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Interview mit Friedrich Zisska, Buchauktionator
Warum stehlen manche Menschen wertvolle alte Bücher?
Das kann schon mal die Lust an der Bibliophilie sein, daß man
also Bücher, die man schön findet, auch unbedingt besitzen
möchte; da man sich diese Bücher, wenn sie wirklich schön
und selten sind, nicht leisten kann, versucht man, sie sich also auf
einem anderen Weg anzueignen. Das ist ein Verhalten, das durch viele
Jahrhunderte hindurch immer wieder auftritt.
Die jetzt, im letzten Jahrhundert, bekannt gewordenen größeren
Diebstähle haben als Ursache aber fast nie bibliophile Neigungen,
sondern dahinter steht nur die Absicht, damit Geschäfte zu machen.
Sind denn rare Bücher, die ja oft so berühmt sind wie
Gemälde, überhaupt zu Geld zu machen?
Bei gedruckten Büchern handelt es sich nur in den seltensten Fällen
um Unikate. Wenn Sie etwa einen Inkunabeldruck haben, der nur noch in
zwei Exemplaren existiert, deren Standorte bekannt sind, dann kann man
da als Dieb allerdings nicht viel machen.
Werden demnach solche Bücher erst gar nicht gestohlen?
Wenn jemand als Dieb seine Sache versteht, dann nicht. Ebenso ist es
eine der größten Dummheiten, Autographen zu stehlen: Briefe
sind anhand des Datums und bekannter Absender- und Empfängerangaben
jederzeit identifizierbar. Ähnliches gilt erst recht für Handschriften,
die ebenfalls nicht absetzbar sind.
Sie hatten vor kurzem mit dem Bücherdiebstahl in der Universitätsbibliothek
Krakau zu tun. Wie kamen Sie mit diesem Fall in Berührung?
Ich hatte erstmals durch die Presse davon gehört, als von dem Bücherangebot
in Königstein berichtet wurde. Danach kam ich in engere Berührung
mit der Sache, weil sich in unserer eigenen Versteigerung eine Kepler-Erstausgabe
befand, wie sie auch in der Liste der gestohlenen Bücher der Jagellonen-Bibliothek
enthalten war.
Problematisch an der Sache war ja Folgendes: Als der Diebstahl in Polen
schon bekannt war, also im April 1999, hat man erst einmal überhaupt
nichts unternommen. Die ersten Nachrichten darüber haben wir erst
im August oder September erhalten. Nach meinen Informationen hat man
offenbar versucht, die Sache gar nicht publik werden zu lassen. Erst
als der Journalist einer Warschauer Zeitung das Auftauchen des Exemplars
in Königstein feststellte und der ganze Rummel losging, da gab
es dann plötzlich eine Liste der gestohlenen Bücher.
Wie verhalten sich andere Bibliotheken im Fall eines Diebstahls?
Jede Bibliothek in Europa weiß eigentlich, daß selbst bei
kleineren Diebstählen als dem in Krakau sofort Beschreibungen der
gestohlenen Bücher an die Antiquariatsverbände gegeben und
die Landeskriminalämter benachrichtigt werden, wo es inzwischen
Spezialisten für diese Bücherlisten gibt. Das alles ist im
Fall Krakau nicht geschehen.
Sehr wahrscheinlich war man dort über den Diebstahl regelrecht
erschrocken, und ein möglicher Grund für die monatelange Geheimhaltung
könnte sein, daß doch ein Insider aus dem Haus selbst daran
beteiligt war. Es ist einfach untypisch, daß ein Buch, das Millionen
Mark wert ist, schlicht im Regal steht.
Was unternahmen die Krakauer nach der Veröffentlichung des
Diebstahls?
Im November 1999 kam eine Kommission, bestehend aus fünf polnischen
Experten und einem Dolmetscher, und inspizierte, begleitet von einer
Dolmetscherin und zwei deutschen Landeskriminalbeamten, überall
dort, wo ein Exemplar der Bücher auf der Liste auftauchte, dieses
Exemplar. Nur neben gesagt: Wenn drei von den fünf Leuten vorher
auf die Bücher aufgepaßt hätten, dann wäre die
ganze Sache nicht passiert.
Woher kam das betreffende Exemplar, das in Ihrem Hause auftauchte?
Es wurde aus Österreich eingeliefert, ich weiß natürlich
ganz genau, von wem. Das Exemplar wurde hier besichtigt, und die Kommission
sagte, mit großer Wahrscheinlichkeit handle es sich nicht um das
gestohlene Exemplar. Trotzdem hat sich die Kommission auch noch an die
österreichische Polizei gewandt, um den Einlieferer zu befragen.
Um was für einen Titel handelte es sich dabei?
Das war ein Kepler, Ad vitellionem paralipomena, die erste Ausgabe von
1604. In der Beschreibung stand "Titel mit sauber restauriertem
Ausriß", und das hat womöglich die Vermutung geweckt,
da könnte sich vorher ein Besitzerstempel befunden haben. Das gleiche
Buch war auch bei einem Münchner Kollegen in einer Versteigerung,
und auch dort hat die Kommission das Exemplar begutachtet und festgestellt,
daß auch dieses Exemplar nicht das gesuchte sein konnte.
Welche anderen Titel wurden in Krakau gestohlen?
Von den Ptolemäus-Ausgaben beispielsweise wurden sämtliche
Ausgaben von den siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts bis zum Ende
des 16. Jahrhunderts gestohlen. So etwas ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich.
Also entweder standen diese Bücher zusammen in einem zugänglichen
Regal wie in einem öffentlichen Lesesaal oder - was ich persönlich
vermute - sie standen in einem reservierten Raum, zu dem nur eine beschränkte
Zahl von Personen Zugang hatte, und eine dieser Personen hat sich hier
Zugriff verschafft. Diebstähle wertvoller Bücher aus Bibliotheken
ohne die Beteiligung der damit Befaßten sind außerordentlich
seltgen.
Kennen Sie andere, in dieser Hinsicht vergleichbare Fälle?
Ich selbst war einmal in etwas Ähnliches verwickelt. Ich kannte
einen jungen Mann, der sein Theologiestudium - ohne daß ich es
wußte - abgebrochen hatte, ursprünglich in einem Salzburger
Kloster wohnte und über Freunde immer noch Zugang zu den Klosterbibliotheken
hatte. Von dort holte er nun wertvolle Bücher heraus. Keine kontrollierte
ihn je. Er wohnte jeweils acht oder zehn Tage in einem Kloster und trug
die Bücher dann im Rucksack heraus. Die Sache flog erst auf, als
man ihn doch einmal in flagranti erwischt hat.
Nun muß man wissen, daß in Österreich die Klöster
nach dem Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang große Teile ihrer Buchbestände
einfach verkauft haben, um von dem Erlös ihren Betrieb nach den
Krieg- und Besatzungswirren wieder aufnehmen zu können. Das ergibt
heute die Problematik, daß selbst ein Besitzerstempel nicht automatisch
heißt, daß dieses Buch gestohlen ist. Trotzdem wurde mir
damals vorgehalten, ich hätte doch am Buch selbst die unrechtmäßige
Herkunft erkennen müssen. Dann es ist es oft recht schwer, für
ein Gegenargument noch Glauben zu finden.
Das klingt ein wenig so, als müßten Sie sich einen allgemeinen
Verdacht wehren.
Meine Beschwerde geht in der Tata dahin, daß - wie jetzt im Fall
der Jagellonen-Bibliothek - rasch oder oder beinahe gleichzeitig der
Verdacht aufkommt, derjenige, der das Buch zur Verwertung übernimmt,
hätte es besser wissen müssen. Damit wird immer Unruhe und
Konfrontation in ein Auktionshaus gebracht.
Ich möchte das gern am konkreten Beispiel schildern, dem Kepler.
Ich wußte, von wem das Exemplar stammte, und habe den Vertrag
mit dem Eigentümer unterschrieben. Dann kam die Staatsanwaltschaft,
wollte das Buch zuerst mitnehmen, was wir aber abgelehnt haben, vielmehr
- sagten wir - solle die Staatsanwaltschaft beweisen, daß es sich
um das gestohlene Exemplar handle. Man hat uns dann das Exemplar gelassen
mit der Auflage, wir dürften es nur unter Vorbehalt verkaufen.
Das haben wir dann auch getan; allerdings konnten wir das Buch nicht
dem Erwerber schicken. Denn am Tag nach der Versteigerung kam jemand
vom Landeskriminalamt und hat die relevanten Seiten, die auf den Eigentümer
hinweisen könnten, fotografiert, obwohl die Seiten keinerlei Eintragungen
enthielten. Nach einer weiteren Woche kam dann die erwähnte Kommission
zu uns und hat ihrerseits das Buch in Augenschein genommen. Ich mußte
zuletzt auch noch persönlich aufs Landeskriminalamt zu einer nach
allem bisher Erfolgten eigentlich überflüssigen Aussage. Dieselbe
Prozedur machte übrigens auch mein Kollege durch, der ebenfalls
dieses Buch angeboten hatte.
Man kommt also ohne eigenes Zutun in eine unangenehme Situation, für
die man sich dann auch noch zu rechtfertigen hat.
Gibt es, wenigstens in Westeuropa, Informationsdienste oder andere
Verfahren, um solche Unannehmlichkeiten möglichst auszuschließen?
Ja. Der praktikabelste Weg, wenn man Derartiges international bekanntmachen
will, ist die Mitteilung an die International League of Antiquarian
Booksellers über die gestohlenen Bände, möglichst mit
Angabe der Besitzeintragungen, Stempel und besonderer Merkmale. Diese
Institution sorgt dann dafür, daß die Information an die
nationalen Verbände weitergeleitet wird. Die nationalen Verbände
weisen dann unter Verwendung der genauen Liste auf die Diebstähle,
entweder in ihren regelmäßigen Rundschreiben oder, bei besonders
schweren Diebstählen, sofort - auf die Jagellonen-Sache beispielsweise
hätte man selbstverständlich sofort reagiert.
Darüber hinaus schicken wir unsere Auktionskataloge an das Landeskriminalamt
zur vorherigen Computer-Überprüfung durch die auf Buchdiebstähle
spezialisierten Beamten.
Ist es Ihnen oder Ihren Kollegen, abgesehen von dern erwähnten
Fällen, öfter passiert, daß Sie mit vermeintlich oder
tatsächlich gestohlenem Gut zu tun hatten?
Erfreulicherweise nicht. Für jeden, dem so etwas passiert, ist
es eine Katastrophe - und ein regelrechtes Desaster, wenn er erst dann
passiert, nachdem das Buch verkauft ist. ein bißchen gehen wir
da immer am Rand der Legalität spazieren.
Ihr
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