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Norbert Seitz
"Die Geschichte riss uns mit sich fort"
Bücher zur Wende
Nichts am dramatischen Gang der Ereignisse sei unvermeidlich gewesen.
So sieht es der amerikanische Politologe und frühere Berater von
Präsident Bush, Robert Hutchings, in seiner eindrucksvollen Studie
über die westliche Politik zur Zeitenwende 1989/90. Die Berliner
Mauer wäre nicht gefallen, hätte die polnische Opposition
nicht die kommunistischen Machthaber herausgefordert. "Es gab immer
mehrere Lösungsmöglichkeiten während der Krise des sowjetischen
Kommunismus, niemals nur eine."
George Bushs Antrittsvision, "große Träume zu träumen",
begann mit der Überlegung, Gorbatschows "neues Denken"
testen. "Nehmen wir Gorbatschow beim Wort", hieß Genschers
berühmte Empfehlung aus seiner Davoser Rede 1987. Wo lagen die
Grenzen der Toleranz gegenüber dem erodierenden ostmitteleuropäischen
Imperium? Rasch war man sich im Stab des Reagan-Nachfolgers einig, dass
es nützlicher sei, die Selbstbefrieung der Staaten Ostmitteleuropas
zu fördern, statt ein zweites Jalta über die Köpfe der
unterdrückten Völker hinweg zu betreiben.
Eine Grand Strategy für Europa wurde ausgedacht, welche
die Wiedererlangung der Freiheit in Ostmitteleuropa zum Ziel hatte.
Schluss also mit Gorbis "neuen Friedensstrukturen" oder Genschers
"Dialog und Kooperation". Während Westeuropa noch in
einer "Gorbimanie" befangen schien, ging Bushs think tank
bereits aufs Ganze - die friedlich demokratische Neugestaltung Ostmitteleuropas.
Kein Entgegenkommen des Westens mehr, keine Berufung mehr auf "politische
Realitäten". Ostmitteleuropa erhielt Priorität auf der
internationalen Agenda.
Zur deutschen Vereinigung nennt Hutchings vier "Dreh- und Angelpunkte"
der US- Diplomatie: 1. hinter Kohl zu stehen; 2. die Engländer
und Franzosen auf die Zwei-plus-Vier- Verhandlungen zu verpflichten;
3. Deutschland in der NATO zu halten und 4. die Akzeptanz der Sowjetunion
zu sichern.
Dass der Kalte Krieg "zu den Bedingungen des Westens" enden
sollte, ist für den Autor ein Glücksfall der Geschichte. Jene
effektive Politik, die dies bewirkt habe, basiere im wesentlichen auf
zwei Momenten: einer "strategischen Rigorosität" und
"taktischer Flexibilität".
Doch ab November 1990 werden manche in Bushs Umgebung übermütig
und träumen bereits von einer "neuen Weltordnung", was
von vielen auch als "Pax americana" beargwöhnt wird.
Kollektives Handeln, durch die UNO oder die KSZE legitimiert, sollte
das Sicherheitsproblem lösen helfen, das durch die demokratische
Entwicklung in Ostmitteleuropa entstanden war. Die US-Politik sieht
sich mit konkurrierenden Visionen eines neuen Europa konfrontiert: einer
transatlantischen Partnerschaft mit angelsächsischer Dominanz,
einem "Post-Jalta-Europa", einer paneuropäischen Sicherheitsvorstellung
"von Vancouver bis Wladiwostok" oder Thatchers "Europa
der Nationen". Als über Alternativkonzepte in Gestalt von
französisch- deutschen Corps bzw. Euro-Corps laut nachgedacht wird,
kommen Gefühle von Undankbarkeit im State Department auf. Doch
die Auflösung der alten Sowjetunion macht den Ausbau der "Liaisonstrukturen"
der NATO ohnehin untauglich.

Stephan Fuchs
Die Westpolitik in der Ostpolitik
Zu Beginn der 90er Jahre haben die Protagonisten der alten Ostpolitik
gegen konservative "Totrüstungs"-Strategen und couragierte
Bürgerrechtler um ihren historischen Anteil am Niedergang des kommunistischen
Weltsystems gestritten. "Ohne Ostpolitik kein Michail Gorbatschow.
