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Matthias Falke
Werben um Echo
Schon nachts irrte ich in der fremden Wohnung herum und fragte mich,
in welchem Hotel ich jetzt wieder gestrandet sei. Jet Lag. Und bemerkenswert
ist allenfalls der heimliche Scharfsinn, mit dem man derlei Überlegungen
verrichtet, bei gleichzeitiger vollkommener äußerer Desorientiertheit.
Ich fand mich in den bösartigen Gängen nicht zurecht, brachte
es aber fertig, zu dem ungewohnten Bett zurückzukehren und meine
verworrenen, grellen und wenig gegenständlichen Träume fortzusetzen.
In der Klebrigkeit durstigen Erwachens war es noch immer nicht mein
Zimmer. Spärliches Licht lag teilnahmslos auf Möbeln herum,
die ich nie gesehen hatte. Ich fand eine Art Morgenmantel, den ich meiner
erstaunten Nacktheit überwarf. Dann blickte ich mich um und versuchte,
mich an den gestrigen Abend zu erinnern. Mit herausoperiertem Gedächtnis
streifte ich bläulichen Wänden entlang und öffnete absichtslos
die Tür zu neuerlichem Erschrecken. Die Panik, als kaumbekleideter
Fremder zwischen beflissenen Menschen zu stehen, faustete sich mit dem
Drang nach Erkundigung. Der wohlangezogene Herr schien allzu ins Gespräch
vertieft, als daß ich ihn hätte stören wollen; und auch
die Gruppe jüngerer Disputanten vermochte ich nicht mit meiner
unpassenden Gegenwart zu behelligen. Endlich sprach ich einen Mann an,
der von hartnäckiger Schwerhörigkeit befallen war. Ich insistierte,
stieß aber nicht auf Aufmerksamkeit. Erst in dem Augenblick, als
ich ihn ergebnislos am Ärmel zupfte und schließlich in rüttelnder
Ungeduld seine Schulter packte, ging mir auf, daß ich von den
Unterhaltungen, die im Raum geführt wurden, kein Wort verstehen
konnte. Indem ich näher darauf achtgab, präzisierte sich die
Unklarheit. Ich war in eine fremdsprachige Gesellschaft geraten, deren
Konversation als nasale, von gutturalem Prusten durchlächterte
Tapete meinem fröstelnden Staunen vorüberzog. Von Erfolglosigkeit
angestachelt und schließlich aller Bedenken beraubt, lief ich,
den Morgenmantel dürftig vor dem irritierten Leib zusammengegürtelt,
mit schwitzendem Harr, das über unbebrillte Augen fiel, von einem
zum anderen, klopfte dem würdigen Anzugträger vor die blinde
Brust und rempelte in eine Gruppe lebhafter Vernissagisten hinein. Man
nahm keine Notiz von mir. Immer noch darüber grübelnd, ob
es womöglich der bloße Anstand der Bevölkerung dieses
einsamen Zimmers sei, der sie davon abhielt, meine verwahrloste Anwesenheit
zur Kenntnis zu nehmen, stolperte ich zwischen den Bürgern des
sonderbaren Idioms herum und strandete in einem anderen, kühleren
Zimmer.
Unwillkürlich schloß ich die Doppellammelle der Schwingtür
hinter mir und adaptierte die verstörten Augen mühsam der
violetten Schwüle des zärtlichen Lichtes. Daß ich unpassend
erschienen war, wurde mir sofort bewußt, aber es dauerte doch
geräumigere Zeit, bis ich mir über die anatomischen Gestaltungen
des Affronts im klaren war. Anfangs sah ich nur die beiden ineinander
verwühlten Leiber. Mein Hüsteln blieb unentschlossen. Auch
hier war ich anscheinend nicht vorhanden. In dem matten malvenfarbenen
Dämmer erkannte ich zwei Menschen in unverhohlenem Liebesspiel,
in selbstvergessener Peristaltik auf dem Trapez einer sanftdünenden
Bettstatt. Ich räusperte mich klaglos und reduzierte mich auf die
Anwesenheit zweier entzündeter Pupillen, während der Rest
meines harmlosen Selbst auf einem seitlichen Schemel zusammensank. Wir
sind Voyeure des Daseins und weiden uns an Schauspielen, die nicht unbedingt
um unsretwillen aufgeführt werden. Aber dann waren es zwei Mädchen,
die einander mit gierigen Zungen umfaßten. Und es erfüllte
mich mit zärtlicher Anteilnahme, daß Echo fest geschlossenen
Gesichtes dalag und im Liegen noch immer weiter zurückfiel, während
Desirée das rötere Antlitz fruchtigem Vaginalgelipp vermählte.
