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Die bolschewistische Katze
Auf Seite 760, mitten in dem Satz "Die Hinwendung
zur Seele des Einzelnen erfolgt ja dann, wenn die überindividuellen,
objektiven ..." nahm - in den Worten des Nachwort-Autors, "der
Tod Christoph Steding die Feder aus der Hand", 1938. Und wir fügen
dankbar aufatmend hinzu: gut so. Denn sonst wäre Stedings unsägliches
opus magnum "Das Reich und die Krankheit der europäischen
Kultur" nie an ein Ende gekommen. Steding kann vieles nicht leiden
und ganz besonders nicht Thomas Mann:
Im "Zauberberg", der in Allem von unüberbietbarer Symbolik
ist und zu den klassischen Objektivationen des alten Europas zu rechnen
ist, hat Thomas Mann den Hang und die spezifische Gefahr des Verfalls
an den Stoff und an den Gegner, der einer geschichtslos werdenden germanischen
Welt innewohnt, in dem eigentlichen Hörigkeitsverhältnis dargestellt,
in welchem Hans Castorp zum kirgisenäugigen Pribislav Hippe und
später zur ebenfalls kirgisenäugigen Russin Madame Chauchat
steht. Die germanische Welt lebt in der Behauptung ihrer arteigenen
Selbständigkeit gegenüber dem Osten. Alle großen, wirklich
symbolischen Ereignisse der germanischen Geschichte - Marathon, Poitiers,
Lechfeld, Liegnitz, Peipussee, Narwa, Tannenberg - sind Siege über
den Osten, über Asien gewesen. Innerhalb des Reiches hängt
der Bestand der Ordnungen davon ab, daß die nordischen Hans Castorps
und nicht die kurgisenäugigen Pribislave, also die obotrisch-sorbische
Unterschicht vorbildlich ist. Denn diese Pribislave gehören zum
nahen und fernen Osten. Pribislav Hippe ist die deutsche Form der Madame
Chauchat, dieser wurmstichigen, asiatischen, "bolschewistischen"
Katze, der Castorp nur verfällt, weil er krank und geschwächt
ist. Er und seine Welt leiden an der typischen Krankheit sich auslaufender
Welten, der Auszehrung: überall bekommen die Menschen, deren Physiognomie
von verfallenden Gemeinwesen geprägt werden, ein hektisches Aussehen.
Wenn diese Anfälligkeit in den deutschen Bereich eintritt, wird
alles fraglich, was in der ganzen deutschen Geschichte geleistet wurde.
Die Kolonisierung des Ostens scheint rückläufig zu werden:
je weiter östlich, um so mehr. Die Geschichtslosigkeit der beherrschten
Unterschicht bemächtigt sich der germanischen Herren. Immer mehr
tauchen daher unter ihnen - etwa im Baltikum - Obotriten und Kalmückengesichter
auf: dann nämlich, wenn sie auf Hans Castorps Stufe angelangt sind.
Dies ist vielfach der Fall; gerade bei der adeligen Herrenschicht, die
daher auch besonders schnell verfällt. Verjudung und Entwurzelung
sind Zeichen dieses Verfalls.
Ihr
Kommentar
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