Nr. 22, Februar 2000
 
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Buchkunst
Lyrik

Kurzprosa

Die Marginalie
 

 

Matthias Falke

Werben um Echo

Schon nachts irrte ich in der fremden Wohnung herum und fragte mich, in welchem Hotel ich jetzt wieder gestrandet sei. Jet Lag. Und bemerkenswert ist allenfalls der heimliche Scharfsinn, mit dem man derlei Überlegungen verrichtet, bei gleichzeitiger vollkommener äußerer Desorientiertheit. Ich fand mich in den bösartigen Gängen nicht zurecht, brachte es aber fertig, zu dem ungewohnten Bett zurückzukehren und meine verworrenen, grellen und wenig gegenständlichen Träume fortzusetzen.
In der Klebrigkeit durstigen Erwachens war es noch immer nicht mein Zimmer. Spärliches Licht lag teilnahmslos auf Möbeln herum, die ich nie gesehen hatte. Ich fand eine Art Morgenmantel, den ich meiner erstaunten Nacktheit überwarf. Dann blickte ich mich um und versuchte, mich an den gestrigen Abend zu erinnern. Mit herausoperiertem Gedächtnis streifte ich bläulichen Wänden entlang und öffnete absichtslos die Tür zu neuerlichem Erschrecken. Die Panik, als kaumbekleideter Fremder zwischen beflissenen Menschen zu stehen, faustete sich mit dem Drang nach Erkundigung. Der wohlangezogene Herr schien allzu ins Gespräch vertieft, als daß ich ihn hätte stören wollen; und auch die Gruppe jüngerer Disputanten vermochte ich nicht mit meiner unpassenden Gegenwart zu behelligen. Endlich sprach ich einen Mann an, der von hartnäckiger Schwerhörigkeit befallen war. Ich insistierte, stieß aber nicht auf Aufmerksamkeit. Erst in dem Augenblick, als ich ihn ergebnislos am Ärmel zupfte und schließlich in rüttelnder Ungeduld seine Schulter packte, ging mir auf, daß ich von den Unterhaltungen, die im Raum geführt wurden, kein Wort verstehen konnte. Indem ich näher darauf achtgab, präzisierte sich die Unklarheit. Ich war in eine fremdsprachige Gesellschaft geraten, deren Konversation als nasale, von gutturalem Prusten durchlächterte Tapete meinem fröstelnden Staunen vorüberzog. Von Erfolglosigkeit angestachelt und schließlich aller Bedenken beraubt, lief ich, den Morgenmantel dürftig vor dem irritierten Leib zusammengegürtelt, mit schwitzendem Harr, das über unbebrillte Augen fiel, von einem zum anderen, klopfte dem würdigen Anzugträger vor die blinde Brust und rempelte in eine Gruppe lebhafter Vernissagisten hinein. Man nahm keine Notiz von mir. Immer noch darüber grübelnd, ob es womöglich der bloße Anstand der Bevölkerung dieses einsamen Zimmers sei, der sie davon abhielt, meine verwahrloste Anwesenheit zur Kenntnis zu nehmen, stolperte ich zwischen den Bürgern des sonderbaren Idioms herum und strandete in einem anderen, kühleren Zimmer.
