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Zu
diesem Thema ("Hyperfiction", "Netzliteratur") würde
uns Ihre Meinung mehr als sonst
interessieren.
Interview mit Privatdozent Dr. habil. Andreas Schumann,
Literaturwissenschaftler, Universität München
Ist "Netzliteratur" eigentlich ein zutreffender Terminus
für den Gegenstand unseres Gesprächs?
Die Nomenklatur ist hier in der Tat eine schwierige Angelegenheit. Wir
müssen nämlich deutlich unterscheiden zwischen einerseits
der einfach ins Netz gestellten Literatur und andererseits Projekten,
die Literatur für das Netz produzieren und versuchen, mit den medialen
Möglichkeiten des Netzes zu spielen. Diese Literatur sollte dann
natürlich ganz anders aussehen als das, was wir uns zwischen zwei
Buchdeckeln gedruckt vorstellen.
In unserem Seminar haben wir uns darauf geeinigt, einen Terminus aus
dem Englischen zu entlehnen, und zwar Hyperfiction. Er verknüpft
zwei zentrale Begriffe miteinander: die Hyper-Links und das Fiktionale.
Wir konnten uns auch auf den Terminus Netzliteratur verständigen,
allerdings mit der zusätzlichen Bedingung, daß diese "Werke"
(wieder ein klärungsbedürftiger Begriff) in der Idealvorstellung
nur im Netz, also nur online funktionieren können.
Was gehört zu den wesentlichen Eigenschaften einer Hyperfiction?
Die Diskussion, die über diese Frage seit einigen Jahren im Netz
läuft, hat eine zentrale Kategorie entwickelt: die Nicht-Linearität.
Also gerade nicht ein Buch, das man auf der ersten Seite anfängt
und zur letzten Seite weiterliest. Ein Hypertext ist dadurch strukturiert,
daß er an verschiedenen Stellen mit einem Link einen Einstieg
bietet auf einen ganz anderen Handlungsstrang, eine andere "Seite",
auf einen Bildbereich, auf andere Figuren und so weiter. Der Text macht
also durch seine "Verlinkung" mehrere Lesarten möglich.
Eine zweite Kategorie - an der eine gewisse Spielfreude der Produzenten
erkennbar wird - ist natürlich die Multimedialität, also das
Zusammenspiel aus Text, Bildern, bewegten Bildern, grafischen und akustischen
Elementen, überhaupt die Möglichkeit, unterschiedliche Äußerungsformen
ästhetischer Art miteinander zu verknüpfen.
Gehört zu den Kennzeichen dieser Textsorte auch etwas, was
mir vor kurzem begegnete, nämlich eine sogenannte "Navigationspflicht"
des Lesers, also die Verpflichtung, die angegebenen Links anzuklicken?
Ich muß sagen: So etwas ist in meinen Augen eine starke Selbststilisierung
der Protagonisten. Denn selbstverständlich habe ich die Freiheit,
einen Link anzuklicken oder nicht, ebenso wie der Leser eines Buches
die Freiheit hat, umzublättern oder nicht.
Ist mit der spielerisch genannten Multimedialität die Erwartung
verbunden, daß damit auch diskussionswürdige Inhalte produziert
werden?
Also, die zwanghafte Suche nach literarischen Inhalten erinnert mich
immer ein bißchen an das Literarische Quartett: "Ein großer
deutscher Roman - aber hat er uns was zu erzählen? Er erzählt
uns ja nichts!" Aber im Ernst: Es sind durchaus erwähnenswerte
Inhalte im Netz entstanden, die sich gerade durch ihre neue Ästhetik
auszeichnen. Vielleicht bewegt sich etwa die Hälfte aller neuen
- vor allem spielerischen - Produktionen allenfalls auf einem Gag-Level.
Aber es gibt tatsächlich erstzunehmende Inhalte, die sich etwa
mit historischer Aufklärung befassen, zum Beispiel das Projekt
von Sabine Axthelm mit dem Titel "Unter
dem Pflaster", über das Ende des Zweiten Weltkriegs, erlebt
von Menschen in der unterirdischen Kanalisation von Berlin.
Dann - eine weitere Ausdrucksform, die wir nicht vergessen sollten -
die Forderung mancher Netzliteraten nach kollaborativen Texten. Das
Projekt "Tango"
ist ein Beispiel dafür: Auf einem gesplitteten Bildschirm hat jeder
Autor seinen Arbeitsbereich, sozusagen sein Eckchen, und reagiert während
des Schreibens auf die Arbeit der anderen, wobei die Bildschirmbereiche
mehrfach untereinander verlinkt sind.
Gibt es nun Wege, auf denen man auch zu so etwas wie Qualitätskriterien
dieser Hyperfiction zu kommen versucht?
Ich bin zu sehr Literaturwissenschaftler (mit der Betonung auf Wissenschaft),
um nicht meine grundsätzlichen Probleme mit der Bewertung von Literatur
zu haben. Wir haben bei der Arbeit im Seminar beobachtet, daß
man sich bei der Findung solcher Kriterien sehr schnell im Kreis dreht.
