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Gottfried Keller
"Wie ein weißes Feuer in meinem Gehirne und in meinem
Blute"
"Die Nuditäten etc. müssen selbstverständlich
wegfallen; sie stammen aus der Zeit, da dergleichen in der Luft lag,
sind völlig unnötig und hindern ein Werk seinen Weg zu machen,
abgesehen davon, daß es die roheste und trivialste Kunst von der
Welt ist, in einem Poem den weiblichen Figuren das Hemd überm Kopf
wegzuziehen." Das schrieb Gottfried Keller über die von ihm
vollzogenen Veränderungen für die zweite Ausgabe des Romans
"Der grüne Heinrich". Keller ließ in der Neufassung
auch die hier abgedruckte Passage weg. Wir zitieren nach dem 1990 bei
Suhrkamp erschienenen Text der Erstausgabe von 1855. "Der alte
Dichter hat mit ihrer Restauflage im kalten Winter 1879/80 seinen Ofen
geheizt und jeder Hand, die sie wieder ausgrabe, das Verdorren angedroht."
(Alfred Muschg, Ausgraber und Verfasser des Nachworts von 1990.)
Noch mehr glaubte ich selbst der Gegenstand eines poetischen Scherzes
zu sein, wenn ich mich neben einem Weibe sah, welches ganz wie jene
Fabelwesen auf der Stufe der voll entfalteten Kraft und Schönheit
still zu stehen und dazu angetan schien, unablässig die Leidenschaft
fahrender Helden zu erregen. An ihrer ganzen Gestalt hatte jeder Zug
ein siegreiches festes Gepräge, und die Faltenlagen ihrer einfachen
Kleider waren immer so schmuck und stattlich, daß man durch sie
hindurch in der Aufregung wohl goldene Spangen oder gar schimmernde
Waffenstücke zu ahnen glaubte. Entblößte jedoch das
üppige Gedicht seine Frauen von Schmuck und Kleidung und brachte
ihre bloßgegebene Schönheit in offene Bedrängnis oder
in eine mutwillig verführerische Lage, während ich mich nur
durch einen dünnen Faden von der blühendsten Wirklichkeit
geschieden sah, so war es mir vollends, als wäre ich ein törichter
Fabelheld und das Spielzeug eines ausgelassenen Dichters; nicht nur
das platonische Pflicht- und Treuegefühl gegen das von christlichen
Gebeten umgebene Leidensbett eines zarten Wesens, sondern auch die Furcht,
schlechtweg durch Annas krankhafte Träume verraten zu werden, legten
ein Band um die verlangenden Sinne, während Judith aus Rücksicht
für Anna und mich und aus dem Bedürfnisse sich beherrschte,
in dem zierlich platonischen Wesen der Jugend noch etwas mitzuleben.
Unsere Hände bewegten sich manchmal unwillkürlich nach den
Schultern oder den Hüften des andern, um sich darum zu legen, tappten
aber auf halbem Wege in der Luft und endigten mit einem zaghaften abgebrochenen
Wangenstreicheln, so daß wir närrischerweise zwei jungen
Katzen glichen, welche mit den Pfötchen nach einander auslangen,
elektrisch zitternd und unschlüssig, ob sie spielen oder sich zerzausen
sollen.
In solchen Augenblicken rafften wir uns auf; Judith zog ihre Schuhe
an und begleitete mich in die Sommernacht hinaus; es reizte uns, ungesehen
ins Freie zu gelangen und auf nächtliche Abenteuer durch den Wald
und über die Höhen zu gehen. Solche romantische Gewohnheiten
vergnügten meine Begleiterin umso mehr als sie ihr neu waren und
sie so noch nie ohne einen bestimmten und außerordentlichen Zweck
nächtlicherweise aus dem Dorfe gegangen war. Sie freuete sich aber
dieser Freiheit um ihrer selbst willen und nicht aus Naturschwärmerei,
weil sie einmal ein abgesondertes und eigenes Leben führte, obgleich
ursprünglich niemand besser als sie zu einem frischen Zusammenleben
geschaffen war. Sie stellte daher keine gefühlvollen Betrachtungen
über den Mondschein an, sondern sie rauschte mutwillig und rasch
durch die Gebüsche oder knickte halb unmutig manchen grünen
Zweig, mit dem mir ins Gesicht schlug, als ob sie damit alles wegzaubern
wollte, was zwischen mir und ihr lag, die Jahre, die fremde Liebe und
den ungleichen Stand. Sie wurde dann ganz anders als sie erst in der
Stube gewesen und förmlich boshaft, spielte mir tausend Schabernack,
verlor sich im dunklen Dickicht, daß ich sie plötzlich zu
fassen bekam, oder hob beim Springen über einen Graben das Kleid
so hoch, daß ich in Verwirrung geriet. Einmal erzählte ich
ihr das Abenteuer, das ich als kleiner Junge mit jener Schauspielerin
gehabt, und vertraute ihr ganz offen, welchen Eindruck mir der erste
Anblick einer bloßen Frauenbrust gemacht, so daß ich dieselbe
noch immer in dem weißen Mondlicht vor mir sehe und dabei der
längst entschwundenen Frau fast sehnsüchtig gedenke, während
ihre Gesichtszüge und ihr Name schon lange bis auf die letzte Spur
in meinem Gedächtnis verwischt. Wir gingen gerade dem Waldbach
entlang, über welchem der Mond ein geheimnisvolles Netz von Dunkel
und Licht zittern ließ; Judith verschwand plötzlich von meiner
Seite und huschte durch die Büsche, während ich verblüfft
vorwärts ging. Dies dauert wohl fünf Minuten, während
welcher ich keinen Laut vernahm außer dem leisen Wehen der Bäume
und dem Rieseln der Wellen. Es wurde mir zu Mute, wie wenn Judith sich
aufgelöst hätte und still in die Natur verschwunden wäre,
in welcher mich ihre Elemente geisterhaft neckend umrauschten. So gelange
ich unversehens in die Gegend der Heidenstube und sah nun die graue
Felswand im hellen Vollmond, der über den Bäumen stand, in
den Himmel ragen; das Wasser und die Steine zu meinen Füßen
waren ebenfalls beschienen. Auf den Steinen lagen Kleider, zu oberst
ein weißes Hemd, welches, als ich es aufhob, noch ganz warm war,
wie eine soeben entseelte irdische Hülle. Ich vernahm aber keinen
Laut, noch sah ich etwas von Judith, es wurde mir wirklich unheimlich
zu Mute, da die Stille der Nacht von einer dämonischen Absicht
ganz getränkt erschien. Ich wollte eben Judith beim Namen rufen,
als ich seltsame, halb seufzende, halb singende Töne vernahm, aus
denen zuletzt ein deutliches altes Lied wurde, das ich schon hundertmal
gehört und jetzt doch einen zauberhaften Eindruck auf mich machte.