Und ohne Michail Gorbatschow keine deutsche Einheit", lautet Falins
apologetische Formel. Der Münchener Amerikanist Stephan Fuchs untersucht
einen bislang eher unterbelichteten Aspekt der deutschen Ost- und Entspannungspolitik.
Es habe nicht nur ein weitgehendes Einverständnis der US-Politik
mit Brandts détente gegeben, so die spannende These, sondern
mehr noch: Es entwickelte sich sogar eine Westpolitik in der Ostpolitik.
Dass es sich dabei um "das eigentlich geheimnispolitische Element"
jener umstrittenen Politik der frühen 70er Jahre gehandelt haben
soll, macht die Studie gerade an den nicht unkomplizierten, aber sehr
produktiven Beziehungen zwischen den Metternich- Figuren Bahr und Kissinger
deutlich. Dem ersten Antikommunisten der 50er Jahre, Richard Nixon,
werden sogar unverhohlene Sympathien für Willy Brandts Entspannungspolitik
nachgewiesen.
Dabei profitierte die SPD von ihren guten US-Kontakten seit den frühen
60er Jahren, als es zwischen dem Patriarchen Adenauer und dem Jugendidol
Kennedy massive Verstimmungen gab und der NATO-Konsens auf die deutsche
Frage und die Erhaltung des Berlin-Status zusammengeschrumpft war. Brandts
frühe Anlehnung an die USA datiert aus seinen Berliner Amtsjahren
als Regierender Bürgermeister. In den USA interessierte man sich
alsbald für die Konzepte des Juniorpartners in der Großen
Koalition, so dass Kanzler Kiesingers Staatssekretär Carstens Präsident
Johnson davon abbringen wollte, Vizekanzler Brandt zu eigenen außenpolitischen
Schritten zu drängen.
"Ihr müsst Euch jetzt daran gewöhnen, dass wir etwas
unbequemer werden", annoncierte Bahr der Nixon-Administration beim
Antrittsbesuch 1969. "Selbstbewusstes Heraustreten aus dem Schatten
der Supermacht USA" umschreibt Fuchs das internationale Credo der
frühen sozialliberalen Koalition. Damit war freilich keine Politik
auf Kosten der Westpolitik, sondern deren "Vertiefung und Ergänzung"
gemeint.
Es entstand ein Dreiecksverhältnis zwischen den Botschaftern Kenneth
Rush und Valentin Falin sowie Egon Bahr, mit Kissinger und Andropow
im Hintergrund. Der "wirksamste Trick" von Brandts Sonderbeauftragtem
"bestand darin, die Bundesrepublik als Zünglein an der
Waage' zu generieren". Im Gegensatz zu Adenauer, dem immer Ängste
nachgesagt wurden, wenn sich die Großmächte untereinander
verständigten, war man in Brandts Umgebung eher der Meinung, dass
dies "nur gut für uns" sein könne.
Auch wenn Bahr und Kissinger mit ihren hocheffektiven backchannels
vortrefflich zu kommunizieren verstanden, blieben gewiss immer Momente
der wechselseitigen Reserve. So schreibt Willy Brandt in seinen letzten
Erinnerungen 1989: "Ich habe nie zu den kritiklosen Bewunderern
Kissingers gehört; dazu war er mir zu altmodisch, waren mir seine
Anleihen bei Metternich und Bismarck zu auffällig." Ebenso
erläutert Helmut Sonnenfeldt, Kissingers Berater, im Gespräch
mit dem Autor: "Die Leute fragen sich immer, auf welchen krummen
Pfaden Egon Bahr da unterwegs war." An der Seite Bahrs sei der
Jongleur Kissinger zum Jonglierten geworden, spottete einmal der liberale
Karl Moersch.
Durch die Ostpolitik gewann die Bundesrepublik mehr Selbstständigkeit
und vor allem mehr Selbstbewußtsein gegenüber ihrer Vormacht.
Der Autor nennt sie deshalb auch ein "politisches Glanzstück
in Rekordzeit", denn Brandt und Bahr strebten schnelle Ergebnisse
an, um Deutschland aus der lähmenden Isolation zu führen und
neue Konstellationen zu versuchen.
