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Robert Musil
Kapitalismus und "der andere Zustand"
Es war von der Entwicklung der Naturwissenschaften, der Maschinen, der
Zeitung, der Demokratie die Rede, von der Uneinheitlichkeit der Meinungen,
der Atomisierung aller Ideologien. Man faßt auch zusammen: das
Wort Zeitalter des Kapitalismus lag nahe. In der Tat sind nicht nur
alle diese Erscheinungen, sondern auch alle ihre beklagten Wirkungen
unter diesen Begriff zusammenzufassen.
Die Formel dieser Zeit des Kapitalismus, auf die es im Zusammenhang
mit den Tatsachen ankommt, lautet: das Geld ist das Maß aller
Dinge. Ihr negativer Ausdruck heißt: das menschliche Tun trägt
kein Maß mehr in sich. Worte über ihre weitreichende Berechtigung
sind überflüssig; sie ist oft genug erörtert worden.
Ich möchte nur hervorheben, wie sehr heute der "Erfolg"
sogar für das "Verständnis" entscheidet, unter besten
Menschen.
Wichtiger erscheint es, das Positive, man zögere nicht zu sagen:
das Gute, hervorzuheben, das in diesem Zustand liegt. Es ist die kräftigste
und die elastischeste Organisationsform, welche die Menschen bisher
erreicht haben. Es ist in diesem Zusammenhang aber nichts als eine Ichsucht;
die ungeheuerlichste Organisation der Ichsucht, nach der Rangordnung
der Kräfte, Geld zu schaffen. Bei dem Mangel jeder gültigen
anderen Rangordnung ist es geradezu unentbehrlich: Wo das Geld nicht
ordnet - wie etwa in der Beamtenhierarchie oder in der akademischen
dort springen sofort Nepotismus und Protektionswesen ein. Würde
heute das Geld abgeschafft, so würde dadurch nicht berührt
"die Übermacht dessen, der Vorteile zu vergeben hat".
In der Zeit des Umsturzes und Durcheinanders etablierte sich allerorten
eine Naturalwirtschaft aller erdenklichen Protektionen. Man muss das
sagen, weil manche zu glauben scheinen, dass mit dem Geld auch die Ichsucht
abgeschafft würde. Sie ist aber so alt und so ewig wie ihr Widerspiel
der sozialen Gefühle. Das Geld ist nicht ihre Ursache, sondern
ihre Folge; allerdings hat nichts so wie das Geld und seine Gebilde
sie ins Ungeheuere gesteigert.
Der Zusammenhang mit den "Tatsachen" ist der, dass die Ichsucht
die verläßlichste Eigenschaft des menschlichen Lebens ist.
Von unwirksamen Ausnahmen abgesehen ist durch Reizung des Begehrens
und Einschüchterung der Mensch zu allem zu bringen. Dass sich mit
diesen beiden Eigenschaften verlässlich rechnen lässt, ist
mehr als ein Wortspiel. Rechnen setzt feste Größe oder die
Umrechenbarkeit auf solche voraus. Rechnen, Messen, Wägen ist nur
dort möglich, wo die Gegenstände, an denen das geschieht,
sich gleich bleiben, sich nicht zwischen zwei Messungen oder während
der Rechnung verändern (wo dies geschieht, ist aller Scharfsinn
darauf gerichtet, die Beziehung zu etwas Unveränderlichem zu finden).
(...)
Dieses Bedürfnis nach Eindeutigkeit, Wiederholbarkeit und Festigkeit
wird auf seelischem Gebiet durch die Gewalt befriedigt, und eine Spezialform
dieser Gewalt, eine unerhört geschmeidige, entwickelte und nach
vielen Richtungen schöpferische, ist der Kapitalismus. Es wurde
hier schon dafür der weitere Begriff einer Ordnung aufgestellt,
welche mit der Ichsucht rechnete. Dieses Ordnungsprinzip ist so alt
wie die menschlichen Verbände selbst. Wer auf Stein bauen will
im Menschen, muss sich der Gewalt oder der Begierden bedienen. Dieses
mit den schlechten Fähigkeiten des Menschen rechnen ist eine Spekulation
à la baisse (Börsenausdruck: auf das Sinken der Kurse spekulieren).
