Nr. 22, Februar 2000
 

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 Staat oder Markt?

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Eine Plastikfrage - schief und flach

Der englische Original-Titel sagt in aller Offenheit, worum es diesem Buch geht: um die "Commanding Heights", den - wirtschaftspolitischen - Feldherrnhügel, von dem die Befehle ausgehen. Eigentlich zynisch, wenn man weiß, daß die Bösen bei der "command economy" sind und die Guten auf der Seite der "freien" Marktwirtschaft stehen.
Der deutsche Titel verschiebt den strategischen Zweck des Buches ins Abstrakte. Die Frage klingt verdächtig schief, ein wenig wie "Richter oder Raucher?", wie die absurde Wahl zwischen einem durchdachten Gebot und einem schier naturwüchsigen Drang. Staat und Markt, können die beiden in irgendeinem vernünftigen Sinn überhaupt konkurrieren?
"Staat", das ist der in ausgehandelten Institutionen konkretisierte politische Wille einer Gesellschaft, "Markt" hingegen das Aufeinandertreffen von Anbietern und Nachfragern. Staat muß organisiert werden, Markt entsteht von allein. Ein Staat hat politische Ziele (zum Beispiel: Gerechtigkeit), ein Markt ist ein Mechanismus. Ein Staat soll Werte verwirklichen (zum Beispiel: Sicherheit), ein idealer Markt "soll" gar nichts, er produziert lediglich einen Marktpreis, und das tut er mit Hilfe widerstreitender Egoismen automatisch. Kurz: Staat ist eine von den Bürgern organisierte Einrichtung, der Markt ein sich ergebender Zustand. Es gibt kein tertium comparationis.
Noch vor drei Jahrzehnten wäre die Frage unmöglich gewesen. Oder man hätte sie anders gestellt, etwa so: Gibt es - in einem politisch zu vereinbarenden Sinn - unnötige staatliche Aufgaben? Sagen wir: die Unterstützung von Weltkriegsflüchtlingen oder so etwas wie die "Schulspeisung". Enger gefaßt ließe sich die Frage auch noch so stellen: Kann, darf, sollte der Staat die Bereitstellung einer Ware, einer Dienstleistung (Trinkwasser, Grenzschutz) günstiger einem Privatproduzenten überlassen?
So stellt das Buch die Frage aber nicht. Sondern mit diesen Worten im Klappentext: "Wer trägt Sorge für soziale Gerechtigkeit? Und wer kümmert sich in der globalen Gesellschaft um die Grundlagen für ein funktonierendes Gemeinwesen?" Bis hierher klingt es noch einigermaßen sinnvoll. Dann wird scheinbar nur ein bißchen umformuliert: "Sind es die Mechanismen staatlicher Organisationen oder die Kräfte des sich selbst organisierenden Marktes?"
Und fertig ist der Taschenspielertrick. Unter der Hand werden die "Mechanismen" des Staates und die "Kräfte" des freien Marktes als vergleichbare Alternativen gesetzt. Es wird so getan, als könne der Markt tatsächlich für etwas "Sorge tragen" oder "sich (um etwas) kümmern". Gerade das soll er ja nach dem Willen seiner Theoretiker nicht, er soll ja gerade wertblind und ziellos funktionieren. Solche Einebnung ist, freundlich gesagt, Augenwischerei. Und dann werden auch noch die Kräfte des Marktes den "Mechanismen" des Staates äquivalent gestellt, als handelte es sich wiederum um Vergleichbares. Das Gegenteil ist aber richtig: Im Staat sind nicht (nur) Mechanismen tätig, sondern vorrangig Verwirklichungsinstanzen zur Durchsetzung politischer Ziele. Diese Verwischung der Begriffe ist, nicht mehr so freundlich gesagt, Betrug am Leser. Schlimmer: Sie ist eine Ideologie.
Und die beiden Buchautoren sind ihre Proselytenmacher, Wanderprediger. Statt die im Titel angekündigte Wahl wenigstens versuchsweise abzuwägen, bombardieren sie den Leser von der ersten Seite an mit einer Predigt gegen den demokratischen Staat.
Man spürt es zuerst allerdings nur undeutlich. Die Schreibe der Verfasser ist gut und stillos journalistisch, anekdotenreich und SPIEGELhaft personalisiert. Sie liest sich unoriginell, seicht und problemlos weg, ohne eigenes Nachdenken, ohne Anstrengung. Feuilletonistisch. Gelegentlich schlüssellochperspektivisch. Argumentfrei. Insgesamt bleibt dabei aber ein ungutes Gefühl im Magen, wie nach einem falschen Essen.
Wie subtil die Autoren mit ihren einäugigigen Wertungen vorgehen, wird an Bildunterschriften deutlich. Da hat man noch Glück, wenn unter wassertragenden Frauen in den Kriegsruinen von 1945 nur so etwas schlicht Falsches steht wie "die Trümmerfrauen in Deutschland bauen mit vereinten Kräften die Häuser wieder auf". Ansonsten wird jedoch der "Plan"wirtschaftler Jean Monnet als "ehemaliger Cognac-Produzent" bezeichnet, eine Verunglimpfung, wie sie bei den Lieblingen der Autoren natürlich unterbleibt. Zum freudigen "Signal für den Untergang der Planwirtschaft" wird sogar ein Foto vom Fall der Berliner Mauer numgedeutet.
Dieselbe Schieflage im Text. Hier gewinnt die Premierministerin nicht nur den Falkland- Krieg, sondern auch "Die entscheidende Schlacht" gegen die Gewerkschaften. Hier steht die "Chicagoer Schule" im selbstlosen Kampf für die Freiheit und gegen den "Kollektivismus". Japan und Asien werden weiterhin und unbeirrt als "Wunder" vorgeführt, als hätte es keine asiatische Finanzkrise gegeben. In Südamerika ist Allende natürlich selbst mit schuld an seinem offenbar schicksalhaften Untergang, er "ging radikaler vor und beschleunigte so den gewaltsamen Sturz seiner Regierung". Und in Frankreich haben "Mitterand und seine sozialistischen Genossen" auch nur Unfug angestellt.
Auffallend ist die durchgehende Ungenauigkeit der Autoren. Ihr Text ist auf jeder Seite seltsam unscharf und wabblig, man kann sie nicht festnageln. Ein Beispiel:

