Nr. 23, März 2000
 
 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv

 
 Essays
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Kommentar

Gastkolumnen:
Jürgen Kalwa
Hans Pfitzinger


 

 

Jürgen Kalwa

Raoul over, Beethoven

Die amerikanische Gesellschaft findet seit zwei Jahrhunderten eine erstaunliche Balance zwischen Pragmatismus und Dogmenherrschaft. Doch davon ist im Amerikabild der Deutschen nur wenig zu spüren. Je nach Stimmungslage schwankt die Einschätzung zwischen dem Vorwurf, die sozialen Verhaltensmuster in den USA seien irrational und konspirativ, und einer undifferenzierten Sympathie für einen Alltag, der als hart, aber inspirierend gilt.

Es ist schon einige Jahrzehnte her, dass sich der Schweizer Psychologe Jean Piaget mit der Frage beschäftigte, wann Kinder zu ihren Ansichten über andere Länder gelangen. Doch seine wichtigsten Erkenntnisse gelten noch heute. Erstens: Patriotismus entwickelt sich beim Heranwachsenden im Rahmen der Ichfindung. Sie interpretiert die Lebensbedingungen, in denen er sich selbst befindet, als einzige denkbare existenzielle Erfahrung. Zweitens: Verallgemeinerungen über andere Völker und ethnische Gruppen reifen im Schulalter heran. Negative Stereotype lassen sich demnach pädagogisch beinflussen, bevor sie sich beim Teenager endgültig verfestigen.

Wie das im Einzelfall abläuft, ist nicht leicht zu bestimmen und hängt vermutlich unter anderem von geopolitischen Stimmungsverläufen ab. Aber sicher nicht nur. Man nehme die weltweite Studie der beiden Sozialpsychologen Otto Klineberg und Wallace E. Lambert aus den fünfziger und sechziger Jahren, in die auch West-Berliner Schüler einbezogen wurden. Die deutschen Kinder fielen nicht extrem aus dem Rahmen. Doch zwei Tatbestände waren interessant: Die Deutschen legten (wie die Kinder aus Frankreich, Brasilien, Israel und Japan) Wert darauf, sich und ihre Landsleute ausdrücklich als "intelligent" zu bezeichnen. Und sie antworteten mehrheitlich auf die Frage, welche Nationalität sie wählen würden, falls sie eine Alternative hätten: Amerikaner.

Es lohnt sich, aus aktuellem Anlass diese Gedanken-Konstellation heranzuziehen. Denn einerseits gilt sicher noch, was der Allensbacher Meinungsforscher Peter Erich Neumann 1965, also nur wenige Jahre später, in der "Welt" formulierte: "Manche Völker genießen bei anderen gleichsam unkündbare Sympathien; sie sind wie Angelpunkte geheimer Sehnsüchte." Aber andererseits verändern sich über die Jahrzehnte mehr als nur die Facetten. Das gilt sicher auch für die Umrisse des Amerikabildes der Deutschen. Es entsprang der Mythologie jener Auswanderergenerationen, die das Bild eines Landes prägten, in dem man zu Lebzeiten aus eigener Kraft wahre Reichtümer aufhäufen konnte, und wurde im 20. Jahrhundert im Rahmen einer komplizierten Wechselbeziehung zwischen Befreier und Befreiten, zwischen Vorbild und Nachahmung und zwischen Geben und Nehmen sehr viel konkreter. In vielen Köpfen sogar so konkret, dass die eine grosse Zahl Deutscher vermutlich der Ansicht ist, die Verhältnisse in den Vereinigten Staaten so gut zu kennen wie in keinem anderen Land.

Und was vor fünfzig Jahren in den Wochenschaufilmen vom Einsatz der Rosinenbomber über Berlin mitschwang - eine emotionale Reverenz aus Dankbarkeit und Respekt -, ist einem Gefühl der Stärke gewichen, wie sie der Auftritt der Deutschland AG beim Aufkauf des Automobil-Unternehmens Chrysler signalisierte.

