeben und viertens, im normalfall die befragten nach einem muster gepickt werden, das ich nicht als repraesentativ erkennen kann. fuenftens und wichtigstens ist fuer mich die tatsache, dass ich generell solchen instituten zu trauen nicht imstand bin

falls mich jemand fragen sollte, welche einrichtung, welche umstaende die volksmeinung in diesem fall stark beeinflusst, kann ich nur an die bildmedien denken, angefangen mit --und bis zum heutigen tag vor allem-- dem hollywood-film. es gibt doch wohl keinen menschen, dem nicht die grosszuegige und ausserhalb der usa bis dahin unbekannte (wohl eigens fuer diesen zweck erfundene?) geste des die-zeche-im-hinausgehen-bezahlens imponiert, und zwar mit einem per rechte hand auf den tisch fallen gelassenen, aus einem in der linken hosentasche befindlich gewesenen geldbuendel gezogenen geldschein unbekannter denomination. oder, bei geld zu bleiben, wo sonst gab es die gewohnheit, bei bar- oder kneipenbesuchen den monetaeren inhalt der hosen-, im zweifelsfall auch jackentaschen auf den tisch zu deponieren ebenso wie zigaretten und feuerzeug?

die fruehen namhafteren spielfilme aus hollywood, weitgehend von regisseuren gemacht, die vor hitlers horden aus europa geflohen waren, haben oft ein idealisiertes bild nicht nur vom land gezeichnet, sondern auch von der bevoelkerung: viele menschen haben damals gedacht, in den usa muesste es eine pracht sein zu leben -- aber nachdem sie nicht zu propagandazwecken, sondern fuer den einheimischen gebrauch gedreht worden sind, war ganz offenbar die ueberhoehung dann auch wieder nicht so stark, dass --nach abzug der traumfabrik zugestandenen prozente-- sie penetrant oder unwirklich empfunden worden waere

ob es, zwischen jener zeit und heute liegen zwei, drei generationen, dieses in mehrfacher beziehung virtuelle amerika irgendwann einmal gegeben hat, weiss niemand; wenn ja, muss es in den fruehen sechzigern gewesen sein. zu jenem zeitpunkt gab es aber auch schon die verdummung als politisches programm (nixon hat einmal geaeussert, es reiche, wenn die schule kenntnisse vermittelt, die zum nachrechnen der lohntuete ausreichen). seit damals ist denn auch das zweite effektiv und direkt auf das bild des betrachters wirkende medium, das fernsehen, umgekrempelt worden. zeit dafuer wurde es, als die bilder des vietnamkriegs jeden abend zur prime time zu sehen waren: die letzten bilder von kriegsereignissen, die amerika zu vertreten hatte. bei den naechsten kriegen gab es nur noch an krude videospiele erinnernde, voellig antiseptische (und sehr ermuedende) ziel- und treffuebungen. die zivilen gegenstaende der prime time-sendungen wurden ebenfalls umfunktioniert, aus nachrichten wurde infotainment, und selbst das reichte noch nicht; ueberall erbluehten die freak shows in der prime time, und jedes dahergelaufene starlet, jeder gehirntote rapper wurde gehoert, besprochen, bewundert, lobend weitergereicht. zeitgleich damit, 'people' war die erste dieser publikationen, entstand ein wahrer blaetterwald, der sich um die masse, vorlieben, kleider, lieblingsspeisen, friseure, wohnsitze, finanzen usw usf ad infinitum bis zu kopulationsgewohnheiten (bizarr) und -frequenzen (superhoch) dieser nullitaeten angesiedelt hat. die vielzahl der ernstzunehmenden fernsehshows orientierte und bewegte sich in richtung nullpunkt -- wer sein amerikabild davon beeinflussen laesst, kann genauso gut deutschland mit 'big brother' gleichsetzen

die ernstzunehmende literatur entwirft, wie ueblich, weil fiktional, die glaubhaftesten und verlaesslichsten abbilder amerikas; und nachdem deutschland das ausland ist, in dem unsere literatur am meisten gelesen wird, bin ich eigentlich recht sanguin-optimistisch, dass sich daraus ein amerikabild ergibt, das von der wahrheit vielleicht gar so weit nicht entfernt ist

wo bleibt das selbsterlebte? hoere ich leser fragen: wir sind schon mehrmals in amerika gewesen, atlantikkueste! pazifikkueste! florida bis key west! route 66 fast komplett gefahren! grand canyon, monument valley und die wuesten! uns macht keiner mehr was vor! ja. sie haben sicher viel erlebt, aber reisende machen immer den fehler, dass sie sich selbst und ihre vorurteile dorthin mitnehmen, wo sie unter dem vorwand hingehen, neues erfahren zu wollen. aber sprechen sie die sprache gut, sind sie interessiert genug, dass sie die feinheiten dessen, was um sie herum vor sich geht, mitbekommen, und dazu gehoert die lektuere der tagespresse ebenso wie das geduldige anhoeren des gesamten lokalen radiospektrums (fernsehen ist bei weitem weniger aufschlussreich und deshalb vernachlaessigenswert)? dass sie, auch wenn die sprachlichen voraussetzungen nicht gegeben sind, nichtsdestoweniger eine menge lernen, muss erfahrungsgemaess nicht gleich heissen, dass sie ihr bild auch nur annaehernd so grundlegend revidieren, wie das unter umstaenden angezeigt waere

es gibt viel schatten in unserem land. aber es gibt auch licht. wir haben seit dem zweiten weltkrieg fast ein uebermass an idealismus, ideen, geld, aufwand aller art in den rest der welt gesteckt, und es geschafft, ein einigermassen faires und auf allseitig respektierten regeln fussendes internationales gebaeude zu schaffen, das es zunaechst den industrienationen ermoeglicht hat, ihren buergern ueber generationen einen vorher in der geschichte nie dagewesenen allgemeinen wohlstand zu ermoeglichen. es hat den anschein, dass der wohlstand in den naechsten jahrzehnten auch auf weitere laender ausgedehnt werden kann, und wenn wir mit unseren ressourcen und moeglichkeiten vorsichtig genug umgehen, sprich dem kapitalismus nicht restlos das feld ueberlassen, und alle den guertel nur ein wenig --muss nicht unbedingt weh tun, wenn wir's gleich machen-- enger schnallen, laesst sich das vielleicht sogar ermoeglichen, ohne dass wir die grundlage aller prosperitaet, das wohlergehen unseres planeten, noch weiter schmaelern. auch das gehoert zu dem amerikabild, das sich vernuenftige menschen machen muessen

dieser diskurs zum bild der deutschen von amerika ist wohl am besten mit einem zitat von walker evans, einem fotografen, komplettiert und abgeschlossen: 'starre, horche, belausche, lerne: stirb mit etwas wissen. du bist nicht lang hier'



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