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Es liest: Franz Kafka
Im Dezember 1912, im Hotel Erzherzog Stephan (dem heutigen
"Europa") am Prager Wenzelsplatz, las der neunundzwanzigjährige
Franz Kafka vor kleinem Publikum die Anfänge seines Romans "Das
Urteil" (er hat übrigens danach nur noch ein zweites Mal öffentlich
gelesen und dann nie wieder). Rudolf Fuchs, Autorenkollege: "Er
las mit einer still verzweifelten Magie." Paul Wiegler rezensierte
den Abend als den "Durchbruch eines großen, überraschend
großen, leidenschaftlichen und disziplinierten Talentes, das schon
jetzt die Kraft hat, allein seinen Weg zu gehen."
Gleich danach, zuhause und noch immer in aufgeregter Begeisterung, schrieb
Kafka an Felice Bauer nach Berlin:
Liebste ich lese nämlich höllisch gern vor, in vorbereitete
und aufmerksame
Ohren der Zuhörer zu brüllen, tut dem armen Herzen so wohl.
Ich habe sie aber auch tüchtig angebrüllt und die Musik die
von den Nebensälen her mir die Mühe des Vorlesens abnehmen
wollte, habe ich einfach fortgeblasen. Weißt Du, Menschen kommandieren
oder wenigstens an sein Kommando zu glauben - es gibt kein größeres
Wohlbehagen für den Körper. Als Kind - vor ein paar Jahren
war ich es noch - träumte ich gern davon, in einem großen
mit Menschen angefüllten Saal -, allerdings ausgestattet mit einer
etwas größern Herz- Stimm- und Geisteskraft, als ich sie
augenblicklich hatte - die ganze Education sentimentale ohne Unterbrechung
soviel Tage und Nächte lang, als sich für notwendig ergeben
würde, natürlich französisch (o du meine liebe Aussprache!)
vorzulesen und die Wände sollten widerhallen. Wann immer ich gesprochen
habe, reden ist wohl noch besser als vorlesen (selten genug ist es gewesen),
habe ich diese Erhebung gefühlt und auch heute habe ich es nicht
bereut. Es ist - und darin soll die Verzeihung liegen - das einzige
gewissermaßen öffentliche Vergnügen, das ich mir seit
einem Vierteljahr fast gegönnt habe.
Ihr
Kommentar
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