|
Galileis Tochter
Über die Mutter weiß man nichts außer ihrem
Namen: Marina Gamba. Mit ihr hatte Galilei während einer
zwölfjährigen Liebesaffäre in Venedig einen Sohn
und zwei Töchter, Virginia und Livia. Als er die Stadt verließ
und an den Hof von Florenz ging, nahm er die Töchter mit
und steckte beide
in das Kloster San Matteo außerhalb der Stadt, nicht etwa
aus Lieblosigkeit, sondern weil er ihre Zukunftsaussichten realistischer
einschätzte. Virginia nahm den Namen Maria Celeste an und
kümmerte sich fortan, aus dem Kloster heraus, um Galileis
häusliche Angelegenheiten. Einhundertvierundzwanzig ihrer
Briefe an den Vater sind erhalten (und die faszinierende Grundlage
des Buches "Galileo's Daughter" von Dava Sobel, der
berühmten Autorin von "Longitude").
Nebenbei dirigierte die musikalisch begabte Maria Celeste den
Klosterchor und unterrichtete die Nonnen im Gregorianischen Choral.
Sie stellte in der Klosterspotheke Medikamente her und Heilwässer
aus Rosenblättern und Aloe - nicht nur für das Kloster
selbst, auch für ihren oft kränklichen Vater.
Sie schrieb ihm seine Briefe in Reinschrift, manchmal auch ganze
Kapitel seiner Bücher. Und als Galilei in Rom vor das Inquisitionsgericht
kam, sorgte sie mit seinen Freunden dafür, dass möglicherweise
belastendes Material aus seinem Haus geschafft wurde.
Wenige Wochen nach Galileis Rückkehr aus der Gefangenschaft
in Siena wurde die rastlose Tochter krank und starb am 2. April
1634, angeblich an Verdauungsstörungen, aber wohl eher an
Erschöpfung und Untererährung.
Ein unbekannter Stamm in New York
Mitchell Duneier hat in seinem neuesten Buch "Sidewalk"
eine in New York oft zu beobachtende, aber noch nie wissenschaftlich
untersuchte Spezies beschrieben: die Straßenverkäufer,
speziell die Buchverkäufer in den Straßen Manhattans.
Die Feldforschung dauerte fünf Jahre. In dieser Zeit stellte
Duneier feine Klassenunterschiede fest (etwa zwischen Buch- und
Zeitschriftenverkäufern), berufliche Differenzierungen (zwischen
denen, die auf die Stände aufpassen, während der Inhaber
etwas essen geht, damit die Polizei die Auslage nicht zum Müll
erklärt), neue Tätigkeitsbereiche (die Platzhalter,
die über Nacht die wenigen legalen Plätze auf dem Pflaster
besetzt halten).
Buchverkäufe auf dem Gehweg sind das Ergebnis einer Gerichtsverhandlung.
Ein immer wieder von der Polizei aufgegriffener Schriftsteller-Buchverkäufer
drückte mit der Hilfe des Anwalts Edward C. Wallace das Recht
auf den Straßenverkauf durch - unter Hinweis auf die verfassungsmäßige
Redefreiheit und nachhaltig unterstützt von den Zeitungen,
die ja ebenfalls ihren Straßenverkauf gesichert sehen wollten.
Trotzdem ist das Verkäuferleben auf der Straße erheblich
eingeschränkt durch kleinliche kommunale Verordnungen (einzuhaltender
Abstand von Ladeneingängen und ähnliches). Aber selbst
wenn er sich an alle Gebote hält, ist der Straßenverkäufer
- ganz besonders wenn er ein Schwarzer ist - niemals sicher vor
der plötzlichen Laune eines feindlichen Polizisten.
Eines der raren spannenden Bücher über die Soziologie
einer Großstadt.
Audacter calumniare
Man muß nur mutig verleumden, geht das lateinische Sprichwort,
"semper aliquid haeret", etwas bleibt immer hängen,
und sei es das Strohfeuer eines Bucherfolgs.
Der angebliche Massaker-Report kam schon 1998 heraus: "The
Slaughter: An American Atrocity" von Carroll Case, der die
Sache zuerst als städtische Wandersage kennenlernte. Ihr
zufolge sollen Ende 1943 weiße amerikanische Soldaten im
Lager Van Dorn, Mississippi, eintausendzweihundert schwarze Soldaten
ihrer eigenen Einheit als Meuterer erschossen haben. Die Leichen
wurden angeblich noch in der Nacht mit Eisenbahnzügen weggebracht
und in nie aufgefundenen Massengräbern beerdigt. Der Vorfall
sei natürlich geheimgehalten und vertuscht worden, sogar
von Präsident Roosevelt.