Der zirkuläre Vorgang, nur die vorgegebenen Kriterien anzuwenden
(also etwa: Ist der Text multimedial?), läßt mich natürlich
als Wissenschaftler unbefriedigt.
Ein anderer Weg, wie man sich Wertungskriterien schaffen könnte,
wäre der Weg über eine sogenannte Gattungstypologie, also
etwa: Wie sieht ein interaktives Online-Drama aus? So etwas gibt es
bereits. Man kann hierbei die Rollen-Liste verlangen und dann sagen:
Ich möchte gern den dritten Knappen links hinten spielen, und das
geschieht dann mit frei verwendbaren Textstücken. Letztendlich
ist das eine Art strukturierter Chat.
Eine andere Frage in dieser Richtung ist: Schafft die Multimedialität
neue Gattungen? Gibt es etwa die Mischung aus einer Parabel und einem
Zeichentrickfilm - etwas, das wir tatsächlich mit einem neuen Gattungsbegriff
belegen müßten.
Insgesamt scheint mir, die Hyperfiction ist noch zu jung, um für
eigenständige Formen eigenständige Begriffe zu haben.
Ein ganz anderer Weg zur Findung von Wertungskriterien ist die Suche
nach einem Kanon, also nach einer Gruppe von Texten, die immer wieder
als wegweisend, als zentral bezeichnet werden. Solche Texte sind heute
bereits zu finden. Anhand solcher kanonischer oder auch Großväter-Texte
wird dann entschieden, ob ein bestimmter neuer Text "gut"
oder "besser" ist oder die Multimedialität besser verwirklicht
als frühere.
Glauben Sie wirklich, daß Hyperfiction neue Gattungen schaffen
kann? Gattungen haben sich doch im Lauf der Literaturgeschichte als
verhältnismäßig resistent gegen neue Medien gezeigt.
Ich will Ihnen ein konkretes Beispiel geben: "noise
99" von Oliver Gassner. Es ist ein nicht- interaktiver Text,
der in vier farblich verschieden unterlegten Quadraten abläuft.
Rechts unten sieht man auf schwarzem Hintergrund drei oder mehr weiße
Punkte - das ist das Feld zum Ausruhen für die Augen. Im Feld links
oben läuft ein dialogisch aufgebauter Roman ab, im Feld darunter
findet sich eine literaturästhetische Debatte über das, was
im Romantext darüber gerade abläuft, und rechts oben stehen
verschiedene persönliche Bemerkungen des Verfassers zu dem, was
in den beiden linken Feldern gerade vor sich geht. Alle Felder wechseln
ihre Inhalte in nachvollziehbarer Geschwindigkeit, aber in einer nicht
sofort zu knackenden Kohärenz.
Die Kombination dieser - hier vielleicht noch traditionellen - Felderinhalte
hat ihren ästhetischen Reiz, und es wäre schwer, dieser Form
einen zutreffenden Gattungsnamen zu geben.
Auch "orkus"
von Claudia Klinger ist ein sehr schönes Beispiel. Ein sehr bildgestützter
Text, eine Ichverlust-Geschichte. Mit dem letzten Bildschirm landet
man schließlich in einer der kommerziellen Suchmaschinen. Das
ist in meinem Verständnis ein Projekt, das die Möglichkeiten
des Mediums perfekt und auf neuartige Weise ausnützt. Und eine
neue Form, für die ich noch keinen Begriff habe.
Damit haben wir allerdings noch immer keine Qualitätskriterien
im strengen Sinn.
Die Frage nach der Qualität stellt sich mir immer mit der Nach-Frage:
für was und für wen? Qualität ist in meinem Verständnis
also sehr stark ein Anwendungs- und Adäquatheitskriterium. Bei
einer Frage nach der Qualität von Hyperfiction im Gesamtkonvolut
der großen kulturellen und literarischen Traditionen der letzten
zwei- oder siebentausend Jahre bin ich im Zweifel, ob der Anspruch tatsächlich
so weit gehen muß - ob also für die Hyperfiction-Produzierenden
und -Diskutierenden diese Höhenkamm-Orientierung richtig gefragt
ist.
Obwohl Sie im Gespräch über Hyperfiction vielleicht doch
manchmal Werturteile treffen, wenn Sie etwa sagen: Das oder das ist
schön gemacht.
Solche Bewertungen nehme ich zweifellos vor.
Sind das nun Urteile auf Grund von Kriterien, die sich aus den neuen
Ausdrucksformen ergeben, oder solche Urteile, mit denen wir schon immer
gearbeitet haben?
Zunächst sind Urteile wie "schön gemacht" eine subjektive
Wahrnehmung. Es liegt also etwas vor, was das Auge anspricht - auch
selbst auf schockierende Weise. Es ist etwas wahrnehmbar, was den eigenständigen
Charakter eines Objektes erkennbar macht, was den Betrachter emphatisch
berührt.
