|
|
Braune Reihe Rowohlt? Es ist nicht das geringste Verdienst der modernen Frauenbewegung, der Gattung der von männlichen Kritikern nicht selten mit Häme und Herablassung bedachten autobiografischen Bekenntnisliteratur nach einem kurzen Zwischenspiel im frühen 19.Jahrhundert nach 1968 zu neuem Glanz und Ansehen verholfen zu haben. Von den ersten noch scheuen Gehversuchen der Berner Krankengymnastin Verena Stefan ("Häutungen") über das von brachialem Mutterwitz beseelte Oeuvre Hera Linds ("Das Superweib") bis hin zu dem durch den flüchtigen genitalen Kontakt mit einer Havannazigarre ausgelösten Mitteilungsdrang der Praktikantin Monica Lewinsky ("Ihre wahre Geschichte"), ergießt sich ein breiter, nie versiegender Strom weiblicher Imaginationskraft in die Regale unserer Buchhandlungen und es ist vor allem ein Unternehmen, daß sich um diese Sparte in seiner legendär zu nennenden Reihe "Neue Frau" verdient gemacht hat und das ist der in Reinbek bei Hamburg ansässige Rowohlt-Verlag. Nachdem sich die zitierte Reihe, wenn man das so vereinfacht ausdrücken darf, durch das gängige politisch-weltanschauliche Farbspektrum von rot über grün bis lila durchgearbeitet hat, und sich innerhalb dieses Spektrums unter den KonsumentInnen eine gewisse Kaufunlust breitzumachen drohte, hat man sich jetzt, nach der endgültigen Entrückung Michael Naumanns in den kulturpolitischen Olymp, dazu durchgerungen, die Palette um eine Farbnuance zu bereichern, die an die Ergebnisse des menschlichen Ausscheidungsprozesses gemahnt und nicht nur wegen der damit verbundenen Geruchsbelästigung bislang einer gewissen gesellschaftlichen Ächtung unterlag. Im Rowohlt Verlag ist dieser Tage unter dem Titel "Mutter mochte Himmler nie" ein Buch erschienen in dem Ingeburg Schäfer die , wie es im Untertitel heißt, "Geschichte einer SS- Familie" erzählt, in die sie 1933 als Tochter des SS-Brigadeführers und späteren Polizeipräsidenten von Lodz Johannes Schäfer und seiner Frau Eva, einer aus der antislawischen Artamanen-Bewegung hervorgegangenen NSDAP-Aktivistin, hineingeboren wird. Nun nehmen wir, die in die Jahre gekommen deutschen Kinder, die dem Täter- oder Mitläufermilieu entstammen, eine solche Herkunft nicht selten zum schriftstellerischen Anlass, in ein weinerliches Lamento auszubrechen und unsere ErzeugerInnen bis ins Grab mit kleinlichen Vorwürfen, Verdächtigungen und Anklagen zu überziehen, die die eigene Kindheit in eine Mördergrube verwandeln und den Leser auf Dauer ermüden und abstoßen. Als Beispiel für diesen unerquicklichen Modus der Elternbeschimpfung seien hier nur Helga M. Novaks "Die Eisheiligen" und "Vogel federlos" genannt. Eine solche, zwischen Verbiesterung und Düsternis schwankende Erzählhaltung ist Ingeburg Schäfer völlig fremd. Auf unnachahmliche Weise gelingt es der pensionierten Grundschullehrerin den Leser in eine Welt zu entführen, in der bis zum April 1945 im großen und ganzen alles in Ordnung war. In einem hohen, an die Sprache vergilbter Poesiealben gemahnenden Jungmädchenton, finden wir die Karriere des Vaters beschrieben, der sich vom unbekannten kleinen SA-Schläger bis zur Festtafel seine Führers empormorden mußte , um sich den Platz an der Sonne zu sichern, deren Licht die Tochter unbeirrbar über dem Heros ihrer Kindheit ausschüttet. Gewiß war der Aufstieg des Vaters von unschönen Szenen begleitet, so, als er etwa zu Beginn des Überfalls auf Polen das Danziger Hauptpostamt mit Flammenwerfern ausräuchern lassen mußte, um die störrischen Verteidiger zum Verlassen des Gebäudes zu bewegen, oder als er sich gezwungen sah, den verlausten Lodzer Juden einen Platz im Ghetto zuzuweisen, um der Ausbreitung des Flecktyphus vorzubeugen - Mißhelligkeiten, die vor dem Hintergrund eines erfüllten völkischen Familienlebens jedoch völlig verblassen. Wie glücklich durften sich demnach die Eltern schätzen, als der blutjunge Vater 1932 in den Reichstag einzog und zu einer Zeit 600 Mark zur Haushaltskasse beisteuerte, als ein Pfund Tomaten sage und schreibe 7 Pfennige kostete; wie unbeschwert waren die Tage , die man auf den menschenleeren masurischen Seen verbrachte, "rund um uns nur Wasser, Wald und Vögel in bezaubernder Vertrautheit" und wie allerliebst fügen sich die ersten töchterlichen Erinnerungen in das Weichbild dieser verlorenen Landschaft am Rande der bösen verstädterten Welt: "In Metgethen, einem Vorort Königsbergs , hatten unser Eltern ein hübsches Haus gefunden, das am Waldrand lag. Meine Schwester und ich spielten viel im Freien und freuten uns über die vielen Tiere, die es dort gab. Es war ein kleines Paradies", sagt die Autorin, und welcher Leser möchte nicht, um mit Robert Walser zu sprechen, in dieses Bild eines Paradieses "hineinsterben" und sich dabei aller störenden Gedanken und der damit verbundenen Anstrengungen des Begriffs entledigen? Und auch dieses Bedürfnis vermag das sorgfältig editierte Büchlein zu befriedigen. In einem opulenten Bildteil wird das sprachlose Glück des arischen Herrenmenschentums lückenlos dokumentiert. Die Unterschriften lauten: "Vater mit uns Kindern als SS-Brigade-Führer.", "Vater und Hitler auf dem Parteitag der NSDAP", "Mutter mit SA-Brosche aus Elfenbein" und ganz am Ende findet sich ein Portrait der strohblonden kleinen Ingeburg :" Dieses Foto von mir wurde in einer Rassezeitschrift veröffentlicht." Bleibt nur übrig, das Haus Rowohlt zu diesem mutigen verlegerischen Dammbruch zu beglückwünschen. Auf dem Weg in die Normalität war die Zeit reif für diese und andere Nachrufe. Wir hatten eine Farm im Warthegau. Out of Germany. Eine Fortsetzungsgeschichte mit ungewissem Ausgang. Jakob Sorger |
| Essays Interview Leseproben Net-Ticker TextBilder Rubriken Archiv |