Die National Association for the Advancement of Colored People
nahm sich der Sache an. Sie mißtraut dem negativen Prüfbericht
der Armee und verlangte eine erneute Überprüfung durch
das Justizministerium.
Das Buch besteht aus vierundfünfzig Seiten "Dokumentation"
und zweihundertsechsundvierzig Seiten Doku-Roman. Der Autor kann
jedoch keinen einzigen Todesschützen oder Erschossenen namentlich
nennen. Veteranen der Einheit können sich an nichts erinnern,
was die Behauptung untermauern könnte.
Aber so sind wenigstens eine Menge Leute erst einmal beschäftigt.
"Das Amerika, das wir verdienen"
ist der Titel des Buches von Donald Trump, der für die Reform-Partei
ins Rennen um die Präsidentschaft der USA geht. Und für
alle, die einen "Amerikanischen Planeten" oder ein "Amerikanisches
Jahrhundert" befürchten, hält das Buch frohe Kunde
bereit.
Es ist nämlich - laut Trump - alles ganz anders. Die USA
werden dauernd irgendwie übers Ohr gehauen, abgezockt und
ausgebeutet, "the rip-off" nennt es der Autor. Wenn
er mal Präsident ist und zuständig für die Außenpolitik,
dann ist Schluß damit, "dass jedes Land, mit dem die
USA Geschäftsbeziehungen haben, hier immer nur absahnt".
Dann wird er dafür sorgen, dass die USA nicht länger
durch "globale Zwängen verwundbar" sind. Das Haushaltsdefizit
will er schlagartig ausgleichen, und zwar durch eine einmalige
Vermögensabgabe von exakt 14,25 Prozent für alle mit
mehr als zehn Millionen Dollar - ihn natürlich eingeschlossen.
Was ihn zu all dem befähigt, ist die erfolgreiche Karriere,
präziser: sein Verhandlungsgeschick. "Der Geschäftsmann
(the dealmaker) ist listig, verschlossen, konzentriert und gibt
sich nie mit weniger zufrieden, als er will. Schon seit langem
hatte Amerika keinen solchen Präsidenten mehr."
Tree-sitting
Julia Hill, die junge Frau, die vor zwei Jahren in Nord-Kalifornien
auf einen sechzig Meter hohen Redwood-Baum gestiegen und seitdem
nicht mehr heruntergekommen ist, hat etwas wie einen Zwischensieg
errungen.
Ihre Protest-Aktion, genannt Tree-sitting, richtete sich gegen
die Pacific Lumber Company, die Eigentümerin des Bodens,
auf dem Baum steht, und deren Absicht, den Baum zu fällen.
Julia, seit langem liebevoll "Julia Butterfly" genannt,
hat den Baum Luna getauft und in ihrem Baumhaus ein Buch geschrieben:
"The Legacy of Luna". Zwischen der Autorin und Pacific
Lumber scheint jetzt eine Art Agreement getroffen zu sein: Julia
und ihre Anhänger zahlen der Firma fünfzigtausend Dollar,
und diese verzichtet auf das Fällen der Bäume im Luna-Gebiet.
Das Geld wird als Spende für die Waldforschung an die Humboldt
State University weitergegeben.
Die Baum-Sitterin traut dem Frieden noch nicht (in der Vergangenheit
gab es bereits mehrere linke Vereinbarungen) und hat noch nicht
gesagt, wann sie heruntersteigen will. Sie bekommt jede Woche
Post von etwa dreihundert Menschen, friert immer ein wenig, hat
ein Handy für den Kontakt zur Außenwelt und klettert
zur Morgengymnastik den Baum hinauf. Was ihr am meisten abgeht,
ist etwas für uns Untere Selbstverständliches: die Erde
unter den Füßen zu spüren.
Die Deutschen kommen!
Mit diesem Unterton jedenfalls gehen manche Nachrichten heraus
über die für die nächsten Wochen geplante Vereinbarung
einer Zusammenarbeit zweier Buchklubs in den USA.
