|
|
|
Georg Stefan Troller
Brief aus Paris
Was macht französische Bestseller? Zwei Voraussetzungen scheinen
von zeitloser Aktualität. Im belletristischen Bereich, daß
der Autor einen der großen literarischen Preise gewinnt, die alljährlich
von angeblich unabhängigen Jurys vergeben werden. Und im Bereich
des Sachbuches, daß die Autoren (meist wird es ein Gespann von
zwei oder mehr sein) der Leserschaft in Aussicht stellen, die verborgenen
Geheimnisse dieser oder jener - meist politischen - Elite oder Organisation
zu verraten, möglichst mit der Nennung berühmter und bisher
unbescholtener Namen. Denn daß jede irgendwie bedeutsame Entscheidung
in diesem Lande unter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfindet,
ja diese durch allerlei üble Tricks und Durchstechereien um ihr
sauer Erworbenes zu bringen sucht, davon ist jeder Franzose zutieft
überzeugt. Und daß jeder französische Journalist, je
informierter er ist, desto weniger von seiner Information dem Publikum
preisgibt (weil er sie nämlich anderweitig fruchtbringender an
den Mann bringen kann), gehört zu den Allerweltsweisheiten.
In dieser Saison trägt das entsprechende Enthüllungswerk den
durchschlagenden Titel "Die französische Omertà",
frei nach dem Schweigegebot der italienischen Mafia. Und was hat Autorin
Sophie Coignard - selbst Journalistin bei der Zeitschrift Le Point und
mit ihrem Co-Autor Wickham schon vor zwanzig Jahren Verfasserin einer
ähnlichen gelagerten "Französischen Nomenklatur"
- nicht alles zu verraten über die nie ganz durchleuchteten Finanzaffären
von Präsident Chirac (Präsidenten dürfen nicht angeklagt
werden) und Paris- Bürgermeister Tiberi (dessen Ehegatting einen
Phantomposten im Rathaus innehatte), von dem ehemaligen Kulturminister
Jacques Lang mit seinen zweifelhaften Lieblingsprojekten und dem als
PPDA bekannten Fernsehjournalisten Poivre d'Avoir, der so gern auf fremde
Kosten durch die Welt jettet.
Daß die französische "classe politique" zu den
bestechungsanfälligsten und daher verschwiegensten aller westlichen
Demokratien gehört (aber welche wäre letztlich davon ausgenommen?),
zeigt sich besonders im hiesigen Polizeiwesen, und vor allem den Aktivitäten
der diversen - und einander bekämpfenden - Geheimpolizeien. Über
die gefährlichste von ihnen, die DST, ist auch soeben ein Enthüllungsbuch
erschienen, dessen Autoren die bekannten Spionagespezialisten Faligot
und Krop sind. Wiederum ein Bestseller, denn welchen wahren Franzosen
interessierte es nicht, wie es gelang, den Terroristen Carlos dingfest
zu machen oder den französischen Diplomaten, der sich in einen
als Frau verkleidetem chinesischen Spion ("Mister Butterfly")
verliebt hatte. Nicht zu reden von der Blamage, dabei erwischt zu werden,
wie man in den Redaktionsräumen des allzugut informierten Witzblattes
"Le Canard Enchainé" staatliche Wanzen legt.
Was die erwähnten belletristischen Literaturpreise angeht, so haben
sich diesmal die Jurys an Komik selbst übertroffen. Traditionell
wird ja der wichtigste Preis, der "Goncourt", der normalerweise
mehrere Hunderttausend abgesetzte Exemplare garantiert, Ende November
verliehen, gefolgt von den weniger bedeutenden "Fémina"
und "Médicis". Diese Zwei haben sich aber seit einigen
Jahren zeitlich vor den Goncourt geschoben, krönen ihrerseits
die zwei besten Romane der Saison und lassen dem klassischen Goncourt
damit nur mehr die zweite Wahl. Ein Goncourt-verdächtiger Autor
bzw. sein Verlag muß demnach alles unternehmen, um die schwächeren
Preise nicht zu erhalten und sich für den Goncourt aufzusparen.