Die neue Attitüde gegenüber dem Wirtschaftsriesen jenseits des Atlantik hat viele Ursachen. Dazu gehört sicher die reine Kraft wirtschaftlicher Konzentration im europäischen Maßstab. Aber noch etwas bricht sich Bahn - eine Strömung, die an den Ueberlegenheitshabitus nach Art der alten Griechen erinnert, die auf die Römer herunterschauten, als sich die Machtverhältnisse im Mittelmeerraum verschoben. Aber während sich der Kulturvorbehalt der Athener einzig auf geistige Errungenschaften gründete - ein rückwärts gewandter Pessismismus ohne machtpolitischen Unterbau -, speist sich das Amerikabild in Deutschland (und in anderen europäischen Metropolen) aus einer neuen historischen Situation: aus dem Prozess, die eigene Identität neu zu bestimmen. Eine Auseinandersetzung, wie sie sich in der einmaligen Haltung europäischer Politiker und Regierungen gegenüber der Koalitionsregierung der Christlichen Volkspartei mit Jörg Haiders Freiheitlichen Partei Oesterreichs kristallisiert.

Amerika ist nicht Oesterreich. Auch wenn die Debatten der sechziger Jahren, als der Vietnam-Krieg, der Umgang der weißen Mehrheit mit der schwarzen Bevölkerungsminderheit und die Befürchtung, "Die amerikanische Herausforderung" (so der Titel eines Bestsellers aus dem Jahr 1967, geschrieben von dem Pariser Journalisten Jean- Jacques Servan-Schreiber) sei kaum zu bändigen, einen ähnlichen Zuschnitt besassen.

Tatsächlich suchen die Kinder von einst, heute Meinungsmacher und Kulturträger und mehr denn je von der eigenen Intelligenz überzeugt, nach einer verfeinerten Betrachtungsweise. Was allerdings nicht einfach ist. Mehr als dreißig Jahre später, in einer Zeit, die von Fernsehbildern "Made in America" geprägt und von einem in den USA perfektionierten manipulativen Medienregime regiert wird, wirkt die Kritik verblüffend ungenau und uninspiriert, uninformiert und löchrig. Und die alte Sympathie scheint einer sarkastischen Indifferenz gewichen, die den Verdacht nahelegt, dass die Zeit analytisch profunder Amerikanisten vorbei ist.

Die neue Haltung ähnelt eher dem Selbstverständnis eines Verbrauchers im Supermarkt. Eines Kreditkarten-Inhabers, der die Vereinigten Staaten mit seinen Metropolen und unberührten Naturlandschaften, seinen Exportprodukten von McDonald's Fast-Food bis zu Nike-Schuhen und seinen gesellschaftlichen Reality-Spiel-Angeboten als konsumierbare, gut ausgeschilderte Erlebniswelt betrachtet. Oder, wenn er es lieber etwas intellektueller mag, als aufgestaute "Hyperrealität", die sich in Orten wie Las Vegas und Disney World manifestiert.

Es ist nicht schwer, die Mängel dieser Haltung zu beschreiben. Denn erneut wird der amerikanische Alltag tendenziell mystifiziert. So als sei die Selbstinszenierung der Amerikaner als "authentisch" einzustufen, wie das der französische Philosoph Jean Baudrillard 1986 in seinem Buch "Amérique" verlangt hat.

Diese Methode hätte in einem Semiotik-Seminar vielleicht ihre Berechtigung. Aber als Schlüssel zum tieferen Verständnis eines anderen Landes taugt sie nicht. Im Gegenteil. Das Resultat ist ein Labyrinth der Wahrnehmungen und Deutungen.

Immerhin gibt es Ereignisse, die eine Darstellung in kontraststarkem Schwarz und Weiss produzieren. Zum Beispiel dann, wenn die dritte Gewalt, gezwungen, Entscheidungen von individueller und gesellschaftlicher Tragweite zu treffen, als Nebeneffekt die Unterschiede zwischen dem Zivilisationsverständnis und den Ethikbegriffen hüben und drüben herausarbeitet.

Ein solcher Fall spielte sich vor ein paar Monaten in Golden im US-Bundesstaat Colorado ab, wo der Staatsanwalt und die Jugendgerichtsbarkeit einen elfjährigen Jungen namens Raoul in die Mangel nahmen. Der sollte nach den Angaben einer besorgten Nachbarin mit seiner kleinen Halbschwester unsittlich umgesprungen sein. Was die Ordnungsmacht dazu brachte, den Halbwüchsigen nachts zu arrestieren und mit Handschellen ins Gefängnis abzuführen.