Von fernem Seufzen abgesehen war es ganz still. Ich war in mein ungelenkes
Starren verwachsen und verfolgte, wie die Kastanienfarbene schamlose
Küsse in die Hingabe der Kurzhaarigen krallte. Plötzlich sah
ich mich selbst, beobachtete mit interessiertem Schrecken, wie der Aufgeregte
losschrie, die Unangesprochenen attackierte und sich auf obszöne
Weise exhibitionierte. Die Kissen, die er der Szenerie entreißen
wollte, entglitten dem ädrigen Gefuchtel seiner Hände. Die
Mädchen blieben ins Gewell lustiger Selbstvergessenheit gebettet.
Ich sagte mir, daß ich das Idyll allenfalls zerstören und
die Aufgescheuchten, da ich für sie nicht existierte, in handgemeine
Mißverständnisse stürzen könne, aber nicht meine
Situation erklärlicher machen. Echo bäumte sich zu stiller
Ekstase auf und schmiegte die stummen Lider an Desirées perlende
Brust. Trotzdem schloß ich leise die Flügel hinter mir und
wankte den Tunnel des depressiven Ganges entlang.
Das Worum blieb unverständlich. Die Frage nach dem Fortgang des
Geschehens stieß auf kein Gehör; die trotzige Antwort verhallte
in den gekachelten Räumen des Indifferenten. Schließlich
die plumpe Erkundigung nach Titel oder Plot wurde dahingehend beschieden,
es nehme auch der Schauspieler Grostenius teil, bekanntlich Proselytenmacher
und Magnet der Serie "Combat". Der Regisseur zeichne verantwortlich
für Sensationen früherer Dekaden, woran sich eine Reihe nichtssagender
Headlines knüpfte. Der unbefriedigte und hartnäckige Einwand
wurde negativ beschieden und drohte sich dem kalten Licht aufrührerischen
Außenseitertums auszusetzen. Das sonderbar Kafkaeske der Spaß-
und Konsumkultur. Rick fuhr in der Erzählung oder Wiedergabe fort,
die unanschaulich blieb, den Eingeweihten jedoch Anlaß schenkelschlagenden
Gelächters. Szenen entsprachen anderen Szenen; Gags und Gimmicks
korrespondierten vorgefertigten Schablonenrastern und zitierten wiedergekäute
Heiterkeitserfolge. Burschikoses Herumwühlen und Schulterklopfen
in der Hermetik des Banalen. Ich entfloh dem geschlossenen Zirkel der
Verweisungszusammenhänge der Medienwelt.
Auf der Straße, deren blondes Septemberlicht mich kantig empfing,
versuchte ich es noch immer. Niemand, den ich ansprach, ließ sich
zu Reaktion herab, niemand, dem ich mich aufdrängte, nahm von mir
Notiz. Ich durchkreuzte den Slalom der Passanten und warf keinen Schatten
auf die Leute, denen ich vorsätzlich die Sonne verdeckte. Der Kleiderständer
war unbemannt und segelte hart vor dem flatternden Wind. Ich erwischte
die obere Stange, knapp über dem kratzenden Asphalt, aber das Bataillon
der Bügel ergoß sich, von Seide und Viscose umweht, auf die
herzlose Straße, die die farbige Flut nicht quittierte. Ich begann
mit der Instandsetzung des Ausstellungsobjekts, aber die unaufgeregt
herbeikichernden Damen hatten nur Augen füreinander, und irgendwann
hatte ich keine Lust mehr, in die rauchenden Rücken zu gestikulieren.
Ich sah aus beleidigter Miene zu, wie sie die Blusen, die ich geborgen
hatte, ein weiteres Mal aufhoben und zu den verknitterteren hängten.