Unwillkürlich schloß ich die Doppellammelle der Schwingtür hinter mir und adaptierte die verstörten Augen mühsam der violetten Schwüle des zärtlichen Lichtes. Daß ich unpassend erschienen war, wurde mir sofort bewußt, aber es dauerte doch geräumigere Zeit, bis ich mir über die anatomischen Gestaltungen des Affronts im klaren war. Anfangs sah ich nur die beiden ineinander verwühlten Leiber. Mein Hüsteln blieb unentschlossen. Auch hier war ich anscheinend nicht vorhanden. In dem matten malvenfarbenen Dämmer erkannte ich zwei Menschen in unverhohlenem Liebesspiel, in selbstvergessener Peristaltik auf dem Trapez einer sanftdünenden Bettstatt. Ich räusperte mich klaglos und reduzierte mich auf die Anwesenheit zweier entzündeter Pupillen, während der Rest meines harmlosen Selbst auf einem seitlichen Schemel zusammensank. Wir sind Voyeure des Daseins und weiden uns an Schauspielen, die nicht unbedingt um unsretwillen aufgeführt werden. Aber dann waren es zwei Mädchen, die einander mit gierigen Zungen umfaßten. Und es erfüllte mich mit zärtlicher Anteilnahme, daß Echo fest geschlossenen Gesichtes dalag und im Liegen noch immer weiter zurückfiel, während Desirée das rötere Antlitz fruchtigem Vaginalgelipp vermählte. Von fernem Seufzen abgesehen war es ganz still. Ich war in mein ungelenkes Starren verwachsen und verfolgte, wie die Kastanienfarbene schamlose Küsse in die Hingabe der Kurzhaarigen krallte. Plötzlich sah ich mich selbst, beobachtete mit interessiertem Schrecken, wie der Aufgeregte losschrie, die Unangesprochenen attackierte und sich auf obszöne Weise exhibitionierte. Die Kissen, die er der Szenerie entreißen wollte, entglitten dem ädrigen Gefuchtel seiner Hände. Die Mädchen blieben ins Gewell lustiger Selbstvergessenheit gebettet. Ich sagte mir, daß ich das Idyll allenfalls zerstören und die Aufgescheuchten, da ich für sie nicht existierte, in handgemeine Mißverständnisse stürzen könne, aber nicht meine Situation erklärlicher machen. Echo bäumte sich zu stiller Ekstase auf und schmiegte die stummen Lider an Desirées perlende Brust. Trotzdem schloß ich leise die Flügel hinter mir und wankte den Tunnel des depressiven Ganges entlang.
Das Worum blieb unverständlich. Die Frage nach dem Fortgang des Geschehens stieß auf kein Gehör; die trotzige Antwort verhallte in den gekachelten Räumen des Indifferenten. Schließlich die plumpe Erkundigung nach Titel oder Plot wurde dahingehend beschieden, es nehme auch der Schauspieler Grostenius teil, bekanntlich Proselytenmacher und Magnet der Serie "Combat". Der Regisseur zeichne verantwortlich für Sensationen früherer Dekaden, woran sich eine Reihe nichtssagender Headlines knüpfte. Der unbefriedigte und hartnäckige Einwand wurde negativ beschieden und drohte sich dem kalten Licht aufrührerischen Außenseitertums auszusetzen. Das sonderbar Kafkaeske der Spaß- und Konsumkultur. Rick fuhr in der Erzählung oder Wiedergabe fort, die unanschaulich blieb, den Eingeweihten jedoch Anlaß schenkelschlagenden Gelächters. Szenen entsprachen anderen Szenen; Gags und Gimmicks korrespondierten vorgefertigten Schablonenrastern und zitierten wiedergekäute Heiterkeitserfolge. Burschikoses Herumwühlen und Schulterklopfen in der Hermetik des Banalen. Ich entfloh dem geschlossenen Zirkel der Verweisungszusammenhänge der Medienwelt.
Auf der Straße, deren blondes Septemberlicht mich kantig empfing, versuchte ich es noch immer. Niemand, den ich ansprach, ließ sich zu Reaktion herab, niemand, dem ich mich aufdrängte, nahm von mir Notiz. Ich durchkreuzte den Slalom der Passanten und warf keinen Schatten auf die Leute, denen ich vorsätzlich die Sonne verdeckte. Der Kleiderständer war unbemannt und segelte hart vor dem flatternden Wind. Ich erwischte die obere Stange, knapp über dem kratzenden Asphalt, aber das Bataillon der Bügel ergoß sich, von Seide und Viscose umweht, auf die herzlose Straße, die die farbige Flut nicht quittierte. Ich begann mit der Instandsetzung des Ausstellungsobjekts, aber die unaufgeregt herbeikichernden Damen hatten nur Augen füreinander, und irgendwann hatte ich keine Lust mehr, in die rauchenden Rücken zu gestikulieren. Ich sah aus beleidigter Miene zu, wie sie die Blusen, die ich geborgen hatte, ein weiteres Mal aufhoben und zu den verknitterteren hängten. Dann wies ich ihnen die bemorgenmantelte Schulter und fädelte mich in den Strom der shoppenden Nichtstuer ein.
