Nr. 23, März 2000
 
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Lyrik

Kurzprosa

Die Marginalie
 

 

Pavel Janda

Die bunte Kuh: Ein Brief aus Prag

Ein Vormittag in Prag, ehemals träumende, stille, verlassene Stadt meiner Kindheit. Jetzt eine hektisch pulsierende Metropole mit unzähligen Kunstläden, Galerien, Theatern, Straßenkünstlern. Wenig Ruhe. Japaner fotografieren, Italiener parlieren, Amerikaner schreien laut, wenn sich etwas oder jemand gelungen präsentiert. Deutsche kaufen hier und da etwas und tauchen in meinen Lieblingskneipen auf.
Aber sicher gibt es noch einige stille Ecken unweit der strömenden Touristenmengen. Erstaunlich: überall an den Rändern dieses babylonischen Flusses, nur ein paar Hundert Meter weiter, ist diese Stille zu entdecken.
Verlassene Innenhöfe der alten zerfallenden Häuser, verwinkelte Treppengalerien, kleine Cafés. Aus manchen alten dunklen Türen atmet noch die kalte modrige Luft meiner Kindheit. Kafkaspuren.
Und wieder ein paar hundert Meter weiter, auf der Sonnenseite, Kafka auf T-Shirts und das Geschrei des Marktes. "Die Fliegen des Marktes," wie sie Nietzsche nannte, mein Freund post mortem, einer, der die Feinheiten der vielschichtigen Welt durchdrang, die Selbstdarstellungen, die Notwendigkeiten der Masken, auch der Masken einer Stadt, verstand. "Zum Glück, wie wenig genügt schon zum Glück. Das Wenigste, das Leiseste, ein Hauch, ein Augenblick, wenig macht die Art des besten Glückes aus..." Und da haben wir nun so einen Augenblick und seinen Kontrast. Auf der Kampa, einem kleinen Venedig in Prag.
Ich sehe mir selber zu. Gehe durch die harte Sonne des Mittags vorbei an den alten Häusern. Die Licht-Schatten-Grenze zeichnet sich scharf vor meinen Füßen ab. Große, alte Pflastersteine (Katzenköpfe, sagt man hier). An den Rändern der halbierten Straße notdürftig reparierte Stellen, Löcher, Sand, wo Mutter Erde ihre Schulter gehoben hat. Eine gute Straße zum Nachdenken. Keine Touristen, kein Coca Cola- oder Marlboro-Schild in Sicht. Glück für die alten Geister der Stadt. Der Strom der fotografierenden Reisenden kommt nicht bis hierher. Noch nicht. Ein eisernes Tor mit verbogenen Gelenken.
"MBX-Galerie" steht am Gitter auf einem kleinen Plakat. Drinnen ein ungepflegter Garten, etwas Gras, zwei gekrümmte Bäume. Und in der Ecke, gebrochen vom scharfen Mittagslicht, der Eingang. Schwarze Samtvorhänge, wie in einer Kirche. "Please ring the bell!"
Es fängt gerade an. Ein Labyrinth, eine alte Rotunde im Halbdunkel, schwarzschwere Vorhänge an den Fenstern, umrahmt von weißen Lichtstrahlen. Eine Mann und eine Frau gehen langsam, geschäftig herum. Schalten irgendetwas ein. Jetzt stehen beide auf den Zehenspitzen. Mit gestreckten Händen bieten sie einem seltsamen Altar oben auf dem Plateau, einem runden, quasiromanischen Miniturm ihre Opfergaben dar. Die Arme zu kurz. Fernbedienungen unsichtbarer Geräte. Doch, da oben! Hocken da wie quadratische, unbekannte Gottheiten im Halbdunkel. Videogeräte, die an den Wänden aufflackern.
Unten, vor einer schwarzen Leinwand, ein vollbärtiger Mann in weißem Anzug, in einen Schacht gesperrt. Vor dem Ausgang quer ein Balken. Er klettert insektenhaft, versucht, sich an der Stange vorbeizuquetschen, gibt auf, fängt wieder an. Neuer Versuch, neues Scheitern. Der Film ist Braun, die Luft abgestanden. Eine Gruft. Sisyphos in der Röhre. Weiter. Eine andere Leinwand, schwarz; ein seltsames Lebewesen aus Händen, das, bleiches Kaleidoskop, zwölffach gestikuliert. Versucht, etwas mitzuteilen. Immer wieder dasselbe. In der Stille. Die Unfähigkeit, sich mitzuteilen in einer Welt voller Botschaften.
Aber draußen ist doch so viel Sonne, soviel frische Luft, die entfernt rauschende Moldau, so viele Gesichter, so viele Spaziergänger, so viele schnelle Schritte im Park. Muß hier raus. Unerträglich, diese postmoderne, x-beliebige Fragerei.. Furchtbar schwer, sich einander mitteilen. Schier unmöglich. Ich ging. Der schwere Vorhang schob sich hinter mir wieder zu. Befreiung aus der Krypta der Licht- und Sprachlosigkeit. Draußen noch immer Mittagssonne. Gegenüber dem Ausgang, etwas schräg an der von der Sonne beschienenen Mauer, eine alte Frau auf einem Hocker sitzend, einen Korb mit Äpfeln vor sich. Sie schält. Einen farbigen Herbstapfel nach dem anderen nimmt sie in ihre große Hand und läßt die Schale wie eine sich windende Schlange zurück in den Korb fallen. Das Messer ist klein und schmal, eines von diesen Dauermessern. Dünn die Klinge, oft geschärft. Gruß im Vorbeigehen: "Einen schönen Tag. Sind das Ihre eigenen?" Ich habe die Ausstellung besiegt. Oder, o du schwarzer Gedanke, gehört vielleicht diese alte Frau auch zu den Exponaten? So viel Illusion, so viel Gestelltes, so viel Scheinbares hat die Stadt jetzt an und in sich. Aber nein. Noch nicht. Sie kümmert sich nicht genug um mich, um eine Schauspielerin zu sein. Sie nickt nur in der schweren Herbstsonne und schält weiter. Wieder eine Spirale fällt in den Korb. Wieder eine Schale weniger. Wieder eine Maske weniger. Wieder und wieder etwas mehr Wirklichkeit.
"Sind wohl meine Eigenen. Aus dem Garten hinter der Stadt," sagt sie gegen die Sonne und schält weiter. Was ist der Sinn des Universums? Ein geschälterApfel.
Und sie schält weiter. Die Sonne blitzt auf dem Messer, der schwarze Vorhang des Ausgangs der Galerie wölbt sich. Eine Beule, ein Etwas kommt heraus. Noch nicht. Er irrt noch in den schweren Umhängen. Wird gleich geboren werden. Oder? Jetzt! Ein Tourist mit Kamera. Verwirrt kneift er die Augen im harten Licht des Innenhofs.
"Also dann, guten Appetit!" sage ich zur Alten und drehe mich um. Hinter der Mauer, die den kleinen Hof umschließt, stehen halbierte Herbstbäume, noch fast ganz grün. Die braun-gelbe, etwas fleckige Mauer. Das Blau des Himmels darüber. Stille. Leichtigkeit. Eine Brise kommt vom Fluß. Die Blätter rascheln.
Weiter, zum Fluß, zum frischen Wind. Alles ist klarer geworden, auch leiser in meinem Kopf. Ein Hauch von Glück hinter meinen Augen. Nur ein Hauch, eine zarte Schwingung, aber genug um mich voranzutreiben. Jetzt wird sie deutlicher. Dieseltsame Botschaft von gestern.
Nach einem längerem Kneipenbesuch fand ich mich im Laternenschein an der John-Lennon-Love-Mauer. Hinter dem großen Wasserrad auf der Kampa. Irgendwie aus einer Horizontale sah ich eine Zeichnung und ein paar Worte dazu, ziemlich verschwommen vor meinen Augen. Dahinter, hinter den Augen, war die weiche Hand des Weins noch am Nebelmischen. Aber klar erkennbar die mit Kreide bunt geschriebenen Worte:

