|
|
|
Eine Plastikfrage - schief und flach
Der englische Original-Titel sagt in aller Offenheit, worum es diesem
Buch geht: um die "Commanding Heights", den - wirtschaftspolitischen
- Feldherrnhügel, von dem die Befehle ausgehen. Eigentlich zynisch,
wenn man weiß, daß die Bösen bei der "command
economy" sind und die Guten auf der Seite der "freien"
Marktwirtschaft stehen.
Der deutsche Titel verschiebt den strategischen Zweck des
Buches ins Abstrakte. Die Frage klingt verdächtig schief, ein wenig
wie "Richter oder Raucher?", wie die absurde Wahl zwischen
einem durchdachten Gebot und einem schier naturwüchsigen Drang.
Staat und Markt, können die beiden in irgendeinem vernünftigen
Sinn überhaupt konkurrieren?
"Staat", das ist der in ausgehandelten Institutionen konkretisierte
politische Wille einer Gesellschaft, "Markt" hingegen das
Aufeinandertreffen von Anbietern und Nachfragern. Staat muß organisiert
werden, Markt entsteht von allein. Ein Staat hat politische Ziele (zum
Beispiel: Gerechtigkeit), ein Markt ist ein Mechanismus. Ein Staat soll
Werte verwirklichen (zum Beispiel: Sicherheit), ein idealer Markt "soll"
gar nichts, er produziert lediglich einen Marktpreis, und das tut er
mit Hilfe widerstreitender Egoismen automatisch. Kurz: Staat ist eine
von den Bürgern organisierte Einrichtung, der Markt ein sich ergebender
Zustand. Es gibt kein tertium comparationis.
Noch vor drei Jahrzehnten wäre die Frage unmöglich gewesen.
Oder man hätte sie anders gestellt, etwa so: Gibt es - in einem
politisch zu vereinbarenden Sinn - unnötige staatliche Aufgaben?
Sagen wir: die Unterstützung von Weltkriegsflüchtlingen oder
so etwas wie die "Schulspeisung". Enger gefaßt ließe
sich die Frage auch noch so stellen: Kann, darf, sollte der Staat die
Bereitstellung einer Ware, einer Dienstleistung (Trinkwasser, Grenzschutz)
günstiger einem Privatproduzenten überlassen?
So stellt das Buch die Frage aber nicht. Sondern mit diesen Worten im
Klappentext: "Wer trägt Sorge für soziale Gerechtigkeit?
Und wer kümmert sich in der globalen Gesellschaft um die Grundlagen
für ein funktonierendes Gemeinwesen?" Bis hierher klingt es
noch einigermaßen sinnvoll. Dann wird scheinbar nur ein bißchen
umformuliert: "Sind es die Mechanismen staatlicher Organisationen
oder die Kräfte des sich selbst organisierenden Marktes?"
Und fertig ist der Taschenspielertrick. Unter der Hand werden die "Mechanismen"
des Staates und die "Kräfte" des freien Marktes als vergleichbare
Alternativen gesetzt. Es wird so getan, als könne der Markt tatsächlich
für etwas "Sorge tragen" oder "sich (um etwas) kümmern".
Gerade das soll er ja nach dem Willen seiner Theoretiker nicht, er soll
ja gerade wertblind und ziellos funktionieren. Solche Einebnung ist,
freundlich gesagt, Augenwischerei. Und dann werden auch noch die Kräfte
des Marktes den "Mechanismen" des Staates äquivalent
gestellt, als handelte es sich wiederum um Vergleichbares. Das Gegenteil
ist aber richtig: Im Staat sind nicht (nur) Mechanismen tätig,
sondern vorrangig Verwirklichungsinstanzen zur Durchsetzung politischer
Ziele. Diese Verwischung der Begriffe ist, nicht mehr so freundlich
gesagt, Betrug am Leser. Schlimmer: Sie ist eine Ideologie.