Als hätte ich schon immer dort Logis gehabt, kehrte ich in das traumgeborene Appartement zurück und arrangierte mich der rätselvollen ménage à trois, als die sich die doppelt beweibte Haushaltung herausstellte. Das vielsprachige Fest war verraucht. Im Salon fand ich ein Klavier, das die erkaltenden Aschenbecher bewachte. Da ich gerade nichts anderes zu tun hatte, besetzte ich den monogamen Schemel und schlug die einleitenden Takte der Appassionata an. Wenn noch jemand anwesend sein sollte, so würde er nun zu indirekterem Gehör gezwungen. Tatsächlich schien so etwas wie Resonanz erreicht. Doch nur insofern, als sich das Grüpplein abwandte und zäh, wie unwillig, entschlenderte. Die Onomatopoesie des murmurare. Ich spielte, froh der ungestörten Stunde, die Sonate zu Ende und begann mich über den Zustand dieses morgenlosen Tages zu wundern. Der zufällige Zettel, den ich mit vorläufigen Notaten füllte, ging nicht verloren. Aber als ich die Routine der Nacht abgewälzt hatte und nach dem Verbleib der albernen Stichworte sah, war das Papier zu Unbeschriebenheit gereinigt, die keine Rasur erreicht. Ich war wesen- und gedächtnislos. Jeder Tag, den ich in dem ungeselligen Etablissement verbrachte, war wieder der erste Tag, und ich durchstreifte die vielen unbewohnten Zimmer des Appartements auf zielloser Suche nach nichts als dem Anhaltspunkt eines Sinns.
Ich war zu den dreien der vierte, und der Tatsache, daß sie mich nicht realisierten, begegnete ich mit Desinteresse. Allerdings bestanden Asymmetrien der Indolenz. Wahlverwandtschaften im feingrau strömenden Granulat ungezählter Tage. Rick schien sich mehr zu Desirée hingezogen zu fühlen, er begann, Echo zu vernachlässigen. Zwar feierten sie auch geschmackvolle Orgien selbdritt, denen ich atemlos beiwohnte, doch verteilte er seine Aufmerksamkeit zu ungleichen Teilen, und Echo war der sensiblere und schwächere Partner des seltsamen Terzetts. Ein oder zwei Wochen nach meinem Einzug - ich mühte mich vergeblich, zu so etwas wie einer robinsonschen Zeitrechnung zu finden, den öffentlichen Kalendern schenkte ich längst kein Vertrauen mehr - übersiedelte die jüngere und bis in den Blick hinein zerbrechlichere der beiden Frauen in das Klavierzimmer. Ich hatte mich daran gewöhnt, dort einsam und ungestört zu musizieren, aber doch frappierte es mich, als ich Echo gedankenlos vor sich hinsingen hörte und die Unbehaustheit der Appassionata erkannte, die ich zuvor gespielt hatte. Sie saß mir gegenüber, ich weidete mich an der verletzlichen Schönheit ihrer violanschwarzen Augen und betrachtete mit schmerzlicher Sehnsucht den opaken Charme ihrer Brust. Sie schien etwas zu suchen und sah mich aus leeren Augen an - ich mußte mir immer noch sagen, daß sie mich nicht wirklich sah, sondern daß ihr fragender Blick durch mich hindurchging wie durch die Universen aus Stickstoff, die die dampfigen anderthalb Meter zwischen uns erfüllten -, aber als ich ihr die Seifenschale zuschob, lag in ihrem zerstreuten Erkennen vielleicht doch etwas wie ein plötzlicher Dank. Das waren die beiden Fixpunkte, um die sich die Elipse unseres gemeinsamen Lebens zu drehen begann: mittags pflegte sie, die zu melancholischer Erschöpfung neigte, sich für eine Stunde auf der Recamiere zu entspannen, und ich traktierte dann das geduldige Piano und hoffte, daß die gletschrigen Melodien zumindest ihre dünnlippigen Träume durchzittern würden; - und abends badete sie mit selbstvergessener Hingabe, von meinen wehmütigen Blicken umgeben, und ich reichte ihr das Handtuch, das sie in der tropfigen Dämmerung nicht finden konnte, oder rückte den azurblauen Nagellack zurecht, den ich in ihr Nécessaire geschmuggelt hatte und mit dem sie sich die anmutigen Zehen bepinselte.
