Nr. 25, Mai 2000

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Kommentar
Gastkolumnen

 

 

Anatol

Das CDU-Fest der Verlogenheit

Als der Parteitag glücklich vorbei war, setzte der bayerische Ministerpräsident, für solche Auftritte durch eine harte Schule gegangen, seinen eigenen unredlichen Schlußpunkt: Er packte mit beiden Pratzen die Hand der frischgewählten Vorsitzenden, blickte ihr überwältigt in die Augen und konnte offenbar nur noch gepreßt herausstammeln: "Exzellent gemacht, das sind wirklich - [mehrere Sekunden Pause] - äh - Tage des Aufbruchs!" Spontan? Ha bloody ha! Nicht einmal in der langen Nachdenkpause war ihm etwas Persönliches eingefallen, sondern bloß der Slogan, den alle Redner zwei Tage lang zu Tode gebetet hatten. Aber selbst das Abgelutschte verkündigte er mit dem Aplomb der bewußten Lüge.
Daneben waren manche Peinlichkeiten direkt erfrischend. Geradezu menschlich. Wenn zum Beispiel Stoibers saarländischer Kollege den Eben-noch-Vorsitzenden in langatmigen Variationen einen "Sisyphus" nannte (nur weil der so Angesprochene irgendwann mal Politik als "Sisyphus-Arbeit" bezeichnet hatte). Schäuble, humanistisch wohl gebildeter als der Redner, lächelte sich süßsauer durch das ausgewalzte Nicht-Kompliment. Oder auch dies: Wie dem Sisyphus zum Abschluß seiner anderthalb Jahre ein - man faßt es nicht - Laptop (!) überreicht wurde, der jubelnden Menge (aber diese Menge jubelte hier fast sechsunddreißig Stunden lang über fast alles) präsentiert wie eine Monstranz, ach was: wie ein eben erst entdeckter Rembrandt, gekrönt von dem selbstbegeisterten Hinweis auf den Internet-Zugang und die schon eingerichtete "persönliche" Website (!), auf der man nun live (!) zusehen konnte, wie die virtuellen Fans herandrängten: ganze zwei während der Überreichung, wie das Podium andächtig mitzählte. Ja gell, die moderne Technik! Wieder mußte der Abgehalfterte lächeln, er hatte keine andere Wahl.
So zeitnah ist diese CDU nach ihrem - äh - Aufbruch. Ihre andere, ebenso frische Modernität, die Mitrede-Erlaubnis für die Basis, hatte mit der Kür Merkels ihre Gefühlsschuldigkeit getan und durfte fallengelassen werden. Ab jetzt wurde jeder noch so gut begründete Versuch, die glatte Abstimmungslinie durch eigene Anträge etwas aufzubürsten, fachmännisch abgewehrt, ein Delegierter nach dem andern niedergebügelt - und jedesmal von Rupert Scholz, diesem gnadenlosen Regisseur und Programmchef.
Nun aber Angela, der Engel, das Ex-Mädchen, die Jungfrau von Essen-Orléans.
Man hatte durchsickern lassen, sie habe selbst - noch am Morgen der Ansprache - ihre Rede eigenhändig überarbeitet. Wer es gut mit ihr meint, muß das für Desinformation halten. Andernfalls hätte die eben noch einigermaßen authentische Merkel in atemberaubender Schnelle gelernt, politisch so kaltschnäuzig zu lügen, wie man es bislang nur von westlichen Profis gewohnt war.
Ihre Rede nämlich hatte mit dem Menschen, den man als Kandidatin kannte, nichts mehr zu tun. Sie hatte nichts mehr von einem mutigen Charakter, von neuer Aufrichtigkeit, eigenen Gedanken (mein Gott!, wie lange ist ihr Wort von der CDU-"Pubertät" schon wieder her), nicht mal mehr Residuen irgendeiner Liberalität. Statt dessen leierte sie den kompletten Katechismus konservativer Pflichtbekenntnisse herunter - mit der unbeteiligten Bravheit eines Angeklagten im Schauprozeß. Und tapfer rief ihr Stimmchen die immergleichen platten Kampfaufrufe in den Saal ("Rot-Grün kann sich warm anziehen!"). Nicht erfolglos: dreiundachtzigmal Beifall, von "vereinzelt" bis "langanhaltend lebhaft".
Und doch: Die Frau und die nicht zu ihr passende Rede waren eine lange rhetorische Tragödie. Hatte man sie vorher gedopt, gar durch Isolationsfolter gefügig gemacht? Noch mal: Wer es gut mit ihr meint, muß vermuten, die geballte Partei-Mafia hat ihr diesen Redetext unter fürchterlichen Drohungen, wenn nicht unter Gewaltanwendung aufgenötigt. Und jetzt hat sie sich zurückgezogen - eine Schreckreaktion. Für diese Annahme spricht, daß die neue Vorsitzende seit ihrer jammervollen Rede nicht mehr öffentlich aufgetreten ist.
An ihrer Stelle führen nun der Fraktionschef und der Bayer die Partei und das große Wort: Sie wollen eine irrwitzige Rentenbesteuerung bzw. schreiben an Prodi um Hilfe für die Atomindustrie, verlangen "ein Stück weit" (ach, unsterblicher Engholm!) Aufklärung über den Stammtischen bzw. monatliche Strategie-Treffen zum ideologischen Schulterschluß - und wo ist in all dem Aufruhr Angie?
Wie figura zeigt, hat man die Kleine gut im Griff. Halten dunkle Funktionäre sie am Ende vielleicht irgendwo gefangen? In einem Keller der Staatsbürgerlichen Vereinigung? In einem Liechtensteiner Safe?

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