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Interview mit Philipp Reuter, Autor von "Prousts Auf der Suche
nach der verlorenen Zeit"
Herr Reuter, Ihr Buch ist in der Piper-Reihe "Meisterwerke
kurz und bündig" erschienen. Ist das jetzt der neue Trend:
kleine Bücher zu schreiben, die einem das Lesen großer Bücher
ersparen sollen?
Also das fängt hier ja gut an. - Im Ernst: Ich könnte es mir
leicht machen und Ihnen sagen: Fragen Sie doch den Verlag, schließlich
hat sich der die Reihe ausgedacht. Und wenn Sie sich manche Pressemitteilungen
dazu ansehen, dann hat Ihr Ve rdacht
möglicherweise eine gewisse Berechtigung. Aber von Trend kann hier
keine Rede sein.
Vor allem nicht bei mir. Auch nicht in meinem Buch, bei dem ich nicht
böse wäre, wenn es jemanden auf Proust selber neugierig machte.
Sie haben "Die Suche" vermutlich gelesen. Mehr als einmal?
Ja. Viermal insgesamt.
Im Original?
Zweimal. Selbstverständlich.
Wie schnell die vier Male hintereinander?
Ach du lieber Gott, mit langen Pausen dazwischen natürlich, über
ein halbes Leben verteilt. Das erste Mal allerdings erst, als ich schon
dreiundvierzig war.
Und warum haben Sie Proust überhaupt gelesen?
Weil es ein umfangreiches Werk ist. Ich hatte damals den Tick, am liebsten
nur noch dicke Bücher zu lesen. Und zwar genau deshalb, weil sie
dick waren. Oder weil sie schwer waren. Ich meinte damals, es mir nicht
immer leicht machen zu sollen.
Wie schwer ist Ihnen die Lektüre der "Suche" dann
gefallen?
Das war komisch: eigentlich überhaupt nicht. Ich war auf einen
strapaziösen Marathon gefaßt, und dann wurde es mit einem
Mal und gleich von Anfang an ein lustvoller Spaziergang. Ich war - um
ganz offen zu sein - beim Lesen nicht mehr ganz bei Sinnen, wie hypnotisiert,
süchtig. Später habe ich dann, wie in dem Piper-Buch ja auch
beschrieben, festgestellt, daß es vielen anderen Menschen ganz
genauso ging.
Und ich wollte damals natürlich nur noch so schreiben wie Proust
- meine Sätze konnten mir gar nicht lang und kreisend genug sein.
Gott sei Dank legte sich das dann bald wieder.
Können Sie sagen, woher diese Sogwirkung bei der Proust-Lektüre
kommt?
Schwer zu sagen. Es gibt ja auch viele Menschen, sensible, kunstverständige
durchaus, die eine solche Wirkung nicht im Geringsten spüren. Vielleicht
kann man es so erklären: Beim Gang durch die Proustschen Sätze
hat man irgendwann den Eindruck, man ist - körperlich, mit dem
Geist sowieso - selbst dabei, wie Proust seine Gedanken, seine Bilder,
seine Erinnerungen, lauter sehr vage Dinge erst einmal, in eine mitteilbare
Sprache bringt, sozusagen vorbei an den aufgestellten Fallen der Grammatik
und der Wortfindung. So als wäre man, wie Alice, in einer Zauberwelt,
nur ist es keinesfalls irgendwie absurd wie dort, sondern eine immerwährende
ernsthafte und - das ist das Schönste daran - erfolgreiche Suche
nach der adäquaten sprachlichen Gestalt für etwas sehr Schwieriges
und Kostbares und Relevantes. Ich glaube, es ist dieses spürbare
Dabeisein, diese im Lesen sich einstellende Nähe zum Geheimnis
der Kreativität, was die Lektüre so faszinierend macht.
Das hört sich ziemlich selbstbezogen an, um nicht zu sagen:
abgehoben und realitätsfern. Oder sogar: fern von anderen Menschen.
Da haben Sie wahrscheinlich recht. Flapsig gesagt: Man schreibt eben
nicht ungestraft ein solches Buch jahrelang im Bett allein. Andererseits
wissen wir, wie gern Proust unter Menschen ging (auch wenn er sich ihre
Freundlichkeit oft durch übertriebene Großzügigkeiten
erkauft hat) und daß er niemals einen ihm erwiesenen Freundschaftsdienst
vergessen hat. Es ist eben nicht einfach Deckungsgleichheit herzustellen
zwischen Werk und Biographie. Nicht einmal an Prousts Lebensende, als
er buchstäblich gegen die Krankheit anschrieb (und gegen den Tod).
Man kann zwar sagen, auch das Werk steht gegen Tod und Vergänglichkeit.
Aber das Werk behauptet sich schließlich, es überlebt, während
Proust stirbt. Das sind zwei inkommensurable Welten.
Damit nähme der Leser also teil an der kulturellen Unsterblichkeit
des Autors. Ist das nicht ein bißchen anmaßend?
Es geht hier nicht um die Unsterblichkeit des Autors, kulturell oder
geistig oder sonstwie. Das meine ich nicht. Sondern ganz altmodisch
in neo-dekonstruktivistischen Zeiten: Die Entäußerung, die
Objektivierung, die gelingende Erinnerungsarbeit ist das Dauernde -
und wiederum das nur in unserer Erinnerung Dauernde, und bezahlt wird
das Gelingen mit dem Leben. Es geht um das Werk, nicht um den Autor.
Der Leser begleitet also im Buch die Entstehung des Buches. Der Erzähler
ist ja auch erst ganz am Schluß der sieben Bände, auf der
allerletzten Seite, von seiner schriftstellerischen Fähigkeit überzeugt.
Erst jetzt, nach mehr als viertausend Seiten sagt er, kann er mit dem
Schreiben beginnen - mit dem Schreiben der "Suche" wohlgemerkt.
Eine frühe Selbstreferenz.
Richtig. Aber trotz dieser scheinbaren - und auch nur punktuellen -
Modernität ist Proust heute natürlich weitgehend unzeitgemäß.
Seine ja nicht nur sprachliche Eleganz, der gepflegte Stil im Auftreten
wie im Schreiben, seine Suche nach dem einzig richtigen Wort, in ziemlicher
Entsprechung zu seiner Höflichkeit, dem passenden Verhalten Mitmenschen
gegenüber - das alles sind Werte, mit denen die Gesellschaft gegenwärtig
nicht befaßt ist. Sie schlägt sich zur Zeit mit anderen Problemen
herum - der Authentizität etwa, der Individualität. Ich will
mich hier jeder Wertung enthalten, aber doch anmerken: Es könnte
auch mal eine Zeit kommen, in der die Fragen Prousts auch die Fragen
der Gesellschaft sind. Vielleicht, sehr wahrscheinlich sogar, war Proust
von seinem ersten Buch an unzeitgemäß und ist es bis heute.
Aber das ändert sich irgendwann wieder. Und solange kann das Werk
ruhig warten.
Sogar ungelesen?
Naja, ein paar Begeisterte wird es immer geben. Und alle anderen Interessierten
könnten sich inzwischen ja das Piper-Bändchen kaufen.
Was angenehmerweise nicht ganz so dick ist.
Nein, es hat nur hundertzwölf Seiten. Und viel kürzere Sätze.
Ihr
Kommentar
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