Das Vorgehen der Gesetzeshüter löste in den rasch alarmierten deutschen (und helvetischen) Medien ein lautes Entsetzen aus, ehe das Verfahren wegen eines Formfehlers eingestellt wurde. Der kleine Raoul, ein amerikanisch-schweizerischer Doppelbürger, verliess das Land seiner Verfolger so schnell wie möglich Richtung Alpen.

Seither hat sich die Aufregung gelegt. Aber an dem Grunddisput zwischen europäischem Rechtsgefühl und amerikanischer Rechtsgrammatik hat sich nichts geändert. Der Fall Raoul zeigte stärker als jeder Mörder im Fernsehinterview kurz vor der Hinrichtung, wie fatal es ist, eine Gesinnungsidentität von Amerika und Europa zu vermuten. Raouls Festnahme demonstrierte aber auch, dass die Mehrheit der Europäer im Umgang mit amerikanischen Themen aus Mangel an substanziellem Wissen nicht diskursfähig ist.

Der letzte, der sich so etwas leisten konnte, ohne gleich unangenehm aufzufallen, war Theodor Adorno, der sich im Exil in Amerika mokierte, seine Aufgabe als Sozialwissenschaftler bestände nicht darin, "Fakten zu besorgen, zu sichten und zu klassifizieren und sie als Informationen zur Verfügung zu stellen". Die Leserbrief-Schreiber der konservativen Neuen Zürcher Zeitung versuchten sich darauf gar nicht mehr herauszureden, als sie ihre berechtigte Empörung in blanken Unsinn wickelten wie: "In Amerika scheinen solche krankhaften, idiotischen Praktiken dank dem antiquierten Rechtssystem an der Tagesordnung und vom Großteil der Amerikaner gewollt zu sein."

Andere Testate produzierten zwar Fakten, aber sie standen dann - unter der Ueberschrift "Land der Schizophrenie" - allzu beziehungslos im Raum. "Von 183 amtlich registrierten 'Sexualstraftätern' im US-Regierungsbezirk Jefferson in Colorado (in dem auch der kleine Raoul seinen Häschern in die Fänge geriet)", meldete "Die Woche" in ihrem Abschlussbericht, "sind 88 jünger als 18 Jahre." Soll heißen: Ein Justizsystem, das bereits knapp zwei Millionen hinter Schloss und Riegel beherbergt, macht nirgendwo halt. Kein Wort davon, dass sich im Justizdistrikt von Golden wenige Monate zuvor jener Amoklauf in der High-School von Columbine abgespielt hatte, bei dem zwei Teenager zwölf Mitschüler, einen Lehrer und schliesslich sich selbst umgebracht hatten. Dass Staatsanwälte im Rahmen von Wahlen nominiert werden. Und dass sie Gesetze nicht erfinden, sondern anwenden.

So warf das Medienecho eine naheliegende, aber absurde Frage auf. Sie lautete: Was ist bloß mit den Amerikanern los? Haben sie keine anderen Sorgen, als vorpubertäre Jungs zu verdächtigen, noch kleinere Mädchen sexuell zu belästigen? Wieso breiten sie die Mesalliancen ihres Präsidenten bis aufs kleinste schlüpfrige Detail aus, um ihn so aus dem Amt zu drängen? Sind sie am Ende nicht nur prüde und verklemmt, sondern hängen gleichzeitig pornographischen Freuden an? Kurz: Können die Amerikaner mit dem Thema Sexualität nicht adäquat umgehen?

Nur wenige probierten eine Verknüpfung nach Art eines gewissen Ren Grandjean (ein Pseudonym), der in der TAZ (10. November 1999) Sachverhalte darlegte wie das Defizit "an geteilter öffentlicher Kultur" und das Isolationsgefühl eines atomisierten Sozialgefüges, die vorherrschende Ansicht der US-Politik, die "eigentlich gar nicht an die integrierende Wirkung einer heilen Gesellschaft" glaube - "weder zu Hause noch im Ausland".