Dann wies ich ihnen die bemorgenmantelte Schulter und fädelte mich
in den Strom der shoppenden Nichtstuer ein.
Als hätte ich schon immer dort Logis gehabt, kehrte ich in das
traumgeborene Appartement zurück und arrangierte mich der rätselvollen
ménage à trois, als die sich die doppelt beweibte Haushaltung
herausstellte. Das vielsprachige Fest war verraucht. Im Salon fand ich
ein Klavier, das die erkaltenden Aschenbecher bewachte. Da ich gerade
nichts anderes zu tun hatte, besetzte ich den monogamen Schemel und
schlug die einleitenden Takte der Appassionata an. Wenn noch jemand
anwesend sein sollte, so würde er nun zu indirekterem Gehör
gezwungen. Tatsächlich schien so etwas wie Resonanz erreicht. Doch
nur insofern, als sich das Grüpplein abwandte und zäh, wie
unwillig, entschlenderte. Die Onomatopoesie des murmurare. Ich spielte,
froh der ungestörten Stunde, die Sonate zu Ende und begann mich
über den Zustand dieses morgenlosen Tages zu wundern. Der zufällige
Zettel, den ich mit vorläufigen Notaten füllte, ging nicht
verloren. Aber als ich die Routine der Nacht abgewälzt hatte und
nach dem Verbleib der albernen Stichworte sah, war das Papier zu Unbeschriebenheit
gereinigt, die keine Rasur erreicht. Ich war wesen- und gedächtnislos.
Jeder Tag, den ich in dem ungeselligen Etablissement verbrachte, war
wieder der erste Tag, und ich durchstreifte die vielen unbewohnten Zimmer
des Appartements auf zielloser Suche nach nichts als dem Anhaltspunkt
eines Sinns.
Ich war zu den dreien der vierte, und der Tatsache, daß sie mich
nicht realisierten, begegnete ich mit Desinteresse. Allerdings bestanden
Asymmetrien der Indolenz. Wahlverwandtschaften im feingrau strömenden
Granulat ungezählter Tage. Rick schien sich mehr zu Desirée
hingezogen zu fühlen, er begann, Echo zu vernachlässigen.
Zwar feierten sie auch geschmackvolle Orgien selbdritt, denen ich atemlos
beiwohnte, doch verteilte er seine Aufmerksamkeit zu ungleichen Teilen,
und Echo war der sensiblere und schwächere Partner des seltsamen
Terzetts. Ein oder zwei Wochen nach meinem Einzug - ich mühte mich
vergeblich, zu so etwas wie einer robinsonschen Zeitrechnung zu finden,
den öffentlichen Kalendern schenkte ich längst kein Vertrauen
mehr - übersiedelte die jüngere und bis in den Blick hinein
zerbrechlichere der beiden Frauen in das Klavierzimmer. Ich hatte mich
daran gewöhnt, dort einsam und ungestört zu musizieren, aber
doch frappierte es mich, als ich Echo gedankenlos vor sich hinsingen
hörte und die Unbehaustheit der Appassionata erkannte, die ich
zuvor gespielt hatte. Sie saß mir gegenüber, ich weidete
mich an der verletzlichen Schönheit ihrer violanschwarzen Augen
und betrachtete mit schmerzlicher Sehnsucht den opaken Charme ihrer
Brust. Sie schien etwas zu suchen und sah mich aus leeren Augen an -
ich mußte mir immer noch sagen, daß sie mich nicht wirklich
sah, sondern daß ihr fragender Blick durch mich hindurchging wie
durch die Universen aus Stickstoff, die die dampfigen anderthalb Meter
zwischen uns erfüllten -, aber als ich ihr die Seifenschale zuschob,
lag in ihrem zerstreuten Erkennen vielleicht doch etwas wie ein plötzlicher
Dank. Das waren die beiden Fixpunkte, um die sich die Elipse unseres
gemeinsamen Lebens zu drehen begann: mittags pflegte sie, die zu melancholischer
Erschöpfung neigte, sich für eine Stunde auf der Recamiere
zu entspannen, und ich traktierte dann das geduldige Piano und hoffte,
daß die gletschrigen Melodien zumindest ihre dünnlippigen
Träume durchzittern würden; - und abends badete sie mit selbstvergessener
Hingabe, von meinen wehmütigen Blicken umgeben, und ich reichte
ihr das Handtuch, das sie in der tropfigen Dämmerung nicht finden
konnte, oder rückte den azurblauen Nagellack zurecht, den ich in
ihr Nécessaire geschmuggelt hatte und mit dem sie sich die anmutigen
Zehen bepinselte.
