Nr. 24, April 2000
 
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Robert Musil

Kapitalismus und "der andere Zustand"

Es war von der Entwicklung der Naturwissenschaften, der Maschinen, der Zeitung, der Demokratie die Rede, von der Uneinheitlichkeit der Meinungen, der Atomisierung aller Ideologien. Man faßt auch zusammen: das Wort Zeitalter des Kapitalismus lag nahe. In der Tat sind nicht nur alle diese Erscheinungen, sondern auch alle ihre beklagten Wirkungen unter diesen Begriff zusammenzufassen.
Die Formel dieser Zeit des Kapitalismus, auf die es im Zusammenhang mit den Tatsachen ankommt, lautet: das Geld ist das Maß aller Dinge. Ihr negativer Ausdruck heißt: das menschliche Tun trägt kein Maß mehr in sich. Worte über ihre weitreichende Berechtigung sind überflüssig; sie ist oft genug erörtert worden. Ich möchte nur hervorheben, wie sehr heute der "Erfolg" sogar für das "Verständnis" entscheidet, unter besten Menschen.
Wichtiger erscheint es, das Positive, man zögere nicht zu sagen: das Gute, hervorzuheben, das in diesem Zustand liegt. Es ist die kräftigste und die elastischeste Organisationsform, welche die Menschen bisher erreicht haben. Es ist in diesem Zusammenhang aber nichts als eine Ichsucht; die ungeheuerlichste Organisation der Ichsucht, nach der Rangordnung der Kräfte, Geld zu schaffen. Bei dem Mangel jeder gültigen anderen Rangordnung ist es geradezu unentbehrlich: Wo das Geld nicht ordnet - wie etwa in der Beamtenhierarchie oder in der akademischen – dort springen sofort Nepotismus und Protektionswesen ein. Würde heute das Geld abgeschafft, so würde dadurch nicht berührt "die Übermacht dessen, der Vorteile zu vergeben hat". In der Zeit des Umsturzes und Durcheinanders etablierte sich allerorten eine Naturalwirtschaft aller erdenklichen Protektionen. Man muss das sagen, weil manche zu glauben scheinen, dass mit dem Geld auch die Ichsucht abgeschafft würde. Sie ist aber so alt und so ewig wie ihr Widerspiel der sozialen Gefühle. Das Geld ist nicht ihre Ursache, sondern ihre Folge; allerdings hat nichts so wie das Geld und seine Gebilde sie ins Ungeheuere gesteigert.
Der Zusammenhang mit den "Tatsachen" ist der, dass die Ichsucht die verläßlichste Eigenschaft des menschlichen Lebens ist. Von unwirksamen Ausnahmen abgesehen ist durch Reizung des Begehrens und Einschüchterung der Mensch zu allem zu bringen. Dass sich mit diesen beiden Eigenschaften verlässlich rechnen lässt, ist mehr als ein Wortspiel. Rechnen setzt feste Größe oder die Umrechenbarkeit auf solche voraus. Rechnen, Messen, Wägen ist nur dort möglich, wo die Gegenstände, an denen das geschieht, sich gleich bleiben, sich nicht zwischen zwei Messungen oder während der Rechnung verändern (wo dies geschieht, ist aller Scharfsinn darauf gerichtet, die Beziehung zu etwas Unveränderlichem zu finden). (...)
Dieses Bedürfnis nach Eindeutigkeit, Wiederholbarkeit und Festigkeit wird auf seelischem Gebiet durch die Gewalt befriedigt, und eine Spezialform dieser Gewalt, eine unerhört geschmeidige, entwickelte und nach vielen Richtungen schöpferische, ist der Kapitalismus. Es wurde hier schon dafür der weitere Begriff einer Ordnung aufgestellt, welche mit der Ichsucht rechnete. Dieses Ordnungsprinzip ist so alt wie die menschlichen Verbände selbst. Wer auf Stein bauen will im Menschen, muss sich der Gewalt oder der Begierden bedienen. Dieses mit den schlechten Fähigkeiten des Menschen rechnen ist eine Spekulation à la