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Karl Marx
Börsenspiel und moderne Bankokratie
Karl Marx (1818 1883) war eine seltene Mischung
aus Philosoph und Volkswirtschaftler. Spöttisch zog er über
Leute her, die aus seinen Schriften eine Handlungsanweisung für
aktuelle Politik ableiten wollten: "Ich bin kein Marxist."
Sein Hauptwerk, Das Kapital (1867), erfuhr bei den Studentenprotesten
der Jahre 1968/69 eine Renaissance in theoriehungrigen Lesezirkeln,
aber es war wenig geeignet, der Rebellion Schwung zu verleihen
zu umfangreich, für die meisten zu spröde, und, was viele
68er-Kämpfer enttäuschte, unbrauchbar für die politische
Aktion. Wer sich aber mit der Entstehungsgeschichte der kapitalistischen
Wirtschaftsordnung befaßt, wird Marx auch heute noch mit Gewinn
lesen. Hier ein Auszug aus dem 24. Kapitel, "Die sog. ursprüngliche
Akkumulation":
Das System des öffentlichen Kredits, d. h. der Staatsschulden,
dessen Ursprünge wir in Genua und Venedig schon im Mittelalter
entdecken, nahm Besitz von ganz Europa während der Manufakturperiode.
Das Kolonialsystem mit seinem Seehandel und seinen Handelskriegen diente
ihm als Treibhaus. So setzte es sich zuerst in Holland fest. Die Staatsschuld,
d.h. die Veräußerung des Staates, drückt der kapitalistischen
Ära ihren Stempel auf. Der einzige Teil des sogenannten Volksreichtums,
der wirklich in den Gesamtbesitz der modernen Völker eingeht, ist
ihre Staatsschuld. Daher ganz konsequent die moderne Doktrin,
daß ein Volk umso reicher wird, je tiefer es sich verschuldet.
Der öffentliche Kredit wird zum Credo des Kapitals. Und mit dem
Entstehen der Staatsverschuldung tritt an die Stelle der Sünde
gegen den heiligen Geist, für die keine Verzeihung ist, der Treubruch
an der Staatsschuld.
Die öffentliche Schuld wird einer der energischsten Hebel der ursprünglichen
Akkumulation (des Kapitals). Wie mit dem Schlag der Wünschelrute
begabt sie das unproduktive Geld mit Zeugungskraft und verwandelt es
so in Kapital, ohne das es dazu nötig hätte, sich der von
industrieller und selbst wucherischer Anlage unzertrennlichen Mühwaltung
und Gefahr auszusetzen. Die Staatsgläubiger geben in Wirklichkeit
nichts, denn die geliehene Summe wird in öffentlich leicht übertragbare
Schuldscheine verwandelt, die in ihren Händen fortfungieren, ganz
als wären sie ebensoviel Bargeld. Aber auch abgesehn von der so
geschaffenen Klasse müßiger Rentner und von dem improvisierten
Reichtum der zwischen Regierung und Nation die Mittler spielenden Finanziers
wie auch von dem der Steuerpächter, Kaufleute, Privatfabrikanten,
denen ein gut Stück jeder Staatsanleihe den Dienst eines vom Himmel
gefallenen Kapitals leistet hat die Staatsschuld die Aktiengesellschaften,
den Handel mit negoziablen Effekten aller Art, die Agiotage emporgebracht,
in einem Wort: das Börsenspiel und die moderne Bankokratie.
Von ihrer Geburt an waren die mit nationalen Titeln aufgestutzten großen
Banken nur Gesellschaften von Privatspekulanten, die sich den Regierungen
an die Seite stellten und, dank den erhaltenen Privilegien, ihnen Geld
vorzuschießen imstande waren. Daher hat die Akkumulation der Staatsschuld
keinen unfehlbareren Gradmesser als das sukzessive Steigen der Aktien
dieser Banken, deren volle Entfaltung von der Gründung der Bank
von England datiert (1694). Die Bank von England begann damit, der Regierung
Geld zu 8 % zu verleihen; gleichzeitig war sie vom Parlament ermächtigt,
aus demselben Kapital Geld zu münzen, indem sie es dem Publikum
nochmals in Form von Banknoten lieh. Sie durfte mit diesen Noten Wechsel
diskontieren, Waren beleihen und edle Metalle einkaufen. Es dauerte
nicht lange, so wurde dies von ihr selbst fabrizierte Kreditgeld die
Münze, worin die Bank von England dem Staat Anleihen machte und
für Rechnung des Staates die Zinsen der öffentlichen Schuld
bezahlte. Nicht genug, daß sie mit einer Hand gab, um mit der
anderen mehr zurückzuempfangen; sie blieb auch, während sie
empfing, ewige Gläubigerin der Nation bis zum letzten gegebenen
Heller. Allmählich wurde sie der unvermeidliche Behälter der
Metallschätze des Landes und das Gravitationszentrum des gesamten
Handelskredits. Um dieselbe Zeit, wo man in England aufhörte, Hexen
zu verbrennen, fing man dort an, Banknotenfälscher zu hängen.
Welchen Effekt auf die Zeitgenossen das plötzliche Auftauchen dieser
Brut von Bankokraten, Finanziers, Rentiers, Maklern, Stockjobbers und
Börsenwölfen machte, bewiesen die Schriften jener Zeit, z.B.
Bolingbrokes.
Das Kolonialsystem warf mit einem Schub und Bautz alle alten Götzen
über den Haufen. Es proklamierte die Plusmacherei als letzten und
einzigen Zweck der Menschheit. Es war die Geburtsstätte des modernen
Staatsschulden und Kreditsystems.
Die auffallende Rolle des Staatsschulden- und modernen Steuersystems
bei der Verwandlung des gesellschaftlichen Reichtums in Kapital, der
Expropriation selbständiger Produzenten und der Herunterdrückung
der Lohnarbeiter hat manche Schriftsteller verleitet, dort den Grund
alles modernen Volkselends zu suchen.
Mit den Staatsschulden entsprang zugleich ein internationales Kreditwesen,
welches oft die Quellen der ursprünglichen Akkumulation in einem
bestimmten Land versteckt. Die Gemeinheiten des venetianischen Raubsystems
z. B. bilden verborgene Grundlage des Kapitalreichtums von Holland,
dem das verfallende Venedig große Geldsummen lieh. Ebenso verhält
es sich zwischen Holland und England. Schon im Anfang des 18. Jahrhunderts
sind die Manufakturen Hollands weit überflügelt und hat es
aufgehört, herrschende Handels- und Industrienation zu sein. Eins
seiner Hauptgeschäfte von 1701 1776 wird daher das Ausleihn
ungeheurer Kapitalien, speziell an seinen übermächtigen Konkurrenten
England. Ähnliches gilt jetzt von England und den Vereinigten Staaten.
Manch Kapital, das heute in den Vereinigten Staaten ohne Geburtsschein
auftritt, ist gestern erst in England kapitalisiertes Kinderblut.
Ihr
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