Eine Ordnung à la baisse ist dressierte Niedrigkeit. Sie ist
die Ordnung der heutigen Welt. Ich lasse dich gewinnen, damit ich mehr
gewinne oder ich lasse dich mehr gewinnen, damit ich überhaupt
etwas gewinne. Diese List eines überlegenen Parasiten ist die Seele
der anständigsten Geschäfte, welche abgeschlossen werden.
Vorteile gewähren oder ablisten. Zahlreich sind jene, welche geradezu
auf der Schädigung anderer beruhen. Selbst der bescheidenste, berechtigtste
Gewinn eines Verkäufers, der unter Gefahr und Einsatz seiner Existenz
Ware herbeigeschafft und sich einen Anspruch erworben hat, - ob er nun
Unternehmer oder Lohnsklave ist! - wird eingehoben ohne Rücksicht
auf die persönliche Situation dessen, der die Ware braucht, also
sie ausnützend, ja, das Gegenteil schiene nicht nur, sondern wäre
bei der heutigen Lage eine Geistesstörung, welche mit Recht das
Kuratel auf sich zieht. (...)
Das Gleiche gilt dann auch vom Politiker, ob es sich nun um die innere
oder äußere Politik handelt. Der Befehlshaber, welcher die
Bevölkerung eines Etappenraumes mit Drohungen gefügig hält,
rechnet mit diesen Menschen nicht anders à la baisse wie der
Industriellenverband, der die streikenden Arbeiter aushungert, oder
die politische Partei, welche einen Wahlfonds verwendet. Krieg ist die
Fortsetzung der Politik mit den gleichen Mitteln, und der Friede würde
auch nach einer allgemeinen Abrüstung ein bewaffneter Friede bleiben.
Das ist der Typus, der erst die Waffen ausliefern lässt und dann
verhandelt und sich kein gedeihliches Verhältnis anders denken
kann als die Hegemonie (Vormachtstellung) eines Teils. Er sagt, dass
er nur den Tatsachen Rechnung trage und kein Utopist sei.
Man muss diesen Tatsachenmenschen, der mit seinen Mitmenschen nur à
la baisse rechnet, gerecht sein. Er ist ein reinlicher, exakter, dem
Schwätzen abholder, in all seiner Verwerflichkeit häufig sympathischer
Typus. Wenn man dennoch sein Gegner sein will, so ist es das Wichtigste,
den Gegensatz zu ihm richtig zu bestimmen. (...)
Von einer anderen Seite her ist der Gegensatz des heutigen Geisteszustands
als Liebe und Güte gefordert worden. Mitten im Krieg, mit großer
Heftigkeit, wenn auch sehr oberflächlich verstanden, ist diese
Forderung der Liebe, der Menschengüte und dergleichen aufgetaucht.
Sofern sie ein wiedererweckter Rousseauismus ist - der Mensch ist gut
braucht sie hier nicht diskutiert zu werden. Zu warnen ist vor
allen, die auf Grund dieser falschen Voraussetzung die Gesellschaft
reformieren wollen, denn sie werden ihr Ziel verfehlen.
Dennoch liegt die wahre Gegnerschaft gegen die Tatsachengesinnung nicht
weit von dieser letzten Bestimmung. Es gibt einen Zustand des Menschen,
welcher dem des Erkennens, Rechnens, Zweckens, Schätzens, Drückens,
Begehrens und der niedrigen Angst als grundverschieden entgegengesetzt
ist. Er ist schwer zu bezeichnen.
In all den Bezeichnungen als Liebe, Güte, Irrationalität,
Religiosität, die hier bekämpft wurden, steckt eine Seite
der Wahrheit und für die volle Wahrheit steht heute kein Gedanke
zur Verfügung.
Ich möchte es einfach den "anderen Zustand" nennen.
(Mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt Verlags aus:
Der deutsche Mensch als Symptom, 1923. Zitiert nach: Robert Musil, Gesammelte
Werke, 1978. Auszugsweise aus den S. 1386 1392.) Rowohlt Verlag
Ihr
Kommentar

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