Aber noch einmal: Die Frage, die sich für mich bei einem beliebigen
Werk stellt, lautet: Ist dieses Werk innerhalb seiner Zeit und seiner
Bezugssysteme funktional? Was dann zu völlig anderen Antworten
führt. Da ist dann, ein extremes Beispiel, ein Text von Konsalik
in seiner Zeit womöglich in höherem Maß funktional als
ein hochkomplexer Text von, sagen wir, Günter Eich. Das macht aber
auch die Diskussion über Hyperfiction so interessant: Dieses Phänomen
hat heute, in unserer Zeit, seine Funktion.
Liegt es dann sozusagen an der anderen Herkunftsgeneration der Wochenzeitung
"Die ZEIT", wenn dort lebhaft über "Pegasus"-Preis
und Netzliteratur diskutiert, aber gleichzeitig das Fehlen strenger
Qualitätskriterien beklagt wird?
Flapsig ausgedrückt: Natürlich möchte die gute, alte
Tante "ZEIT" auf der Höhe ihrer selbst, sprich: der Zeit,
bleiben und sie schaut mit großen, neugierigen Augen auf diese
neuen Medien, findet sie spannend und bunt und neu - und dann kommt
sie doch plötzlich mit diesen Qualitätskriterien daher. Also
das ist im Sinne meines Adäquatheitskriteriums bestimmt nicht adäquat.
Sehen Sie, es hat sich hier, bei den Produzierenden von Hyperfiction,
etwas Entscheidendes verändert. Diese Menschen nehmen sich selbst
zwar durchaus ernst, aber es ist zu beobachten, daß die Hinwendung
zu den Nutzern eine höhere Bedeutung hat als etwa bei einem Roman
aus dem Jahr 1924. Damals war der Leser eigentlich irrelevant. Und der
Roman wurde von einer Schar von Eingeweihten - über manche intellektuellen
Geplänkel hinweg - zum Kunstwerk erklärt.
Hängt mit dieser deutlicheren Hinwendung zum Nutzer nicht auch
eine geänderte Auffassung von "Werk" zusammen?
Natürlich. Der traditionelle Werk-Begriff hat etwas sehr Ausschließendes.
Die herkömmlichen Forderungen lauten hier "Abgeschlossenheit"
oder auch "Konsistenz". Dieser Werk-Begriff impliziert etwas
Singuläres. Das ist aber spätestens seit der Einführung
der Schnelldruckpresse ziemlich problematisch geworden - und mit dem
Internet erst recht.
Die Frage läßt sich auch so stellen: Gibt es überhaupt
noch das Interesse, den Willen, so etwas wie ein singuläres, in
sich abgeschlossenes, leuchtendes Einzelwerk zu schaffen? Oder auch:
Wie würde sich die Techno-Generation ausdrücken - ein gemeinsamer
großer Fluß des Wohlbefindens, in dem alle mitspielen können?
Das ergibt völlig neue Kategorisierungen. Und die oben erwähnten
Nomenklatur-Probleme: Was ist es denn, wenn es kein "Werk"
mehr ist? Aber klar ist auch: Die jüngere Generation hat hier ein
Ausdrucksmittel, das sie freudig benützt. Wir stehen mitten in
einem noch gar nicht abgeschlossenen Prozeß.
Welche Zukunftserwartung für diese Ausdrucksmöglichkeiten
bringt Sie zu der wohl nicht nur beruflichen, sondern auch persönlichen
Gewißheit, daß sich die Beschäftigung damit lohnt?
Ganz privat dazu kann ich sagen: Ich bin von diesen Dingen fasziniert,
wie ich überhaupt von jeder schönen Verknüpfung unterschiedlicher
Ausdrucksformen fasziniert bin. Und daß man unterhalten werden
möchte, ist eine Sache, die man auch als Wissenschaftler nicht
aus den Augen verlieren sollte.
Ich finde, das Ganze ist ein spannendes, ein sehr schnelles, optisch
eindrucksvolles Medium. Eine Art intellektueller Quickie, den man sich
zwischen zwei Suchmaschinenseiten im Internet mal geben kann. Also ganz
sicher ein Faszinosum des Neuen, ein Faszinosum vor allem der Bildlichkeit.
Dann ist es natürlich von Interesse für mich, zu sehen, mit
welchen Themen und Ausdrucksformen sich meine Zeit- und Altersgenossen
beschäftigen. Und es hat etwas Beruhigendes für mich, wenn
ich sehe, daß dieses komische Ding Internet nicht nur für
irgendwelchen Blödsinn gut ist, sondern noch zu etwas anderem.
Das gibt mir dann auch ein Stück meines Technik-Optimismus zurück.
Lassen Sie uns Ihre
Meinung dazu
wissen? Ist Hyperfiction nun ein ernstzunehmender Gegenstand oder nur
die ergebnislose Spielerei einiger Computerfreaks? Lesen Sie dazu vielleicht
auch einen unserer Texte, die wir nicht verstehen.

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