Dabei hätte es sich gelohnt, diesen Strang weiterzuentwickeln. Denn er illustriert, dass die amerikanische Oeffentlichkeit für die Abwehr sozialer Probleme tatsächlich nur noch ein rigoroses Konzept gelten lässt: den Bau von Gefängnissen und die Anwendung gnadenloser gesetzlicher Bestimmungen (zum Beispiel "Three strikes and you're out" - das automatische Lebenslang für einen Straftäter, der zum dritten Mal ein Verbrechen begeht). "Ein Meilenstein", schrieb Grandjean, der seinen richtigen Namen nicht genannt wissen wollte, weil er sich um eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung bemüht, "wurde vor drei Jahren erreicht, als Kalifornien zum ersten Mal mehr Geld für den Betrieb von Gefängnissen ausgab als für die Hochschulen. Mit anderen Worten: Ein Gefängnisinsasse kostet den Staat Kalifornien mehr als ein Student in Berkeley, einer der besten amerikanischen Universitäten."

Der TAZ-Artikel hebt sich wohltuend von jener Berichterstattung ab, in der ein Amerikabild vegetiert, das purem Asterix-Denken entspricht ("Die spinnen, die Römer...") und die fehlende Bereitschaft europäischer Intellektueller wiederspiegelt, sich mit den Besonderheiten der amerikanischen Situation mehr als nur oberflächlich zu beschäftigen.

Die allfällige Kritikbereitschaft täuscht. Denn sie geht nicht mit einer tauglichen Kritikfähigkeit einher. Das Amerikabild - einst von solchen Stereotypen wie "Land der unbegrenzten Möglichkeiten", "vom Tellerwäscher zum Millionär" korrumpiert - nährt sich heute überwiegend aus dem grossen Teich eines post-marxistischen Misstrauens, das ebenso irrational ist wie die umfragegeprüften Amerikaner, die zu 93 Prozent an die Existenz von Engel glauben, zu 49 Prozent der Ueberzeugung sind, dass die Regierung ihr Wissen über UFOs verheimlicht und zu 25 Prozent es für möglich halten, dass Lebende mit Toten kommunizieren können.

Die Irrationalität kommt unter dem Deckmantel einer historisierenden Rationalität daher. Das typische Beispiel ist der oft geäusserte Rückkehr-zum-Puritanismus-Verdacht. Als sei der amerikanische Puritanismus das Gegenstück zum schiitischen Fundamentalismus.

Tatsächlich ignoriert eine solche Mutmassung den ökonomischen Unterbau des Landes, die sozialen Verwerfungen und die Wanderungsströme der Bevölkerung, die allgemeinen Säkularisierungstendenzen und nicht zuletzt die simple statistische Tatsache, dass die Nachkommen der pietistischen Religionsflüchtlinge des 17. Jahrhunderts heute eine kleine Minderheit sind und ihre Rolle in der Heranbildung der Eliten denkbar gering ist. Längst ist aufgrund der Einwanderungstendenzen des 20. Jahrhunderts mit Millionen von Polen, Italienern und Südamerikanern der Katholizismus die zahlenmäßig größte einzelne Glaubensgemeinschaft.

Obendrein wird in den USA eine strikte Trennung von Staat und Kirchen praktiziert, wie sie im Kirchensteuerland Deutschland nur auf dem Papier existiert. In der Realität alimentiert und fördert der Staat in Deutschland das Glaubens-Oligopol mit Konkordaten und Steuersubventionen für Sozial- und Bildungseinrichtungen. Mehr noch. In Bayern gehen die Regierenden so weit, Widerstand gegen ein Verfassungsgerichtsurteil zu leisten, das das Abhängen von Kruzifixen in Schulen verlangt. Wie signifikant ist dieses Verhalten im Vergleich mit der von religiösen Gruppen vorangetriebenen Indizierung der Schlöndorffschen "Blechtrommel"-Verfilmung als Pornografie in Oklahoma 1997, die ein Jahr später von einem Richter wieder aufgehoben wurde?

(Fortsetzung und Schluß in der April-Nummer)

Jürgen Kalwa, Journalist und Sachbuchautor, lebt seit 1989 in New York und West Cornwall/Connecticut. Seine Reportagen, Interviews und Essays erscheinen regelmäßig in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und im "Züricher Tages-Anzeiger". Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören: "New York Cops" (1991), "American Sports" (1994), "San Francisco" (1996), "New York" (1997). "Tiger Woods - Charisma für Millionen" (1998).