Welcher nun seinerseits dazu übergegangen ist, seine Wohl vorzuziehen
und sie schon vor dem entscheidenden altberühmten Lunch im Restaurant
Drouand bekanntzugeben.
Ein nicht weniger französischer Kulturkrieg ist der kürzlich
ausgebrochene Zank zwischen den Filmregisseuren des Landes und seinen
Filmkritikern. Fankreich ist ja nach wie vor ein bedeutsames Filmland
- wo sonst als in Paris bzw. Hollywood sähe man heute noch lange
Schlangen vor den Premierenkinos? Denn wer hier nicht das Neueste zu
diskutieren weiß - und möglichst dessen nur Eingeweihten
bekannten Hintergründe - hat in französischen Gesellschaften
nichts zu melden. Finanziell beruht die hiesige Filmindustrie, die ihre
Produktion in den letzten vier Jahren immerhon von 97 auf 148 Filme
jährlich steigern konnte, auf der Vorschrift, daß vierzig
Prozent aller im Fernsehen gezeigten Filme einheimische sein müssen.
Leider ist im gleichen Zeitraum der französische Marktanteil von
35 auf 27 Prozent gefallen, der amerikanische von 54 auf 63 gestiegen.
An die sechzig französischen Filmregisseure, angeführt von
Altmeister Betrand Tavernier, geben für diesen Rückgang den
einheimischen Filmkritikern die Schuld, insbesondere dem "Bermuda-
Dreieck" der drei intellektuellen Blätter Libération,
Le Monde und Télérama. "Mord mit Vorbedacht"
sollen diese regelmäßig am heimischen Film begehen, und dagegen
wollen jetzt die Regisseure u.a. mit Handzetteln vorgehen, die an die
Warteschlagen der Kinos zu verteilen sind. "Zensur aus patriotischen
Gründen" nennt das Libération mit Recht.
Doch was sind alle diese Stürme im Wasserglas, verglichen mit dem
Hauptanliegen des französischen Gemüts: dem guten Essen!
Daß Frankreich (wie übrigens auch Deutschland, aber wer redet
davon?) den Import britischen Rindfleisches auch gegen den Ukas eines
europäischen Gerichtsverfahrens verweigert, hat der Regierung Jospin
gewiß ebensoviele Stimmen eingetragen wie der Tschetschenien-Krieg
der Regierung Putin. Kälberhormone, Rinderkrankheit, transgenetischer
Mais und dergleichen sind den bislang so supermarktfrommen Franzosen
nunmehr ein Gräuel, und schon gibt es ein Wort dafür, "Malbouffe",
schlechter Fraß. Auf einmal sind die Franzosen, die sich so gern
als traditionelles Bauernland sehen - auch wenn die Anzahl der "agriculteurs"
seit dem Krieg von 25 auf 5 Prozent geschrumpft ist - und die zum Teil
immer noch der Traumvorstellung erliegen, nach der Rente "eine
Schafzucht im Süden" aufzumachen, zur Realität der Dinge
erwacht. Nämlich daß ihre staatlich subventionierte Landwirtschaft
längst von chemischen Zutaten durchsetzt ist - während die
aus Deutschland und den USA importierte Gegenbewegung der Bio-Bauern
noch in den Kinderschuhen steckt. Der Importstopp gegen die Briten ist
Teil einer Protestbewegung, die sich nicht nur gegen verseuchte und
gesundheitsschädigende Nahrungsmittel richtet, sondern vielleicht
noch mehr dagegen, daß diese nach nichts mehr schecken. Immer
beliebter bei den versierten Käufern werden jetzt die "labels",
Etiketten, auf denen uns - vermutlich nicht ganz wahrheitsgemäß
- versichert wird, daß ein Huhn "mit Körnerfutter im
Freien" oder gar ein Halb "unter dem Muttertier" aufgezogen
wurde. Daß dies sich im Preis niederschlägt, dürfte
bei den gastronomiefreudigen Franzosen auf die Dauer kein Hindernis
sein.
