Nr. 25, Mai 2000
 
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Der Traum und die Wahrheit

gehen selten zusammen. Nur erfundene, genauer: gut erfundene Träume sprechen manchmal etwas wie Wahrheiten aus. Zu ihnen gehört der in Dostojewskis "Schuld und Sühne" von Raskolnikoff während seiner österlichen Krankheit erlebte Alptraum, eine Endzeit-Vision der Menschheit. Nicht alles, aber einiges darin erinnert an heutige - auch politische - Zustände, vor allem die gewalttätige Rechthaberei, die wie eine Pestilenz über die Menschen hergefallen ist:

Raskolnikoff lag die halbe Fastenzeit und die ganze Osterwoche im Krankenhaus. Schon während der Genesung begann er sich seiner Träume zu erinnern, die er im Fieber phantasierend gehabt hatte. Ihm träumte in der Krankheit, daß die ganze Welt dazu verurteilt war, einer schrecklichen, unerhörten und nie dagewesenen Pestilenz, die aus den Tiefen Asiens über Europa kam, zum Opfer zu falllen. Alle sollten zugrunde gehen, außer einigen sehr wenigen Auserwählten. Es waren seltsame neue Trichinen aufgetaucht, mikroskopische Lebewesen, die sich in den Menschenleibern einnisteten. Aber diese Lebewesen waren Geister, begabt mit Verstand und Willen. Die Menschen, die sie in sich aufgenommen hatten, gebärdeten sich sofort wie Besessene und Wahnsinnige. Aber noch nie, noch nie hatten Menschen sich für so klug gehalten und für so unerschütterlich in der Wahrheit, wie es diese Angesteckten taten. Nie hatten sie ihre Urteile, ihre wissenschaftlichen Ergebnisse, ihre sittlichen Überzeugungen und Glaubenssätze für unumstößlicher gehalten. Ganze Ortschaften, ganze Städte und Völker wurden angesteckt und gebärdeten sich wie Wahnsinnige. Alle waren in Aufregung und verstanden einander nicht, ein jeder meinte, nur er allein sei im Besitz der Wahrheit, und es quälte ihn der Anblick der anderen, er schlug sich an die Brust, weinte und rang die Hände. Man wußte nicht, wen und wie man richten sollte, man konnte nicht übereinkommen, was für böse und was für gut zu halten sei. Man wußte nicht, wen man anklagen, wen man freisprechen sollte. Die Menschen erschlugen einander in einer gleichsam sinnlosen Wut. Ganze Heere sammelten sich gegeneinander, aber sie begannen schon auf dem Marsch plötzlich sich selbst zu bekriegen, die Kämpfer stürzten sich aufeinander, stachen und mordeten, bissen sich gegenseitig und fraßen einander auf. In den Städten wurde den ganzen Tag die Sturmglocke geläutet: Alle wurden zusammengerufen, aber wer da rief und wozu man rief, das wußte niemand, jedoch alle waren in Aufregung. Man ließ das einfachste Handwerk im Stich, denn jeder kam mit seinen Gedanken, seinen Verbesserungen, die er vorschlug, und man konnte sich nicht einigen; der Ackerbau wurde eingestellt. Hier und da liefen Menschen zu Haufen zusammen, einigten sich über etwas, schwuren, einander nicht zu verlassen - aber gleich danach begannen sie etwas ganz anderes zu tun, als was sie soeben beschlossen hatten, begannen einander zu beschuldigen, wurden handgemein, fochten und schlugen sich gegenseitig tot. Feuersbrünste entstanden, Hungersnot trat ein. Alle und alles ging zugrunde. Die Pest schwoll an und verbreitete sich weiter und weiter. Retten konnten sich in der ganzen Welt nur einige Menschen, das waren die Reinen und Auserwählten, denen bestimmt war, ein neues Menschengeschlecht und ein neues Leben zu begründen, die Erde zu erneuern und zu säubern; aber niemand hatte diese Menschen irgendwo gesehen, niemand hatte ihr Wort und ihre Stimme gehört.

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