Sein Inhalt war die Tiefe des Wassers, etwas von Liebe und sonst nichts
weiter; aber zuletzt war es von einem fast sichtbaren verführerischen
Lächeln durchdrungen und von einem silbernen Geräusch begleitet,
wie wenn jemand im Wasser plätschert und sich dasselbe in saften
Wellen gegen die Lenden schlägt. Wie ich so hinhorchte, entdeckte
ich endlich mir gegenüber eine undeutliche weiße Gestalt,
welche sich im Schatten hinter dem Felsen bewegte, sich an überhängende
Zweige hing und den Körper im Wasser treiben ließ oder plötzlich
sich hoch aufrichtete und eine Weile gespenstisch unbeweglich blieb.
Es führte ein untiefer Damm des Geschiebes zu jener Stelle, und
zwar in einem ziemlich weiten Bogen, und als ich einen Augenblick mich
vergessen hatte, sah ich unversehens die nackte Judith schon auf der
Mitte dieses Weges angelangt und auf mich zukommen. Sie war bis unter
die Brust im Wasser; sie näherte sich im Bogen und ich drehete
mich magnetisch nach ihren Bewegungen. Jetzt trat sie aus dem schief
über das Flüßchen fallenden Schlagschatten und erschien
plötzlich im Mondlichte; zugleich erreichte sie bald das Ufer und
stieg immer höher aus dem Wasser und dieses rauschte jetzt glänzend
von ihren Hüften und Knieen zurück. Jetzt setzte sie den triefenden
weißen Fuß auf die trockenen Steine, sah mich an und ich
sie; sie war nur noch drei Schritte von mir und stand einen Augenblick
still; ich sah jedes Glied in dem hellen Lichte deutlich, aber wie fabelhaft
vergrößert und verschönt, gleich einem überlebensgroßen
alten Marmorbilde. Auf den Schultern, auf den Brüsten und auf den
Hüften schimmerte das Wasser, aber noch mehr leuchteten ihre Augen,
die sie schweigend auf mich gerichtet hielt. Jetzt hob sie die Arme
und bewegte sie gegen mich; aber ich, von einem heißkalten Schauer
und Respekt durchrieselt, ging mit jedem Schritt, den sie vorwärts
tat, wie ein Krebs einen Schritt rückwärts, aber sie nicht
aus den Augen verlierend. So trat ich unter die Bäume zurück,
bis ich mich in den Brombeerstauden fing und wieder still stand. Ich
war nun verborgen und im Dunkeln, während sie im Licht mir vorschwebte
und schimmerte; ich drückte meinen Kopf an einen kühlen Stamm
und besah unverwandt die Erscheinung. Jetzt ward es ihr selbst unheimlich;
sie stand dicht bei ihrem Gewande und begann wie der Blitz sich anzuziehen.
Ich sah aber, daß sie erst jetzt in Verlegenheit geriet, und trat
unwillkürlich, meine eigene Verwirrung vergessend, hervor, half
ihr zitternd den Rock über der Brust zuheften und reichte ihr das
große weiße Halstuch. Hierauf umschlang ich ihren Hals und
küßte sie auf den Mund, gewissermaßen um keinen müßigen
Augenblick aufkommen zu lassen; sie fühlte dies wohl; denn sie
war nun über und über rot bis in die noch feuchte Brust hinein;
sie steckte hastig ihre feinen Strümpfe in die Tasche und schlüpfte
mit bloßen Füßen in die Schuhe, worauf sie mich noch
einmal umschloß und heftig küßte, dann quer durch die
Bäume die Halde hinaneilte und verschwand, indessen ich das Wasser
entlang nach Hause ging. Ich fühlte sonderbarerweise die Schuld
dieses Abenteuer allein auf mir ruhen, obgleich ich mich leidlich dabei
verhalten, während ich schon empfand, wie unauslöschlich der
nächtliche Spuk, die glänzende Gestalt für immer meinen
Sinnen eingeprägt sei und wie ein weißes Feuer in meinem
Gehirne und in meinem Blute umging.
Ihr
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