Ansonsten war ich unauffällig. Ich stahl mir eine Kante Brot oder
entführte aus der Vorratskammer, in der ich bald heimisch war,
eine Flasche Wein. Auch diese Abgänge fielen nicht auf, und überhaupt
hatte sich meine körperliche Bedürftigkeit erstaunlich reduziert.
Obwohl das Zeitempfinden unscharf blieb, kam ich doch tagelang ohne
Nahrung aus. Ein Schluck Wasser, den ich im Vorbeigehen aus dem Hahn
drehte, war oft für viele, nennen wir es: Perioden das einzige
Lebensmittel, das ich zu mir nahm. Auch die übrigen Funktionen
blieben eingeschränkt, der Schlaf war das einzige Refugium von
verläßlicher Regelmäßigkeit, und obwohl es geheuchelt
wäre, wollte ich abstreiten, daß der gewohnheitsmäßige
Anblick von Echos badender Nacktheit mich nicht unerheblich affizierte,
so stellte ich doch auch hier eine Abnahme des unmittelbaren Interesses
fest. Ohnehin mußte ich mir sagen, daß es bei der Fortdauer
des unverschuldeten Zustandes ausgeschlossen war, zu so etwas wie einer
physischen Beziehung zu gelangen; sie reagierte ja noch nicht einmal
auf meine Ansprache.
Ich hauste weiterhin in dem Zimmer, in dem ich mich damals vorgefunden
hatte, vor einer Woche oder einem halben Jahr. Die spezifische Unsichtbarkeit
meiner Person schien sich auch auf die Gegenstände meines täglichen
Umgangs auszudehnen oder zu erstrecken - zumindest fiel der chronisch
ungemachte Zustand meines Bettes niemandem beschwerlich, und auch andere
Arrangements, die ich zu meiner Bequemlichkeit veranstaltete, wurden
offensichtlich nicht wahrgenommen. Allerdings war es ein etwas abseits
gelegener Raum, der kaum jemals von einem Mitglied der romantischen
Wohngemeinschaft aufgesucht wurde. Es befanden sich eine Kommode und
ein zum Abstellen von Blumengrüßen benutzter Tisch darin;
die geleerten Flaschen, die das Ausziehsofa, auf dem ich zu onanieren
pflegte, umstanden, verschwanden oder lösten sich in staubige Luft
auf, wie es schließlich auch mit den Bananenschalen geschah, die
ich in berylliumfarbenen Glasschüsseln deponierte. Ich versuchte
mich weiterhin an Aufzeichnungen, weniger aus schriftstellerischem Mitteilungsbedürfnis,
als aus dem Bemühen heraus, den traumseligen Zustand zu fixieren
und über die Versprachlichung zu einer Selbstvergewisserung zu
gelangen. Nach einer Nacht waren die Züge, die ich den harthörigen
Blättern anvertraute, verblichen, am übernächsten Tage,
spätestens, nach der Niederschrift waren meine Notizen verschwunden.
Ein Zufall zeigte mir die Möglichkeit auf, zu anhaltenderer Tradition
der Texte zu finden, ohne die auch dieser Bericht schwerlich hätte
von Bestand sein können. Es war Streit im Haus. Aus Gründen,
die mich nichts angehen, waren die beiden Mädchen aneinander geraten.
