Nr. 23, März 2000

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Interview
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

 

Interview mit Friedrich Zisska, Buchauktionator

Warum stehlen manche Menschen wertvolle alte Bücher?
Das kann schon mal die Lust an der Bibliophilie sein, daß man also Bücher, die man schön findet, auch unbedingt besitzen möchte; da man sich diese Bücher, wenn sie wirklich schön und selten sind, nicht leisten kann, versucht man, sie sich also auf einem anderen Weg anzueignen. Das ist ein Verhalten, das durch viele Jahrhunderte hindurch immer wieder auftritt.
Die jetzt, im letzten Jahrhundert, bekannt gewordenen größeren Diebstähle haben als Ursache aber fast nie bibliophile Neigungen, sondern dahinter steht nur die Absicht, damit Geschäfte zu machen.

Sind denn rare Bücher, die ja oft so berühmt sind wie Gemälde, überhaupt zu Geld zu machen?
Bei gedruckten Büchern handelt es sich nur in den seltensten Fällen um Unikate. Wenn Sie etwa einen Inkunabeldruck haben, der nur noch in zwei Exemplaren existiert, deren Standorte bekannt sind, dann kann man da als Dieb allerdings nicht viel machen.

Werden demnach solche Bücher erst gar nicht gestohlen?
Wenn jemand als Dieb seine Sache versteht, dann nicht. Ebenso ist es eine der größten Dummheiten, Autographen zu stehlen: Briefe sind anhand des Datums und bekannter Absender- und Empfängerangaben jederzeit identifizierbar. Ähnliches gilt erst recht für Handschriften, die ebenfalls nicht absetzbar sind.

Sie hatten vor kurzem mit dem Bücherdiebstahl in der Universitätsbibliothek Krakau zu tun. Wie kamen Sie mit diesem Fall in Berührung?
Ich hatte erstmals durch die Presse davon gehört, als von dem Bücherangebot in Königstein berichtet wurde. Danach kam ich in engere Berührung mit der Sache, weil sich in unserer eigenen Versteigerung eine Kepler-Erstausgabe befand, wie sie auch in der Liste der gestohlenen Bücher der Jagellonen-Bibliothek enthalten war.
Problematisch an der Sache war ja Folgendes: Als der Diebstahl in Polen schon bekannt war, also im April 1999, hat man erst einmal überhaupt nichts unternommen. Die ersten Nachrichten darüber haben wir erst im August oder September erhalten. Nach meinen Informationen hat man offenbar versucht, die Sache gar nicht publik werden zu lassen. Erst als der Journalist einer Warschauer Zeitung das Auftauchen des Exemplars in Königstein feststellte und der ganze Rummel losging, da gab es dann plötzlich eine Liste der gestohlenen Bücher.

Wie verhalten sich andere Bibliotheken im Fall eines Diebstahls?
Jede Bibliothek in Europa weiß eigentlich, daß selbst bei kleineren Diebstählen als dem in Krakau sofort Beschreibungen der gestohlenen Bücher an die Antiquariatsverbände gegeben und die Landeskriminalämter benachrichtigt werden, wo es inzwischen Spezialisten für diese Bücherlisten gibt. Das alles ist im Fall Krakau nicht geschehen.
Sehr wahrscheinlich war man dort über den Diebstahl regelrecht erschrocken, und ein möglicher Grund für die monatelange Geheimhaltung könnte sein, daß doch ein Insider aus dem Haus selbst daran beteiligt war. Es ist einfach untypisch, daß ein Buch, das Millionen Mark wert ist, schlicht im Regal steht.

Was unternahmen die Krakauer nach der Veröffentlichung des Diebstahls?
Im November 1999 kam eine Kommission, bestehend aus fünf polnischen Experten und einem Dolmetscher, und inspizierte, begleitet von einer Dolmetscherin und zwei deutschen Landeskriminalbeamten, überall dort, wo ein Exemplar der Bücher auf der Liste auftauchte, dieses Exemplar. Nur neben gesagt: Wenn drei von den fünf Leuten vorher auf die Bücher aufgepaßt hätten, dann wäre die ganze Sache nicht passiert.

Woher kam das betreffende Exemplar, das in Ihrem Hause auftauchte?
Es wurde aus Österreich eingeliefert, ich weiß natürlich ganz genau, von wem. Das Exemplar wurde hier besichtigt, und die Kommission sagte, mit großer Wahrscheinlichkeit handle es sich nicht um das gestohlene Exemplar. Trotzdem hat sich die Kommission auch noch an die österreichische Polizei gewandt, um den Einlieferer zu befragen.

Um was für einen Titel handelte es sich dabei?
Das war ein Kepler, Ad vitellionem paralipomena, die erste Ausgabe von 1604. In der Beschreibung stand "Titel mit sauber restauriertem Ausriß", und das hat womöglich die Vermutung geweckt, da könnte sich vorher ein Besitzerstempel befunden haben. Das gleiche Buch war auch bei einem Münchner Kollegen in einer Versteigerung, und auch dort hat die Kommission das Exemplar begutachtet und festgestellt, daß auch dieses Exemplar nicht das gesuchte sein konnte.

