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Frys Liste
Im August 1940 ging in Marseille ein junger Harvard-Absolvent
an Land, "um zu retten, was von der Kultur Europas noch übrig
ist". Gemeint waren keine Kunstwerke, sondern Menschen. Wie
seine jetzt endlich geschriebene Biographie zeigt (Andy Marino,
A Quiet American. The Secret War of Varian Fry), standen am Ende
über eintausendfünfhundert Personen auf seiner Liste.
Nachdem die Deutschen 1940 Frankreich besiegt und bis auf den
Vichy-Süden besetzt hatten, war klar, daß das letzte
Schlupfloch für eine Flucht vor den Nationalsozialisten nicht
mehr lange offen bleiben konnte. Eine Rettungskomitee wurde gegründet
und Fry mit einer ersten Liste von 200 Namen losgeschickt. Unterstützt
wurde er von Jean Giono und Gaston Deferre, dem späteren
Bürgermeister von Marseille und dann Mitterands Innenminister.
Bei weitem nicht so hilfsbereit war das amerikanische Konsulat.
Als sich Frys Tätigkeit herumsprach, bildeten sich Schlangen
vor seiner Tür. Sichere Fluchtrouten, speziell nach Spanien
und weiter nach Lissabon, wurden eingerichtet. Auf diesem Weg
fanden zum Beispiel Alma Mahler, Heinrich und Golo Mann in die
Freiheit. Ebenso Hannah Arendt, Marc Chagall, die Surrealisten
Max Ernst, André Breton und André Masson sowie Walter
Benjamin (der kurz nach Überschreiten der spanischen Grenze
starb) und Lion Feuchtwanger (der unvorsichtigerweise den Fluchtweg
später der amerikanischen Presse erzählte).
André Malraux ehrte Varian Fry 1967, nur Monate vor seinem
Tod, mit dem Großkreuz der Ehrenlegion.
Die Heilige Schrift
- diesmal geradezu wörtlich gemeint: Da setzt sich jemand
hin und schreibt die gesamte Bibel mit eigener Hand und einer
Gänsefeder auf
Pergament aus Kalbsleder. Es soll die erste - auch noch illuminierte
- Bibelhandschrift seit fast fünfhundertsechzig Jahren werden,
seit Gutenbergs Erfindung diese Art der Buchherstellung eigentlich
sinnlos machte.
Nicht für die Benediktinermönche an der St. John's University
in Collegeville, Minnesota. Sie haben den "königlichen
Schreiber" und Kalligraphen Donald Jackson beauftragt, der
in seinem Skriptorium in Wales, einer umgebauten Schmiede, in
vier Jahren mit der Arbeit fertig sein will. Eintausendeinhundertfünfzig
Seiten in sieben Bänden soll das Gesamtwerk umassen. Die
farbigen Tinten für die Illustrationen (auch mit Themen des
20. Jahrhunderts) hat er sich selbst aus pulverisierten Edelmaterien,
aus Malachit, Lapislazuli, Gold, Silber und Kupfer zusammengerührt.
Das Unternehmen ist so unwiderstehlich wahnsinnig, daß es
sich für die Adresse dieser April-
Nummer eignet.
Bücherverbrennung
Zweihundert christliche Fanatiker standen Anfang März in
Athen um das Feuer herum. In den Flammen verkohlten einige Exemplaren
eines Buches, das eine womögliche sexuelle Begierde Jesu
schildert. Titel: "M hoch N", Autor: der kommunistische
Parlamentsabgeordnete Mimis Androulakis.
Es enthält mehrere fiktive Dialoge von Frauen, deren Namen
alle mit M beginnen. So auch mit Maria Magdalena (einer Prostituierten?),
der man schon lange, nicht erst in Androulakis' Buch, eine rundheraus
fleischliche Beziehung zu Jesus nachgesagt hat.
"Wir sind hier doch nicht im Iran", protestiert der
Autor. Aber es geht nicht nur um religiösen Fanatismus. Seine
Gegner unter der Führung des Historikers Marios Pylavakis
sind ebenso christliche Fundis wie leidenschaftliche Nationalisten
- und oft beides in einer Person.
