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Lothar Sauer
Chanson
Ich sing dir eine Sommernacht
und wenn du willst, den Mond dazu,
der golden auf den Birnbaum klimmt
mit unsichtbarem Wanderschuh.
Ich träum dir einen Herbst herbei
mit Kranichruf im Nebelmeer
und im Gebüsch ein Spinnennetz,
von feuchten toten Fliegen schwer.
Ich dichte dir ein Winterland
mit schwarzer Spiegelschrift im Schnee,
die manchmal nachts der Wind verwischt,
auf daß kein Stern sie mehr versteh.
Ich kauf dir einen Frühling ein
für den Erlös aus Traum und Lied
und setz ihn dir als Kranz ins Haar
und schaue zu, wie er verblüht.
(1968)
Traumfahrt
Wir gehn hinunter in die Kellerräume,
vielleicht liegt dort ein Boot, wir gleiten fort,
wir halten in den Händen unsre Träume
und sagen uns kein Wort.
Wer wagte schon, wie wir sich zu vergeuden,
wir Kinder einer aussichtslosen Zeit?
Wir haben unsre kleinen Bettlerfreuden,
der Weg ist weit.
Wir treiben durch die tröpfelnden Kanäle
auf unsres Blutes dunkler Wiederkehr;
wir kommen bis in hochgewölbte Säle
und möchten landen, doch wo sind die Pfähle?
Und sehn zu spät: Es gibt kein Ufer mehr.
(1959)
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Zu Unrecht unentdeckt
Lothar Sauer ist nicht nur ein gewandter, einfühlsamer
Übersetzer (siehe Die
Gazette 20, Dezember 1999), sondern hat sein Leben lang auch
selbst Gedichte geschrieben, die ähnliche Qualitäten
wie seine Übersetzungen aufweisen: eine schier anstrengungslose
Beherrschung ganz verschiedener Töne und Register, einen
ruhigen, wie selbstverständlichen sprachlichen Fluß
und ein ungezwungenes Spiel mit Reim und Versfuß. Nur ließ
sich bisher kein Verlag dafür finden. Für die Bescheidenheit
des Autors typisch sind die biografischen Notizen, die er seinem
Eingesandt beigefügt hat:
Lothar Sauer, geboren 1930 in Essen, studierte Deutsch und Französisch
in Marburg, Tübingen und Bonn. Vier Jahre verbrachte er als
Assistent und Lektor für deutsche Sprache in Frankreich.
1960 erschien sein Jugendbuch "Die Jungen von Neulati"
(Neuausgaben 1971 und 1978). Seit 1970 folgten 5 Anthologien mit
Gruselgeschichten, die er zum Teil aus dem Englischen übertrug
und durch eigene Texte bereicherte. Diese Erzählungen erschienen
dann 1986 als eigenes Buch unter dem Titel "Todeszauber".
Seine Gedichte entstanden nur sparsam und meist in großen
zeitlichen Abständen. Er hält sein lyrisches Werk für
abgeschlossen.
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