Und die beiden Buchautoren sind ihre Proselytenmacher, Wanderprediger.
Statt die im Titel angekündigte Wahl wenigstens versuchsweise abzuwägen,
bombardieren sie den Leser von der ersten Seite an mit einer Predigt
gegen den demokratischen Staat.
Man spürt es zuerst allerdings nur undeutlich. Die Schreibe der
Verfasser ist gut und stillos journalistisch, anekdotenreich und SPIEGELhaft
personalisiert. Sie liest sich unoriginell, seicht und problemlos weg,
ohne eigenes Nachdenken, ohne Anstrengung. Feuilletonistisch. Gelegentlich
schlüssellochperspektivisch. Argumentfrei. Insgesamt bleibt dabei
aber ein ungutes Gefühl im Magen, wie nach einem falschen Essen.
Wie subtil die Autoren mit ihren einäugigigen Wertungen vorgehen,
wird an Bildunterschriften deutlich. Da hat man noch Glück, wenn
unter wassertragenden Frauen in den Kriegsruinen von 1945 nur so etwas
schlicht Falsches steht wie "die Trümmerfrauen in Deutschland
bauen mit vereinten Kräften die Häuser wieder auf". Ansonsten
wird jedoch der "Plan"wirtschaftler Jean Monnet als "ehemaliger
Cognac-Produzent" bezeichnet, eine Verunglimpfung, wie sie bei
den Lieblingen der Autoren natürlich unterbleibt. Zum freudigen
"Signal für den Untergang der Planwirtschaft" wird sogar
ein Foto vom Fall der Berliner Mauer numgedeutet.
Dieselbe Schieflage im Text. Hier gewinnt die Premierministerin nicht
nur den Falkland- Krieg, sondern auch "Die entscheidende Schlacht"
gegen die Gewerkschaften. Hier steht die "Chicagoer Schule"
im selbstlosen Kampf für die Freiheit und gegen den "Kollektivismus".
Japan und Asien werden weiterhin und unbeirrt als "Wunder"
vorgeführt, als hätte es keine asiatische Finanzkrise gegeben.
In Südamerika ist Allende natürlich selbst mit schuld an seinem
offenbar schicksalhaften Untergang, er "ging radikaler vor und
beschleunigte so den gewaltsamen Sturz seiner Regierung". Und in
Frankreich haben "Mitterand und seine sozialistischen Genossen"
auch nur Unfug angestellt.
Auffallend ist die durchgehende Ungenauigkeit der Autoren. Ihr Text
ist auf jeder Seite seltsam unscharf und wabblig, man kann sie nicht
festnageln. Ein Beispiel:
Wie lässt sich die russische Privatisierung insgesamt
beurteilen? Diese Frage ist - das dürfte kaum überraschen
- nicht einfach zu beantworten. Das Programm ist eindrucksvoll, umso
mehr, als es schier unmöglichen Herausforderungen gegenüberstand.
Aber eine gewaltige Wegstrecke ist noch zurückzulegen. Die Dimensionen
sind Ehrfurcht gebietend. Bis 1996 wurden etwa 18 000 Industrieunternehmen
privatisiert, darunter mehr als drei Viertel aller großen und
mittelgroßen Industriefirmen und annähernd 90 Prozent der
Industrieproduktion, sodass der Anteil der Industriearbeiter am Privatsektor
auf 80 Prozent stieg. Über vier Fünftel der kleinen Läden
und Geschäfte im Einzelhandel sind heute ebenfalls in privater
Hand, darunter 900 000 von russischen Unternehmen neu gegründete
Firmen. Der Privatsektor bringt mittlerweile 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts
hervor.
Das sind die einzigen - wiederhole: die einzigen Zahlen, die der Leser
über Rußlands chaotische Wirtschaftsreform erfährt.
