Nr. 25,Mai 2000
 
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Die bolschewistische Katze

Auf Seite 760, mitten in dem Satz "Die Hinwendung zur Seele des Einzelnen erfolgt ja dann, wenn die überindividuellen, objektiven ..." nahm - in den Worten des Nachwort-Autors, "der Tod Christoph Steding die Feder aus der Hand", 1938. Und wir fügen dankbar aufatmend hinzu: gut so. Denn sonst wäre Stedings unsägliches opus magnum "Das Reich und die Krankheit der europäischen Kultur" nie an ein Ende gekommen. Steding kann vieles nicht leiden und ganz besonders nicht Thomas Mann:

Im "Zauberberg", der in Allem von unüberbietbarer Symbolik ist und zu den klassischen Objektivationen des alten Europas zu rechnen ist, hat Thomas Mann den Hang und die spezifische Gefahr des Verfalls an den Stoff und an den Gegner, der einer geschichtslos werdenden germanischen Welt innewohnt, in dem eigentlichen Hörigkeitsverhältnis dargestellt, in welchem Hans Castorp zum kirgisenäugigen Pribislav Hippe und später zur ebenfalls kirgisenäugigen Russin Madame Chauchat steht. Die germanische Welt lebt in der Behauptung ihrer arteigenen Selbständigkeit gegenüber dem Osten. Alle großen, wirklich symbolischen Ereignisse der germanischen Geschichte - Marathon, Poitiers, Lechfeld, Liegnitz, Peipussee, Narwa, Tannenberg - sind Siege über den Osten, über Asien gewesen. Innerhalb des Reiches hängt der Bestand der Ordnungen davon ab, daß die nordischen Hans Castorps und nicht die kurgisenäugigen Pribislave, also die obotrisch-sorbische Unterschicht vorbildlich ist. Denn diese Pribislave gehören zum nahen und fernen Osten. Pribislav Hippe ist die deutsche Form der Madame Chauchat, dieser wurmstichigen, asiatischen, "bolschewistischen" Katze, der Castorp nur verfällt, weil er krank und geschwächt ist. Er und seine Welt leiden an der typischen Krankheit sich auslaufender Welten, der Auszehrung: überall bekommen die Menschen, deren Physiognomie von verfallenden Gemeinwesen geprägt werden, ein hektisches Aussehen. Wenn diese Anfälligkeit in den deutschen Bereich eintritt, wird alles fraglich, was in der ganzen deutschen Geschichte geleistet wurde. Die Kolonisierung des Ostens scheint rückläufig zu werden: je weiter östlich, um so mehr. Die Geschichtslosigkeit der beherrschten Unterschicht bemächtigt sich der germanischen Herren. Immer mehr tauchen daher unter ihnen - etwa im Baltikum - Obotriten und Kalmückengesichter auf: dann nämlich, wenn sie auf Hans Castorps Stufe angelangt sind. Dies ist vielfach der Fall; gerade bei der adeligen Herrenschicht, die daher auch besonders schnell verfällt. Verjudung und Entwurzelung sind Zeichen dieses Verfalls.

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