Nr. 26, Juni/Juli 2000
 
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Karl Marx

Börsenspiel und moderne Bankokratie

Karl Marx (1818 – 1883) war eine seltene Mischung aus Philosoph und Volkswirtschaftler. Spöttisch zog er über Leute her, die aus seinen Schriften eine Handlungsanweisung für aktuelle Politik ableiten wollten: "Ich bin kein Marxist." Sein Hauptwerk, Das Kapital (1867), erfuhr bei den Studentenprotesten der Jahre 1968/69 eine Renaissance in theoriehungrigen Lesezirkeln, aber es war wenig geeignet, der Rebellion Schwung zu verleihen – zu umfangreich, für die meisten zu spröde, und, was viele 68er-Kämpfer enttäuschte, unbrauchbar für die politische Aktion. Wer sich aber mit der Entstehungsgeschichte der kapitalistischen Wirtschaftsordnung befaßt, wird Marx auch heute noch mit Gewinn lesen. Hier ein Auszug aus dem 24. Kapitel, "Die sog. ursprüngliche Akkumulation":

Das System des öffentlichen Kredits, d. h. der Staatsschulden, dessen Ursprünge wir in Genua und Venedig schon im Mittelalter entdecken, nahm Besitz von ganz Europa während der Manufakturperiode. Das Kolonialsystem mit seinem Seehandel und seinen Handelskriegen diente ihm als Treibhaus. So setzte es sich zuerst in Holland fest. Die Staatsschuld, d.h. die Veräußerung des Staates, drückt der kapitalistischen Ära ihren Stempel auf. Der einzige Teil des sogenannten Volksreichtums, der wirklich in den Gesamtbesitz der modernen Völker eingeht, ist – ihre Staatsschuld. Daher ganz konsequent die moderne Doktrin, daß ein Volk umso reicher wird, je tiefer es sich verschuldet. Der öffentliche Kredit wird zum Credo des Kapitals. Und mit dem Entstehen der Staatsverschuldung tritt an die Stelle der Sünde gegen den heiligen Geist, für die keine Verzeihung ist, der Treubruch an der Staatsschuld.
Die öffentliche Schuld wird einer der energischsten Hebel der ursprünglichen Akkumulation (des Kapitals). Wie mit dem Schlag der Wünschelrute begabt sie das unproduktive Geld mit Zeugungskraft und verwandelt es so in Kapital, ohne das es dazu nötig hätte, sich der von industrieller und selbst wucherischer Anlage unzertrennlichen Mühwaltung und Gefahr auszusetzen. Die Staatsgläubiger geben in Wirklichkeit nichts, denn die geliehene Summe wird in öffentlich leicht übertragbare Schuldscheine verwandelt, die in ihren Händen fortfungieren, ganz als wären sie ebensoviel Bargeld. Aber auch abgesehn von der so geschaffenen Klasse müßiger Rentner und von dem improvisierten Reichtum der zwischen Regierung und Nation die Mittler spielenden Finanziers – wie auch von dem der Steuerpächter, Kaufleute, Privatfabrikanten, denen ein gut Stück jeder Staatsanleihe den Dienst eines vom Himmel gefallenen Kapitals leistet – hat die Staatsschuld die Aktiengesellschaften, den Handel mit negoziablen Effekten aller Art, die Agiotage emporgebracht, in einem Wort: das Börsenspiel und die moderne Bankokratie.
Von ihrer Geburt an waren die mit nationalen Titeln aufgestutzten großen Banken nur Gesellschaften von Privatspekulanten, die sich den Regierungen an die Seite stellten und, dank den erhaltenen Privilegien, ihnen Geld vorzuschießen imstande waren. Daher hat die Akkumulation der Staatsschuld keinen unfehlbareren Gradmesser als das sukzessive Steigen der Aktien dieser Banken, deren volle Entfaltung von der Gründung der Bank von England datiert (1694). Die Bank von England begann damit, der Regierung Geld zu 8 % zu verleihen; gleichzeitig war sie vom Parlament ermächtigt, aus demselben Kapital Geld zu münzen, indem sie es dem Publikum nochmals in Form von Banknoten lieh. Sie durfte mit diesen Noten Wechsel diskontieren, Waren beleihen und edle Metalle einkaufen. Es dauerte nicht lange, so wurde dies von ihr selbst fabrizierte Kreditgeld die Münze, worin die Bank von England dem Staat Anleihen machte und für Rechnung des Staates die Zinsen der öffentlichen Schuld bezahlte. Nicht genug, daß sie mit einer Hand gab, um mit der anderen mehr zurückzuempfangen; sie blieb auch, während sie empfing, ewige Gläubigerin der Nation bis zum letzten gegebenen Heller. Allmählich wurde sie der unvermeidliche Behälter der Metallschätze des Landes und das Gravitationszentrum des gesamten Handelskredits. Um dieselbe Zeit, wo man in England aufhörte, Hexen zu verbrennen, fing man dort an, Banknotenfälscher zu hängen. Welchen Effekt auf die Zeitgenossen das plötzliche Auftauchen dieser Brut von Bankokraten, Finanziers, Rentiers, Maklern, Stockjobbers und Börsenwölfen machte, bewiesen die Schriften jener Zeit, z.B. Bolingbrokes.
Das Kolonialsystem warf mit einem Schub und Bautz alle alten Götzen über den Haufen. Es proklamierte die Plusmacherei als letzten und einzigen Zweck der Menschheit. Es war die Geburtsstätte des modernen Staatsschulden und Kreditsystems.
Die auffallende Rolle des Staatsschulden- und modernen Steuersystems bei der Verwandlung des gesellschaftlichen Reichtums in Kapital, der Expropriation selbständiger Produzenten und der Herunterdrückung der Lohnarbeiter hat manche Schriftsteller verleitet, dort den Grund alles modernen Volkselends zu suchen.
Mit den Staatsschulden entsprang zugleich ein internationales Kreditwesen, welches oft die Quellen der ursprünglichen Akkumulation in einem bestimmten Land versteckt. Die Gemeinheiten des venetianischen Raubsystems z. B. bilden verborgene Grundlage des Kapitalreichtums von Holland, dem das verfallende Venedig große Geldsummen lieh. Ebenso verhält es sich zwischen Holland und England. Schon im Anfang des 18. Jahrhunderts sind die Manufakturen Hollands weit überflügelt und hat es aufgehört, herrschende Handels- und Industrienation zu sein. Eins seiner Hauptgeschäfte von 1701 – 1776 wird daher das Ausleihn ungeheurer Kapitalien, speziell an seinen übermächtigen Konkurrenten England. Ähnliches gilt jetzt von England und den Vereinigten Staaten. Manch Kapital, das heute in den Vereinigten Staaten ohne Geburtsschein auftritt, ist gestern erst in England kapitalisiertes Kinderblut.


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