| Andreas Rockstein
Unbehagen in der Globalisierung
Über das Scheitern der WTO-Ministerkonferenz und den internationalen
Widerstand
Kläglich scheiterten die Verhandlungen der dritten Ministerkonferenz
der Welthandelsorganisation (WTO) in Seattle, und dies war nicht
einzig die Folge unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten
führender WTO-Mitgliedstaaten, denn schließlich waren
es die Proteste von immerhin rund 50 000 Menschen, die trotz massiven
Polizeieinsatzes einen geregelten Tagesablauf verhinderten.
Ein
Rückblick auf die gleichfalls gescheiterten Verhandlungen
zu einem Multilateralen Investitionsabkommen (MAI) im Rahmen der
OECD (vgl. Die
Gazette Nr. 2, April 1998) mag uns einen Anhaltspunkt geben,
wie es dazu kam:
Das MAI war gewissermaßen die Spitze des Eisberges, die
das Faß zum Überlaufen brachte. Nachdem seit Ende der
80er Jahre internationale Abkommen und Institutionen in die Welt
gesetzt worden waren, die die Grundlage der so genannten Globalisierung
bildeten - sprich "freier" Handel von Waren, Dienstleistungen
und Kapital, die bis dahin von der Öffentlichkeit kaum beachtet
blieben - entstand in der trügerischen Gewißheit, es
könne einfach so weitergehen, mit dem MAI ein Vertragswerk,
in dem ganz unverblümt Regelungen festgeschrieben werden
sollten, die es Großkonzernen erlaubt hätten, sich
mit international rechtlicher Absicherung über alle demokratischen
Grundsätze, über Menschenrechte und Umweltschutz hinwegzusetzen.
Während zuvor einzelne Interessenverbände meist unabhängig
voneinander für ihre spezifischen Belange stritten, wurde
es durch das MAI auf einmal klar, daß all die vielen Kämpfe
- für den Erhalt der Umwelt, für bessere Arbeitsbedingungen,
für einen besseren Verbraucherschutz und wie auch immer -
letztlich sinnlos sind, solange nicht die maßgebliche Kraft,
die alledem entgegenwirkt, ins Visier genommen wird.
Im Oktober 1998, als die letzte Verhandlungsrunde des MAI stattfand,
versammelte
sich in Paris vor dem OECD-Gebäude eine überschaubare
Gruppe von Menschen (allerdings mit internationaler Beteiligung),
und während drinnen gestammelt wurde, daß naja, und
so, war die Botschaft draußen klar: kein MAI und auch keine
neuen Klone des MAI, weder in der WTO, noch in jedweder anderen
internationalen Wirtschafts- oder Finanz-Institution.
Szenenwechsel: 5 Monate zuvor, Mai 98: Die (zweite) Ministerkonferenz
der WTO in Genf. Im Vergleich zu Seattle waren längst nicht
so viele DemonstrantInnen angereist. Drei Monate zuvor hatte sich
ein Netzwerk gegründet unter der Bezeichnung "Peoples
Global Action" (PGA), um gegen die WTO zu mobilisieren, getragen
von Basisgruppen aus aller Welt, u.a. aus Ländern der so
genannten Dritten Welt, mit der Folge, daß gerade aus jenen
Ländern eine verhältnismäßig große
Zahl von Menschen kam. Das Unbehagen der Ordnungsmächte war
allerdings so groß, daß sie sich veranlaßt fühlten,
in PGA eine "terroristische Vereinigung" zu sehen, um
"Rädelsführer" zu "enttarnen", und
Menschen, die sich an den Protesten beteiligt hatten, strafrechtlich
zu verfolgen.
In Seattle wäre diese Vorstellung absurd gewesen, angesichts
der Massen von Menschen, die, durch unterschiedlichste Zusammenhänge
motiviert, aus aller Welt angereist kamen. Hatten es die Massenmedien
doch schon recht schwer damit, die DemonstrantInnen als potentielle
Gewalttäter darzustellen, angesichts der Bilder, die überwiegend
massive Gewalt zeigten, die von der Polizei ausging.
Die
Breite der WTO-Gegnerschaft - mobilisiert in gleicher Weise über
PGA wie durch das internationale Netzwerk von Nicht-Regierungs-Organisationen,
die jeweils als die Ausgangspunkte für den internationalen
Widerstand gegen WTO und Globalisierung angesehen werden können
- war schlicht überwältigend: Umwelt und Verbraucherverbände,
Gewerkschaften, StudentInnenschaften, Landwirte und AnarchistInnen,
aus allen Teilen der USA, aus ganz Amerika, aus der ganzen Welt
kamen sie angereist, um den größten Menschenauflauf
in den Staaten seit Vietnam und Woodstock zustandezubringen.