Dennoch muss auch der mit Lob nicht geizende Autor anerkennen, dass
die Ostpolitik "keine neuen Positionierungen zwischen den Blöcken
oder gar Freundschaften hervorgebracht" habe.
Heinrich Senfft:
Sind die Antifaschisten die wahren Nazis?
Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit motivierte auch den Hamburger
Staranwalt Heinrich Senfft zu einer Kampfschrift gegen den totalen Sieg
der Kalten Krieger. In prophetischer Pose bricht er zum letzten Gefecht
gegen alle Kapitulanten und Renegaten von links auf, um sein antifaschistisches
Credo zu polieren und Totalitarismustheoretikern und Vergangenheitsaufarbeitern
die Stirn zu zeigen: "Der Tag, an dem verkündet werden wird,
die Antifaschisten seien die wahren Nazis, scheint nicht mehr fern",
lautet seine Schreckensprophezeihung gegen die "in ihrem Totalitarismuskorsett
fest verschnürten Vergleicher und Gleichsetzer".
Der Advokat von Romy Schneider, Gregor Gysi und Nannens nacktem Titelfleisch
kann sich offenbar den Snobismus einer DDR-Apologie leisten, ohne mit
ernsthafter Rufschädigung rechnen zu müssen.
Die meisten Menschen in der DDR hätten, "von den materiellen
Umständen und den Reisbeschränkungen in den Westen einmal
abgesehen, so normal wie die Menschen in vielen Ländern gelebt".
Die Ankläger in Mauerschützenprozessen hätten nicht davon
gesprochen, dass damals "der Kalte Krieg erbittert tobte",
und sie fragten noch nicht einmal, "ob nicht auch die Soldaten
der Bundeswehr ausgebildet waren, auf Menschen und Ziele in der DDR
zu schießen".
Doch Senfft ist selber ein Aufrechner der besonderen Art. So hat er
Nachforschungen angestellt über die zahlreichen Todesfälle
an der deutsch-polnischen Grenze. Seit dem neuen Asylrecht von 1993
seien dort mehr als 70 Flüchtlinge in der Oder und Neisse ertrunken
oder durch "Sturz in Stollen" ums Leben gekommen. Soll hier
der Versuch unternommen werden, solche bedauerlichen Flüchtlingsschicksale
in die juristische Nähe zu erschossenen Mauertoten zu rücken?
Woher nimmt Senfft den Glauben, mit Strafverschonung und Aktenvernichtung
sei dem inneren Frieden mehr gedient als mit der Arbeit der Gauck-Behörde
und Prozessen in Moabit? Doch wer schon immer gegen die Einheit war,
zerbricht sich auch nicht den Kopf über den sensiblen Zusammenhang
zwischen Versöhnung und Wahrheit. So erliegt auch Senfft der Neigung,
die PDS für das geistige Zentrum einer verständlichen ostdeutschen
Opfermentalität zu halten.
Dass aber auch der "Elbchaussee-Stalinismus" des Autors den
schönen Seiten des Lebens nicht abgeneigt scheint, beweist ein
missratener Nationenvergleich: "Unseliges Deutschland! Wenn die
Italiener zum Essen gehen, die Franzosen behaupten, sie eilten zu einer
Frau, und die Engländer längst im Pub sitzen, haben die Deutschen
mehrmals Recht und schlagen sich ihre Stasi-Akten um die Ohren."
Robert L. Hutchings
Als der Kalte Krieg zu Ende war. Ein Bericht aus dem Innern der Macht
Alexander Fest Verlag, Berlin 1999, 490 Seiten
DM 58,-- öS 423, sFr 52,80
Stephan Fuchs
Dreiecksverhältnisse sind immer kompliziert. Kissinger, Bahr und
die Ostpolitik
EVA, Hamburg 1999, 320 Seiten
DM 42,--, öS 307, sFr 41,--
Heinrich Senfft
Die sogenannte Wiedervereinigung
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 1999, 207 Seiten
DM 34,--, öS 248, sFr 31,50
Mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Hefte,
Ausgabe Januar/Februar 2000.
Ihr
Kommentar
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