Am 9. März wurde der Verkauf des Buches in Nord-Griechenland
gerichtlich verboten. Es ist die erste Buchzensur seit dem Obristen-Regime
(1967-74). Am 24. April beschäftigt sich ein Athener Gericht
mit der Klage der Fundis auf Ausweitung des Verbots auf ganz Griechenland.
Wir erinnern uns: In Griechenland wurde noch im Jahr 1955 der
Autor Nikos Kazantzakis für seinen Roman "Die letzte
Versuchung Christi" exkommuniziert.
Ein Marsch für den Todeskandidaten
Am 11. März marschierten mehrere Tausend Menschen durch
Paris, von der Place de la Republique bis zur Place de la Madeleine,
auf dem bürgerlich feinen Ufer rechts der Seine. Sie trugen
Spruchbänder, auf denen "Freiheit und Gerechtigkeit
für Abu Jamal" verlangt wurde. Abu Jamal sitzt in den
USA im Gefängnis und wartet auf die Vollstreckung seines
Todesurteils (siehe dazu den Essay von Andreas Odenwald in der
nächsten Gastkolumne Die Gazette Mai 2000).
Abu Jamal hat immer wieder seine Unschuld betont, vor allem in
seinem Buch "Live from Death Row" (1995).
Bereits im November fand in Paris in Protest-Marsch gegen sein
Urteil statt, bei dem die Büroräume der Internaitonal
Herald Tribune besetzt wurden. Sogar in der Schweiz hat er Anhänger,
die in Zürich einen ähnlichen Marsch veranstalteten.
Amnesty International verlangt seit langem die Wiederaufnahme
des Verfahrens.
So erregend kann Lyrik sein
Der israelische Erziehungsminister brauchte im März nur
anzukündigen, daß künftig auch einige Gedichte
von Mahmoud Darwish in den Lehrplan der Oberschulen aufgenommen
würden - da wehte der Sturm der Entrüstung schon über
das Land. Darwish ist nämlich Palästinenser. Und das
ist es, was seinen Gedichten solchen Erregungswert gibt. Seine
Gedichte, heißt es also, seien "anti-zionistisch".
Darwish, der ein paarmal die israelische Besatzung stark kritisiert
hat, gibt durchaus zu, "Anti- Zionist" zu sein. Er möchte
das nur nicht mit "Antisemit" verwechselt sehen.
Premier Barak ("Die Zeit ist noch nicht reif") hat die
Ankündigung seines Ministers storniert. Darwish wird nicht
unterrichtet (außer in einem Wahlfachkurs, immerhin).
Im Schatten der Oscars
Die Preise der Writers Guild of America Anfang März
gehen regelmäßig unter im Schatten der Oscar-Erwartungen.
Meist werden sie nur als eine Wettervorhersage für die Oscars
wahrgenommen. Und doch lohnt sich ein kurzer literarischer Rückblick.
Die WGA vergibt zum einen Preise für die besten Originaldrehbücher.
Der ging diesmal an Alan Ball, den Autor von - hinterher sind
wir natürlich schlauer - "American Beauty" (vor
"Magnolia" von Paul Thomas Anderson und "The Sixth
Sense" von M. Night Shymalan).
Der zweite große WGA-Preis geht an die beste Film-Adaption
eines bereits veröffentlichten Textes. Diesen Preis gewannen
jetzt Alexander Payne und Jim Taylor für "Election".
Nominiert waren auch "The Talented Mr. Ripley" von Patricia
Highsmith und "The Cider House Rules" von John Irving.
Die vielen anderen Preise der WGA für Fernseh- und Rundfunkproduktionen
der USA sind in der Tat von nachrangiger Bedeutung.
Putin war ein Hooligan
Wenigstens gibt er das in seinem Buch als Grund dafür an,
daß er als Jugendlicher nicht - wie jedes anständige
russische Kind - zu den Pionieren ging. Seine in Tschetschenien
bewiesene Ordnungsliebe war damals nocht nicht sehr ausgeprägt:
Aus einer seiner zahlreichen Mädchengeschichten kam er erst
wenige Tage vor der anberaumten Hochzeit heraus.
Daneben wiederholt er in dem Buch die eher unwahrscheinliche Ankündigung,
Rußland könne möglicherweise über eine Mitgliedschaft
in der NATO nachdenken.
Zu den historischen Personen, die er nach eigener Aussage bewundert,
gehören Napoleon, Charles de Gaulle und - kaum zu glauben
- Ludwig Erhard.
