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Detlef Hartmann
Martin Walsers "Bruder Hitler" Walser bohrt weiter. Ausgerechnet ihn lud die FAZ in ihrer Ausgabe
vom 29. 1. 99 mit notorischer Unverfrorenheit ein, die Fernsehreihe
"Auschwitz und kein Ende" in einem ganzseitigen Interview
vorweg zu kommentieren und zu bewerten. Walser hat es zu einer unverschämten
Fortsetzung seiner Politik rechter Restauration genutzt. Er propagiert
die "Selbstvereinigung" mit "Bruder Hitler". Allerdings
durch die Hintertür und nicht ganz ohne Raffinesse. Zwei Ikonen
des Antifaschismus zwingt er in seinen Dienst: Hannah Arendt und Thomas
Mann. Er schneidet Jürgen Kalwa Raoul over, Beethoven Fortsetzung (aus der März-Nummer) und Schluß Sie zu benennen, ist schwierig, denn sie liegen nicht so offen auf der Hand wie die Zehn Gebote, das Grundgerüst amerikanischer Moralvorstellungen. So kann man etwa den Einfluss des öffentlichen Schulsystems und vor allem seiner Defizite nicht hoch genug veranschlagen. Es produziert - statistisch belegbar - immer mehr Kinder, die immer weniger Wissen in ihren Köpfen speichern als frühere Generationen und die, weil ihnen niemand mehr im Unterricht die Erkenntnislogik der Aufklärung und die grundlegenden Denkkategorien wie Ursache/Wirkung einschärft, nicht begreifen können, welche Rolle Skeptizismus und Kritikfähigkeit spielen. Schwer zu messen, aber ebensowenig zu ignorieren, sind die Auswirkungen einer auf Sinnesstimulation und Reizbefriedigung angelegten lebenslänglichen Konfrontation mit dem Fernsehen und seinen Werbebotschaften und den ihnen innewohnenden Heilsversprechen. Das Fernsehen deformiert die Angehörigen einer kognitiv geschädigten Gesellschaft zusätzlich, in dem es konsequent jene medienwissenschaftliche Erkenntnis anwendet, die besagt: Da Nachdenken besondere Konzentration und geistige Disziplin verlangt, ist es erfolgreicher, Bilder zu zeigen, die direkt an den emotionalen Zustand des Betrachters appellieren. Ein weiteres Kraftfeld besteht aus einer vulgären Medienkultur, die das europäische, akademische Konzept einer Gedankenhierarchie und eines allgemeinen Bildungsanspruchs ignoriert und sich statt dessen nach Kriterien richtet wie Popularität und schönem Schein. Kategorien, die dazu geschaffen sind, einer ganzen Nation gesellschaftlichen Small-Talk als Sinn-Diskurs anzudrehen. Berühmtheiten aus Hollywood und Rock- und Sport-Stars sind für Millionen von Amerikanern Stellvertreterexistenzen geworden, deren Leben, Leiden und Sterben als signifikanter eingestuft wird als das eigene. Nur eine Minderheit ist noch intellektuell in der Lage, die Figuren als das zu nehmen, was sie sind: egozentrische Darsteller in einem riesengrossen Illusionstheater. Zu der radikalisierten Entkörperlichung einer solchen Projektion passt die Gegenentwicklung - ein Körperkult, der sich im Alltag der Mittelschicht verankert hat. Er zeigt sich als ständiger Kampf um Schlankheit, Fitness, Hygiene und das richtige Make-up und illustriert die Sehnsucht nach einem Erscheinungsbild, das so wirkt, als könne man sich dem natürlichen Prozess des Alterns entziehen. Es ist eine Selbsttäuschung, bei der der eigene Körper in ein liturgisches Werkzeug umgewidmet wird, um dessen hormonelle Abläufe als den Vorhof zum ständigen Glück zu zelebrieren. