Nr. 25, Mai 2000
 
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Kommentar

Gastkolumnen:
H. Hentschel
A. Odenwald


 

 

Henky Hentschel

Brief aus Havanna (2)

Freunde, Feinde, Mitmenschen!
Ich schwöre es: Ich wollte heute nicht von Politik reden. Aber niemand, der nicht völlig zu ist, kann im Havanna dieser Tage das Thema Elián vermeiden. Weil der Knopf nämlich Schritt für Schritt den mächtigen Nachbarn im Norden dazu zwingt, sich eine neue Cuba-Politik zu schneidern. Seit dem 1. Januar 1959 ist es keinem Cubaner, der nicht Castro ermorden wollte, gelungen, eine Zwei-Drittel-Mehrheit der US-Bürger hinter sich zu bringen. Der Knopf und sein Vater Juán Miguel haben es geschafft.

Einige der Gegenspieler haben es ihnen leicht gemacht. Der famose Großonkel Lázaro ist als Säufer bekannt, und in seiner Zeit als Sportlehrer in Cuba soll er mit kleinen Buben rumgemacht haben. Zwei andere Mitglieder des Clans sind des Raubes angeklagt, und die hysterische Marisleysis ist der lebende Beweis für die Gefahren der "Freiheit".

Aber Castro und die Cubaner wollen nicht nur "unser Kind" zurück. Sie wollen auch das Gesetz aushebeln, das dieses Kind beinahe und seine Mutter tatsächlich umgebracht hat, das Gesetz zur "Anpassung der Cubaner". Das gibt es seit 1966, und es sagt schlicht, daß Cubaner, die die Insel illegal verlassen und das US-Festland illegal betreten haben (sogenannte ‘Flüchtlinge'), automatisch das Recht auf Arbeit und festen Wohnsitz in den USA erhalten. Wer also auf Grund seines Vorstrafenregisters keine Chance hat, legal und mit einem der 20000 pro Jahr ausgegebenen Visa ins Traumland auszuwandern, baut sich ein Boot, ein Floß oder sonst was Schwimmendes und haut ab. Oder er zahlt einem Profi aus Florida 8000 Dollar und läßt sich rüberbringen. Sechzig dieser ‘Fluchthelfer' sitzen in cubanischen Gefängnissen. Castro will sie los haben, damit sie in den USA vor Gericht gestellt werden, aber die Amis nehmen sie ihm nicht ab.

"Clinton ist ein Agent Castros und die Reno eine Faschistin." So weht es nach dem "schwärzesten Tag in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika" aus Miami herüber. Der Schwarzmaler heißt Jorge Más und ist der Boß der Cubanisch-Amerikanischen Nationalstiftung. Die hat sich seit dem 25. November um Elián gekümmert. Eine Mafia, umgeben von hauptberuflichen Terroristen. Die Cubaner können über die harten Sprüche nur lachen, was sie immer gerne tun. Dennoch ist vielen hier ein Stein vom Herzen gefallen, als die Bundesbullen das Kind seinen Entführern wegnahmen. Daß die den einträglichen Knaben am 39. Jahrestag der Niederlage des Söldnerheeres in der Schweinebucht herausrücken mußten, läßt hämische Freude aufkommen. Spontanen Siegesjubel hat der Graf - der Bobby Fischer der Weltpolitik - allerdings abgesagt. Er will keine weiteren Vorwände liefern. Als am Sonntag hier gewählt wurde, herrschte die rechte Stimmung für ein weiteres, nämlich unglaubliches Ergebnis: Wahlbeteiligung 98 Komma noch was, Enthaltungen 2,82, ungültige Stimmen 3,05 Prozent. Und nicht etwa, weil es keine Wahlkabinen gab. Demnach stehen also 93 Prozent der Leute hier hinter Fidel, zumindest solange keine Alternative in Sicht ist. Meine Erklärung: keine.

Die in Miami haben jedenfalls kräftig mitgeholfen. Sie waren sich so sicher gewesen, daß Eliáns Vater die zwei Millionen mit Handkuß nehmen und nie wieder nach Cuba zurückfahren würde. Pfeifendeckel! Der Mann weiß, daß er und seine Familie auf der Insel alles haben können, was sie brauchen. Sogar alles, was sie wollen. Sie sind zu Helden geworden.