Hans Pfitzinger

Alle Mädchen sind dein
oder: Der Mensch als Playboy

Aufatmend erinnerte ich mich jener Inschrift, der ich vorher, beim Beginn des Theaters, jenen hübschen Jüngling so stürmisch hatte folgen sehen, der Inschrift: "Alle Mädchen sind dein", und es schien mir, alles in allem, doch eigentlich nichts anderes so begehrenswert wie dieses.
Hermann Hesse, Der Steppenwolf

Ausgerechnet Chicago

Paris wäre als Ort sehr viel wahrscheinlicher gewesen, Hollywood hätte auch niemanden überrascht. Aber dann passierte es ausgerechnet in Chicago, einer Stadt, die doch eher für ihre Schlachthöfe und die Industrie, als Handelsplatz und Börsenstandort bekannt war. Und als größte katholische Erzdiözese der Welt. Der Grund, weshalb der Playboy ausgerechnet von Chicago aus seinen Siegeszug antrat, war einfach: Hier wurde Hugh Hefner geboren, hier ging er zur Schule und zur Uni, und hier sammelte er erste journalistische Erfahrungen als Mitarbeiter der Studentenzeitung. Das Gründungsjahr des Playboy war 1953. Eine der vielen Legenden um Hefner, gewissermaßen der Schöpfungsmythos des Playboy, erzählt die Geschichte so: Hefner arbeitete fest angestellt in der Werbeabteilung der Männerzeitschrift Esquire und pflegte sein Talent als Zeichner von Cartoons. Irgendwann wollte er eine Gehaltserhöhung von fünf Dollar. Die wurde ihm nicht bewilligt. Hefner kündigte und beschloss, ein eigenes Magazin herauszubringen, mit ähnlichen Themen wie Esquire, nur weniger prüde.

Ein Glücksfall namens Marilyn

Im Spätsommer 1953 kam die neue Zeitschrift auf den Markt, ohne Monats- und Jahresangabe auf dem Titelblatt, denn, so Hefner: "Ich wusste ja nicht einmal, ob es je eine zweite Ausgabe geben würde." Die Skepsis erwies sich als völlig unbegründet ­ sex sells: Das erste Heft ging weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln, 50.000 Exemplare zum Preis von 50 Cents wurden verkauft. Hauptgrund: Marilyn Monroe. Die Schauspielerin war gerade mit dem Film "Niagara" einem großen Publikum in den USA bekannt geworden, und Hefners Witterung für die Sensation hatte ihn nicht getrogen. Von John Baumgarth, einem Hersteller von Pin-up-Kalendern in Chicago, hatte er für 300 Dollar die Rechte an Farbfotos gekauft, die 1951 erstmals erschienen waren. Sie zeigten Marilyn im Alter von 19 Jahren, vor Beginn ihrer Schauspielkarriere, im Studio des Fotografen Tom Kelley in Los Angeles. Das ausgewählte Foto von Marilyn nahm eine Heftseite ein ­ und das war's auch schon: ein einziges Aktfoto im ganzen Heft! In der ersten Ausgabe des Playboy hieß das noch "Sweetheart of the Month". Marilyn posiert vor rotem Samthintergrund, auf dem Boden sitzend, die Beine angezogen, den rechten Arm hoch gereckt, die Hand im Nacken, mit der linken stützt sie sich auf. Sie hat nichts an als das Rot des Lippenstifts ("und Chanel Nummer fünf", wie sie später sagte). Das Foto sollte zum bekanntesten Pin-up der Welt werden. Zusätzlich platzierte Hefner ein Marilyn-Foto auf dem Titel, im ärmellosen Kleid mit Ausschnitt bis zum Bauch, fröhlich in die Kamera winkend. Der Playboy war auf dem Weg.