Wie lässt sich die russische Privatisierung insgesamt beurteilen? Diese Frage ist - das dürfte kaum überraschen - nicht einfach zu beantworten. Das Programm ist eindrucksvoll, umso mehr, als es schier unmöglichen Herausforderungen gegenüberstand. Aber eine gewaltige Wegstrecke ist noch zurückzulegen. Die Dimensionen sind Ehrfurcht gebietend. Bis 1996 wurden etwa 18 000 Industrieunternehmen privatisiert, darunter mehr als drei Viertel aller großen und mittelgroßen Industriefirmen und annähernd 90 Prozent der Industrieproduktion, sodass der Anteil der Industriearbeiter am Privatsektor auf 80 Prozent stieg. Über vier Fünftel der kleinen Läden und Geschäfte im Einzelhandel sind heute ebenfalls in privater Hand, darunter 900 000 von russischen Unternehmen neu gegründete Firmen. Der Privatsektor bringt mittlerweile 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts hervor.

Das sind die einzigen - wiederhole: die einzigen Zahlen, die der Leser über Rußlands chaotische Wirtschaftsreform erfährt. Kein Wort über stagnierende Löhne und Gehälter in Rußland, kein Wort über Arbeitslosigkeit oder Inflation (die immerhin von 2500 [sic] auf 37 Prozent gesunken ist). Nirgendwo eine vergleichende Statistik, nirgendwo ein Diagramm, eine Verlaufskurve, eine erläuternde Grafik. Und zwar im ganzen Buch nicht. Bloß keine Genauigkeit. Statt dessen immer wieder dieselbe dünne, lauwarme Suppe.
Der Betrug am Leser, den die Autoren mit so planmäßiger Verschwiemeltheit begehen, ist nachweisbar. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe steht folgende Ankündigung:

Wir zeigen fünf Gradmesser auf, die uns helfen können zu entscheiden, ob die Balance des Vertrauens sich wieder zugunsten des Staates neigen könnte. Werden die marktorientierten Systeme die Wirtschaftsleistung erbringen, die wir uns von ihnen erwarten? Gelingt es ihnen, das gewünschte Maß an sozialer Gerechtigkeit, Fairness und Chancengleichheit herzustellen? Was geschieht mit der nationalen und kulturellen Identität in einer Welt der Globalität? Werden die jüngeren Generationen den Markgesellschaften zutrauen, ihren Anforderungen an den Schutz der natürlichen Umwelt gerecht zu werden, oder werden sie nach neuer Regulierung und mehr Kontrolle rufen? Und wie werden die Märkte - und Staaten - auf die Anforderungen und Bedürfnisse der immer größeren Zahl älterer Menschen in den Industrienationen reagieren?

Darauf folgen fünfhundert strotzlangweilige Seiten über die weltweite success-story der Marktwirtschaft. Erst dann kommen die Autoren auf das versprochene Thema zurück, und zwar mit diesem wenig originellen, substanzlosen und komma-armen - Kurztext:

Die Reform des Wohlfahrtsstaates und die Neudefinierung der Verantwortung von Staat und Bürgern schälen sich nun als Europas zentrale Mission heraus. Statt sich aus dem Wohlfahrtsstaat zurückzuziehen wird Europa versuchen den Sozialpakt zu erneuern und "Soliarität" neu zu definieren, indem es das alles beherrschende Prinzip von Rechten und Ansprüchen um einen Begriff von persönlicher Verantwortung ergänzt. Das heißt, die Bürger müssten einen Teil der Kosten für Sozialleistungen tragen und größere Verwantwortung für die Finanzierung ihrer Renten und Pensionen übernehmen. Die Debatte wird dabei alte und neue Konzepte des "öffentlichen Interesses" aufgreifen und sich unweigerlich auch mit der Zukunft der Arbeit - ihrer Dauer, ihrer Flexibilität, ihren Regeln - und der Balance zwischen den Generationen befassen müssen.
All dies schafft viel Verwirrung und Angst ...

So endet ein Anfänger-Journalist, der es nicht besser weiß.
Ein paar Seiten später kriegen wir dann noch ein Kapitelchen "Was der Staat tut", in dem es ähnlich verwaschen und verlockend heißt, die durch den "Rückzug" des Staates von den "Kommandohöhen der Industrie" wundersam freiwerdenden Mittel würden in Gesundheit, Bildung und Umwelt investiert. Und mehr erfährt der Leser nicht zum angeblichen Hauptthema des Buches. Verärgert und sinnlos um achtundsechzig Mark ärmer bleibt er auf seinem Hunger sitzen.
Eine unappetitliche Lektüre.

Fritz R. Glunk

Daniel Yergin, Joseph Stanislaw
Staat oder Markt. Die Schlüsselfrage unseres Jahrhunderts
Campus Verlag, Frankfurt / New York 1999
15,5 x 23,3 Zentimeter, 609 Seiten
DM 68,--, sFr 64,--, öS 496

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