So, und jetzt höre ich auf, euch mit Politik zu nerven.

In den letzten Wochen ist mir aufgefallen, daß es hier an einer Mittelschicht fehlt. Nein, nicht der cubanischen Gesellschaft. Die hat eine. Das ‘Castillo de Farnés" hat keine, meine Stammkneipe, in die ich reumütig aus dem ‘Two Brothers' zurückgekehrt bin, weil das ‘Two Brothers' doch eher etwas für Pärchen ist. Seither sitzt dauernd mindestens ein Reicher an meinem Tisch. Meistens sind es mehr als drei.
"Baust du noch Häuser?" hat gestern abend der deutsche Millionär den US-Millionär gefragt.
"Nö", antwortete der. "Ich hab genug. Ich geh in die Anden."
Dann kam der schwedische Millionär, und sie begannen, gemeinsam auf den Bierpreis in Norwegen zu schimpfen. Der dänische Millionär kam, nachdem er gerade in einem ‘Paladar' Teile einer naturgeschützten Schildkröte verzehrt hatte. Jetzt machte er sich Luft:
"Freunde, das ist eine Scheißinsel! Nicht mal geräucherte Gänsebrust gibt es!"
Der Schweizer Millionär kam noch später, denn er hatte an diesem Tag wieder drei Mädchen erwischt, die auf ihn hereingefallen waren. Er zahlte grundsätzlich nichts für Sex, traktierte jede der Damen aber rund zwei Stunden lang - und böse.

Wo Millionäre sind, da hat es auch ihre Trabanten. Die besorgen ihnen die Mädchen und die billigen Wohnungen. Die Millionäre aus dem ‘Castillo de Farnés' wohnen alle privat und illegal, vor allem aber zu Niedrigstpreisen. Sie trinken ihren Mojito da, wo er am wenigstens kostet, und die meisten sparen am Essen. Manche exportieren nebenbei noch cubanische Fahrräder, andere handeln mit tropischen Vögeln. Ihre Trabanten tun so, als wären sie - fast - auch Millionäre. So können sie ihr Schäfchen ins Trockene bringen, ohne daß klar wird, daß sie auf dem letzten Loch pfeifen. Und diese Zwei-Klassen-Gesellschaft ist anstrengend. Vor allem, wenn man der einzige Vertreter der Mittelschicht ist. Geh oder sauf dich voll, ist die Alternative.

Gegen Mitternacht kam gestern dann noch der Zahnklempner, der mit der Kneipe auf Mallorca. Er setzte sich, bestellte seinen Mojito, deutete auf ein Mädchen, stieß den deutschen Millionär an (den anderen) und sagte:
"Ich hab's dir ja gesagt: Es gibt noch jede Menge spaltbare Materie hier!"
Die Mittelschicht ging schlafen.

Ihr Kommentar


Andreas Odenwald

Wie man einen langsam sterben läßt

Die Sängerin Bessie Smith riet 1936 einer jungen Musikerin: "Versuche gar nicht erst, bei den Weißen Karriere zu machen, sie lassen Dich doch nicht hochkommen. Es ist besser, wir bleiben unter uns." Ein Jahr später, so will es die Legende, verblutete die "Kaiserin des Blues" nach einem Autounfall bei Memphis, weil die Ärzte eines Krankenhauses für Weiße sich geweigert hatten, die schwer Verletzte aufzunehmen.

Wenn Bessie Smith heute auf die Welt zurück käme, sie würde erst mal nicht glauben, was sie in "Gottes eigenem Land" sähe und hörte:

Oprah Winfrey, deren Charme, Intelligenz und großes Herz auch deutsche Zuschauer (auf tm3) bewundern können, ist die beliebteste und bestbezahlte Fernseh-Entertainerin der USA. Ihr Vorgänger auf diesem Thron war Bill Cosby, auch er auf unseren Bildschirmen kein Unbekannter.

Whitney Houston gehört (neben Madonna und Mariah Carey) zu den drei erfolgreichsten Popsängerinnen der Welt. Ihre ein Vierteljahrhundert ältere "soul sister" Aretha Franklin wurde vergangenes Jahr nach einem sensationellen Comeback im ganzen Land wie eine Heilige gefeiert – passend zu ihrer legendären 60er-Jahre-Hymne "Respect".

