|
|
|
Frank Zumbach
Die natürliche Frische
oder: Ende der Schonzeit
"Courage zeigen" und "Farbe bekennen", so vertraute
sie dem Stern an, wollte die tapfere Uschi Glas mit ihrer Spende
von 10.000 Mark an Altlastkanzler Kohl, und "da muß sie jetzt
durch", nämlich durch die erwartete und prompt eingetroffene
Medienschelte. Wie sie ihr Geld
zum Fenster rausschmeißt, geht ja im Grunde nur sie selbst etwas
an; soll sie es doch ruhig der Witwenverbrennungsanlage Dinkelsbühl
spenden oder bei der Verlosung eines SOS- Kinderdorfs mit anschließender
Folterung des Preisschwimmers Horstchen einsetzen. Was uns stört,
ist nicht der Casus als solcher, sondern ihre Medienpräsenz
als solche. Mit welcher sie uns seit ihrer Entdeckung durch die mäßig
talentierte Jungfilmerin Mae Spils ("Zur Sache, Schätzchen",
1968) immer wieder martert und verwundert. Aus gegebenem Anlass ist
es nunmehr an der Zeit, die Schonfrist aufzuheben und die Schamgrenzen
fallen zu lassen.
1968! Gibt diese Jahreszahl nicht zu denken? Könnte es sich bei
der nach ihr (nein, nicht nach Uschi Glas) benannten Revolution, bei
der "die jungen Leute" ebenfalls Farbe bekennen und Courage
zeigen wollten, nur um eine hormonelle Störung gehandelt haben?
Kann sich noch wer an den Inhalt des Schätzchen-Streifens erinnern?
Wir zitieren aus Reclams grottenschlechtem "Lexikon des deutschen
Films": "München-Schwabing. Treffpunkt von Künstlern,
Studenten, Prominenten und allen, die dazugehören wollen [!]. Hier
lebt Martin (Werner Enke), ein liebenswerter Gammler [!], der sich der
hektischen Jagd nach Geld und Erfolg verweigert [!]. ... Einzig die
Bekanntschaft mit Barbara (Uschi Glas), einer attraktiven Tochter aus
gutbürgerlichem Haus [!], vermag Martin zumindest etwas aus seinem
Trott zu holen. ... Als Henry (Henry van Lyck) erfährt, daß
Martin in der Nacht zuvor kaltblütig [!] einen Einbruch im gegenüberliegenden
Radiogeschäft beobachtet [!] hat, ohne die Polizei zu alarmieren
[!], zwingt er ihn, ihm aufs Revier zu folgen. Dort steuert Martin allerdings
nur Respektlosigkeit zur Wahrheitsfindung bei, wodurch er die Beamten
gegen sich aufbringt. Als sie ihn später zu Hause verhaften wollen,
provoziert er die Polizisten mit einer ungefährlichen Pistole [?].
Ein Beamter schießt, die Kugel streift Martin, der sich kurzfristig
tot stellt und erst mit der Bemerkung, der Polizist habe ja noch einmal
Schwein' gehabt, unter die Lebenden zurückkehrt. Situationskomik,
Wortwitz, Schlagfertigkeit und die natürliche Frische, mit der
Uschi Glas als Zufallsbekanntschaft Martin Paroli bietet, machten den
Film zum ersten Hit des Neuen deutschen Films. Viele der lässig
hingeworfenen Pointen (fummeln', Fummler', Es wird
böse enden' [!], Machen wir n kleines Match zusammen')
wurden fester Bestandteil der deutschen Alltagssprache." Das alles
ist jetzt 32 Jahre her.
Der Film gab sich den Anschein von locker, linksliberal und autoritätsverachtend.
Wie die blöden Bullen da verarscht wurden - also selten so gelacht.
Naja, wir waren noch jung damals, Schwamm drüber. Uschi durfte
nicht mal ihre Titten zeigen, sondern lief immer in so merkwürdiger
Reizwäsche rum. Aber ihrer Schauspiel[!]karriere muß das
antibürgerliche Debut irgendwie genützt haben. Die Spätfolge
dieses Auftritts war und ist, daß das (inzwischen) runzligere,
aber immer noch keck dreinschauende Pekinesengesicht der (inzwischen)
patenten Reaktionärin bildschirm und klatschspaltenkompatibel wurde.
Sie zählt zu den VIPs und zeigt Courage, indem sie dem zu Unrecht
arg gebeutelten Ex-Bundeskanzler (der zumindest das Abkanzeln von Journalisten
noch beherrscht) 10.000 Mark zusteckt. Das Einzige, was sie in die Jetztzeit
herüberretten konnte, scheint ihr mimisches Unvermögen, das
sie, wie ein Hamster in seinem Rädchen, unverdrossen unter Beweis
stellen muß. Und da VIPs die Ikonen des Zeitgeistes sind, sollte
man sich auch mal fragen, was aus der ganzen Generation eigentlich geworden
ist. Im Takt der öffentlichen Beförderungsmittel zuckende
Zombies?
Wie? Jetzt sollte man die anderen Kohlspender auch noch erwähnen?
Die dem Tod offenbar noch einmal von der Schippe gesprungene Null Heiner
("hick") Lauterbach zum Beispiel, die eine noch unverdientere
Popularität genießt, oder die zotenreißende Mumie Dieter
Thomas Heck? Danke. Nicht der Rede wert.
Ihr
Kommentar

|