Der eine ist der angesehene Book-of-the-Month Club mit mehr als
vier Millionen Mitgliedern und zweihundertachtzig Millionen Dollar
Jahresumsatz im Besitz der Time-Warner-Gruppe - ein amerikanisches
Schmuckstück. Der andere ist Doubleday Direct, hat ebensoviele
Mitglieder und gehört Bertelsmann. Schon jetzt ist Bertelsmann
der weltgrößte Verlag für englischsprachige Bücher
- und nun noch diese Partnerschaft. Eine weitergehende Zusammenlegung
ist vorerst nicht geplant: Beide Unternehmen behalten ihre jeweiligen
Geschäftssitze in New York City (Book-of-the-Month Club)
und Long Island.
Mit der Allianz soll vor allem amazon.com angegriffen werden.
"Wir werden die Online- Verkäufe aggressiv verstärken",
verkündet Markus Wilhelm, der Chef von Doubleday Direct.
Asche zu Asche
Der Roman von Frank McCourt "Die Asche meiner Mutter"
(Pulitzer-Preis 1997) war - auch in der glänzenden Übersetzung
ins Deutsche durch Harry Rowohlt - nicht nur ein literarisches
Ereignis, sondern überdies ein Publikumserfolg. Der Film
(obwohl der Autor am Skript mitgeschrieben hat) ist ein jammervolles,
drittklassiges Begräbnis aller Qualitäten des Buches.
Dabei bemüht sich wenigstens die erste
Hälfte des Films noch um den beißenden Humor, der das
Elend (auch dem Leser) überhaupt erträglich macht. Dann
aber entwickelt sich die Zentralfigur (Emily Watson, Foto) nicht
wie im Roman zu Fleisch und Blut und zur eigenen, ungewöhnlichen
Person, sondern zu einem Klischee: die archetypische, leidende
irische Mutter. Und statt wahrer Gefühle kriegen wir aufrauschende
Musikeinlagen wie in jedem Indiana-Jones-Film. Schlußbild:
die Freiheitsstatue; alles wird gut. Musik, Abspann.
Einhundertsechsundvierzig verlorene Minuten.

Ihr
Kommentar
|
|
Die schöne Leserin
Marilyn Monroe hat nicht dauernd nur in Kameras
geschaut, sie hat auch gelesen. In ihrer Bibliothek befanden sich
mindestens fünf Bücher unterschiedlicher literarischer
Qualität (und höchstwahrscheinlich nicht nur diese):
"My Antonia" und "Lucy Gayheart" von Willa
Cather, "The Portable Dorothy Parker", "The Ballad
of the Sad Café" von Carson McCullers und die Kurzgeschichtensammlung
"The Little Disturbances of Man" von Grace Paley. Ausschließlich
amerikanische Autorinnen.
Die Bücher stammen von einem anonymen Spender und wurden
im Dezember der Bibliothek des Radcliffe Institute for Advanced
Studies in Camrbidge, Mass., übergeben.
.
Hat die Literatur-Nobelpreisträgerin Landesverrat begangen?
Für die Militärs von Guatemala ist
der Fall eindeutig: Sie ließen durch den Anwalt Julio Cintrón
Anzeige wegen Landesverrat gegen Rigoberta Menchú erstatten;
Grund der Anzeige: Die Nobelpreisträgerin hat sich an den
obersten spanischen Gerichtshof gewandt, der wegen Völkermord,
Folter und Staatsterrorismus aus den sechsunddreißig Jahren
des Bürgerkriegs in Guatemala ermitteln soll. Das Vorgehen
entspricht nicht zufällig dem Verfahren, in dem der chilenische
Ex-Diktator Pinochet vor demselben Gerichtshof verklagt wurde.
Die Staat sanwaltschaft
kann allerdings frei bestimmen, ob sie die von Cintrón
vorgelegten Beweise als ausreichend für eine Anklage gegen
Rigoberta Menchú ansieht oder nicht.
Gefährliche Milde
Der Autor hat noch einmal Glück gehabt:
Das Verfahren gegen ihn ist eingestellt worden.
Dariusz Ratajczak (Die
Gazette, Dezember 1999) hatte in seinem Buch "Gefährliche
Fragen" den Holocaust geleugnet und damit gegen polnisches
Recht verstoßen. Das Gericht hielt ihm jetzt zugute, dass
die lediglich zwei verkauften Exemplare "nur geringen gesellschaftlichen
Schaden" angerichtet hätten. Außerdem habe sich
der Autor im Vorwort zur zweiten Auflage (anstatt der beschlagnahmten
ersten) von den Holocaust-Leugnern distanziert.
Das hinderte Ratajczak aber nicht, nach dem Verfahren zusammen
mit Leszek Bubel, dem Führer einer rechtsextremen Splittergruppe,
vor die Presse zu treten.
