Nr. 22, Februar 2000
 
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Buchkunst
Lyrik
Kurzprosa
Die Marginalie
 

 

Ulla Hahn

An einen Gen-Forscher

Freien Raum brauchen
große umfassende Sachen:
Seele zum Beispiel.
Wo kommt sie her und
wie ist sie beschaffen?
Wann beginnt eine Seele
und wann hört sie auf?
Geht sie von anderswo
anderswohin?
Dient sie nicht mehr als
einmal und schweift dann
frei in den Sternen?
Oder wechselt sie ihren Wohnsitz
ständig vom Wurm bis zur
Krone der Schöpfung?
Was wird sie tun
wenn sie aufgehört hat
etwas durch uns zu tun?
Wird sie entkommen
aus der Höhle des Körpers
die Freiheit nutzen?
Und wie?
Eine große und umfassende Sache
ist eine Seele
in so kleiner Unterkunft.


Früher

Ein schöner Mund ein Schleier
der sich hebt an einen Baum gelehnt
dem Bächlein lauschen und überm
hohen hehren Wolkensaum ein Küßchen
mit dem Alten Wahren tauschen

Ja Früher als wir saßen lang und sprachen
auf kalte Nebelbänke niedersanken
und dann und wann ein weißer Elephant
und Königssöhne durch die Wolken brachen
den Becher Weines in der kühlen Hand

Das war ein Singen in dem ganzen Heere
so grün die Weide und so kurz die Frist
Die Fackel nimm und geh bis in die Nacht
am Vordachpfosten hängt das Sternenzelt
und hinter tausend Stäben keine Welt.


Kommentar der Autorin

Warum schreiben Sie?

Auf frischer Tat ertappt. Von weitem qualmen die Scheiterhaufen der Inquisition. Warum schreiben Sie? ErstensZweitensDrittens. Klar und deutlich. Bei schweren Sünden die Zahl angeben.
Was es gibt, ist nicht genug. Ich sehne mich nach dem, was ich nicht bin, nicht habe. Weil es mehr und Besseres geben muß als das, was wir sind und haben. Nicht aus einer Sehnsucht heraus, die die Augen vor der Wirklichkeit verschließt, die den Blick über die Wirklichkeit hinaus nur auf das Erhoffte richtet. Ein solches Leben und Schreiben wäre Hochmut.
Meine Sehnsucht entspringt dem genauen Hinsehen auf die Wirklichkeit. Schreibend suche ich Möglichkeiten, die über das, was ich weiß, bevor ich die Worte setze, hinausgehen. So vermehre ich mich selbst und die Wirklichkeit auch.


aus: Ulla Hahn, Unerhörte Nähe (Anhang für den, der fragt), Stuttgart 1988

 

 

 




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