Zum Schluß ist noch auf eine kleine Pariser Ausstellung hinzuweisen,
die, im Musée d'Orsay fast unzugänglich versteckt, das Lebenswerk
des van-Gogh-Bruders und Bilderhändlers Theo beleuchtet. Hier zu
sehen in tragikomischem Kontrast die - gewiß wohlgemeinten - Salonschinken,
die er manchmal am selben Tag für 10 000 Francs erstand und für
20 000 Francs an einen amerikanischen Sammler weiterverkaufte. Und der
Dauerkampf, für "seine" Impressionisten, darunter Degas
und Monet, mehr als ein paar Tausend herauszuschinden. Gar nicht zu
reden von Gauguin, der nie mehr als 300, und dem genialen Bruder, der
- und das nur ein einziges Mal - die 100 Francs erreichte. Bei dem vergeblichen
Versuch, des Bruders Gesamtwerk nach dessen Tod auszustellen, ist der
abgekämpfte Theo dann seinerseits auch gestorben. Gezeigt werden
nicht nur die kaum verkäuflichen modernen Bilder, die von ihm gegen
den Willen seiner Chefs angekauft wurden - darunter veritable Meisterwerke
- sondern auch seine niederdrückende Korrespondenz mit den oft
undankbaren Malerklienten. Den Abschluß bildet ein Brief von Pissarro
nach Theos frühzeitigem Abgang: "Endlich ist das größte
Hindernis auf dem Weg zur Anerkennung der wahren Kunst beseitigt, ein
Mann, der sich auf solche Machwerke wie die seines Bruders einließ
und dafür uns Könner vernachlässigte!"
Ihr
Kommentar

Henky Hentschel
Freunde, Feinde, Mitmenschen!
Die Nächte hier werden härter. Unter anderem
hat das mit den Temperaturen zu tun. Fünfzehn Grad plus in Havanna
fühlen sich ungefähr so an wie drei Grad minus in München.
Weil der Wind unsereinem nämlich ins Gesicht bläst. Die
Bullen haben schwarze Jacken aus Kunstleder und kein Gesicht, also
hat der Wind bei denen keine Chance. Im Gegenzug fangen sie uns die
Mädels weg. Wenn die mit einem Ausländer drei Worte wechseln,
dürfen sie in der Grünen Minna (die hier wie die Titelheldin
der letzten brailianischen TV-Schnulze von ein paar hundert Fortsetzungen
"Die Möwe" heißt) auf die Wache fahren. Da bekommen
sie unter anderem eine Verwarnung. Die dritte Verwarnung bringt zwei
oder drei Jahre Knast. Da die Bullen nichts anderes zu tun haben,
ihnen im Gegensatz zu uns keinerlei Wind ins Gesicht bläst und
die Mulattinnen Havannas selbst den polizeilichen Mulatten Havannas
gefallen, werden die Nächte härter.
Die Nächte hier werden also härter. Die meisten Berufsausländer
sind in diesen Tagen damit beschäftigt, silvestrige Häuser
für millennarische Orgien zu mieten. Woher das Eis kommen soll,
die Servietten und die Musik, darüber werden sie dann im nächsten
Jahrtausend nachdenken. Ein Ex-Schiffs-Kapitän sagte mir: "Ich
werde vier Personen und zwanzig Mädchen einladen." Meine
Frage nach dem Unterschied zwischen Personen und Mädchen verstand
er nicht. Zum Glück weiß man ja, daß der Machismo
eine Erfindung der Lateinamerikaner ist. Die ihn auch als einzige
ordnungsgemäß praktizieren. Europäische Deppen wie
wir tun sich da immer noch schwer auf dieser Party, aber die Damen,
die noch nicht verhaftet sind, geben mit dem Salz ihres Achselschweißes
die Würze in den gesamteuropäischen Beischlafdilettantismus
- so lange, bis sie entweder weg vom Fenster oder unter der Haube
sind.