Eddie Murphy ist ein Hollywood-Star, der so beliebt und einflussreich ist, dass jeder Studio-Boss sich glücklich preist, der ihm ein Drehbuch andienen kann.

General Colin Powell erkämpfte sich vor neun Jahren, als oberster militärischer Befehlshaber im Golfkrieg, den Ruf eines Helden, und als er seine Erinnerungen zu Papier brachte, wurde das Buch ein Bestseller.

Jesse Jackson ist immer zur Stelle, wenn der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten in Nöten ist. Dann betet der Geistliche mit dem mächtigsten Mann der westlichen Welt oder läßt sich von ihm in Krisengebiete schicken.

Alle genannten Berühmtheiten haben zwei Dinge gemeinsam: die schwarze Hautfarbe und die weiße Weste, die sich Uncle Sam mit ihren Erfolgen überstreift.

Auf den ersten Blick hat Amerika seine moralischen Hausaufgaben tatsächlich gemacht. Die Elite des riesigen Landes gibt sich stolz auf Gleichberechtigung und gegenseitige Toleranz. Sie scheinen kein leerer Wahn mehr zu sein in dem Weltreich, in dem im 19. Jahrhundert über der Abschaffung der Sklaverei ein blutiger Bürgerkrieg entbrannte. Endgültig vorbei die Zeiten, an die allenfalls Showbusiness-Veteranen wie Ray Charles und B.B.King in ihren Lebensbeschreibungen noch diskret erinnern, als farbige Künstler auf ihren Tourneen die Hotels und Konzerthallen nur durch den Hintereingang und die Restaurants, in denen ihre weißen Kollegen speisten, gar nicht betreten durften.

Segregation in den Schulen, brutale Unrechts-Urteile zu Lasten der Farbigen, weiße Rassisten, die einen "Nigger" ungestraft peinigen oder gar lynchen durften – all dies gehört zum grausigen und, bis auf vereinzelte und stets landesweit angeprangerte Rückfälle, weitestgehend überwundenen Erbe der USA. Kein aufgeklärter weißer Zeitgenosse, keine Zeitung zwischen New Orleans und New Hampshire, die noch das diskriminierende Wort "Neger" verwenden. Die politisch korrekte Bezeichnung lautet "Afro-Amerikaner".

Auch der zweite Blick, etwa der, welcher sich einem Touristen eröffnet, verheißt nichts als Fortschritt: Der Pilot in der Linienmaschine, der Oberkellner im Restaurant, der Hotelmanager an der Rezeption, das Studentenpärchen im Park, sein Professor im Hörsaal, die Abteilungsleiterin im Kaufhaus, der Zahnarzt, der abends mit der U-Bahn die Stadt verlässt – sie alle hat man schon mit schwarzer Hautfarbe gesehen. Schwarze Familien leben als Vorzeige-Amerikaner in den bürgerlichen Vorstädten, Schwarze machen ein Vermögen an der Börse. Man braucht nicht mal nach Amerika zu reisen, um solcher sozialen Erfolgsstorys teilhaftig zu werden – die Lektüre der Zeitschrift "Ebony" (Elfenbein), in den USA das Zentralorgan farbiger Aufsteiger - bei uns an international bestückten Pressekiosken zu haben - , ist schon anschaulich genug.

Doch das fast schon idyllische Bild von der schwarzen Emanzipation bekommt Risse und hässliche Flecken, wenn man einen dritten Blick riskiert: ins Internet. Dort, im Nachrichten-Untergrund, wo es weder Kontrolle noch Zensur gibt, weit unterhalb der Oberfläche des schönen und oft falschen Scheins, kann jeder sagen was er will, und seinem Zorn über die nach seiner Meinung wahren gesellschaftlichen Zustände freien Auslauf lassen. Für eine stetig wachsende Zahl von Afro-Amerikanern ist das world wide web ein willkommenes und begierig genutztes Forum, sich über eine andere gesellschaftliche Wirklichkeit aus zu tauschen als jene, die von Zeitschriften, Fernsehsendern und Star-Biografien verbreitet wird.

