Nr. 22, Februar 2000
 
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Als es noch kein Viagra gab

Nachdem er ein wenig über Fremd- und Selbstwahrnehmung sowie die Wundmale des Königs Dagobert gesprochen hat, kommt Michel de Montaigne allmählich zum Thema:

Es ist wahrscheinlich, daß die wichtigste Stärke des Glaubens an Wunder, an Gesichte, an Hexerei und dergleichen übersinnliche Erscheinungen aus der Macht der Einbildung entspringt, die hauptsächlich auf die knetbareren Seelen des einfachen Volkes wirkt. Man hat sich ihrer Gläubigkeit derart bemächtigt, daß sie zu sehem glauben, was sie nicht sehen.
Ich bin auch der Meinung, daß jene schelmische Nestelknüpferei [ein gefürchteter Impotenzzauber], mit der unsere Leute so arg geplagt sind, daß man von nichts anderem spricht, oft nichts als eine Wirkung der Beklommenheit und Furcht ist. Denn ich weiß aus Erfahrung, von einem, für den ich einstehen kann wie für mich selbst [zweifellos Montaigne selbst], und auf den keinerlei Verdacht der Schwächlichkeit und ebensowenig der Behexung fallen konnte, nachdem er einen seiner Kumpane von einem Fall ganz absonderlichen Unvermögens erzählen gehört hatte, das gerade im Augenblick, als es ihm am allerungelegensten kam, befallen habe, daß bei ähnlicher Gelegenheit ein derartiger Schreck über diese Erzählung sich unversehens seiner Einbildung bemächtigte, daß es ihm nicht besser erging, und von da an war er vor Rückfällen nie sicher; die klägliche Erinnerung an sein Ungemach quälte und peinigte ihn baß. Er fand ein Heilmittel gegen diesen Unfug in einem anderen Unfug. Nämlich dadurch, daß er im vornherein seine Anfechtung eingestand und an die Glocke hängte, löste sich der Krampf seiner Seele, da er ja sein Versagen in Erwartung stellte und seine Verbindlichkeit, dadurch vermindert, ihn weniger ängstigte. Da es ihm danach gegeben war, es aus freiem Entschluß (unbefangen und entspannten Geistes und in gebührender leiblicher Verfassung) mit des andern Teils Beiwissen erstlich erproben, anfassen und überrumpeln zu lassen, war er mit einem Schlage von dem Übel geheilt. Gegen wen man einmal vermögend war, ist man nie mehr unvermögend, es sei denn, aus rechter Schwäche.

Michel de Montaigne, Über die Einbildungskraft, Essays I, XXI, 1580

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