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Wird die "zweite Aufklärung" im 21. Jahrhundert
eine Chance haben?
Neil Postman ist kein origineller Denker. So könnte ein Verriss
seines neuen Buches "Die zweite Aufklärung" beginnen.
Erstens schreibt er nicht viel anders als in seinen früheren Bestsellern
("Das Verschwinden der Kindheit", "Wir amüsieren
uns zu Tode" oder "Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung").
Und zweitens sucht der New Yorker Professor für Medienökologie
diesmal auffällig ehrfürchtig Zuflucht bei großen Philosophen.
Obwohl er fast keine Fußnoten verwendet, wirdt er mit
den Namen derart verschwenderisch um sich, dass sie nach der Lektüre
wie ein langer Ohrwurm im Kopf stecken. Voltaire, Rousseau, Kant, Goethe,
Hamilton, Adam Smith, Jefferson, Pestalozzi, Hume, Locke - und so geht
das ewig weiter. Die Lektüre des Buches erinnert an eine intellektuelle
Séance, bei der aufgeklärte Geister gleich reihenweise wachgerufen
werden, um sie uns als Weggefährten für den Übergang
ins nächste Jahrtausend mitzugeben. Vom Zeitalter der Aufklärung
sollen wir lernen und eine Brücke ins 18. Jahrhundert bauen.
Das klingt etwas abgestanden. Aber man muss ja nicht alles neu erfinden
und sich schon gar nicht dem Zwang der Moden und dem Wahn der Originalität
unterwerfen. Die Aufklärung,, die von manchen für tot erklärt
wird, hat vielleicht noch gar nicht so richtig begonnen. Entsetzt verweist
Postman auf Umfragen, denen zufolge viele Amerikaner noch heute an einen
leibhaftigen Teufel glauben.
Wenn sich Postman also um die Demokratie sorgt oder um den Erhalt der
Kindheit, und wenn er nicht müde wird zu mahnen, dass pure Informationen
noch keine Erkenntnisse ausmachen und hier ein Problem der "Informationsgesellschaft"
liegt, dann ist das ernstzunehmen. Es lässt sich nicht als Kulturpessimismus
abtun. Zwar kokettiert Postman damit, keinen Anrufbeantworter zu besitzen
und seine Briefe per Post statt per E-Mail zu senden. Er ist allerdings
nicht einfach altmodisch. Denn wie er können sich auch Menschen,
die gegenüber neuen Technologien viel aufgeschlossener sind, verärgert
fragen, warum Schulen einen Internet-Zugang bekommen, ihnen aber die
Lehrer und Fensterscheiben fehlen.
Postman verdammt die neuen Medien nicht grundsätzlich, doch wendet
er sich gegen die blinde Zukunfts-Euphorie, mit der Alvon Toffler, Nicholas
Negroponte oder US-Vizepräsident Al Gore sie feiern. Er hält
ihnen einen konstruktiven Katalog von Fragen vor: Was ist das eigentlich
das Problem, für das eine Technologie die Lösung bietet? Wessen
Problem ist es? Welche neuen Probleme könnten durch die Lösung
des alten Problems auftreten? Welche Leute und Institutionen werden
durch eine technologische Lösung am stärksten geschädigt?
Skepsis und Zweifel möchte Postman auf diese Weise kultivieren,
dabei aber nicht über das Ziel hinausschießen, wie er es
den Denkern der Postmoderne vorwirft. Zu Jean Baudrillard bemerkt er:
"In früheren Zeiten wäre die Idee, die Sprache sei zur
Abbildung der Realität nicht fähig, als Unsinn, wenn nicht
gar als eine Form von Geisteskrankheit betrachtet worden. (...) Trotzdem
ist in unserer Zeit dieser Gedanke zu einem Organisationsprinzip angesehener
Universitätsabteilungen geworden."
Das Buch versucht zu zeigen, dass in der Tradition der Aufklärung
bereits so viel Skepsis gegenüber Sprache, Realität und Wahrheit
angelegt ist, dass die radikale Attitüde der Postmoderne ins Leere
läuft. Ein Kapitel über Sprache hätte Postman beinahe
"Diderot, nicht Derrida" genannt, fand die Zuspitzung am Ende
jedoch zu gewagt, obwohl er ansonsten vor Polemik nicht zurückschreckt:
"Tausend Worte kann man machen, auf Französisch oder in irgendeiner
anderen Spache, um zu zeigen, dass eine Überzeugung ein Erzeugnis
sprachlicher Gewohnheiten ist - und ganze Busladungen von Studenten
werden bei dem Spaß mitmachen - , aber es bleibt dabei, dass das
Blut durch den Körper kreist und das Aids-Virus die Menschen krank
macht und der Mond nicht aus grünem Käse besteht."
Zweifellos ist manches Urteil recht grob geraten (Platon wird im Nebensatz
der "erste systematische Faschist der Weltgeschichte" genannt).
Aber es geht Postman ja auch ums Grobe. Er kämpft ebenso begeistert
wie allgemein für das Erbe der Aufklärung ("Lasst uns
die Grundsätze übernehmen und nicht die Details"). Deshalb
nimmt er die erheblichen Unterschiede zwischen den Denkern des 18. Jahrhunderts
nicht so wichtig. Um dem Vorwurf zu entgehen, die Aufklärer naiv
zu idealisieren, räumt er übrigens ein, dass nicht alle eine
nur reine Weste hatten, und verweist auf den Antisemitismus im Denken
von Voltaire und Kant. Doch insgesamt bleibt die Überzeugung, dass
wir noch heute etwas von ihren Ideen lernen können, ja lernen sollen.
Dass nun für diese Einsicht flammende Plädoyers für nötig
befunden werden, stimmt nachdenklich. Wird die "zweite Aufklärung"
im 21. Jahrhundert eine Chance haben?
Tanjew Schultz
(mit freundlicher Genehmigung aus: Frankfurter Hefte
1/2, Januar/Februar 2000)
Neil Postman
Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert
Berlin Verlag, Berlin 1999
253 Seiten
DM 38,--, öS 277, sFr 36,80
Ihr
Kommentar
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