Die Nächte hier werden also härter. Eigentlich sind sie
ja alle nette Leute, die Bullen, die Mädels, die Berufsficker
und die jeweiligen Zulieferer. Aber immer wieder sticht jemanden der
Hafer. Der hat im tropikalen Sozialismus eigentlich Stechverbot, aber
das ist ihm wurscht. "Leberwurscht!" sagte der Kapitän.
"Für meine Orgie hab ich Leberwurscht!"
Aber auch die Tage hier werden härter, weil das Land nämlich
den Buben Elián beansprucht und viele demonstrieren müssen
(was hierzulande gewöhnlich in eine Party mit Tanz, Musik und
Gesang ausartet), falls sie vorher die Erlaubnis dafür erhalten
haben. Abgesehen von Jesus Christus hat wohl kaum ein Kind irgendwo
auf der Welt einen derartigen Wirbel ausgelöst wie der sechsjährigr
Elián González hier in Cuba. Den fanden Fischer auf
hohem Meer, nachdem er sich weiß Gott wie viele Stunden an einem
Reifenschlauch festgehalten hatte, während seine Mutter, sein
Stiefvater und zehn weitere Cubaner, die illegal ausreisen wollten,
ertranken. Die Fischer brachten das Kind nach Miami. Dort kam es erst
ins Krankenhaus, und dann überreichten die Behörden es seinem
Großonkel. Der hat es jetzt und rückt es nicht mehr heraus.
Jesse Helms, der Mitverfasser des berüchtigten Helms-Burton-
Gesetzes, prüft die Chancen, dem Buben die US-Staatsbürgerschaft
zu geben. Die Castro-Gegner in Miami wollen ihm "politisches
Asyl" verschaffen und wickeln ihn in das Sternenbanner ein, und
in Disneyland haben sie ihn ausgerechnet in ein Boot gesetzt, was
ihm verständlicherweise gar nicht gefiel. Seither laufen die
Propagandamaschinen auf Hochtouren - hüben wie drüben. Fidel
Castro hat versprochen, Himmel und - nein, nicht Hölle, aber
Erde in Bewegung zu setzen, damit der Junge wieder nach Hause zu seinem
Vater kommt, der ihn nach offiziellen Aussagen innig liebt.
Die US-Regierung schweigt wie immer, wenn sie einen Vertrag bricht,
was dort seit Jahrhunderten Gewohnheitsrecht ist - fragt die Indianer!
In diesem Fall handelt es sich um ein Abkommen mit Cuba, in dem Washington
sich 1994 verpflichtet hat, illegal ausreisende Cubaner zurück
nach Hause zu bringen. Bisher hat das auch geklappt, aber Elián
ist offensichtlich so wertvoll, daß auch das Abkommen nicht
mehr zählt. Die Cubaner demonstrieren also, oder sie laufen an
der amerikanischen Interessenvertretung vorbei und fordern die Freilassung
von Elián, und eines schönen Tages kamen statt dreihunderttausend
eine halbe Million. Der Boss hatte aber gar keine halbe Million bestellt,
er ärgerte sich, und seither braucht man zum Demonstrieren eine
Einladung. Wer die hat, darf freiwillig mitmachen. Dazu gekommt er
ein T-Shirt mit dem Kopf und den traurigen Augen von Elián.
Auf der anderen Seite der Straße von Florida muß sich
der Bub fotografieren lassen und vor laufenden Kameras erklären,
er sei jetzt ein Pilot der "Rettenden Brüder", die,
wie man weiß, vor allem die eigene Haut retten. So ist das mit
der Politik, ätzend, und deshalb kein weiteres Wort mehr über
diese Hure.
Die Tage und die Nächte hier werden also härter, und zum
Teil habe ich das mir selbst zuzuschreiben. Da macht einer jahrelang
Reklame für Cuba, und dann ist es so weit, daß die Deutschen
massiv kommen, und in meiner Stammkneipe kriege ich keinen Stehplatz
mehr. Jetzt baue ich die nächste auf, die nämlich noch keiner
kennt: "Two Brothers", am Hafen gegenüber dem Zollgebäude.
Da sind noch Plätze frei.
Ihr
Kommentar
|