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John Ralston Saul
Robbenbabys
Eine höhere Lebensform mit besonderer animistischer Macht über
die westeuropäische Phantasie.
In vielen Kulturen wickelten sich die Menschen in Tierhäute, um
die Kraft dieses Tieres in sich aufzunehmen. Häuptlinge, Krieger,
nicht zuletzt die Könige Europas trugen immer wieder das Fell eines
mutigen, kräftigen Tieres, zum Beispiel eine Löwen-, Wolfs-
oder Büffelhaut. Hasen oder Hyänen kamen ihnen erheblich weniger
attraktiv vor.
Die wesentlichen Eigenschaften der Robbenbabys sind ihr makellos weißes
Fell, ein Gesicht, das bestürzend an ein Kindergesicht erinnert,
und ihr völliger Verzicht auf geistige Leistungen. Da Europäer
gern ihren Intellekt über alles schätzen und nie eine religiös-fetischistische
Vorliebe für graue, braune oder schwarze Robben entwickelt haben,
kann man nur vermuten, daß sie sich mit der kindlich weißen
Färbung der Babyrobben identifizieren.
Die Anbetung des Robbenbabys weist uns darauf hin, daß Farbe mehr
ist als nur ein ästhetischer Trick. Andere Tierarten (natürlich
meist bedrohte) haben zu ihrer Erhaltung nur eine winzige Minderheiten
mobilisieren können. Lediglich die Robbenbabys (alljährlich
in reicher Zahl vorhanden) haben Millionen Menschen aller Altersstufen
und Bildungsgrade auf die Beine gebracht. Diese Menschen glauben inbrünstig
an das absolute Recht jedes Exemplars dieser Spezies auf Leben und körperliche
Unversehrtheit.
Auf die Frage "Alle Tiere, ebenso wie alle Menschen, sind doch
sicher gleich?" gibt es die bekannte Antwort aus Orwells "Farm
der Tiere": "Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind
gleicher als andere."
Derselbe Europäer, dieselbe Europäerin, Mann, Frau oder Kind,
die ein Robbenbabyfoto nur mit Tränen in den Augen ansehen können,
scheren sich nicht im geringsten um die Genmanipulation bei ihrem Hühnchen,
dessen Eingeweide ihren Vorfahren heilig waren, mehr noch: ein politisches
Orakel. In ihrem Drang, schwellende Brüste hervorzubringen, hat
die Wissenschaft gefiederte Monster geschaffen, die erfolgreich in einer
Oben-ohne-Bar auftreten könnten, wären sie nicht derart brustlastig
und gehirnlos konstruiert, daß sie nicht mehr alleine gehen, geschweige
denn tanzen können. Und was soll man von Franzosen halten, die
sich eine künstliche vergrößerte Gänsestopfleber
vorsetzen lassen und dann Tränen vergießen über die
armen Robbenbabys. Der Gans, diesem göttlichen Tier der Römer,
wird ein Holzrohr in den Schlund gedrückt, durch das sie zwangsernährt
und überfüttert wird, zur höheren Ehre der begehrten
foie gras. Die Italiener sind wenigstens moralisch überlegen:
Indem sie die jungen Kälber in so enge Ställe pferchen, daß
sie sich überall blutig scheuern, haben sie immerhin der Verehrung
des Goldenen Kalbs aus dem Alten Testament entschieden den Rücken
gekehrt. An der Stelle der Götzenverehrung haben sie nun fegato
alla Veneziana.
Und doch nagt weiter ein Zweifel: Kalb oder Robbe - es ist und bleibt
Götzenverehrung. Für das angebetete Tier kommt es darauf an,
deutlich den Unterschied festzuschreiben zwischen Nahrungsmittel oder
Kleidung auf der einen und einem göttlichen Wesen auf der anderen
Seite. Das Robbenbaby hat das glänzend geschafft. Vielleicht ist
es doch nicht so dumm.
Aus: John Ralston Saul, Von Erdbeeren, Wirtschaftsgipfeln und anderen
Zumutungen des 21.
Jahrhunderts. Erscheint im September 2000 im Campus Verlag, Frankfurt/New
York (ISBN 3-593-36540-5).
Ihr
Kommentar
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