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Der Traum und die Wahrheit
gehen selten zusammen. Nur erfundene, genauer: gut
erfundene Träume sprechen manchmal etwas wie Wahrheiten aus. Zu
ihnen gehört der in Dostojewskis "Schuld und Sühne"
von Raskolnikoff während seiner österlichen Krankheit erlebte
Alptraum, eine Endzeit-Vision der Menschheit. Nicht alles, aber einiges
darin erinnert an heutige - auch politische - Zustände, vor allem
die gewalttätige Rechthaberei, die wie eine Pestilenz über
die Menschen hergefallen ist:
Raskolnikoff lag die halbe Fastenzeit und die ganze Osterwoche im Krankenhaus.
Schon während der Genesung begann er sich seiner Träume zu
erinnern, die er im Fieber phantasierend gehabt hatte. Ihm träumte
in der Krankheit, daß die ganze Welt dazu verurteilt war, einer
schrecklichen, unerhörten und nie dagewesenen Pestilenz, die aus
den Tiefen Asiens über Europa kam, zum Opfer zu falllen. Alle sollten
zugrunde gehen, außer einigen sehr wenigen Auserwählten.
Es waren seltsame neue Trichinen aufgetaucht, mikroskopische Lebewesen,
die sich in den Menschenleibern einnisteten. Aber diese Lebewesen waren
Geister, begabt mit Verstand und Willen. Die Menschen, die sie in sich
aufgenommen hatten, gebärdeten sich sofort wie Besessene und Wahnsinnige.
Aber noch nie, noch nie hatten Menschen sich für so klug gehalten
und für so unerschütterlich in der Wahrheit, wie es diese
Angesteckten taten. Nie hatten sie ihre Urteile, ihre wissenschaftlichen
Ergebnisse, ihre sittlichen Überzeugungen und Glaubenssätze
für unumstößlicher gehalten. Ganze Ortschaften, ganze
Städte und Völker wurden angesteckt und gebärdeten sich
wie Wahnsinnige. Alle waren in Aufregung und verstanden einander nicht,
ein jeder meinte, nur er allein sei im Besitz der Wahrheit, und es quälte
ihn der Anblick der anderen, er schlug sich an die Brust, weinte und
rang die Hände. Man wußte nicht, wen und wie man richten
sollte, man konnte nicht übereinkommen, was für böse
und was für gut zu halten sei. Man wußte nicht, wen man anklagen,
wen man freisprechen sollte. Die Menschen erschlugen einander in einer
gleichsam sinnlosen Wut. Ganze Heere sammelten sich gegeneinander, aber
sie begannen schon auf dem Marsch plötzlich sich selbst zu bekriegen,
die Kämpfer stürzten sich aufeinander, stachen und mordeten,
bissen sich gegenseitig und fraßen einander auf. In den Städten
wurde den ganzen Tag die Sturmglocke geläutet: Alle wurden zusammengerufen,
aber wer da rief und wozu man rief, das wußte niemand, jedoch
alle waren in Aufregung. Man ließ das einfachste Handwerk im Stich,
denn jeder kam mit seinen Gedanken, seinen Verbesserungen, die er vorschlug,
und man konnte sich nicht einigen; der Ackerbau wurde eingestellt. Hier
und da liefen Menschen zu Haufen zusammen, einigten sich über etwas,
schwuren, einander nicht zu verlassen - aber gleich danach begannen
sie etwas ganz anderes zu tun, als was sie soeben beschlossen hatten,
begannen einander zu beschuldigen, wurden handgemein, fochten und schlugen
sich gegenseitig tot. Feuersbrünste entstanden, Hungersnot trat
ein. Alle und alles ging zugrunde. Die Pest schwoll an und verbreitete
sich weiter und weiter. Retten konnten sich in der ganzen Welt nur einige
Menschen, das waren die Reinen und Auserwählten, denen bestimmt
war, ein neues Menschengeschlecht und ein neues Leben zu begründen,
die Erde zu erneuern und zu säubern; aber niemand hatte diese Menschen
irgendwo gesehen, niemand hatte ihr Wort und ihre Stimme gehört.
Ihr
Kommentar

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