"... Go the the Sun, lonesome Seeker!
This town which they call "die bunte Kuh" you will leave behind you- -
Go to the Sun, lonesome Seeker!
Fall into her golden arms, break on through to the other side,
Search for the lake of blue waters..."

Das war doch merkwürdig. Ich hatte mehr als gewöhnlich getrunken, aber dieser Sprung in der Sprache fiel mir auf. "Die bunte Kuh", mitten im englischen Text. Die meisten amerikanischen Studenten sprechen kein Wort Deutsch. Ich mußte dahinter kommen, noch heute, verließ die Erinnerungen und ging wieder durch das alte Eisentor hinaus auf den sonnigen Hof. Diesmal stand es offen. Der energische Tourist, noch in Fahrt nach seiner kleinen Geburt aus den schwarzen Vorhängen, stieß sie mehr als nötig auf, so daß sie quietschte und im Sand steckenblieb. Er war draußen.
Einige Schüler des in der Nähe liegenden Jan-Neruda-Gymnasiums eilten vorbei. Mädels auf hohen Absätzen und mit langen Haaren, schlank und die Hosen irgendwie aus den 70ern. Gut so, Mittagspause im Gras auf der Kampa, dicht an der Moldau. Wie lange war das schon her... In jedem Falle, dachte ich, muß ich versuchen, später auf die andere Seite durchzubrechen.
Es war ein seltsamer Sommer und ein seltsamer Herbstanfang. Zeit zu gehen. Einmal alles hinter mir lassen und die lang geahnte Reise machen. Ich kennen einen solchen See und eine solche goldene, ewige Sonne. Das ist gut zu wissen. Stille Herbstwässer und die hohen Berge am Horizont. Die frische Luft der Gletscher. Fern von der bunten Kuh, die schwer, die vielen Bäuche prall voll mit dem Saft des Sommers, vor mir lag. Die Menschen aller Länder der Welt rannten wie Honigameisen über die alte Brücke und verschwanden auf der anderen Seite, unter den unzähligen Kirchtürmen. Fotografierend, bunt redend, bunt kaufend, bunt denkend... die schwarzen Sandstatuen über ihnen irgendetwas segnend oder irgendwem drohend.

Pavel Janda , geboren 1954 in Prag, lebt gegenwärtig in Konstanz, schreibt Gedichte, Kurzgeschichten, Essays zum Zeitgeschehen und photographiert. Publikationen bis jetzt nur im "Wandler", Literaturzeitschrift in Konstanz. Ein wanderer zwischen Böhmen und Deutschland.

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