Was aber sind die Gründe, daß so viele Menschen gegen
die WTO protestierten, was ist an der Welthandelsorganisation,
das so viel Unmut provoziert?
Die WTO ist eine verhältnismäßig junge Organisation.
Sie wurde 1995 als Folge der letzten GATT-Verhandlungsrunde (auch
"Uruguay-Runde" genannt) gegründet. Das GATT, also
das allgemeine Zoll- und Handelsabkommen besteht bereits seit
Ende des zweiten Weltkriegs und diente dem Abbau von Handelsbarrieren
für Industriegüter. Mit der Uruguay-Runde und der Gründung
der WTO war ein Quantensprung erreicht. Damit erlangte das GATT
auch Geltung für den Agrar- und Dienstleistungsbereich, für
so genannte "handelsbezogene Investitionsmaßnahmen"
wie auch für den Handel mit geistigen Eigentumsrechten. Außerdem
erhielt die WTO eine Schiedsgerichtsbarkeit mit internationaler
Geltung.
Die
Folgen offenbarten sich, als die WTO rechtsverbindlich und vorerst
unwiderrufbar in die Welt gesetzt war. In sich durch und durch
intransparent und undemokratisch entpuppte sich die WTO als das
geeignete Instrument zur Durchsetzung der Interessen multinationaler
Großkonzerne. Umweltschutz- und Menschenrechtsauflagen konnten
von nun an als "Handelshemmnisse" angesehen werden und
im Rahmen der WTO-Schiedsgerichtsbarkeit "erfolgreich"
abgewendet werden.
Was von den GegnerInnen des MAI als drohende Gefahr für
Mensch, Umwelt und Demokratie angeprangert wurde ist also mit
der WTO längst grausame Realität.
"Abbau von Handelshemmnissen", "Marktliberalisierung"
oder wie auch immer positiv klingend benannt, all diese Maßnahmen
haben nur zu einem noch hemmungsloseren Raubbau an Ressourcen
und zu einer noch gnadenloseren Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft
geführt.
In Seattle hätte nun, bevor überhaupt eine umfassende
Bestandsaufnahme, eine Evaluation der Folgen der bisher bestehenden
GATT/ WTO-Abkommen stattfand, wie es von vielen Verbänden
gefordert wurde ("turn around the round"), im Rahmen
einer sogenannten "Millennium Round" eine noch umfassendere
Ausweitung des WTO-Mandats beschlossen werden sollen, womit Bereiche
wie Bildung, Gesundheitswesen, Umweltschutz, Fischerei, Forstwirtschaft
und anderes mehr der bestehenden WTO-Reglementierung hätten
unterworfen werden sollen -- die Folgen sind kaum auszumalen.
Außerdem war eine Ausweitung der bestehenden Abkommen geplant,
so des Landwirtschafts-Abkommens, des Abkommens über handelsbezogene
Investitionsmaßnahmen -- was, entgegen aller Beteuerungen,
das MAI sei ein für allemal gestorben, der schleichenden
Einführung desselben in der WTO gleichgekommen wäre
-- , des Abkommens über den Handel mit Dienstleistungen sowie
des Abkommens über handelsbezogene geistige Eigentumsrechte
(hier sei zu bemerken, daß geistige Eigentumsrechte auf
Gene, wie sie bislang nur für pflanzliche Gene galten, nun
auch auf tierische und menschliche Gene hätten ausgeweitet
werden sollen). Über letzteres wird bereits heute "Biopiraterie"
betrieben, d.h., daß etwa ein Pharmakonzern sich die alleinigen
Rechte an einer Heilpflanze sichert.
Daß die Verhandlungen in Seattle gescheitert sind, daß
es erst einmal keine "Millennium Round" geben wird,
ist, wie das Scheitern der MAI-Verhandlungen, ein Grund zum Feiern,
obschon nicht zu Unrecht etwa AktivistInnen von "Public Citizens",
einer maßgeblich an beiden Kampagnen beteiligten Nicht-Regierungs-Organisation
damals gesagt hatten - was auch jetzt noch gilt -, daß wir
den Champagner erst mal im Kühlschrank lassen sollten.
Es stellt sich die Frage, wie es weiter geht. Bereits jetzt gibt
es Anzeichen dafür, daß,
wieder zur "Tagesordnung" übergegangen, innerhalb
der WTO Punkt für Punkt all jene in Seattle geplatzten Vorhaben
nun "im stillen Kämmerlein" weiterverhandelt werden.