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist ein hohler Hedonismus. Der jedoch ruft wiederum leibfeindliche Sekten und missionsbesessene Evangelisten auf den Plan, die eine Chance sehen, ihr Bedürfnis nach einer seelenreinen Kommunikationsumwelt zu propagieren. Ihre Programmatik ist reaktionär: Sie kämpfen für Schulgebete, gegen das Verfassungsrecht auf Abtreibung, gegen den Steuernstaat, der Ghettomüttern lebenslänglich Sozialhilfe gewährt, gegen Kondome, gegen den besonderen Schutz von Homosexuellen und für einen Sitten- Kodex, der mit dem Code-Wort "Familiy Values" umrissen wird. Immerhin: Selbst eine derart lange Beschwerde-Liste kommt an einem Tatbestand nicht vorbei. Obwohl in den USA vieles im Argen liegt, hat die amerikanische Gesellschaft im Laufe von zweihundert Jahren massive Verwerfungen und Krisen tatsächlich noch immer aus eigenem Antrieb überwunden, ohne dass sie in ihren Fundamenten erschüttert wurde und ohne dass sie sich von kritischen ausländischen Stimmen hätte leiten lassen. Amerika ist und bleibt ein ureigenes Phänomen - voller sozialer Urgewalten, die sich auf natürliche Weise ein Equilibrium suchen. Einer der Gründe dafür, dass dieses System, obwohl ständig unter Stress, nicht zusammenbricht, liegt in dem fein austarierten Wettbewerb zwischen dem philosophischen Grundgerüst, das sich in diesem Land seit Jahrzehnten als stabile Erkenntniskrücke behauptet - dem Pragmatismus (die Wahrheit ist nützlich, weil sie wahr ist, und sie ist wahr, weil sie nützlich ist) - und der Koalition dogmatischer Heilslehren. Der Konflikt selbst hat die USA seit dem Ausrufen der Unabhängigkeit im Griff und hat die radikalsten Wechselfälle ihrer Geschichte produziert: die Sklaverei und den blutigen Bürgerkrieg im letzten Jahrhundert, der ihn abschaffte; die Verfassungsänderung von 1919, die ein totales Alkoholverbot übers Land verhängte und im Gegenzug Korruption und Mafia förderte (1933 wurde die Prohibition wieder aufgehoben). Den Völkermord an den Ureinwohnern und die Annexion von Landstrichen wie dem gesamten Südwesten der USA und Inseln wie Hawaii und Puerto Rico. Und ebenso das reine Gewissen in Fragen der Judenverfolgung, das es denn auch erlaubt, ein Land wie die kleine Schweiz moralisch an den Pranger zu hängen, weil es Flüchtlinge an seinen Grenzen abgewiesen und Hinterbliebenen den Zugang zu Nummernkonten erschwert hat, aber die eigenen Versäumnisse und die systematische Sabotage von Visagesuchen seitens einer antisemitischen Clique an führender Stelle im State Department während des Zweiten Weltkrieges milde übersieht. In diesem Zusammenhang drängt sich erst recht die Frage auf: Sind ausgerechnet die Deutschen, die keine erfolgreiche Revolution bewerkstelligt und keinen König und Despoten vom Sockel gestürzt haben, die besten Kritiker und Analytiker der kulturellen und politischen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten? Und falls nicht: Welche Rückschlüsse erlaubt dies auf Deutschland? Wer sich ausführlich mit dieser Frage beschäftigt, dem fällt auf: Anders als Emigranten wie Bertolt Brecht, die in den vierziger Jahren in Kalifornien für ihr "wildes geschimpfe auf 'die amerikaner'" tagtäglich Nahrung fanden, sind die meisten Kommentatoren von heute distanzierte Betrachter, geübt darin, salonfähigen journalistischen Sprech als Analyseversuch auszugeben. Zu Recherchen vor Ort reisen die wenigsten, auch wenn sie sich nicht scheuen, in ihren Texten einen anderen Eindruck zu erwecken. Selbst deutsche Fernsehreporter tun nur so, als kämen sie in Amerika bis ins Zentrum der Macht. Während die führenden US-Korrespondenten tatsächlich im Weissen Haus Büros besitzen und an den Pressekonferenzen teilnehmen, müssen die TV-Ausländer ihre Kameras draussen vor dem Absperrgitter aufbauen. Ihre Informationen beziehen sie vom Ticker oder aus den Uebertragungen