Nr. 21, Januar 2000
 
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Buchkunst
Lyrik
Kurzprosa
Die Marginalie
 

 

Lynne Marie Rypdal

die ehrenamtliche

züchtigung erleichtert distanz
zu halten ohne zu verlieren
dein herz auf der
honky tonk grave line tour

den hass gelehrt
hat mich der stock
und das gehört zum wertvollsten
was ich gelernt habe geh

weg von hier sprechen sie
deutsch miteinander aber ich
verstehe kein wort
es wird alles wieder

gut er interessiert mich
nicht jetzt ist es soweit
was soll das denn werden
das wird ein schlitten

für das mädchen
damit werde ich sie
nach unten nehmen
wir müssen gehen

wir sind jetzt bald
da ganz bald da
elefanten haben wir
hier natürlich nicht

dann machen wir die tür
zu und ich zünde ein feuer an
dann sind wir geborgen
dann sind wir

 

seher

wenn wir uns neuen ideen nicht jetzt
so normal wie sie und ich
öffnen mit videogrossprojektionen
den sterbenden die vertraute umgebung
vermitteln weiche schultern
haben mich immer schon
aufgerichtet

zähneknirschend wer sich bekennt
zum geld nicht schlecht nur krank
muss sich zur macht bekennen
eineindeutig

ich lief über ein feld
ohne zu wissen als ich dalag wusste ich
dass ich beide beine verloren hatte
sorge dich nicht der könig hat gerufen
bestellt auf sieben uhr
drei paar krücken und einen
rollstuhl

si entre aquellas ruinas y despojos
hält nur ein jahr statt drei
die prothese des einbeinigen
stepptänzers im schatten
der tempels zwei oder drei
kisten voller fehltritte
nicht zu vergessen die ebenen der
ordnerpflege

du brauchst nicht länger
zu trauern denn das ist mein
posten reserviert für journalisten
und gebrechliche
abhexen


gibt mir dein messer
deine axt in den wald ich
werde nie wieder
gehen


Kommentar der Autorin

Lynne Marie Rypdal ist in Dombås, Norwegen, geboren. Als freie Schriftstellerin hatte sie ihre erste original deutschsprachige Veröffentlichung in der Hörstation "Utopie und Apokalypse" in der Ausstellung "The Story of Berlin" 1999.

Das Deutsch kam zu mir. Anfang November reiste ich nach Berlin. Ich hatte keine Ahnung, dass die Menschen der Stadt wenige Tage später wie entlassene Häftlinge durch die Straßen taumeln würden. Statt einiger Wochen blieb ich Monate und bezog eine Wohnung in Moabit, klein und entsetzlich kalt. Ich versuchte, den Kachelofen anzuheizen, und füllte die Kammer mit Qualm. Riss das Fenster auf, hustete in den Hinterhof, sah den Mond. Der Blödmann grinste. Ich musste lachen und dachte: Zuhause. - Ich dachte "Zuhause" nicht als Übersetzung. Später kamen Wörter, für die fand ich in meienr Sprache keine Entspechung mehr: "Züchtigung", "eineindeutig", "Zündseil", "Gemeinschaftsgefühl", "Kennwortschutz". Einen Begriff wie "Freudanhänger" haben wir nicht.

 

 




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