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Marcus Jensen
In Indien
In Indien gibt es Verwesungskünstler, die legen sich vor Publikum
zum Sterben auf eine heiße Sandfläche, schließen die
Augen und versinken in tiefste Meditation, dann verfaulen sie, so als
wären sie tot, ihr Fleisch fällt ab, schwärzliche Flüssigkeit
verdunstet oder sickert in den Sand, trotzdem bleiben die Künstler
wie seelische Pflanzen mit all ihren verflüchtigten Stoffen weiter
in Berührung, und so können sie, selbst wenn bloß ihre
bleichen Gerippe daliegen, wieder Fleisch und Saft ansetzen und zum
Leben erwachen, denn ihre Seelen bestimmen, wann sich alles umkehrt.
Einige legen sich auch zu dritt in den Sand, ein gerade erst Sterbender
neben einem Transi und einem schon versinterten Schädelrest. Ich
sehe, wie über alten Gebeinen ein Dampf kräuselt, wie Flüssigkeit
aus dem Sand steigt und sich an den Knochen fest setzt, Fleisch drumherum
wächst. Die Zuschauer spenden viel Geld, wenn sie bei der Umkehrung
dabei sind, manche besuchen täglich die Sandplätze, um den
Fortgang zu beobachten. Einer erzählt mir, Verwesungskünstler
könnten durch Verzögerungen extrem alt werden, angeblich habe
es ein Chinese mit dieser Technik auf viertausend Jahre gebracht.
Wie welche auflegen
Diese Geräusche, weißt du, man kann genau hören,
wie sie`s tun, sogar, ob sie`s gerne machen, oder ob sie beide Hände
dazu nehmen, ist ne Wissenschaft für sich. Also da gibt`s welche,
die halten beim Abnehmen gleich die Hand über die Gabel, und wenn
sie auflegen, ist sofort die Leitung tot, peng, zack, manuell, so dass
du weißt: Aha, die haben mit dir gerechnet, die rechnen immer
mit dir. Das sind die Ängstlichen. Manche von denen hauchen noch
ganz kurz erschrocken was in die Muschel, okay, ich steh drauf, die
sind jedenfalls schon mal passabel, denn wenn du mich fragst, andere
machen`s bewusster, von denen hast du viel weniger: Die legen den Hörer
zurück auf den Apparat, ganz normal, sozusagen mit Wegstrecke dazwischen,
das spürst du: Der Hörer prallt auf das Plastik, verkantet
sich erstmal am Rand seiner Einfassung, rutscht rüber und wird
nachgerückt, dann fällt die Gabel runter, klack-klacke-di-klack
und die Leitung ist weg, aber du hörst so viele verschiedene Geräusche
vorher, die reinste Musik. Immerhin. Der Haken ist: Das machen nur die
Gelangweilten und die Coolen, vor allem die Coolen, gib dich gar nicht
erst mit denen ab, lohnt sich nie, die ändern sich auch nicht,
die machen keinen Spaß, und leider gibt`s von denen immer mehr.
Besser sind die Wütenden: Die ballern den Hörer auf die Gabel,
so dass du vielleicht zwei kurze Geräusche hörst, dazu manchmal
noch einen kleinen Schrei. Furien! Kann lustig sein, kann, aber mehr
ist selten drin, die sind eher was für zwischendurch. Ja, und die
besten? Kommste nicht drauf. Das sind die, die mich total anmachen,
weißt du, das sind die Peniblen, das sind die Versauten, für
die es sich echt noch lohnt. Also wenn die merken, dass du dran bist,
dann nehmen die den Hörer in beide Hände und drücken
den gerade und passgenau auf die Gabel. Da hörst du erstmal nichts,
weil die den Hörer exakt in Position drüberhalten, und dann
senkrecht runter, dieses satte klaaack, die Leitung ist ganz sauber
weg, ohne Zwischengeräusche, aber du fühlst die Präzision,
diese Liebe zum Detail, du kannst sie anfassen, und dann weißt
du einfach: Ganz genau so, auf dieselbe Tour, würden die ansonsten
alles mit dir machen, alles andere, die wissen nämlich immer genau,
was sie wollen. Aber finde die erstmal."
Ihr
Kommentar

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