Welche anderen Titel wurden in Krakau gestohlen?
Von den Ptolemäus-Ausgaben beispielsweise wurden sämtliche Ausgaben von den siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts bis zum Ende des 16. Jahrhunderts gestohlen. So etwas ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Also entweder standen diese Bücher zusammen in einem zugänglichen Regal wie in einem öffentlichen Lesesaal oder - was ich persönlich vermute - sie standen in einem reservierten Raum, zu dem nur eine beschränkte Zahl von Personen Zugang hatte, und eine dieser Personen hat sich hier Zugriff verschafft. Diebstähle wertvoller Bücher aus Bibliotheken ohne die Beteiligung der damit Befaßten sind außerordentlich seltgen.

Kennen Sie andere, in dieser Hinsicht vergleichbare Fälle?
Ich selbst war einmal in etwas Ähnliches verwickelt. Ich kannte einen jungen Mann, der sein Theologiestudium - ohne daß ich es wußte - abgebrochen hatte, ursprünglich in einem Salzburger Kloster wohnte und über Freunde immer noch Zugang zu den Klosterbibliotheken hatte. Von dort holte er nun wertvolle Bücher heraus. Keine kontrollierte ihn je. Er wohnte jeweils acht oder zehn Tage in einem Kloster und trug die Bücher dann im Rucksack heraus. Die Sache flog erst auf, als man ihn doch einmal in flagranti erwischt hat.
Nun muß man wissen, daß in Österreich die Klöster nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang große Teile ihrer Buchbestände einfach verkauft haben, um von dem Erlös ihren Betrieb nach den Krieg- und Besatzungswirren wieder aufnehmen zu können. Das ergibt heute die Problematik, daß selbst ein Besitzerstempel nicht automatisch heißt, daß dieses Buch gestohlen ist. Trotzdem wurde mir damals vorgehalten, ich hätte doch am Buch selbst die unrechtmäßige Herkunft erkennen müssen. Dann es ist es oft recht schwer, für ein Gegenargument noch Glauben zu finden.

Das klingt ein wenig so, als müßten Sie sich einen allgemeinen Verdacht wehren.
Meine Beschwerde geht in der Tata dahin, daß - wie jetzt im Fall der Jagellonen-Bibliothek - rasch oder oder beinahe gleichzeitig der Verdacht aufkommt, derjenige, der das Buch zur Verwertung übernimmt, hätte es besser wissen müssen. Damit wird immer Unruhe und Konfrontation in ein Auktionshaus gebracht.
Ich möchte das gern am konkreten Beispiel schildern, dem Kepler. Ich wußte, von wem das Exemplar stammte, und habe den Vertrag mit dem Eigentümer unterschrieben. Dann kam die Staatsanwaltschaft, wollte das Buch zuerst mitnehmen, was wir aber abgelehnt haben, vielmehr - sagten wir - solle die Staatsanwaltschaft beweisen, daß es sich um das gestohlene Exemplar handle. Man hat uns dann das Exemplar gelassen mit der Auflage, wir dürften es nur unter Vorbehalt verkaufen. Das haben wir dann auch getan; allerdings konnten wir das Buch nicht dem Erwerber schicken. Denn am Tag nach der Versteigerung kam jemand vom Landeskriminalamt und hat die relevanten Seiten, die auf den Eigentümer hinweisen könnten, fotografiert, obwohl die Seiten keinerlei Eintragungen enthielten. Nach einer weiteren Woche kam dann die erwähnte Kommission zu uns und hat ihrerseits das Buch in Augenschein genommen. Ich mußte zuletzt auch noch persönlich aufs Landeskriminalamt zu einer nach allem bisher Erfolgten eigentlich überflüssigen Aussage. Dieselbe Prozedur machte übrigens auch mein Kollege durch, der ebenfalls dieses Buch angeboten hatte.
Man kommt also ohne eigenes Zutun in eine unangenehme Situation, für die man sich dann auch noch zu rechtfertigen hat.

Gibt es, wenigstens in Westeuropa, Informationsdienste oder andere Verfahren, um solche Unannehmlichkeiten möglichst auszuschließen?
Ja. Der praktikabelste Weg, wenn man Derartiges international bekanntmachen will, ist die Mitteilung an die International League of Antiquarian Booksellers über die gestohlenen Bände, möglichst mit Angabe der Besitzeintragungen, Stempel und besonderer Merkmale. Diese Institution sorgt dann dafür, daß die Information an die nationalen Verbände weitergeleitet wird. Die nationalen Verbände weisen dann unter Verwendung der genauen Liste auf die Diebstähle, entweder in ihren regelmäßigen Rundschreiben oder, bei besonders schweren Diebstählen, sofort - auf die Jagellonen-Sache beispielsweise hätte man selbstverständlich sofort reagiert.
Darüber hinaus schicken wir unsere Auktionskataloge an das Landeskriminalamt zur vorherigen Computer-Überprüfung durch die auf Buchdiebstähle spezialisierten Beamten.

Ist es Ihnen oder Ihren Kollegen, abgesehen von dern erwähnten Fällen, öfter passiert, daß Sie mit vermeintlich oder tatsächlich gestohlenem Gut zu tun hatten?
Erfreulicherweise nicht. Für jeden, dem so etwas passiert, ist es eine Katastrophe - und ein regelrechtes Desaster, wenn er erst dann passiert, nachdem das Buch verkauft ist. ein bißchen gehen wir da immer am Rand der Legalität spazieren.

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