Der Verlag hatte geplant, noch vor der Präsidentenwahl eine
halbe Millionen Exemplare zu drucken, mußte sich aber darauf
hinweisen lassen, daß die Veröffentlichung gegen die
Wahlkampfgesetze verstoßen und Putin gar aus dem Rennen
werfen könne. Woraufhin nur bescheidene fünfzigtausend
Exemplare herauskamen - und zwar nicht in die Buchhandlungen,
sondern in Putins Wahlkampfzentrale.
Ausgeschrieben?
Es ist fatal, daß ein so großer Romancier wie John
Updike in seinem fünfzigsten Buch dem fragwürdigen Begriff
"prequel", den man bisher auf die neuen "Star-Wars"-Folgen
I bis III beschränkt glaubte, eine Eintrittskarte in die
Literatur verschafft.
Bisher kamen wir recht gut aus ohne die "Vorgeschichte"
von Hamlet. Jetzt aber erzählt uns Updike in allen mühsamen
Details, wie Hamlets Mutter und Onkel, wie "Getrude and Claudius"
sich näher kennenlernen. Und warum überhaupt. Weil nämlich
Gertrudes Gatte, Hamlets Vater, ein ziemlicher Langweiler im Bett
ist (schon die Hochzeitsnacht schläft er einfach durch).
Kein Wunder also, daß sie später, kurz vor der Menopause,
dem stürmischen Werben Claudius' nachgibt. Der König
entdeckt die Sache, Claudius fürchtet die Verbannung vom
Hof, schüttet dem König, wie man weiß, das Gift
ins Ohr und wird selber König. Der Rest ist Shakespeares
"Hamlet".
Das Buch ist ein Fehlschlag. Kein lohnender Durchblick, keine
enthüllende Menschenkenntnis, sondern eine eher banale "Was
mach ich bloß? Ich liebe zwei Männer!"- Talkshow.
Es mag unfair sein, Updike an Shakespeare zu messen, aber warum
sucht er sich dann einen solchen Stoff?
Ihr Kommentar
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Wenn eine mal Kindermädchen war,
dann kann sie was erzählen. Besonders, wenn
die Kinder Premierministerkinder waren.
Rosalind Mark hat ein paar Jahre lang auf die Blair-Kinder Euan,
Nicky und Kathryn aufpassen dürfen und darüber jetzt
ein Buch geschrieben. Ein zugegeben harmloses und ganz und gar
nicht enthüllendes Buch. Aber Tony Blair will seinen Kindern
eine möglichst normale Jugend lassen. Er ging, nachdem The
Mail Anfang März Auszüge publiziert hatte, vor Gericht
und ließ alle weiteren Veröffentlichungen verbieten.
Die Zeitung nannte das Urteil "drakonisch".
Fayed klagt vergeblich
Nicht ganz so erfolgreich wie Tony Blair war
Dianas angeblicher Beinahe-Schwiegervater Mohammed al Fayed mit
seiner Klage gegen eine Londoner Zeitung.
Auch in diesem Fall ist es ein Ex-Domestik, der die Tinte nicht
halten kann: Trevor Rees- Jones, der überlebende Leibwächter
der Prinzessin hat ein Buch geschrieben ("The Bodyguard's
Story" - als gäbs wenigstens hier noch was zu enthüllen),
und der Daily Telegraph hatte einen Vorabdruck angekündigt.
Al Fayed klagte vor dem Londoner High Court und verlor, wenn auch
nur aus formalen Gründen: Er hätte, meinte die Richterin
Anne Rafferty, das Gericht eher anrufen müssen.
Der schreibkundige Leibwächter behauptet in seinem Buch,
Diana und al Fayeds Sohn hätten nie die Absicht gehabt zu
heiraten, und die die Mord-Verschwörung der Windsors sei
das pure Hirngespinst.
Abgestanden, das alles. Bitte aufhören.
Burgess-Verfilmung wieder im Kino
"A Clockwork Orange", der Kubrick-Film
nach dem gleichnamigen Roman von Anthony Burgess, ist im März
zum ersten Mal seit 1973 wieder in England gezeigt worden.
