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Zustand: kritisch Günter de Bruyn ist einer der drei oder vier großen deutschen
Essayisten der Gegenwart. Der einzige Einwand, der gegen seine Prosastücke
in "Deutsche Zustände" vorzubringen wäre, ist ein
formaler: Die Beiträge im zweiten Teil, betitelt "Märkisch-Berlinisches",
haben wenig gemeinsam mit den Beiträgen im dritten Teil, "Literarisches".
Aber womöglich zielt sogar diese Verlegenheitskritik ins Leere.
Denn in beiden Abteilungen geht der Autor den Fernwirkungen des Vergangenen
nach, und die findet er in der Staats-Historie mit derselben Souveränität,
demselben durch leicht melancholische Weisheit geschärften Blick
wie in der Literaturgeschichte: "Deutsche Zustände" hier
wie Dieses Denkmodell von Erziehungsproblemen in Diktaturen, das in den Sekunden, in denen der Engel alle zum Schweigen gebracht hatte, entworfen wurde, war zwar prinzipiell richtig, dadurch aber, daß es nur die Extreme bedachte, vom wirklichen Leben entfernt. Es gab nämlich nicht nur das Aufgeben oder Festhalten, das Sich Treu-Bleiben oder Anpassen, sondern auch, was weitaus häufiger war, viele Mittelwege, darunter vor allem den der Scheinanpassung, bei der man das Eigne dadurch bewahrte, daß man es nur in den eignen vier Wänden verlautbarte, draußen aber, wo man wie ein anderer lebte, es schweigen hieß. Man muß, sagt der Autor, sich "so genau und so ehrlich wie
möglich erinnern", wenn man sich anderen - hier: den Westdeutschen
- begreiflich machen will. Erinnerung aber bitte nicht nur an die Diktatur
des DDR-Regimes, "sondern auch an die im Westen weitverbreitete
Meinung, daß man sich abfinden müsse mit der Teilung",
einer, fügen wir gern hinzu, durchaus parteiübergreifenden
Meinung. Und wir werden, sagt de Bruyn, noch eine ganze Weile an unsere
diversen Vergangenheiten, "ans problematische Nationale gebunden
sein, ob uns das gefällt oder nicht". Bedenken aber sollte man, daß sich die Begründung von Denkmalerhaltung niemals mit Hinweisen auf wirtschaftliche Vorteile oder auch auf Lebensqualitäten erschöpft. Um dieser Kulturaufgabe gerecht zu werden, müssen auch andere als auf gegenwärtigen Nutzen zielende Gründe berücksichtigt werden, die einer auf materiellen Wohlstand orientierten Gesellschaft nicht so eingängig sind. Ich meine damit so Unzeitgemäßes wie Pflicht, Ehrfurcht, Verantwortung oder auch (man verzeihe das altmodische Wort) Pietät. Sollten diese in Zahlen nicht faßbaren Werte, die heute nur selten vermittelt werden, tatsächlich im Sterben liegen, kämen wir einer hochtechnisierten Barbarei näher, und mehr müßte dann zu Grabe getragen werden als nur der Denkmalschutz. Im dritten Teil "Literarisches" beschäftigt sich de Bruyn mit der Freude am Lesen (von Lyrik), dann vor allem mit Theodor Fontane, den er gegen eine schnelle parteipolitische Vereinnahmung in Schutz nimmt, und zum Schluß mit Heinrich Böll ("Über Böll, das Geschwätz und das Schweigen"): In einer Unterhaltungssendung des Fernsehens, die den Absatz von Büchern fördert und Nicht-Leser unter den Zuschauern zum Mitreden in literarischen Fragen befähigt, war kürzlich von einem Buch die Rede, das man, vor allem fehlender Indiskretionen wegen, für eine gänzlich verunglückte Hervorbringung hielt. Vierstimmig, mit Variationen und verhaltenen Gegentönen, fand man das Buch überflüssig und langweilig. Wie "konnte das Unglück geschehen"? Dadurch, daß "der langweilende Autor, nach eigener Aussage, Heinrich Böll verehrt hatte". "Vor Böll kniet er nieder!" rief also der Zweite mit spöttisch erhobener Stimme, sich aus dem Sessel erhebend und den Zeigefinger anklagend zum Himmel reckend." Worauf der Autor seine eigenen Lese-Erziehung beschreibt, die in eine Würdigung des TV-Geschmähten mündet: Lesen gelernt im buchstäblichen Sinne habe ich als Kind an Karl Mays Romanen; an Böll aber habe ich als junger Mann erst so richtig begriffen, wie die Bücher mit den Erlebnissen und Erfahrungen, mit politischen Ansichten und historischen Situationen zusammenhängen; und bei beiden Autoren, denen ich noch einige weitere hinzufügen könnte, haben die Kunstfehler, die beide (natürlich in kaum vergleichbarer Weise und Stärke) aufweisen, den Genuß an ihnen, ohne welchen weder der Lernprozeß noch die Lebenshilfe möglich gewesen wären, in keiner Weise gestört, ja, ich habe sie kaum bemerkt. Böll wird uns, sagt der Autor voraus, als einer in Erinnerung
bleiben, von dem "die Würde und das Mitleid ausgehen - als
einzige Chance für eine menschliche, halbwegs bewohnbare Welt". Christian Meyers Günter de Bruyn |
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