So ging die WTO seit ihres Bestehens vor, und so mag uns letztendlich
eine "Millennium Round" auch ohne "Millennium Round"
präsentiert werden, d.h., ohne grosse Konferenzen und Zusammentreffen,
die im Lichte der Öffentlichkeit stünden.
Es geht freilich weiter mit "Marktliberalisierung",
mit der "Liberalisierung" etwa im Telekommunikationsbereich
(feindliche Übernahmen und Dumping-Preis-Kriege sind an der
Tagesordnung), im Strommarkt (Billigst-Anbieter aus dem Ausland
-- woher mag der Strom wohl kommen? -- aus Tschernobyl? -- ganz
recht!), in der Wasserversorgung (Gemeinden aus der bekanntlich
wasserreichen Eifel beklagen sich über Wassermangel, weil
das vorhandene Grundwasser gewinnbringend nach Benelux abgeführt
wird) und in vielen anderen Bereichen mehr -- wann wird, ist hier
die Frage, die Luft privatisiert, die wir atmen?
Andererseits hat Seattle uns nichtsdestotrotz etwas gezeigt (und
darin mögen uns die AmerikanerInnen vielleicht voraus sein):
Der Widerstand gegen derartige Vorhaben ist in die Breite gegangen,
das Unbehagen angesichts Globalisierung, Markt-"Liberalisierung"
und Standortlogik hat sich artikuliert.
Die Erkenntnis, daß wir es hier nicht mit einem unumgänglichen
Naturgesetz zu tun haben, gemäß dem wir uns dem "Wettbewerb
auf dem globalen Markt" zu stellen hätten, sondern daß
dies eine von "unseren" Regierungen gezielt herbeigeführte
Politik ist, bietet den Menschen eine Chance. Daß es nicht
dieser - verlogenen - Politik bedarf, die allein den Interessen
transnationaler Konzerne dient, und die heuchlerisch feilgeboten
wird als "Anreize für die 'Wirtschaft' schaffen, ohne
die es keine neuen Arbeitsplätze gibt", sondern einer
Politik, die wahrhaft das Wohlergehen des Menschen und seiner
Umwelt im Auge hat - diese Einsicht hat in Seattle Tausende und
Abertausende beflügelt, sich gegen die Ministerkonferenz
der WTO zu erheben.
Nicht-Regierungs-Organisationen, geschärft durch die internationale
Kampagne gegen das MAI, haben erkannt, daß Widerstand nur
durch eine massive öffentliche Aufklärungsarbeit Erfolg
haben kann.
Menschen im Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung in
der Dritten Welt haben - nicht zuletzt über das Netzwerk
von "Peoples Global Action" - durchschaut, daß
der Angriffspunkt ihres Aufbegehrens nicht allein die jeweiligen
nationalen Regierungen sind, sondern in erster Linie die internationale
Wirtschaftspolitik, die die katastrophalen Zustände in ihren
Ländern verursacht hat.
Seattle
- das war in diesem Sinne erst der Anfang. Während in Genf
der Widerstand aufgrund der Ausschreitungen auf der Straße
noch als kriminelle Aktion irgendwelcher "gewaltbereiter
Autonomer" abgetan werden konnte (ein Affront gegenüber
der Mehrheit der gewaltlosen DemonstrantInnen), lag in Seattle
die Sympathie eindeutig auf Seiten der durch Tränengas und
Gummigeschosse malträtierten DemonstrantInnen.
Doch sollten wir uns hüten vor der Gegenoffensive der WTO,
die verstärkt versuchen wird, den Widerstand zu spalten,
indem Dialogbereitschaft geheuchelt wird, wobei nur "vertrauenswürdige
VertreterInnen der Zivilgesellschaft" zu Gesprächen
eingeladen werden. Auch sollten wir wachsam das Verhalten mancher
Nicht-Regierungs-Organisationen im Auge behalten, die mit dem
Anspruch auftreten, den Widerstand gegen die WTO zu repräsentieren,
sich jedoch zugleich regierungsfreundlich geben und dabei nur
ihre spezifischen Eigeninteressen im Blickfeld haben.
Diejenigen, die die WTO ins Leben gerufen haben, werden alles
daran setzen, diese Institution zu erhalten und ihre Macht zu
strken. Aber der Widerstand wächst und auch die Erkenntnis,
daß es um mehr geht als um irgendwelche Handelsabkommen,
daß eine Umkehrung des bestehenden Wirtschaftssystems notwendig
ist, um den Menschen und der Natur wieder zu ihrem Recht zu verhelfen.
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