Ansonsten war ich unauffällig. Ich stahl mir eine Kante Brot oder entführte aus der Vorratskammer, in der ich bald heimisch war, eine Flasche Wein. Auch diese Abgänge fielen nicht auf, und überhaupt hatte sich meine körperliche Bedürftigkeit erstaunlich reduziert. Obwohl das Zeitempfinden unscharf blieb, kam ich doch tagelang ohne Nahrung aus. Ein Schluck Wasser, den ich im Vorbeigehen aus dem Hahn drehte, war oft für viele, nennen wir es: Perioden das einzige Lebensmittel, das ich zu mir nahm. Auch die übrigen Funktionen blieben eingeschränkt, der Schlaf war das einzige Refugium von verläßlicher Regelmäßigkeit, und obwohl es geheuchelt wäre, wollte ich abstreiten, daß der gewohnheitsmäßige Anblick von Echos badender Nacktheit mich nicht unerheblich affizierte, so stellte ich doch auch hier eine Abnahme des unmittelbaren Interesses fest. Ohnehin mußte ich mir sagen, daß es bei der Fortdauer des unverschuldeten Zustandes ausgeschlossen war, zu so etwas wie einer physischen Beziehung zu gelangen; sie reagierte ja noch nicht einmal auf meine Ansprache.
Ich hauste weiterhin in dem Zimmer, in dem ich mich damals vorgefunden hatte, vor einer Woche oder einem halben Jahr. Die spezifische Unsichtbarkeit meiner Person schien sich auch auf die Gegenstände meines täglichen Umgangs auszudehnen oder zu erstrecken - zumindest fiel der chronisch ungemachte Zustand meines Bettes niemandem beschwerlich, und auch andere Arrangements, die ich zu meiner Bequemlichkeit veranstaltete, wurden offensichtlich nicht wahrgenommen. Allerdings war es ein etwas abseits gelegener Raum, der kaum jemals von einem Mitglied der romantischen Wohngemeinschaft aufgesucht wurde. Es befanden sich eine Kommode und ein zum Abstellen von Blumengrüßen benutzter Tisch darin; die geleerten Flaschen, die das Ausziehsofa, auf dem ich zu onanieren pflegte, umstanden, verschwanden oder lösten sich in staubige Luft auf, wie es schließlich auch mit den Bananenschalen geschah, die ich in berylliumfarbenen Glasschüsseln deponierte. Ich versuchte mich weiterhin an Aufzeichnungen, weniger aus schriftstellerischem Mitteilungsbedürfnis, als aus dem Bemühen heraus, den traumseligen Zustand zu fixieren und über die Versprachlichung zu einer Selbstvergewisserung zu gelangen. Nach einer Nacht waren die Züge, die ich den harthörigen Blättern anvertraute, verblichen, am übernächsten Tage, spätestens, nach der Niederschrift waren meine Notizen verschwunden. Ein Zufall zeigte mir die Möglichkeit auf, zu anhaltenderer Tradition der Texte zu finden, ohne die auch dieser Bericht schwerlich hätte von Bestand sein können. Es war Streit im Haus. Aus Gründen, die mich nichts angehen, waren die beiden Mädchen aneinander geraten. Sie wurden von Rick getrennt, der mit Desirée - während Echo sich zu ergiebigem Weinen auf die Recamiere zurückzog - meine Behausung betrat. Ich wollte meine Ruhe haben und entzog mich dem ergebnislosen Geschrei. Ein paar Meter gangaufwärts entdeckte ich einen finsteren Raum, den ich noch nie gesehen hatte. Schwere Vorhänge verdunkelten das Innere zu mystischer Unkenntlichkeit. Man konnte kaum gehen, da das Zimmer offensichtlich als Abstellkammer benutzt wurde und mit Modellbooten und ägyptischen Pyramiden, Indianertipis und ausgestopften Dinosauriern vollgepfropft war. Ich kauerte mich in einen großväterlichen Ohrensessel in der Nähe der