baisse (Börsenausdruck: auf das Sinken der Kurse spekulieren). Eine Ordnung à la baisse ist dressierte Niedrigkeit. Sie ist die Ordnung der heutigen Welt. Ich lasse dich gewinnen, damit ich mehr gewinne oder ich lasse dich mehr gewinnen, damit ich überhaupt etwas gewinne. Diese List eines überlegenen Parasiten ist die Seele der anständigsten Geschäfte, welche abgeschlossen werden. Vorteile gewähren oder ablisten. Zahlreich sind jene, welche geradezu auf der Schädigung anderer beruhen. Selbst der bescheidenste, berechtigtste Gewinn eines Verkäufers, der unter Gefahr und Einsatz seiner Existenz Ware herbeigeschafft und sich einen Anspruch erworben hat, - ob er nun Unternehmer oder Lohnsklave ist! - wird eingehoben ohne Rücksicht auf die persönliche Situation dessen, der die Ware braucht, also sie ausnützend, ja, das Gegenteil schiene nicht nur, sondern wäre bei der heutigen Lage eine Geistesstörung, welche mit Recht das Kuratel auf sich zieht. (...)
Das Gleiche gilt dann auch vom Politiker, ob es sich nun um die innere oder äußere Politik handelt. Der Befehlshaber, welcher die Bevölkerung eines Etappenraumes mit Drohungen gefügig hält, rechnet mit diesen Menschen nicht anders à la baisse wie der Industriellenverband, der die streikenden Arbeiter aushungert, oder die politische Partei, welche einen Wahlfonds verwendet. Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit den gleichen Mitteln, und der Friede würde auch nach einer allgemeinen Abrüstung ein bewaffneter Friede bleiben. Das ist der Typus, der erst die Waffen ausliefern lässt und dann verhandelt und sich kein gedeihliches Verhältnis anders denken kann als die Hegemonie (Vormachtstellung) eines Teils. Er sagt, dass er nur den Tatsachen Rechnung trage und kein Utopist sei.
Man muss diesen Tatsachenmenschen, der mit seinen Mitmenschen nur à la baisse rechnet, gerecht sein. Er ist ein reinlicher, exakter, dem Schwätzen abholder, in all seiner Verwerflichkeit häufig sympathischer Typus. Wenn man dennoch sein Gegner sein will, so ist es das Wichtigste, den Gegensatz zu ihm richtig zu bestimmen. (...)
Von einer anderen Seite her ist der Gegensatz des heutigen Geisteszustands als Liebe und Güte gefordert worden. Mitten im Krieg, mit großer Heftigkeit, wenn auch sehr oberflächlich verstanden, ist diese Forderung der Liebe, der Menschengüte und dergleichen aufgetaucht. Sofern sie ein wiedererweckter Rousseauismus ist - der Mensch ist gut – braucht sie hier nicht diskutiert zu werden. Zu warnen ist vor allen, die auf Grund dieser falschen Voraussetzung die Gesellschaft reformieren wollen, denn sie werden ihr Ziel verfehlen.
Dennoch liegt die wahre Gegnerschaft gegen die Tatsachengesinnung nicht weit von dieser letzten Bestimmung. Es gibt einen Zustand des Menschen, welcher dem des Erkennens, Rechnens, Zweckens, Schätzens, Drückens, Begehrens und der niedrigen Angst als grundverschieden entgegengesetzt ist. Er ist schwer zu bezeichnen.
In all den Bezeichnungen als Liebe, Güte, Irrationalität, Religiosität, die hier bekämpft wurden, steckt eine Seite der Wahrheit und für die volle Wahrheit steht heute kein Gedanke zur Verfügung.
Ich möchte es einfach den "anderen Zustand" nennen.

(Mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt Verlags aus: Der deutsche Mensch als Symptom, 1923. Zitiert nach: Robert Musil, Gesammelte Werke, 1978. Auszugsweise aus den S. 1386 – 1392.) Rowohlt Verlag

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