Hugh Hefner ­ ein Mann lebt seinen Traum

20 Jahre nach der ersten Ausgabe des Playboy, die Hugh Hefner 1953 im Wohnzimmer seines Apartments zusammengestellt hatte, residierte er in einem Hochhaus in Chicago, dem früheren Palmolive Building. Vom obersten Stockwerk leuchtete der Schriftzug PLAYBOY weit ins Land, jeder Buchstabe zwei Meter 70 hoch. Der US-Playboy hatte bereits Ende der fünfziger Jahre die magische Millionenauflage überschritten und sich als Marktführer unter
den Männermagazinen etabliert. Sogar dem ursprünglichen Vorbild Esquire hatte er den Rang abgelaufen. Hefners Playboy-Clubs in Chicago, Miami, New Orleans und London meldeten 1961 die stolze Zahl von120.000 Mitgliedern, die von "Bunnies" mit hochhackigen Pumps an den Füßen und Häschenohren auf dem Kopf bedient wurden. Den Rest der Berufskleidung, schulterfreie Korsagen, die Badeanzügen ähnelten und die Brüste nach oben drückten, hatte Hefner angeblich selbst entworfen (prominentestes Ex-Häschen: die damals
noch dunkelhaarige Debbie Harry, später Sängerin der Band Blondie). Playboy-Freizeitanlagen für Wochenend- und Urlaubsaufenthalte gab es in Ocho Rios auf Jamaika, am Lake Wisconsin in Michigan und, für den Wintersport, in Great George (New Jersey). Hefner präsentierte mit "Playboy After Hours" bereits die zweite Fernsehshow als Moderator (schon 1959 war er mit "Playboy's Penthouse" wöchentlich im Fernsehen). 1969 ließ sich der Playboy-Chef dann sein eigenes Passagierflugzeug bauen, Big Bunny genannt, eine DC 9 in Stretch-Version, 5,5 Millionen Dollar teuer, 36 Meter lang, völlig schwarz bemalt, mit dem Hasenlogo auf der Heckflosse und einem geräumigen, ovalen Bett im Inneren.

Ausgerechnet München

In Deutschland kam ein ­ na ja, sagen wir mal zwielichtiger ­ Illustriertenmacher auf die Idee, sich die Lizenz für die erste Auslandsausgabe des US-Magazins zu besorgen. Heinz van Nouhuys (gesprochen Nauhois), Angestellter des Heinrich Bauer Verlags und Chefredakteur der ­ na ja, sagen wir mal teilseriösen ­ Illustrierten Quick, witterte das große Geschäft und die Chance für eine deutsche Playboy-Ausgabe. Der Illustriertenmacher, ein charmanter Hochstapler, unterhaltsamer Partylöwe, nie um eine Anekdote verlegen, wollte das Objekt für Bauer nach Deutschland holen.
München passte, kein Zweifel. Eine große katholische Diözese hatte es auch. "In Hamburg", so Nouhuys, "machen sie Zeitschriften, um die Welt zu verändern. In München machen sie Zeitschriften, um die Welt zu genießen." Doch Hefner zögerte. Sei es, dass ihm der Bauer Verlag zutiefst suspekt war, der seinen enormen Umsatz hauptsächlich mit unsäglichen Billigblättern im Bereich der Regenbogenpresse (und dem Teenie-Magazin Bravo) einfuhr, sei es, dass Hefner ungern die Kontrolle über sein Produkt aus der Hand geben wollte ­ die Verhandlungen mit den Deutschen kamen nicht voran.

Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft

Heinz van Nouhuys erzählt die Geschichte von Hefners Meinungsumschwung so, als sei er selbst der ausschlaggebende Faktor für die Vergabe der deutschen Lizenz gewesen. Bei einem Treffen in Chicago erinnerte ihn Hefner daran, dass er Anfragen für eine deutsche Ausgabe schon mehrfach abgelehnt habe.
Nouhuys: "Ich sagte: 'Stimmt es, dass Sie keinen deutschen Playboy wollen, weil Sie überhaupt keinen Playboy in einer Sprache wollen, die Sie nicht perfekt beherrschen?' Darauf Hefner: 'Sie haben es begriffen ­ was wollen Sie dann hier?' Ich spielte Gleichmut und sagte in beiläufigem Ton: 'Dann verstehe ich nicht, wieso es einen Playboy in Englisch gibt.'" Angeblich überlegte Hefner kurz, lachte schließlich lauthals, haute Nouhuys begeistert auf die Schulter und sagte dann: "You're my kind of guy!" Wenn man Nouhuys glaubt, war das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, oder, mit seinen Worten, "wir waren von dieser Sekunde an Freunde." Einer deutschen Ausgabe stand bald nichts mehr im Wege.

