Nr. 25, Mai 2000
 
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 Günter de Bruyn
 H.-J. Gehrke
 Iris Anna Otto

 

 

Schreibübungen, dringend

Ich war lange unentschlossen, diese Rezension zu unternehmen. Bei der Lektüre kam es nämlich zu verunsichernden Gemütsausschlägen: mal freundliches Lesevergnügen, und dann plötzlich wieder Ärger und Verdrossenheit, die einem den Gedanken nahelegten, man täte der Autorin und dem Verlag den größeren Gefallen durch höfliches Verschweigen. Erst spät siegten Mitgefühl und ein gewisser Respekt über das Wechselspiel.
Kein Zweifel: Die siebenundvierzigjährige Iris Anna Otto hat etwas zu erzählen. Das Dumme ist nur, daß sie selbst dann erzählt, wenn sie nichts zu erzählen hat. Und kein Zweifel: Sie kann schreiben. Das Verdrießliche ist nur, daß sie ihre Schreibe nicht im Zaum hält. Was damit gemeint ist? Zum Beispiel:

Ich richtete den Blick auf die Kerzen, die rechts und links von Tillas Sarg flackerten und die Konzentration auf meinen Blutdruck, der - wie ich mir suggerierte - in ganz normalen Bereichen lag. Die Kerzen tropften. Nur billige Kerzen tropfen. Es ist alles eine Frage des guten Stils. Entweder man hat ihn. Tillas Sarg war nicht einmal aus Eiche.

Über das Komma, das hinter "flackerten" fehlt, wird noch zu sprechen sein. Hier aber erst einmal dies: Was wir vor uns haben, ist eine schnelle, persönliche, durch die selbstbewußte Ästhetik der Erzählerin dynamisch in Gang gesetzte, zupackende Prosa. Dann aber mittendrin diese Schludrigkeit von den "normalen Bereichen": in wievielen, bitteschön? Warum hat niemand der Autorin gesagt, daß ein Blutdruck nur in einem einzigen Bereich liegen kann, normal oder nicht normal?
Vielleicht klingt das manchem zu beckmesserisch. Na schön, dann ein schlimmeres Beispiel, wie ein vielleicht hübscher Einfall verschenkt und breitgeschrieben wird:

Es lebte einmal eine Familie in Deutschland, die war furchtbar arm. Vater, Mutter und die beiden Kinder besaßen kein Eigenheim und keinen BMW der 7er Reihe. Ihr Farbfernseher war schon betagt und auch Videorecorder und CD-Player hatten bereits einige Jahre gedient. In den Ferien, wenn die anderen in der Karibik kreuzten oder nach Fernost starteten, mußten sie sich mit einem Billigflug nach Mallorca oder Gran Canaria begnügen.

Und so weiter. Aber so gehts nicht. "Betagt" ist wohl eins der betagtesten Wörter der deutschen Sprache, "gedient" hat man allenfalls noch in der Armee des Kaisers, und daß Leute in "der Karibik kreuzen", ist reine Hochglanz-Phrase. Sätze ohne Selbstvertrauen: Warum muß überhaupt alles doppelt und dreifach vorkommen? Was benötigt wird, ist le mot juste - das richtige Wort, im Singular, und nicht die Flucht in die addierende Aufzählung.
Auch die einzelnen Geschichten dieses Sammelbändchens sind von erstaunlicher ungleicher Qualität. Es gibt hier welche, die quälen sich inhaltslos und seitenlang mit einer einzigen Kalauer-Idee dahin, etwa mit diesem Ausgangspunkt (der leider keiner bleibt, sondern ausgewalzt wird):

Nachdem mit so viel Mühe die möglichen und tatsächlichen Vorwände hin- und hergerückt worden waren, kam schließlich die Hauptwand zum Vorschein.

Oder so:

Was des einen Eule, sei des anderen Nachtigall, hast du einmal behauptet, und daß die Zeit der Lerchen nie und niemals mehr anbrechen würde.
Dann stand ich da mit dem Spatzen in der Hand, aber dir gehörten sämtliche Tauben auf den Dächern der Stadt.