Womöglich waren die Richter doch zu milde mit ihrem Beschluß.
Comeback für den Zeitungsroman?
Die Lektüre eines Fortsetzungsromans in
der Zeitung gilt seit Jahrzehnten als langweilige Rentneraktivität.
Kein großer Nachkriegsroman wurde in dieser Form veröffentlicht.
Das soll jetzt anders werden. Zwei amerikanische Bestseller-Autoren,
Caleb Carr und John Grisham, wollen ihre neuen Produkte in diesem
Jahr erstmals als Fortsetzungsromane erscheinen lassen, in der
Zeitschrift "Time" bzw. in "The Oxford American",
einer Zeitschrift, die von Grisham auch als Herausgeber unterstützt
wird.
Ob dahinter ein Trend steht, mag bezweifelt werden. "Alle
Schriftsteller", meinte Grisham dazu, "denken darüber
nach, einmal etwas anderes zu versuchen, nur um zu sehen, ob sie
es schaffen." Und wenn Sie es gesehen haben?
Fortsetzungsromane waren Anfang des 19. Jahrhunderts verbreitet,
als neue Drucktechniken die Herausgabe von Periodika beschleunigten.
Mehrere Romane der Weltliteratur sind auf diese Weise erschienen,
als bahnbrechendes Beispiel "The Pickwick Papers", später
etwa "Krieg und Frieden", "Schuld und Sühne"
oder "The Portrait of a Lady".
Rückruf für eine ganze Auflage
David Hoffman ist der Autor des Buches "The
Oklahoma City Bombing und The Politics of Terror". Darin
enthalten sind unzutreffende Tatsachenbehauptungen über den
FBI-Beamten Oliver Revell und, schlimmer noch, dessen aktive Beteiligung
an dem Bombenattentat vom April 1995, das einhundertachtundsechzig
Tote forderte.
Vor Gericht haben sich nun Revell und der kalifornische Verlag
Feral House darauf geeinigt, dass die gesamte Auflage zurückgezogen
und eingestampft werden soll. Wieviele Exemplare der Verlag noch
auf Lager hat und also vernichten kann, wurde nicht bekanntgegeben.
Auch nicht die Höhe der Geldstrafe, die der Verlag an Revell
zu zahlen hat.
Der Prozeß gegen Hoffman und zwei seiner Informanten geht
unabhängig davon weiter.
Ein Lyrik-Kanon?
Da gibt es im Netz eine private Gedicht- und
Prosasammlung, die von Abraham a Sancta Clara über Yaak Karsunke
und Georg Philipp Telemann [sic] bis Marina Zwetajewa geht, eine
kleine Anthologie quer durch alle Länder, Epochen und Stilrichtungen.
Aber nicht das ist das Interessante an der Website, sondern die
Rangliste der Gedichte, geordnet nach der Anzahl der Adressen,
an denen das jeweilige Gedicht außerdem noch im Internet
zu finden ist (die Adressen sind dann auch als Links aufgeführt).
Allen voraus steht hier "Der Panther" von Rilke mit
31 Adressen. Dann folgen drei Goethe-Gedichte ("Ein Gleiches"
mit 25, "Der Zauberlehrling" und "Erlkönig"
mit je 21 Adressen). Auf Platz fünf überraschend ein
Klassiker der Moderne, Paul Celans "Todesfuge"
mit ebensovielen Adressen wie das nächste Gedicht, Rilkes
"Herbsttag" (21). Danach kommen mit 19 bis 13 Adressen
wieder Goethe ("Gefunden"), Heine ("Loreley"),
nochmal Goethe ("Prometheus"), Eichendorff ("Mondnacht"),
Hesse ("Im Nebel", klar), Claudius ("Abendlied"),
Fontane ("Herr von Ribbeck"), Hölderlin (mit -
erstaunlich - "Hälfte des Lebens") und Storm ("Die
Stadt"). Auch die hinteren Plätze werden eindeutig von
Goethe dominiert, Schiller taucht erst später auf ("Das
Lied von der Glocke", 9), schließlich auch sogar Gryphius,
Trakl und Benn (je 6 Adressen).
Als Psychogramm deutscher Lyrikrezeption ist das lehrreich: konzentriert
auf Bewährt- Verläßliches (Goethe), gelegentlich
zu hübschem Geklingel verführbar (Rilke, Hesse), vor
allem der Romantik anheimgegeben, aber nicht ohne politisches
Bewußtsein (Celan). Kein ganz hoffnungsloser Fall.
|