Danke, wir zahlen selbst

Der deutsche Playboy wurde von Beginn an ein Riesenerfolg. Der Bauer-Verlag zahlte Lizenzgelder an Hefner und sackte immer noch Millionen ein. Die besten Fotografen Deutschlands flogen auf die Malediven und die Seychellen, die den exotischen Hintergrund für die Präsentation der Playmates lieferten, die besten Graphiker und Künstler verdienten gutes Geld für Illustrationen zu Artikeln und Kurzgeschichten, die Cartoons, meist aus dem Originalheft übernommen, waren so gut wie konkurrenzlos auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt, der Kulturteil ("Playboy am Abend" genannt, eine Eindeutschung von "Playboy After Hours"), schuf eine unterhaltsam-freche Form der Berichterstattung, weit ab- und jenseits der verschnarchten Feuilletons in Tages- und Wochenzeitungen. Viele freie Autoren fanden ein Forum für witzige und ungewöhnliche Beiträge (und erhielten die höchsten Honorare im Verlagsgeschäft).
Um auch nicht den Hauch von Korruption zuzulassen, galt als oberster Grundsatz: Der Playboy ist nicht käuflich. Alle Ausgaben, Spesen und Reisekosten, die Fotografen oder Autoren im Lauf Ihrer Arbeit für den Playboy hatten, übernimmt der Verlag. Die Zusammenarbeit mit den Firmen, deren Produkte im Playboy vorgestellt wurden, lief auf der Grundlage: Ins Heft kommt nur, was die Redaktion unabhängig auswählt, Product Placement war verpönt.
Erster Chefredakteur war ein alter Bekannter von Nouhuys, Quick-Mitarbeiter Raimund le Viseur, der dem Playboy lange Jahre als Autor verbunden blieb. Ob Nouhuys den Ärger mit den Bauer-Verantwortlichen satt hatte oder zur Erkenntnis gelangt war, dass die ganz große Kohle nur der Verleger einfährt ­ jedenfalls machte er bald seinen eigenen Laden auf (den
NewMag-Verlag, mit der deutschen Lizenzausgabe des Pariser Playboy-Imitats Lui).
Ob mit oder ohne Nouhuys, der Playboy lief von alleine ­ bis die Hamburger Verlagsmanager immer stärkeren Einfluss auf die Redaktion nahmen. Die Chefredakteure wurden reihenweise gefeuert und neue geheuert, die, mit einer Ausnahme, offensichtlich keine Ahnung mehr von Hefners ursprünglichem Konzept hatten. Nachdem die Auflage in den achtziger Jahren auf eine halbe Million gestiegen war, fiel sie schließlich auf weniger als 170.000. Der Versuch, den Playboy den Zeitgeist-Magazinen Wiener und Tempo anzupassen, ging gründlich daneben. Überlebt hat er als einziges der drei Magazine.

Schein ohne Sein

Heute sind Zweifel an der redaktionellen Unabhängigkeit des Playboy durchaus angebracht. Nur ein Beispiel (aus dem November-Heft 1999): Ein redaktioneller Beitrag über Champagner erscheint mit Fotos, die ausschließlich eine bestimmte Marke zeigen. Solche Vermischung von Anzeigenteil und redaktionellem Beitrag ist inzwischen im deutschen Journalismus allgemein üblich, nicht nur beim Playboy. Dass die Verlagsmanager in dieser Hinsicht kein Problembewusstsein haben, kann nicht verwundern, sind sie doch in den meisten Fällen nie Journalisten gewesen. Aber auch viele Redakteure, vor allem jüngere, reagieren mit großem Erstaunen, wenn sie von der Forderung nach redaktioneller Unabhängigkeit hören.
Aber es geht dabei auch noch um eine weitere Frage: Die Kluft zwischen Glaubwürdigkeit und professionellem Zynismus. So wie es den Lebensstil nicht mehr gibt, der den Jazz hervorgebracht hat, so ist die Zeit auch gnadenlos über die Erscheinung des Menschen als Playboy hinweg gegangen. Es gibt ihn nicht mehr, den Playboy (von Hugh Hefner, inzwischen 73, vielleicht mal abgesehen).
Was bleibt ist schöner Schein, dem kein Sein mehr zugrunde liegt. Der Fantasie fehlt die reale Grundlage. Die Reichen dieser Welt sehen Geld heute vor allem als Medium zur Geldvermehrung, nicht mehr als Mittel für eine spielerische Existenz.
Es soll ja Leute geben, die das bedauern.

Der Autor war Playboy-Redakteur und Ressortleiter von 1979 bis 1981. Er
arbeitet an einem Buch über die beiden großen P unter den Männermagazinen.



Ihr Kommentar


 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv