Nr. 23, März 2000
 
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Buchkunst
Lyrik
Kurzprosa
Die Marginalie
 

 

Lothar Sauer

Chanson

Ich sing dir eine Sommernacht
und wenn du willst, den Mond dazu,
der golden auf den Birnbaum klimmt
mit unsichtbarem Wanderschuh.

Ich träum dir einen Herbst herbei
mit Kranichruf im Nebelmeer
und im Gebüsch ein Spinnennetz,
von feuchten toten Fliegen schwer.

Ich dichte dir ein Winterland
mit schwarzer Spiegelschrift im Schnee,
die manchmal nachts der Wind verwischt,
auf daß kein Stern sie mehr versteh.

Ich kauf dir einen Frühling ein
für den Erlös aus Traum und Lied
und setz ihn dir als Kranz ins Haar
und schaue zu, wie er verblüht.

(1968)


Traumfahrt

Wir gehn hinunter in die Kellerräume,
vielleicht liegt dort ein Boot, wir gleiten fort,
wir halten in den Händen unsre Träume
und sagen uns kein Wort.

Wer wagte schon, wie wir sich zu vergeuden,
wir Kinder einer aussichtslosen Zeit?
Wir haben unsre kleinen Bettlerfreuden,
der Weg ist weit.

Wir treiben durch die tröpfelnden Kanäle
auf unsres Blutes dunkler Wiederkehr;
wir kommen bis in hochgewölbte Säle
und möchten landen, doch wo sind die Pfähle?
Und sehn zu spät: Es gibt kein Ufer mehr.

(1959)


Zu Unrecht unentdeckt

Lothar Sauer ist nicht nur ein gewandter, einfühlsamer Übersetzer (siehe Die Gazette 20, Dezember 1999), sondern hat sein Leben lang auch selbst Gedichte geschrieben, die ähnliche Qualitäten wie seine Übersetzungen aufweisen: eine schier anstrengungslose Beherrschung ganz verschiedener Töne und Register, einen ruhigen, wie selbstverständlichen sprachlichen Fluß und ein ungezwungenes Spiel mit Reim und Versfuß. Nur ließ sich bisher kein Verlag dafür finden. Für die Bescheidenheit des Autors typisch sind die biografischen Notizen, die er seinem Eingesandt beigefügt hat:
Lothar Sauer, geboren 1930 in Essen, studierte Deutsch und Französisch in Marburg, Tübingen und Bonn. Vier Jahre verbrachte er als Assistent und Lektor für deutsche Sprache in Frankreich. 1960 erschien sein Jugendbuch "Die Jungen von Neulati" (Neuausgaben 1971 und 1978). Seit 1970 folgten 5 Anthologien mit Gruselgeschichten, die er zum Teil aus dem Englischen übertrug und durch eigene Texte bereicherte. Diese Erzählungen erschienen dann 1986 als eigenes Buch unter dem Titel "Todeszauber". Seine Gedichte entstanden nur sparsam und meist in großen zeitlichen Abständen. Er hält sein lyrisches Werk für abgeschlossen.

 

 

 




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