Sie wurden von Rick getrennt, der mit Desirée - während
Echo sich zu ergiebigem Weinen auf die Recamiere zurückzog - meine
Behausung betrat. Ich wollte meine Ruhe haben und entzog mich dem ergebnislosen
Geschrei. Ein paar Meter gangaufwärts entdeckte ich einen finsteren
Raum, den ich noch nie gesehen hatte. Schwere Vorhänge verdunkelten
das Innere zu mystischer Unkenntlichkeit. Man konnte kaum gehen, da
das Zimmer offensichtlich als Abstellkammer benutzt wurde und mit Modellbooten
und ägyptischen Pyramiden, Indianertipis und ausgestopften Dinosauriern
vollgepfropft war. Ich kauerte mich in einen großväterlichen
Ohrensessel in der Nähe der verhangenen Fenster, der von epischem
Licht bestrichen wurde, und fuhr in den unterbrochenen Notizen fort.
Die illusionslosen Blätter verwahrte ich in einem altertümlichen
Möbel, das auch das Schreibpult eines gothischen Mönches hätte
sein können. Dann kehrte ich in mein Zimmer, dessen Geschrei verebbt
war, zurück. Auf dem Korridor, den ich in der Unachtsamkeit betrat,
die mir hier zur zweiten Haut geworden ist, kollidierte ich mit Desirée,
die in offenbarem Einvernehmen mit Rick herbeischlenderte. Man strebte
der geruhsameren Zweisamkeit des Schlafzimmers zu. Nun konnte ich differenzierte
Beobachtungen anstellen. Selbstverständlich sahen sie mich nicht,
der ich angeregt aus dem dunklen Gemach hervorschritt. Wohl registrierte
die rothaarige Kratzbürste aber, daß die Tür offenstand.
Sie ermahnte den pater familias, die Rumpelkammer, die noch die Bibliothek
von Echos verewigtem Onkel beherberge, auszumisten und allgemeinem Gebrauch
zugänglich zu machen. Ricks davonhastendem Gemurmel entnahm ich,
daß Echo, die Eigentümerin der gemeinsamen Wohnung, dies
schwerlich dulden würde. Nun ließ ich mir von Desirée
die Klinke in die Hand geben und schlich erneut in das braunstickige
Dunkel des seltsamen Zimmers. Es war eine Bibliothek. Hatte man den
Trödel erst einmal beiseite geräumt, traten die nußbaumfarbenen
Regalwände hervor, die drei Seiten des Zimmers, das unterdessen
angewachsen zu sein schien, einnahmen und bis unter den Stuck der Jahrhundertwende
reichten. Hier, um es kurz zu machen, waren meine Notizen von Bestand.
Ich verbrachte etlichen Stunden damit, die verschollenen Aufzeichnungen
nachzutragen und diesen Bericht zu verfertigen und übersiedelte
endlich ganz in das braunrote Verließ. Hier wurde ich nicht mehr
gestört. Lediglich Echo kam ab und zu herein, schritt über
mein Lager hinweg, das ich zu Füßen einer indischen Gottheit
aufgeschlagen hatte, und griff sich ein Buch aus den ledernen Reihen.
Ihr schlafendes Gesicht atmete den Duft einer traurigen Chrysantheme.
Ich betrachtete verzweifelt die geöffneten Lippen und den schmalen
Grat der Nase. Die bebenden Augen und das stachlige schwarze Haar. Dann
warf ich den Morgenmantel ab und schob mich neben sie. Ich spürte
ihren warmen Körper und spürte doch nicht sie. Die Berührung
war wie durch dicke Decken hindurch, unwirklich und pelzig, wie ein
abgestorbener Arm oder ein Bein, das man zu lange untergeschlagen hatte.
Als ich nach ihrer Brust tastete, überfiel mich ein schmerzhaftes
Ameisenheer, wie wenn man ein eingeschlafenes Glied zu schnell belastet.
Ein elektrisches Fädeln schien ihren schmalen Nymphen-Leib zu umspinnen.
Sie erwachte nicht, warf sich aber stöhnend herum, und als ich
mein undeutliches Sein über ihre gespannte Hüfte schob, erwiderte
sie meinen Kuß. Die Vereinigung war kurz wie ein Traum und von
reißender Haltlosigkeit. Sie biß nächtliche Zähne
auf krampfhafte Lippen und renkte die Schutzlosigkeit einer weißblühenden
Kehle heraus. Im Augenblick staunenden Ineinanderflutens öffnete
sie die lichtlosen Augen und sah mich an. Es hat vermutlich keinen Sinn,
sich einzureden, sie hätte mich gesehen, aber bis heute taumele
ich dem Anblick ihrer fragenden Miene nach und grübele darüber,
in welchen Schichten ihrer Existenz sie mich wahrgenommen haben mag.
