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Friedrich Nietzsche
Wenn die Arbeit nicht selber der Gewinn ist...
Der folgende Text Über Arbeit und Widerspruch stammt
aus "Die fröhliche Wissenschaft" (1882). Nietzsche prangerte
die neureichen Emporkömmlinge in der "Gründerzeit"
(nach dem Krieg gegen Frankreich 1870/1871) an. Wer Führungspositionen
einnehmen will, so seine Forderung, muß seine eigene Position
mit "innerem Adel" stärken und rechtfertigen.
Arbeit und Langeweile.
Sich Arbeit suchen um des Lohnes willen - darin sind sich in den Ländern
der westlichen Zivilisation jetzt fast alle Menschen gleich; weshalb
sie in der Wahl der Arbeit wenig fein sind, vorausgesetzt, daß
sie einen reichlichen Gewinn abwirft. Nun gibt es seltnere Menschen,
welche lieber zugrunde gehen wollen, als ohne Lust an der Arbeit arbeiten:
jene Wählerischen, schwer zu Befriedigenden, denen mit einem reichlichen
Gewinn nicht gedient wird, wenn die Arbeit nicht selber der Gewinn aller
Gewinne ist. Zu dieser seltenen Gattung von Menschen gehören die
Künstler und Kontemplativen aller Art, aber auch schon jene Müßiggänger,
die ihr Leben auf der Jagd, auf Reisen, oder in Liebeshändeln und
Abenteuern verbringen. Alle diese wollen Arbeit und Not, sofern sie
mit Lust verbunden ist, und die schwerste, härteste Arbeit, wenn
es sein muß. Sonst aber sind sie von einer entschlossenen Trägheit,
sei es selbst, daß Verarmung, Unehre, Gefahr der Gesundheit und
des Lebens an diese Trgheit geknüpft sein sollte. Sie fürchten
die Langeweile nicht so sehr als die Arbeit ohne Lust: ja, sie haben
viel Langeweile nötig, wenn ihnen ihre Arbeit gelingen soll. Für
den Denker und für alle empfindsamen Geister ist Langeweile jene
unangenehme "Windstille" der Seele, welche der glücklichen
Fahrt und den lustigen Winden vorangeht; er muß sie ertragen,
muß ihre Wirkung bei sich abwarten - das gerade ist es, was die
geringeren Naturen durchaus nicht von sich erlangen können! Langeweile
auf jede Weise von sich scheuchen ist gemein: wie arbeiten ohne Lust
gemein ist. Es zeichnet vielleicht die Asiaten vor den Europäern
aus, daß sie einer längeren, tieferen Ruhe fähig sind
als diese; selbst ihre Narcotica wirken langsam und verlangen Geduld,
im Gegensatz zu der widrigen Plötzlichkeit des europäischen
Giftes, des Alkohols.
Vom Mangel der vornehmen Form.
Soldaten und Führer haben immer noch ein viel höheres Verhalten
zueinander als Arbeiter und Arbeitgeber. Einstweilen wenigstens steht
alle militärisch begründete Kultur noch hoch über aller
sogenannten industriellen Kultur: letzte in ihrer jetzigen Gestalt ist
überhaupt die gemeinste Daseinsform, die es bisher gegeben hat.
Hier wirkt einfach das Gesetz der Not: man will leben und muß
sich verkaufen, aber man verachtet den, der diese Not ausnützt
und sich den Arbeiter kauft. Es ist seltsam, daß die Unterwerfung
unter mächtige, furchterregende, ja schreckliche Personen, unter
Tyrannen und Heerführer, bei weitem nicht so peinlich empfunden
wird als diese Unterwerfung unter unbekannte und uninteressante Personen,
wie es alle Größen der Industrie sind: in dem Arbeitgeber
sieht der Arbeiter gewöhnlich nur einen listigen, aussaugenden
Menschen, dessen Name, Gestalt, Sitte und Ruf ihm ganz gleichgültig
sind. Den Fabrikanten und Groß-Unternehmern des Handels fehlten
bisher wahrscheinlich allzusehr all jene Formen und Abzeichen der höheren
Rasse, welche erst die Personen interessant werden lassen; hätten
sie die Vornehmheit des Geburts-Adels im Blick und in der Gebärde,
so gäbe es vielleicht keinen Sozialismus der Massen. Denn diese
sind im Grunde bereit zur Sklaverei jeder Art, vorausgesetzt, daß
der Höhere über ihnen sich beständig als höher,
als zum Befehlen geboren legitimiert - durch die vornehme Form! Der
gemeinste Mann fühlt, daß die Vornehmheit nicht zu improvisieren
ist, und daß er in ihr die Frucht langer Zeiten zu ehren hat -
aber die Abwesenheit der höheren Form und die berüchtigte
Fabrikanten-Vulgarität mit roten feisten Händen bringen ihn
auf den Gedanken, daß nur Zufall und Glück hier den einen
über den anderen erhoben habe: wohlan, so schließt er bei
sich, versuchen wir einmal den Zufall und das Glück! Werfen wir
einmal die Würfel! - und der Sozialismus beginnt.
Gegen die Reue.
Der Denker sieht in seinen eigenen Handlungen Versuche und Fragen, irgendworüber
Aufschluß zu erhalten: Erfolg und Mißerfolg sind ihm zu
allererst Antworten. Sich aber darüber, daß etwas mißrät,
ärgern oder gar Reue empfinden - das überläßt er
denen, welche handeln, weil es ihnen befohlen wird, und welche Prügel
zu erwarten haben, wenn der gnädige Herr mit dem Erfolg nicht zufrieden
ist.
Widersprechen können.
Jeder weiß jetzt, daß Widerspruch-vertragen-können
ein hohes Zeichen von Kultur ist. Einige wissen sogar, daß der
höhere Mensch den Widerspruch gegen sich wünscht und hervorruft,
um einen Fingerzeig über seine ihm bisher unbekannte Ungerechtigkeit
zu bekommen. Aber das Widersprechen-Können ist das eigentlich Große,
Neue, Erstaunliche unserer Kultur, der Schritt aller Schritte des befreiten
Geistes.
Ihr
Kommentar
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