Nr. 25, Mai 2000

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Interview
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

 

Interview mit Philipp Reuter, Autor von "Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"

Herr Reuter, Ihr Buch ist in der Piper-Reihe "Meisterwerke kurz und bündig" erschienen. Ist das jetzt der neue Trend: kleine Bücher zu schreiben, die einem das Lesen großer Bücher ersparen sollen?
Also das fängt hier ja gut an. - Im Ernst: Ich könnte es mir leicht machen und Ihnen sagen: Fragen Sie doch den Verlag, schließlich hat sich der die Reihe ausgedacht. Und wenn Sie sich manche Pressemitteilungen dazu ansehen, dann hat Ihr Verdacht möglicherweise eine gewisse Berechtigung. Aber von Trend kann hier keine Rede sein.
Vor allem nicht bei mir. Auch nicht in meinem Buch, bei dem ich nicht böse wäre, wenn es jemanden auf Proust selber neugierig machte.

Sie haben "Die Suche" vermutlich gelesen. Mehr als einmal?
Ja. Viermal insgesamt.

Im Original?
Zweimal. Selbstverständlich.

Wie schnell die vier Male hintereinander?
Ach du lieber Gott, mit langen Pausen dazwischen natürlich, über ein halbes Leben verteilt. Das erste Mal allerdings erst, als ich schon dreiundvierzig war.

Und warum haben Sie Proust überhaupt gelesen?
Weil es ein umfangreiches Werk ist. Ich hatte damals den Tick, am liebsten nur noch dicke Bücher zu lesen. Und zwar genau deshalb, weil sie dick waren. Oder weil sie schwer waren. Ich meinte damals, es mir nicht immer leicht machen zu sollen.

Wie schwer ist Ihnen die Lektüre der "Suche" dann gefallen?
Das war komisch: eigentlich überhaupt nicht. Ich war auf einen strapaziösen Marathon gefaßt, und dann wurde es mit einem Mal und gleich von Anfang an ein lustvoller Spaziergang. Ich war - um ganz offen zu sein - beim Lesen nicht mehr ganz bei Sinnen, wie hypnotisiert, süchtig. Später habe ich dann, wie in dem Piper-Buch ja auch beschrieben, festgestellt, daß es vielen anderen Menschen ganz genauso ging.
Und ich wollte damals natürlich nur noch so schreiben wie Proust - meine Sätze konnten mir gar nicht lang und kreisend genug sein. Gott sei Dank legte sich das dann bald wieder.

Können Sie sagen, woher diese Sogwirkung bei der Proust-Lektüre kommt?
Schwer zu sagen. Es gibt ja auch viele Menschen, sensible, kunstverständige durchaus, die eine solche Wirkung nicht im Geringsten spüren. Vielleicht kann man es so erklären: Beim Gang durch die Proustschen Sätze hat man irgendwann den Eindruck, man ist - körperlich, mit dem Geist sowieso - selbst dabei, wie Proust seine Gedanken, seine Bilder, seine Erinnerungen, lauter sehr vage Dinge erst einmal, in eine mitteilbare Sprache bringt, sozusagen vorbei an den aufgestellten Fallen der Grammatik und der Wortfindung. So als wäre man, wie Alice, in einer Zauberwelt, nur ist es keinesfalls irgendwie absurd wie dort, sondern eine immerwährende ernsthafte und - das ist das Schönste daran - erfolgreiche Suche nach der adäquaten sprachlichen Gestalt für etwas sehr Schwieriges und Kostbares und Relevantes. Ich glaube, es ist dieses spürbare Dabeisein, diese im Lesen sich einstellende Nähe zum Geheimnis der Kreativität, was die Lektüre so faszinierend macht.

Das hört sich ziemlich selbstbezogen an, um nicht zu sagen: abgehoben und realitätsfern. Oder sogar: fern von anderen Menschen.
Da haben Sie wahrscheinlich recht. Flapsig gesagt: Man schreibt eben nicht ungestraft ein solches Buch jahrelang im Bett allein. Andererseits wissen wir, wie gern Proust unter Menschen ging (auch wenn er sich ihre Freundlichkeit oft durch übertriebene Großzügigkeiten erkauft hat) und daß er niemals einen ihm erwiesenen Freundschaftsdienst vergessen hat. Es ist eben nicht einfach Deckungsgleichheit herzustellen zwischen Werk und Biographie. Nicht einmal an Prousts Lebensende, als er buchstäblich gegen die Krankheit anschrieb (und gegen den Tod). Man kann zwar sagen, auch das Werk steht gegen Tod und Vergänglichkeit. Aber das Werk behauptet sich schließlich, es überlebt, während Proust stirbt. Das sind zwei inkommensurable Welten.

Damit nähme der Leser also teil an der kulturellen Unsterblichkeit des Autors. Ist das nicht ein bißchen anmaßend?
Es geht hier nicht um die Unsterblichkeit des Autors, kulturell oder geistig oder sonstwie. Das meine ich nicht. Sondern ganz altmodisch in neo-dekonstruktivistischen Zeiten: Die Entäußerung, die Objektivierung, die gelingende Erinnerungsarbeit ist das Dauernde - und wiederum das nur in unserer Erinnerung Dauernde, und bezahlt wird das Gelingen mit dem Leben. Es geht um das Werk, nicht um den Autor.
Der Leser begleitet also im Buch die Entstehung des Buches. Der Erzähler ist ja auch erst ganz am Schluß der sieben Bände, auf der allerletzten Seite, von seiner schriftstellerischen Fähigkeit überzeugt. Erst jetzt, nach mehr als viertausend Seiten sagt er, kann er mit dem Schreiben beginnen - mit dem Schreiben der "Suche" wohlgemerkt.

Eine frühe Selbstreferenz.
Richtig. Aber trotz dieser scheinbaren - und auch nur punktuellen - Modernität ist Proust heute natürlich weitgehend unzeitgemäß. Seine ja nicht nur sprachliche Eleganz, der gepflegte Stil im Auftreten wie im Schreiben, seine Suche nach dem einzig richtigen Wort, in ziemlicher Entsprechung zu seiner Höflichkeit, dem passenden Verhalten Mitmenschen gegenüber - das alles sind Werte, mit denen die Gesellschaft gegenwärtig nicht befaßt ist. Sie schlägt sich zur Zeit mit anderen Problemen herum - der Authentizität etwa, der Individualität. Ich will mich hier jeder Wertung enthalten, aber doch anmerken: Es könnte auch mal eine Zeit kommen, in der die Fragen Prousts auch die Fragen der Gesellschaft sind. Vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar, war Proust von seinem ersten Buch an unzeitgemäß und ist es bis heute. Aber das ändert sich irgendwann wieder. Und solange kann das Werk ruhig warten.

Sogar ungelesen?
Naja, ein paar Begeisterte wird es immer geben. Und alle anderen Interessierten könnten sich inzwischen ja das Piper-Bändchen kaufen.

Was angenehmerweise nicht ganz so dick ist.
Nein, es hat nur hundertzwölf Seiten. Und viel kürzere Sätze.

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