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Als es noch kein Viagra gab
Nachdem er ein wenig über Fremd- und Selbstwahrnehmung
sowie die Wundmale des Königs Dagobert gesprochen hat, kommt Michel
de Montaigne allmählich zum Thema:
Es ist wahrscheinlich, daß die wichtigste Stärke des Glaubens
an Wunder, an Gesichte, an Hexerei und dergleichen übersinnliche
Erscheinungen aus der Macht der Einbildung entspringt, die hauptsächlich
auf die knetbareren Seelen des einfachen Volkes wirkt. Man hat sich
ihrer Gläubigkeit derart bemächtigt, daß sie zu sehem
glauben, was sie nicht sehen.
Ich bin auch der Meinung, daß jene schelmische Nestelknüpferei
[ein gefürchteter Impotenzzauber], mit der unsere Leute so arg
geplagt sind, daß man von nichts anderem spricht, oft nichts als
eine Wirkung der Beklommenheit und Furcht ist. Denn ich weiß aus
Erfahrung, von einem, für den ich einstehen kann wie für mich
selbst [zweifellos Montaigne selbst], und auf den keinerlei Verdacht
der Schwächlichkeit und ebensowenig der Behexung fallen konnte,
nachdem er einen seiner Kumpane von einem Fall ganz absonderlichen Unvermögens
erzählen gehört hatte, das gerade im Augenblick, als es ihm
am allerungelegensten kam, befallen habe, daß bei ähnlicher
Gelegenheit ein derartiger Schreck über diese Erzählung sich
unversehens seiner Einbildung bemächtigte, daß es ihm nicht
besser erging, und von da an war er vor Rückfällen nie sicher;
die klägliche Erinnerung an sein Ungemach quälte und peinigte
ihn baß. Er fand ein Heilmittel gegen diesen Unfug in einem anderen
Unfug. Nämlich dadurch, daß er im vornherein seine Anfechtung
eingestand und an die Glocke hängte, löste sich der Krampf
seiner Seele, da er ja sein Versagen in Erwartung stellte und seine
Verbindlichkeit, dadurch vermindert, ihn weniger ängstigte. Da
es ihm danach gegeben war, es aus freiem Entschluß (unbefangen
und entspannten Geistes und in gebührender leiblicher Verfassung)
mit des andern Teils Beiwissen erstlich erproben, anfassen und überrumpeln
zu lassen, war er mit einem Schlage von dem Übel geheilt. Gegen
wen man einmal vermögend war, ist man nie mehr unvermögend,
es sei denn, aus rechter Schwäche.
Michel de Montaigne, Über die Einbildungskraft,
Essays I, XXI, 1580
Ihr
Kommentar
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