Damals hatte ein Sechzehnjähriger einen Landstreicher umgebracht,
und einige Zeitungen warfen Kubrik vor, der Film habe den Mörder
auf die Idee gebracht. Es stellte sich zwar heraus, daß
der Junge "A Clockwork Orange" überhaupt nicht
gesehen hatte, aber Kubrick zog den Film verärgert zurück
Schon wieder ein Plagiatsprozess
J. K. Rowlings drei (bald vier) Potter-Bücher,
weiß man, sind erfolgreich. Dreißig Millionen Exemplare
weltweit. Wie schön, wenn jetzt jemand sagen kann, sie seien
bei ihm abgeschrieben. Wenigstens teilweise.
Nancy K. Stouffer meint genau das. In ihrem Buch "The Legend
of Rah and Muggles" von 1984 (!) gibt es nämlich schon
eine Figur, die Larry Potter heißt. Weiter: Sie hat eine
Figur namens Lily Potter; die Rowlings-Bücher auch. Und:
Sie hat eine Figurengruppe "die Hüter der Gärten",
die Rowling-Bücher haben einen "Hüter der Schlüssel".
Auch bei dem Begriff "Muggles", der Potter-Bücher-Bezeichnung
für die Menschen, macht Ms. Stouffer Urheberrechte geltend.
"Völlig grundlos", sagt eine Sprecherin des Rowling-Verlags
Scholastic.
OED im Netz
Die Jubelnachricht von AP klang zwar etwas naiv
("Sprachpuristen müssen jetzt nicht mehr 20 Wörterbuch-Bände
durchblättern, wenn sie einen der 640000 Einträge im
Oxford English Dictionary nachsehen wollen" - kein vernünftiger
Mensch hat je alle Bände eines Wörterbuchs durchgesehen,
nicht mal ein Sprachpurist). Aber eine Meldung war das natürlich
wert: Das weltberühmte Wörterbuch ist jetzt online benützbar
(www.eod.com).
Nicht umsonst natürlich. Das Abo kostet mehr als elfhundert
Mark, für Firmen sogar noch erheblich mehr als das. Dafür
erhält man immerhin den Vorteil einer vierteljährlichen
Aktualisierung (wobei, sagt das OED, jedesmal etwa tausend Einträge
hinzukommen oder ergänzt oder verbessert werden). Insgesamt
fast hundertzwanzig Millionen Mark investiertdas Unternehmen in
die dritte, völlig verbesserte Auflage, die im Jahr 2010
fertig sein soll. Sie soll dann genau doppelt so viele Einträge
haben wie die alte: 1,3 Millionen.
Der Film zum Buch
Die Roman-Literatur wird immer mehr zur Drehbuch-Lieferantin.
Soeben hat die Verfilmung von John Irvings "The Cider House
Rules" ("Gottes Werk und Teufels Beitrag") der
gar nicht so nebensächlichen Nebenrolle und Michael Caine
einen Oscar eingebracht. Aber gleichzeitig damit sind gleich mehrere
große Romane in die Kinos gekommen: "Das Ende einer
Affäre" von Graham Greene, "The Green Mile"
von Stephen King, "Der talentierte Mr. Ripley" von Patricia
Highsmith und "Angela's Ashes" von Frank McCourt. Und
das sind nur die bekanntesten.
Die Verleger wird es freuen. Denn die Absätze der gedruckten
Version steigen in jedem Fall - völlig unabhängig von
Erfolg oder Mißerfolg des Films.
David Irving in der Opferrolle
Der Holocaust-Leugner und Amateur-Historiker,
der in London gegen die Buchautorin Deborah Lipstadt und den Penguin-Verlag
klagt, hat sich für den laufenden Prozeß eine neue
Rolle ausgedacht: Er ist das Opfer einer nun schon dreißig
Jahre andauernden Rufmordkampagne.
"Ich kenne keinen anderen Historiker oder Schriftsteller,
der auch nur ein Zehntel einer solch intensiven Verleumdungskampagne
erdulden mußte", sagte der Zweiundsechzigjährige
vor Gericht. Und Lipstadts Buch, meint er außerdem, sei
der Höhepunkt dieser Kampagne. Die angegriffene Autorin hat
in Irvings Werken, darunter "Hitlers Krieg", fünfundzwanzig
wesentliche Entstellungen der historischen Wahrheit gefunden.
Irving
hat in Deutschland, Kanada und Australien Einreiseverbot.

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