ihrer US-Kollegen. Sie leben vom Infofutter aus zweiter Hand. Kein Wunder, dass Berichte, egal in welchem Medium, Anspruch (europäisch) und Wirklichkeit (amerikanisch) verquirlen und so Eindrücke herstellen, die das Niveau der Amerikadarstellung in den Büchern von Karl May (1842-1912) halten. Auch seine Klischee- Szenarios wirkten schlüssig und erreichten deshalb Millionen. Aber sie hatten nicht mit der Lebensrealität zu tun. Weshalb sie etwa als Informationsquelle über indianische Kultur völlig untauglich sind. Jenseits aller medialer Scharlatanerie gibt es eine auffällige Parallele zwischen dem Preussen des letzten Jahrhundert und dem um die ehemalige DDR angereicherten Zoon Politikon in der Mitte Europas. Es war und ist kein stabiles und friedfertiges Gebilde. Und seine Bewohner sind es - trotz aller pazifistischen Beschwörungen - auch nicht. Während die USA seit neun Jahren eine ungewöhnlich lange Phase an wirtschaftlichem Aufschwung auf breiter Front mit niedriger Geldentwertung, hohen Investitionsraten, messbarem Produktivitätswachstum, Rückgang der Staatsverschuldung und anderen Anzeichen von bislang stabiler Prosperität erleben, befindet sich der Riese in Europas Zentrum in einem unbehaglichen Selbstfindungsprozess. Die Bundeswehr rasselt mit den Panzerketten. Wirtschaftsflüchtlinge aus allen Herren Ländern drängen sich an die Fleischtöpfe. Die enormen sozialen Lasten aus hoher Arbeitslosigkeit, teurem Gesundheitswesen, exorbitanter Besteuerung und der Ideenlosigkeit aufgeblähter öffentlicher Verwaltungen und politischer Parteien, lähmen das Land auf eine Weise, die Zweifel an der Funktionsfähigkeit des gesamten Organismus aufkommen lässt. Allein die Erhaltung der Umverteilungssysteme und die hohe Wertschöpfungsquote der produzierenden Wirtschaft zögern das dringend fällige Eingeständnis hinaus: Deutschland steckt in einer bedrohlichen Krise. Eine krisenhafte Stimmung hat schon häufiger ein überzeichnetes Amerikabild produziert. "Jeder braucht jemand anderen, bevorzugterweise jemanden demonstrativ Unterlegenen, um sich selbst als etwas Besonderes zu fühlen", glaubt der amerikanische Historiker Richard Pells, der in seinem 1997 erschienenen Buch "Not Like Us" beschreibt, auf welche Weise "die Europäer die amerikanische Kultur geliebt, gehasst und transformiert" haben. So nahm der studentische Protest - im Kern eine Attacke gegen die nazi-infizierten, patriarchalischen deutschen Verhältnisse - den Vietnam-Krieg, die gesellschaftlichen Verwerfungen in den USA, Herbert Marcuses in San Diego formulierte Kapitalismuskritik und die aufkeimende kalifornische Pop- und Jugendkultur und nutzte es als Material für die Attacke gegen eine deutsche Sinnkrise. Anders als die geistigen Reibereien von heute war das immerhin geopolitisch konsequent. Die atomare Leistungsshow entfaltete sich schliesslich mitten in Deutschland. Garnisonen mit einer halben Million in der BRD stationierten US-Soldaten machten aus jeder imperialistischen Pose der USA eine Bedrohung des wachsenden Lebensstandards in Deutschland. Das Lebensniveau war jedoch in den sechziger Jahren tatsächlich vor allem von hausgemachten Strukturproblemen bedroht. Die Krise entschärfte sich erst, als die SPD/FDP- Koalition die Regierung übernahm und die soziale Abfederung der Umwälzungen in den Bereichen Bergbau, Stahlindustrie und Landwirtschaft besorgte. Seit den sechziger Jahren scheint sich das Amerikabild in kurzen Konjunkturzyklen mal zu ver- und mal zu entzerren - je nach der aktuellen Befindlichkeit der Meinungsmacher. Die Wahrnehmungsfilter reflektieren