verhangenen Fenster, der von epischem Licht bestrichen wurde, und fuhr in den unterbrochenen Notizen fort. Die illusionslosen Blätter verwahrte ich in einem altertümlichen Möbel, das auch das Schreibpult eines gothischen Mönches hätte sein können. Dann kehrte ich in mein Zimmer, dessen Geschrei verebbt war, zurück. Auf dem Korridor, den ich in der Unachtsamkeit betrat, die mir hier zur zweiten Haut geworden ist, kollidierte ich mit Desirée, die in offenbarem Einvernehmen mit Rick herbeischlenderte. Man strebte der geruhsameren Zweisamkeit des Schlafzimmers zu. Nun konnte ich differenzierte Beobachtungen anstellen. Selbstverständlich sahen sie mich nicht, der ich angeregt aus dem dunklen Gemach hervorschritt. Wohl registrierte die rothaarige Kratzbürste aber, daß die Tür offenstand. Sie ermahnte den pater familias, die Rumpelkammer, die noch die Bibliothek von Echos verewigtem Onkel beherberge, auszumisten und allgemeinem Gebrauch zugänglich zu machen. Ricks davonhastendem Gemurmel entnahm ich, daß Echo, die Eigentümerin der gemeinsamen Wohnung, dies schwerlich dulden würde. Nun ließ ich mir von Desirée die Klinke in die Hand geben und schlich erneut in das braunstickige Dunkel des seltsamen Zimmers. Es war eine Bibliothek. Hatte man den Trödel erst einmal beiseite geräumt, traten die nußbaumfarbenen Regalwände hervor, die drei Seiten des Zimmers, das unterdessen angewachsen zu sein schien, einnahmen und bis unter den Stuck der Jahrhundertwende reichten. Hier, um es kurz zu machen, waren meine Notizen von Bestand. Ich verbrachte etlichen Stunden damit, die verschollenen Aufzeichnungen nachzutragen und diesen Bericht zu verfertigen und übersiedelte endlich ganz in das braunrote Verließ. Hier wurde ich nicht mehr gestört. Lediglich Echo kam ab und zu herein, schritt über mein Lager hinweg, das ich zu Füßen einer indischen Gottheit aufgeschlagen hatte, und griff sich ein Buch aus den ledernen Reihen.
Ihr schlafendes Gesicht atmete den Duft einer traurigen Chrysantheme. Ich betrachtete verzweifelt die geöffneten Lippen und den schmalen Grat der Nase. Die bebenden Augen und das stachlige schwarze Haar. Dann warf ich den Morgenmantel ab und schob mich neben sie. Ich spürte ihren warmen Körper und spürte doch nicht sie. Die Berührung war wie durch dicke Decken hindurch, unwirklich und pelzig, wie ein abgestorbener Arm oder ein Bein, das man zu lange untergeschlagen hatte. Als ich nach ihrer Brust tastete, überfiel mich ein schmerzhaftes Ameisenheer, wie wenn man ein eingeschlafenes Glied zu schnell belastet. Ein elektrisches Fädeln schien ihren schmalen Nymphen-Leib zu umspinnen. Sie erwachte nicht, warf sich aber stöhnend herum, und als ich mein undeutliches Sein über ihre gespannte Hüfte schob, erwiderte sie meinen Kuß. Die Vereinigung war kurz wie ein Traum und von reißender Haltlosigkeit. Sie biß nächtliche Zähne auf krampfhafte Lippen und renkte die Schutzlosigkeit einer weißblühenden Kehle heraus. Im Augenblick staunenden Ineinanderflutens öffnete sie die lichtlosen Augen und sah mich an. Es hat vermutlich keinen Sinn, sich einzureden, sie hätte mich gesehen, aber bis heute taumele ich dem Anblick ihrer fragenden Miene nach und grübele darüber, in welchen Schichten ihrer Existenz sie mich wahrgenommen haben mag. Der kalligraphische Bogen der offenen Brauen über dem stummen Erschrecken der Liebe.