Kein Wort über stagnierende Löhne und Gehälter in Rußland,
kein Wort über Arbeitslosigkeit oder Inflation (die immerhin von
2500 [sic] auf 37 Prozent gesunken ist). Nirgendwo eine vergleichende
Statistik, nirgendwo ein Diagramm, eine Verlaufskurve, eine erläuternde
Grafik. Und zwar im ganzen Buch nicht. Bloß keine Genauigkeit.
Statt dessen immer wieder dieselbe dünne, lauwarme Suppe.
Der Betrug am Leser, den die Autoren mit so planmäßiger Verschwiemeltheit
begehen, ist nachweisbar. Im Vorwort zur deutschen Ausgabe steht folgende
Ankündigung:
Wir zeigen fünf Gradmesser auf, die uns helfen
können zu entscheiden, ob die Balance des Vertrauens sich wieder
zugunsten des Staates neigen könnte. Werden die marktorientierten
Systeme die Wirtschaftsleistung erbringen, die wir uns von ihnen erwarten?
Gelingt es ihnen, das gewünschte Maß an sozialer Gerechtigkeit,
Fairness und Chancengleichheit herzustellen? Was geschieht mit der nationalen
und kulturellen Identität in einer Welt der Globalität? Werden
die jüngeren Generationen den Markgesellschaften zutrauen, ihren
Anforderungen an den Schutz der natürlichen Umwelt gerecht zu werden,
oder werden sie nach neuer Regulierung und mehr Kontrolle rufen? Und
wie werden die Märkte - und Staaten - auf die Anforderungen und
Bedürfnisse der immer größeren Zahl älterer Menschen
in den Industrienationen reagieren?
Darauf folgen fünfhundert strotzlangweilige Seiten über die
weltweite success-story der Marktwirtschaft. Erst dann kommen die Autoren
auf das versprochene Thema zurück, und zwar mit diesem wenig originellen,
substanzlosen und komma-armen - Kurztext:
Die Reform des Wohlfahrtsstaates und die Neudefinierung
der Verantwortung von Staat und Bürgern schälen sich nun als
Europas zentrale Mission heraus. Statt sich aus dem Wohlfahrtsstaat
zurückzuziehen wird Europa versuchen den Sozialpakt zu erneuern
und "Soliarität" neu zu definieren, indem es das alles
beherrschende Prinzip von Rechten und Ansprüchen um einen Begriff
von persönlicher Verantwortung ergänzt. Das heißt, die
Bürger müssten einen Teil der Kosten für Sozialleistungen
tragen und größere Verwantwortung für die Finanzierung
ihrer Renten und Pensionen übernehmen. Die Debatte wird dabei alte
und neue Konzepte des "öffentlichen Interesses" aufgreifen
und sich unweigerlich auch mit der Zukunft der Arbeit - ihrer Dauer,
ihrer Flexibilität, ihren Regeln - und der Balance zwischen den
Generationen befassen müssen.
All dies schafft viel Verwirrung und Angst ...
So endet ein Anfänger-Journalist, der es nicht besser weiß.
Ein paar Seiten später kriegen wir dann noch ein Kapitelchen "Was
der Staat tut", in dem es ähnlich verwaschen und verlockend
heißt, die durch den "Rückzug" des Staates von
den "Kommandohöhen der Industrie" wundersam freiwerdenden
Mittel würden in Gesundheit, Bildung und Umwelt investiert. Und
mehr erfährt der Leser nicht zum angeblichen Hauptthema des Buches.
Verärgert und sinnlos um achtundsechzig Mark ärmer bleibt
er auf seinem Hunger sitzen.
Eine unappetitliche Lektüre.
Fritz R. Glunk
Daniel Yergin, Joseph Stanislaw
Staat oder Markt. Die Schlüsselfrage unseres Jahrhunderts
Campus Verlag, Frankfurt / New York 1999
15,5 x 23,3 Zentimeter, 609 Seiten
DM 68,--, sFr 64,--, öS 496
Ihr
Kommentar
|