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Schreibübungen, dringend Ich war lange unentschlossen, diese Rezension zu unternehmen. Bei der
Lektüre kam es nämlich zu verunsichernden Gemütsausschlägen:
mal freundliches Lesevergnügen, und dann plötzlich wieder
Ärger und Verdrossenheit, die einem den Gedanken nahelegten, man
täte der Autorin und dem Verlag den größeren Gefallen
durch höfliches Verschweigen. Erst spät siegten Mitgefühl
und ein gewisser Respekt über das Wechselspiel. Ich richtete den Blick auf die Kerzen, die rechts und links von Tillas Sarg flackerten und die Konzentration auf meinen Blutdruck, der - wie ich mir suggerierte - in ganz normalen Bereichen lag. Die Kerzen tropften. Nur billige Kerzen tropfen. Es ist alles eine Frage des guten Stils. Entweder man hat ihn. Tillas Sarg war nicht einmal aus Eiche. Über das Komma, das hinter "flackerten" fehlt, wird
noch zu sprechen sein. Hier aber erst einmal dies: Was wir vor uns haben,
ist eine schnelle, persönliche, durch die selbstbewußte Ästhetik
der Erzählerin dynamisch in Gang gesetzte, zupackende Prosa. Dann
aber mittendrin diese Schludrigkeit von den "normalen Bereichen":
in wievielen, bitteschön? Warum hat niemand der Autorin gesagt,
daß ein Blutdruck nur in einem einzigen Bereich liegen kann, normal
oder nicht normal? Es lebte einmal eine Familie in Deutschland, die war furchtbar arm. Vater, Mutter und die beiden Kinder besaßen kein Eigenheim und keinen BMW der 7er Reihe. Ihr Farbfernseher war schon betagt und auch Videorecorder und CD-Player hatten bereits einige Jahre gedient. In den Ferien, wenn die anderen in der Karibik kreuzten oder nach Fernost starteten, mußten sie sich mit einem Billigflug nach Mallorca oder Gran Canaria begnügen. Und so weiter. Aber so gehts nicht. "Betagt" ist wohl eins
der betagtesten Wörter der deutschen Sprache, "gedient"
hat man allenfalls noch in der Armee des Kaisers, und daß Leute
in "der Karibik kreuzen", ist reine Hochglanz-Phrase. Sätze
ohne Selbstvertrauen: Warum muß überhaupt alles doppelt und
dreifach vorkommen? Was benötigt wird, ist le mot juste - das richtige
Wort, im Singular, und nicht die Flucht in die addierende Aufzählung. Nachdem mit so viel Mühe die möglichen und tatsächlichen Vorwände hin- und hergerückt worden waren, kam schließlich die Hauptwand zum Vorschein. Oder so: Was des einen Eule, sei des anderen Nachtigall, hast
du einmal behauptet, und daß die Zeit der Lerchen nie und niemals
mehr anbrechen würde. Oder so: Wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis tanzen. Ich bin vernünftiger und gehe in die Kneipe nebenan. Oder, besonders schief durchwachsen, so: Was ich mir nie träumen ließ, wurde mir nicht an der Wiege gesungen. Kann ich davon auch ein Lied summen, so ist mir sein Ende doch unbekannt, mag es nun dick sein oder gut. Von oben jedenfalls, so hört man, kommt alles Gute. Niemand weiß, wo es hingeht. Einfälle solcher Schlichtheit eignen sich als sparsam zu verwendende
Farbtupfer, zur gelegentlichen Erheiterung, zur mittleren Kabarett-Nummer,
aber man kann ihnen nicht trauen: Sie sind nie der Kern, der tragfähige
Boden, der Ariadnefaden einer Geschichte. Abends wachsen die Beine der Stühle in den Teppichboden. Ich weiß, daß sie dort die Füße ausstrecken, sich mit den Nägeln kleine, gemütliche Gruben in den Beton der Etagendecke graben. Ab und zu wippt einer von ihnen mit den Zehen, dann wölbt sich schnell eine kleine Beule in den Fußbodenbelag. Auch die eingangs erwähnte Geschichte von Tilla, die zu ihrer
Beerdigung ein noch von ihr besprochenes Tonband über ihre diversen
Morde ablaufen läßt, hat einen guten Anfang und eine langsamere
Mitte, die dann aber Seite für tranige Seite nicht zum Schluß
findet. |
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