Nr. 24, April 2000
 
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Lyrik

Kurzprosa

Die Marginalie
 

 

Marcus Jensen

In Indien

In Indien gibt es Verwesungskünstler, die legen sich vor Publikum zum Sterben auf eine heiße Sandfläche, schließen die Augen und versinken in tiefste Meditation, dann verfaulen sie, so als wären sie tot, ihr Fleisch fällt ab, schwärzliche Flüssigkeit verdunstet oder sickert in den Sand, trotzdem bleiben die Künstler wie seelische Pflanzen mit all ihren verflüchtigten Stoffen weiter in Berührung, und so können sie, selbst wenn bloß ihre bleichen Gerippe daliegen, wieder Fleisch und Saft ansetzen und zum Leben erwachen, denn ihre Seelen bestimmen, wann sich alles umkehrt.
Einige legen sich auch zu dritt in den Sand, ein gerade erst Sterbender neben einem Transi und einem schon versinterten Schädelrest. Ich sehe, wie über alten Gebeinen ein Dampf kräuselt, wie Flüssigkeit aus dem Sand steigt und sich an den Knochen fest setzt, Fleisch drumherum wächst. Die Zuschauer spenden viel Geld, wenn sie bei der Umkehrung dabei sind, manche besuchen täglich die Sandplätze, um den Fortgang zu beobachten. Einer erzählt mir, Verwesungskünstler könnten durch Verzögerungen extrem alt werden, angeblich habe es ein Chinese mit dieser Technik auf viertausend Jahre gebracht.


Wie welche auflegen

„Diese Geräusche, weißt du, man kann genau hören, wie sie`s tun, sogar, ob sie`s gerne machen, oder ob sie beide Hände dazu nehmen, ist ne Wissenschaft für sich. Also da gibt`s welche, die halten beim Abnehmen gleich die Hand über die Gabel, und wenn sie auflegen, ist sofort die Leitung tot, peng, zack, manuell, so dass du weißt: Aha, die haben mit dir gerechnet, die rechnen immer mit dir. Das sind die Ängstlichen. Manche von denen hauchen noch ganz kurz erschrocken was in die Muschel, okay, ich steh drauf, die sind jedenfalls schon mal passabel, denn wenn du mich fragst, andere machen`s bewusster, von denen hast du viel weniger: Die legen den Hörer zurück auf den Apparat, ganz normal, sozusagen mit Wegstrecke dazwischen, das spürst du: Der Hörer prallt auf das Plastik, verkantet sich erstmal am Rand seiner Einfassung, rutscht rüber und wird nachgerückt, dann fällt die Gabel runter, klack-klacke-di-klack und die Leitung ist weg, aber du hörst so viele verschiedene Geräusche vorher, die reinste Musik. Immerhin. Der Haken ist: Das machen nur die Gelangweilten und die Coolen, vor allem die Coolen, gib dich gar nicht erst mit denen ab, lohnt sich nie, die ändern sich auch nicht, die machen keinen Spaß, und leider gibt`s von denen immer mehr. Besser sind die Wütenden: Die ballern den Hörer auf die Gabel, so dass du vielleicht zwei kurze Geräusche hörst, dazu manchmal noch einen kleinen Schrei. Furien! Kann lustig sein, kann, aber mehr ist selten drin, die sind eher was für zwischendurch. Ja, und die besten? Kommste nicht drauf. Das sind die, die mich total anmachen, weißt du, das sind die Peniblen, das sind die Versauten, für die es sich echt noch lohnt. Also wenn die merken, dass du dran bist, dann nehmen die den Hörer in beide Hände und drücken den gerade und passgenau auf die Gabel. Da hörst du erstmal nichts, weil die den Hörer exakt in Position drüberhalten, und dann senkrecht runter, dieses satte klaaack, die Leitung ist ganz sauber weg, ohne Zwischengeräusche, aber du fühlst die Präzision, diese Liebe zum Detail, du kannst sie anfassen, und dann weißt du einfach: Ganz genau so, auf dieselbe Tour, würden die ansonsten alles mit dir machen, alles andere, die wissen nämlich immer genau, was sie wollen. Aber finde die erstmal."

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