Oder so:

Wenn es dem Esel zu wohl ist, geht er aufs Eis tanzen. Ich bin vernünftiger und gehe in die Kneipe nebenan.

Oder, besonders schief durchwachsen, so:

Was ich mir nie träumen ließ, wurde mir nicht an der Wiege gesungen. Kann ich davon auch ein Lied summen, so ist mir sein Ende doch unbekannt, mag es nun dick sein oder gut. Von oben jedenfalls, so hört man, kommt alles Gute. Niemand weiß, wo es hingeht.

Einfälle solcher Schlichtheit eignen sich als sparsam zu verwendende Farbtupfer, zur gelegentlichen Erheiterung, zur mittleren Kabarett-Nummer, aber man kann ihnen nicht trauen: Sie sind nie der Kern, der tragfähige Boden, der Ariadnefaden einer Geschichte.
Hier nun aber mal ein Beispiel für einen nur fast vertanen Anfang, auch wenn der erste Satz auch schon der beste ist:

Abends wachsen die Beine der Stühle in den Teppichboden. Ich weiß, daß sie dort die Füße ausstrecken, sich mit den Nägeln kleine, gemütliche Gruben in den Beton der Etagendecke graben. Ab und zu wippt einer von ihnen mit den Zehen, dann wölbt sich schnell eine kleine Beule in den Fußbodenbelag.

Auch die eingangs erwähnte Geschichte von Tilla, die zu ihrer Beerdigung ein noch von ihr besprochenes Tonband über ihre diversen Morde ablaufen läßt, hat einen guten Anfang und eine langsamere Mitte, die dann aber Seite für tranige Seite nicht zum Schluß findet.
Von groben Fehlern frei ist die schön schwarze Geschichte "In deines Gottes Garten" (auch wenn ganz zuletzt wieder nicht einzusehen ist, warum die toten Fische sich ausgerechnet und platt "köstlich" amüsieren müssen!).
Noch einmal: Kein Zweifel, daß Iris Anna Otto schreiben kann. Sie hat einen wachen Blick für das Unheimliche im Alltag, für "Die Feindseligkeit der Dinge" (so der Titel einer Geschichte). Sie bräuchte nur dringend jemanden, der ihr diszipliniert die Hand führt. Der ihr zum Beispiel mit Empathie sagt: Warum das Gemeinte hier doppelt und dreifach ausdrücken? Haben wir nicht ein einfaches, aber treffendes Wort? Ist dieses Adjektiv vielleicht nicht doch zu verbraucht? Zu unüberraschend? Kann man diesen Absatz, der kaum Neues bringt und den Gang der Handlung nur aufhält, unter Umständen streichen? Hätten Sie nicht Lust, mal was anderes als diese möglicherweise doch etwas gehäuften Sprichwörter-Paraphrasen zu machen? Und, mal ganz offen, die Schlußpointe "Später wurde es noch ganz lustig." ist so viel besser als die ganze Geschichte davor, daß da was ausm Gleichgewicht ist, finden Sie nicht auch, Frau Otto? So in der Art.
Daß der Verlag sich diese Mühe nicht gemacht hat, ist offensichtlich. Er hat, sehr bedauerlicherweise, seine wesentliche Aufgabe versäumt: Jung-Autoren nicht das hurtige Gefühl zu geben, sie seien schon deshalb zu Höherem berufen, nur weil sie mal für ein geglücktes Prosastückchen einen Preis bekommen haben - auch wenn es, wie in diesem Fall, der Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis war. Sondern durch kluge Auswahl (und das heißt auch: Ablehnung) erst einmal einen Sinn für literarische Qualität aufrechterhalten.
Aber kann man das noch erwarten, wenn der Lektor die Sprache seiner Autorin nicht einmal mehr auf fehlende Kommata durchsieht?

Alexandra Simon

Iris Anna Otto
Salute, Amore, Pesetas. Satiren, Grotesken, Phantasmagorien, Psychedelica
Kranichsteiner Literaturverlag, Darmstadt 1994
13 x 20,5 Zentimeter, 159 Seiten
DM 24,80, öS 194, sFr 26,10

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