Mein Unstern wollte es, daß ich das Frühstück der drei durchquerte, um mir ein Glas Milch zu besorgen, als Echo den kauenden Eltern erzählte, sie habe einen intensiven Traum von beunruhigender Plastizität gehabt. Dann schilderte sie unser Erlebnis in verblüffender Hellsichtigkeit. Der Virus der Hoffnung hatte sich in mir eingenistet, als ich sie in der folgenden Nacht wieder aufsuchte. Wir liebten uns in der gleichen seidigen Unbestimmtheit, aber kurz, bevor die Ekstase alles vernichtete, packte ich ihren Nacken, zog das seufzende Gesicht zu mir und zwang sie, die Augen zu öffnen. "Aber ich sehe dich doch", schmollte sie und krallte die Finger in meine Hüften, um mich dichter an sich heranzuziehen. "Ich wohne in der Bibliothek", schärfte ich ihr hilflos ein, "du kannst mich nicht erkennen, aber ich bin da." Wir überschlugen uns in einer Woge dunkelblauer Lust, und sie drohte mir zu entgleiten. Ich zerrte sie aus dem Bett. Fröstelnd folgte sie mir in das Bücherzimmer, das sie geschlossenen Lides betrachtete. Sie schlafwandelte, und es gelang mir nicht, sie noch einmal anzusprechen. Ich geleitete sie zurück, deckte sie zu und überantwortete sie dem nächsten Traum.
Am Morgen verkündete sie ihrem Kaffee, sie habe schon wieder ein nächtliches Abenteuer gehabt. Später, als ich mich in makellose Trauer eingeigelt hatte, öffnete sich zaghaft die Tür der Bibliothek. Echo kam schüchtern herein und blickte sich in der Dunkelheit um. "Gregor, bist du hier?" Sie rief mich bei meinem Namen, dabei bin ich sicher, ihn ihr nicht anvertraut zu haben. Dann stand sie da, und der Samt ihrer Augen starrte mich an - und sie sah mich nicht. Sie ging zu den Blättern, an denen ich geschrieben hatte und auf denen ich nun diese trostlosen Aufzeichnungen fortsetze, und strich mit unbegreiflichen Fingern meine Sätze durch, die für sie bloß verwestes Papier waren. Halt, halt, mein Herz, sagte ich mir, als sie hinausgegangen war, aber ich weiß nicht mehr, wie lange ich unsichtbare Tränen weinte, die zu Dampf zerstaubten, als sie auf den röhrichten Teppich fielen.
Desirée erschien ein paar Tage später und machte sich in meiner Kammer zu schaffen. Sie trampelte auf meinem Bett herum und wollte eben meine Notizen vernichten, als Echo hereinstürmte und ihr verbot, die Bibliothek zu betreten. Sie entriß ihr die wertlosen Blätter und legte sie behutsam auf das Pult zurück. Dann ließ sie eine quälende Frage durch mich hindurchgleiten und verschwand. Wir liebten uns noch einige Male, ohne daß es mir gelungen wäre, die Annäherung zu forcieren. Ihre skeptischen Erkundungen des Bücherzimmers hörten auf, und schließlich stellte ich auch die nächtlichen Besuche ein. Ich will ihren Schlaf nicht durcheinander bringen. Seit Jahren hause ich zurückgezogen in diesem düsteren Raum. Längst habe ich keine Kraft mehr, gegen meine Einsamkeit zu rebellieren. Das Alleinsein ist der einzige Zustand, in dem ich meine unwirkliche Existenz ertragen kann. Wann wird jemand diese Sätze lesen?

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