|
|
|
Die Kybernetik ist die Befreiung (auch von so genannten Nippfiguren)
Ein Text aus den Hochzeiten einer inzwischen sanft
entschlafenen Großtheorie:
Noch vor wenigen Jahren vertrat ich auch die "konservative"
Ansicht, dass zwischen physikalisch Erklärbarem und geistigen Funktionen
doch eine unübersteigbare Grenze bestünde. Bei weiterem Nachdenken
wurde mir immer klarer, dass der Verzicht auf überphysikalische
Komponenten das Verständnis geistiger Vorgänge wesentlich
vertieft und klärt. Wer sein Herz einmal über diese Hürde
geworfen hat, fühlt sich befreit von einem Nebel unklarer Voraussetzungen,
von Nippfiguren und Plüsch.
Die kybernetische Betrachtungsweise geistiger Vorgänge scheint
mir nicht irgendeine von verschiedenen zur Auswahl stehenden gleichwertigen
Betrachtungsweisen zu sein, sondern diejenige mit der stärksten
Aussagekraft.
Ohne Zweifel lassen sich auch Beispiele dafür finden, dass die
kybernetische Betrachtungsweise geistiger Vorgänge nicht ausreicht
- oder besser: noch nicht ausreicht. Beispielsweise können die
Kriterien der Ästhetik ("Was ist schön?") heute
nur in sehr unvollkommener Weise rational analysiert werden. Die bisherigen
Ansätze der Informationstheorie scheinen hierfür noch nicht
ausreichend.
Die Tatsache, dass manche Vorgänge (sogar sehr viele) noch nicht
kybernetisch erklärt werden können, ist kein überzeugendes
Argument gegen die Zulässigkeit dieser Betrachtungsweise. Auch
in der Chemie sind sehr viele Verbindungen noch nicht analysiert oder
synthetisch hergestellt, und trotzdem zweifelt niemand daran, dass dies
prinzipiell möglich ist und später geschehen
Karl Steinbuch, Automat und Mensch. Kybernetische Tatsachen
und Hypothesen, 3. Auflage 1965
Ihr
Kommentar

|