"Black Power", die fast schon vergessene Kampfansage schwarzer Aktivisten aus den unruhigen 60er Jahren, ist wieder da – auf einem Schlachtfeld, auf dem keine Nationalgarde mehr Wasserwerfer, Gummiknüppel und Tränengas einsetzen kann. Wer dabei sein will, braucht, um sich Gehör zu verschaffen, nicht mehr auf die Straße und dort mit Gleichgesinnten Sprechchöre anzustimmen. Heute genügen ein Computer und ein Modem. Und genau mit diesen Waffen macht der Teil des schwarzen Amerikas, der an den neuen Mythos der Chancengleichkeit nicht glauben mag, an der Schwelle zum kommenden Jahrtausend mobil.

An der Spitze der neuen Bewegung, die immer bedrohlicher anschwillt und in die sich mittlerweile ein großer Teil der elf Millionen schwarzer Amerikaner einklickt, die Zugang zum Internet haben, sitzt ein Mann, der von seinen Anhängern als eine Mischung aus Revolutionär und Märtyrer verehrt wird. Das weiße Establishment hingegen, besonders das aus der Millionenstadt Philadelphia, fürchtet seine in unregelmäßigen Abständen erscheinende Kolumne auf der Website Afrikan.Net wie die Pest.

Das Wort "sitzt" ist mit Bedacht gewählt. Mumia Abu-Jamal, so heißt der Mann, der mit der Macht des geschriebenen Wortes und dem Mut der Verzweiflung kämpft, sitzt in Huntington im Staatsgefängnis von Pennsylvania – in der schlimmsten aller Abteilungen, der Todeszelle.

"Live From Death Row" , so lautet denn auch die passende und makabre Überschrift über seinen Attacken gegen das "weiße Unterdrückungs-System" und die "imperialistische Kriegsstrategie" der USA . Den selben Titel trug ein vor drei Jahren veröffentlichter Band mit ausgewählten Aufsätzen, mittlerweile in sieben Sprachen übersetzt. Er hat so einflussreiche Leser wie Nelson Mandela, so bedeutende Institutionen wie das Europäische Parlament erreicht, die sich seitdem den zahlreichen internationalen Appellen angeschlossen haben, Abu-Jamals drohende Hinrichtung zu verhindern, sein Verfahren neu aufzurollen. Das Buch wird vom Internet-Versender Amazon vertrieben; ein Teil des Erlöses kommt den Bemühungen um eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu Gute.

Seit 18 Jahren sitzt Abu-Jamal in der Todeszelle. Der Vollzug des Urteils wurde immer wieder mit juristischen Mitteln ausgesetzt – Ende Oktober vergangenen Jahres, nachdem der Instanzenweg des Staates Pennsylvania ausgeschöpft war, erstmals von einem Bundesrichter.
Nicht nur für die Anhänger Abu-Jamals, sondern auch für einen großen Teil der öffentlichen Meinung handelt es sich bei dem Todesurteil um einen zum Himmel schreienden Fall von Rassenjustiz. Für die Behörden von Philadelphia und die im Establishment der Stadt vorherrschende öffentliche Meinung hingegen ist der Verurteilte nicht mehr als ein "gewöhnlicher schwarzer Polizistenmörder, der zu viele Anwälte hat".

Mumia Abu-Jamal (bürgerlich: Wesley Cook) schloss sich bereits als Jugendlicher den "Black Panthern" von Pennsylvania an, wo er schnell in die Position eines "Informations-Ministers" aufstieg. Seit er 16 Jahre alt war, wurde er vom FBI überwacht. Zum Zeitpunkt seiner Verurteilung waren die Dossiers der Bundespolizei auf mehrere dicke Aktenordner angeschwollen, denn auch als Zeitungs- und Radiojournalist, mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, hatte er das offizielle Philadelphia bis aufs Blut gereizt. Abu-Jamals bevorzugte Themen waren so explosive Stoffe wie Fehlverhalten und Übergriffe der Polizei, Benachteiligung und Diskriminierung von Schwarzen.