Der kalligraphische Bogen der offenen Brauen über dem stummen Erschrecken
der Liebe.
Mein Unstern wollte es, daß ich das Frühstück der drei
durchquerte, um mir ein Glas Milch zu besorgen, als Echo den kauenden
Eltern erzählte, sie habe einen intensiven Traum von beunruhigender
Plastizität gehabt. Dann schilderte sie unser Erlebnis in verblüffender
Hellsichtigkeit. Der Virus der Hoffnung hatte sich in mir eingenistet,
als ich sie in der folgenden Nacht wieder aufsuchte. Wir liebten uns
in der gleichen seidigen Unbestimmtheit, aber kurz, bevor die Ekstase
alles vernichtete, packte ich ihren Nacken, zog das seufzende Gesicht
zu mir und zwang sie, die Augen zu öffnen. "Aber ich sehe
dich doch", schmollte sie und krallte die Finger in meine Hüften,
um mich dichter an sich heranzuziehen. "Ich wohne in der Bibliothek",
schärfte ich ihr hilflos ein, "du kannst mich nicht erkennen,
aber ich bin da." Wir überschlugen uns in einer Woge dunkelblauer
Lust, und sie drohte mir zu entgleiten. Ich zerrte sie aus dem Bett.
Fröstelnd folgte sie mir in das Bücherzimmer, das sie geschlossenen
Lides betrachtete. Sie schlafwandelte, und es gelang mir nicht, sie
noch einmal anzusprechen. Ich geleitete sie zurück, deckte sie
zu und überantwortete sie dem nächsten Traum.
Am Morgen verkündete sie ihrem Kaffee, sie habe schon wieder ein
nächtliches Abenteuer gehabt. Später, als ich mich in makellose
Trauer eingeigelt hatte, öffnete sich zaghaft die Tür der
Bibliothek. Echo kam schüchtern herein und blickte sich in der
Dunkelheit um. "Gregor, bist du hier?" Sie rief mich bei meinem
Namen, dabei bin ich sicher, ihn ihr nicht anvertraut zu haben. Dann
stand sie da, und der Samt ihrer Augen starrte mich an - und sie sah
mich nicht. Sie ging zu den Blättern, an denen ich geschrieben
hatte und auf denen ich nun diese trostlosen Aufzeichnungen fortsetze,
und strich mit unbegreiflichen Fingern meine Sätze durch, die für
sie bloß verwestes Papier waren. Halt, halt, mein Herz, sagte
ich mir, als sie hinausgegangen war, aber ich weiß nicht mehr,
wie lange ich unsichtbare Tränen weinte, die zu Dampf zerstaubten,
als sie auf den röhrichten Teppich fielen.
Desirée erschien ein paar Tage später und machte sich in
meiner Kammer zu schaffen. Sie trampelte auf meinem Bett herum und wollte
eben meine Notizen vernichten, als Echo hereinstürmte und ihr verbot,
die Bibliothek zu betreten. Sie entriß ihr die wertlosen Blätter
und legte sie behutsam auf das Pult zurück. Dann ließ sie
eine quälende Frage durch mich hindurchgleiten und verschwand.
Wir liebten uns noch einige Male, ohne daß es mir gelungen wäre,
die Annäherung zu forcieren. Ihre skeptischen Erkundungen des Bücherzimmers
hörten auf, und schließlich stellte ich auch die nächtlichen
Besuche ein. Ich will ihren Schlaf nicht durcheinander bringen. Seit
Jahren hause ich zurückgezogen in diesem düsteren Raum. Längst
habe ich keine Kraft mehr, gegen meine Einsamkeit zu rebellieren. Das
Alleinsein ist der einzige Zustand, in dem ich meine unwirkliche Existenz
ertragen kann. Wann wird jemand diese Sätze lesen?
Ihr
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