die wirtschaftlichen und sozialen Schwankungen in beiden Ländern, hauptsächlich jedoch die in der Bundesrepublik. Zu den Apologeten gehörten Anfang der achtziger Jahre zum Beispiel wortgewaltige Schriftsteller, die sich für ein schmuddeliges Metropolenleben begeisterten (in dem Sammelband "New York", Düsseldorf, 1982). Das provinzielle Dasein daheim machte sie bisweilen "masochistisch geil nach diesem wahnsinnigen Härtetest" (O-Ton Ludwig Fels, fränkischer Lyriker mit proletarischem Hintergrund). Amerika wirkte kaputt, aber es lockte und inspirierte solche publizistischen Unternehmungen wie die Gründung der Kultur- und Reportagezeitschrift "Transatlantik". Das Vorbild in Ton und Gestalt: der "New Yorker", eines der kulturellen Fossile aus einem Amerika der geistigen Rigorisität. Lange Beiträge statt Fast Food. Aufwendige Recherchen als Info-Gerüst für geistige Flexibilität. Erzählen statt Soundbyte-Gestotter. Ein paar Jahre später - in Mutlangen hatte sich soeben symbolisch in Form von Sitzstreiks der Rüstungswettlauf zugespitzt - gehörte es erneut zum guten Ton, die Neugier auf die USA und den massiven Import ihrer schriftstellerischen, musikalischen und cineastischen Produkte zu diskreditieren. Bezeichnend war das Pamphlet des vormaligen "Stern"-Chefredakteurs Rolf Winter "Ami Go Home" (Hamburg, 1989), der mit seiner Attacke noch einmal die Anti- Haltung der sechziger Jahre aufwärmte: "Kaum eine andere westliche Zivilisation ist unansehnlicher als jene, die sich die Amerikaner schufen und den Völkern der Welt dringlich zur Uebernahme empfehlen", schrieb er. Die undifferenzierte Abrechnung mit Gewalttätigkeit, Gier und Patriotismus las sich wie "Täglicher Faschismus" von Reinhard Lettau (München, 1971). Nur besser geschrieben. In den neunziger Jahren hat man sich daran gewöhnt, die USA durch die Brille des Ferntourismus zu betrachten. Mehr als zwei Millionen Deutsche fliegen jedes Jahr über den Atlantik - die eine Hälfte auf den Spuren spektakulärer Landschafts- und Städteszenerien, die andere auf der Suche nach Sonne an den Stränden von Florida, Kalifornien oder sogar Hawaii. Man liest Romane von Tom Wolfe und John Irving - natürlich übersetzt -, als enthielten die Stoffe Bezüge zur eigenen Existenz im fernen Deutschland. Man fliegt zum Einkaufen vor Weihnachten nach New York. Man benutzt Tausende von englischen Vokabeln, die die eigene Sprache zu einem Kauderwelsch verkommen lassen. Man fühlt sich dem fremden Land näher denn je, und so glaubt man denn, man versteht ... Wirklich? Jean Baudrillard hat eine solche Entwicklung kommen sehen und im bereits zitierten Buch die Amerikaner und ihre "idyllische Ueberzeugung" verteidigt, der Nabel der Welt zu sein. Ihre Gesellschaft basiere nun mal auf jenen Ideen, von den alle anderen nur geträumt hätten - auf Gerechtigkeit, Ueberfluss, Rechtsstaatlichkeit, Reichtum, Freiheit. Amerika "weiß das, glaubt daran, und" - so seine irritierende Schlussfolgerung, mit der sich viele Europäer bis heute nicht abfinden mögen - "am Ende haben die anderen auch daran glauben müssen". Jürgen Kalwa, Journalist und Sachbuchautor, lebt seit 1989 in NewYork und West Cornwall/Connecticut. Seine Reportagen, Interviews und Essays erscheinen regelmäßig in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und im "Züricher Tages-Anzeiger". Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören: ";New York Cops" (1991), "American Sports" (1994), "San Francisco" (1996), "New York" (1997), "Tiger Woods - Charisma für Millionen" (1998). |
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