Der Fall, der ihn in die Todeszelle bringen sollte, ereignete sich im Dezember 1981. Weil kaum eine Redaktion sich noch traute, ihn mit Artikeln zu beauftragen, was faktisch einem Berufsverbot gleich kam, arbeitete der Vater dreier Kinder als Taxifahrer. So auch an jenem kalten, windigen, regnerischen Abend, als Abu-Jamal seinen Wagen vor einer Menschenansammlung stoppte.

Was er sah, ließ ihn erregt das Fahrzeug verlassen: Ein Polizist prügelte gerade brutal auf seinen Bruder ein, der sich verzweifelt zur Wehr zu setzen versuchte. Abu-Jamal eilte zum Ort des Geschehens, brüllte den Polizisten an,wurde selber handgreiflich. Dann fielen mehrere Schüsse aus mindestens zwei Waffen: Der Polizist, Daniel Faulkner, erlitt einen tödlichen Schuss in den Rücken, Abu-Jamal eine harmlose Verwundung.

Was sich am Tatort wirklich abgespielt hat, wird bis auf den heutigen Tag heftig diskutiert. Das Gericht schloss sich der Version der Anklage an, Mumia Abu-Jamal habe geschossen. Er behauptet, der tödliche Schuss sei aus der schnell angewachsenen Menschenmenge gekommen.

Haarsträubende Ungereimtheiten haben die Ermittler und das Gericht immer wieder ins Zwielicht gebracht – freilich bisher ohne die Konsequenz einer Wiederaufnahme des Verfahrens. So gaben zwei Prostituierte, die Abu-Jamal bei der Verhandlung als Schützen identifiziert hatten, später zu, von der Polizei mit Drohungen zu dieser Aussage gewungen worden zu sein. Als skandalös wird vermerkt, dass Abu-Jamals Bruder als Zeuge abgelehnt wurde. Am abenteuerlichsten agierte das Gericht in Sachen Tatwaffe: Die Kugeln im Rücken des getöteten Beamten stammten aus einer 38er Pistole, der Revolver, den Abu-Jamal bei sich trug (und für den er einen Waffenschein besaß), hatte das Kaliber 45. Das Gericht unterstellte unbewiesen, er habe die Mordwaffe nach der Tat weggeworfen, ausgetauscht oder jemandem zugesteckt.

Der dem Schwurgericht (elf der zwölf Geschworenen waren weißer Hautfarbe) vorsitzende Richter Albert F. Sabo galt und gilt immer noch als der gnadenloseste Todesstrafen-Verhänger der Vereinigten Staaten. Bis heute hat er 31 Angeklagte in die Todeszelle geschickt, davon 29 Schwarze. Zweifel an seiner Unbefangenheit in dem Prozess wurden durch seine langjährige Mitgliedschaft in der "Polizei-Brüderschaft" genährt – auch als der Ex-Polizist Richter geworden war, verließ er die Standesorganisation nicht. Zeitweilig schloss er Abu-Jamal sogar vom Verfahren aus, weil dessen als umstürzlerisch empfundene Rastalocken die Juroren "nervös" machen würden. So musste der Angeklagte, der überdies einen unfähigen Verteidiger hatte, Teile des Verfahrens der Zeitung eintnehmen.

Dass und wie der Häftling Abu-Jamal heute seine ins Internet fließenden Attacken gegen das "neo-amerikanische Sklavensystem" aus dem Staatsgefängnis übermittelt, ist für die Anstaltsleitung Provokation und Rätsel. Mehrere Versuche, ihn zum Schweigen zu bringen, sind gescheitert. Selbstverständlich hat der Häftling keinen Computer mit Modem in der Zelle. Es wird vermutet, dass er sich mit seinen Besuchern einer verschlüsselten Sprache bedient, auf Hofgängen, beim Sport, beim Essenfassen oder bei der Zellenkontrolle auf die Hilfe nicht nur von Mithäftlingen, sondern auch sympathisierenden Wärtern rechnen kann.

Auch dem Herausgeber des Afrikan.Net, Jahfree Kupendua, ist nicht zu entlocken, wie genau er an seine explosive Kolumne kommt. Er bezeichnet seinen Mitarbeiter aus der Todeszelle als "den letzten, wirklich unabhängigen schwarzen Journalisten Amerikas".

www. afrikan.net
www.walrus.com
www.netnoir.net
www.blackgeeks.net

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