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Anatol
Das CDU-Fest der Verlogenheit
Als der Parteitag glücklich vorbei war, setzte der bayerische
Ministerpräsident, für solche Auftritte durch eine harte Schule
gegangen, seinen eigenen unredlichen Schlußpunkt: Er packte mit
beiden Pratzen die Hand der frischgewählten Vorsitzenden, blickte
ihr überwältigt in die Augen und konnte offenbar nur noch
gepreßt herausstammeln: "Exzellent gemacht, das sind wirklich
- [mehrere Sekunden Pause] - äh - Tage des Aufbruchs!" Spontan?
Ha bloody ha! Nicht einmal in der langen Nachdenkpause war ihm etwas
Persönliches eingefallen, sondern bloß der Slogan, den alle
Redner zwei Tage lang zu Tode gebetet hatten. Aber selbst das Abgelutschte
verkündigte er mit dem Aplomb der bewußten Lüge.
Daneben waren manche Peinlichkeiten direkt erfrischend. Geradezu menschlich.
Wenn zum Beispiel Stoibers saarländischer Kollege den Eben-noch-Vorsitzenden
in langatmigen Variationen einen "Sisyphus" nannte (nur weil
der so Angesprochene irgendwann mal Politik als "Sisyphus-Arbeit"
bezeichnet hatte). Schäuble, humanistisch wohl gebildeter als
der Redner, lächelte sich süßsauer durch das ausgewalzte
Nicht-Kompliment. Oder auch dies: Wie dem Sisyphus zum Abschluß
seiner anderthalb Jahre ein - man faßt es nicht - Laptop (!) überreicht
wurde, der jubelnden Menge (aber diese Menge jubelte hier fast sechsunddreißig
Stunden lang über fast alles) präsentiert wie eine Monstranz,
ach was: wie ein eben erst entdeckter Rembrandt, gekrönt von dem
selbstbegeisterten Hinweis auf den Internet-Zugang und die schon eingerichtete
"persönliche" Website (!), auf der man nun live (!) zusehen
konnte, wie die virtuellen Fans herandrängten: ganze zwei während
der Überreichung, wie das Podium andächtig mitzählte.
Ja gell, die moderne Technik! Wieder mußte der Abgehalfterte lächeln,
er hatte keine andere Wahl.
So zeitnah ist diese CDU nach ihrem - äh - Aufbruch. Ihre andere,
ebenso frische Modernität, die Mitrede-Erlaubnis für die Basis,
hatte mit der Kür Merkels ihre Gefühlsschuldigkeit getan und
durfte fallengelassen werden. Ab jetzt wurde jeder noch so gut begründete
Versuch, die glatte Abstimmungslinie durch eigene Anträge etwas
aufzubürsten, fachmännisch abgewehrt, ein Delegierter nach
dem andern niedergebügelt - und jedesmal von Rupert Scholz, diesem
gnadenlosen Regisseur und Programmchef.
Nun aber Angela, der Engel, das Ex-Mädchen, die Jungfrau von Essen-Orléans.
Man hatte durchsickern lassen, sie habe selbst - noch am Morgen der
Ansprache - ihre Rede eigenhändig überarbeitet. Wer es gut
mit ihr meint, muß das für Desinformation halten. Andernfalls
hätte die eben noch einigermaßen authentische Merkel in atemberaubender
Schnelle gelernt, politisch so kaltschnäuzig zu lügen, wie
man es bislang nur von westlichen Profis gewohnt war.
Ihre Rede nämlich hatte mit dem Menschen, den man als Kandidatin
kannte, nichts mehr zu tun. Sie hatte nichts mehr von einem mutigen
Charakter, von neuer Aufrichtigkeit, eigenen Gedanken (mein Gott!, wie
lange ist ihr Wort von der CDU-"Pubertät" schon wieder
her), nicht mal mehr Residuen irgendeiner Liberalität. Statt dessen
leierte sie den kompletten Katechismus konservativer Pflichtbekenntnisse
herunter - mit der unbeteiligten Bravheit eines Angeklagten im Schauprozeß.
Und tapfer rief ihr Stimmchen die immergleichen platten Kampfaufrufe
in den Saal ("Rot-Grün kann sich warm anziehen!"). Nicht
erfolglos: dreiundachtzigmal Beifall, von "vereinzelt" bis
"langanhaltend lebhaft".
Und doch: Die Frau und die nicht zu ihr passende Rede waren eine lange
rhetorische Tragödie. Hatte man sie vorher gedopt, gar durch Isolationsfolter
gefügig gemacht? Noch mal: Wer es gut mit ihr meint, muß
vermuten, die geballte Partei-Mafia hat ihr diesen Redetext unter fürchterlichen
Drohungen, wenn nicht unter Gewaltanwendung aufgenötigt. Und jetzt
hat sie sich zurückgezogen - eine Schreckreaktion. Für diese
Annahme spricht, daß die neue Vorsitzende seit ihrer jammervollen
Rede nicht mehr öffentlich aufgetreten ist.
An ihrer Stelle führen nun der Fraktionschef und der Bayer die
Partei und das große Wort: Sie wollen eine irrwitzige Rentenbesteuerung
bzw. schreiben an Prodi um Hilfe für die Atomindustrie, verlangen
"ein Stück weit" (ach, unsterblicher Engholm!) Aufklärung
über den Stammtischen bzw. monatliche Strategie-Treffen zum ideologischen
Schulterschluß - und wo ist in all dem Aufruhr Angie?
Wie figura zeigt, hat man die Kleine gut im Griff. Halten dunkle Funktionäre
sie am Ende vielleicht irgendwo gefangen? In einem Keller der Staatsbürgerlichen
Vereinigung? In einem Liechtensteiner Safe?
Ihr
Kommentar

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