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"Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit"
Selten verstecken sich hinter einem trocken beschreibenden Buchtitel
so erregende Inhalte wie in Dubiels Studie über die Bundestagstagsdebatten
zur nationalsozialistischen Herrschaft.
Der Autor hat den Zusammenhang zwischen der Erinnerung
an das "Dritte Reich" und der Entwicklung einer demokratischen
Kultur der Bundesrepublik an bestimmten Parlamentsreden nachgezeichnet,
weil die öffentliche - anders als die private, persönliche
- Erinnerungsarbeit immer nur durch Stellvertreter stattfinden kann.
"Die stellvertretende Verantwortung für Dinge, die wir nicht
getan haben", so Hannah Arendt im Motto des Buches, ist der Preis
dafür, "dass wir unser Leben nicht mit uns allein, sondern
unter unseren Gefährten leben".
In einem kurzen Abriß zur Einleitung spricht Dubiel vom in den
fünfziger Jahren geübten "Beschweigen, Bemänteln
und Relativieren":
Am Phänomen des Beschweigens dieser Greuel in
der frühen Nachrkriegszeit kann man aber auch lernen, dass die
Herrschaft der Gegenwart über die Vergangenheit - so verbreitet
sie auch in vielen Gesellschaften und Epochen sein mag - nicht etwa
Teil einer unveränderlichen Condition humaine darstellt. Sie ist
vielmehr in soziologischer wie in psychologischer Sicht ein pathologisches
Symptom. Das kollektive Gedächtnis der Nachkriegsdeutschen funktionierte
wie ein rigides Informationsverarbeitungsprogramm, das alle Informationen
nur zur Stabilisierung der bereits eingeschliffenen Denk- und Gefühlsbahnen
benutzte. Viele offenkundig irrationale Einstellungen dieser Zeit -
etwa die Selbststilisierung der Deutschen als Opfer, das Abschieben
aller Schuld auf das Individuum Hitler oder die Deutung der NS- Zeit
als einer Art Naturkatastrophe - werden im nachhinein durchsichtig in
ihrer Funktion, ein noch vom totalitären System geprägtes
stereotypisches Weltbild zu stützen.
Es scheint, als käme erst jetzt eine nicht mehr nur von Leidenschaften
bewegte Analyse der fünfziger und sechziger Jahre in Gang, einer
Epoche, die schon früh als Adenauersche "Restauration"
bezeichnet wurde und deren nicht nur personelle, sondern in erheblichem
Maß psychologische Kontinuität mit dem "Dritten Reich"
bislang allenfalls unter Fachleuten diskutiert wurde. Dubiels Untersuchung
gibt eine Antwort darauf, warum wir darauf so lange warten mußten.
Als Prolog und zur Aktualisierung seiner These greift der Autor die
Bundestagsdebatte über die Wehrmachtsausstellung auf, bei der sogar
ein glühender Verfechter der unbeschädigten "Ehre"
der "deutschen Soldaten", der CDU-Abgeordenete Dregger, nach
den offenen, sehr persönlichen Redebeiträgen von Otto Schily
und Christa Nickels Einsicht zeigte: Die Kritik, die an ihm geübt
worden sei, wolle er "nicht schlankweg zurückweisen",
sondern für sich prüfen. Eine solche Redewirkung hatte das
deutsche Parlament noch nicht erlebt, und sie wurde erfreulicherweise
mit "Beifall im ganzen Hause" bedacht.
So hatte die junge Bundesrepublik nicht gesprochen. Damals, 1952, "neigte"
sich Minister Seebohm im Parlament "in Ehrfurcht vor jedem Symbol
unseres Volkes - ich sage ausdrücklich: vor jedem!, - unter dem
deutsche Menschen ihr Leben für ihr Vaterland geopfert haben."
Gemeint waren die mit einem Hakenkreiz versehenen Nazi-Orden.
Die restaurativen, staatstragender gesagt: integrativen Kräfte
kamen auch 1954 bei der Flucht Otto Johns in die DDR zu Wort, besonders
nach seinen Angriffen gegen die von alten Nazis durchsetzte politische
Klasse der Bundesrepublik. Damals fragte der Abgeordnete Menzel (SPD):
"Wie kann es kommen, wie kann es die Regierung
dulden, dass der Vertreter einer Regierungspartei sich auf einer solchen
Kundgebung hinstellt und erklärt, es komme gar nicht darauf an,
dass wir den Zweiten Weltkrieg verloren hätten, entscheidend sei
doch vielmehr, dass wir in diesem Kampf gut gekämpft hätten.
Das heißt doch nichts anderes, als den Versuch zu unternehmen,
auch die hitlerischen Greuel des Krieges nachträglich in aller
Öffentlichkeit zu legalisieren."
Deshalb müsse man als Parlamentarier den Finger "in diese
offene Wunde" legen. Worauf ihm der Abgeordnete Kiesinger antwortet,
"eine wichtige Aufgabe dieses Parlaments ist es auch, diese Wunden
mit heilen zu helfen und nicht bei jedem Anlaß die kaum vernarbten
Wunden wieder aufzureißen", also "aus diesem immer noch
gespaltenen und blutenden, unsicheren und verwirrten Volk endlich wieder
ein gesundes Volk zu machen."
Das läßt keine Unklarheiten übrig. Die Affäre John
hat den Gründungskonsens der restaurativen Bundesrepublik bedroht,
aber die politische Rechte springt in die Bresche: Die Deutschen werden
mit beeindruckenden Opfermerkmalen ausgestattet ("blutend"),
die Zukunft unter bewährt biologische Begriffe gestellt ("ein
gesundes Volk"). Solche Wieder- Gesundung ist natürlich nur
durch ein "kollektives Beschweigen" der Vergangenheit möglich.
In der Zwischenbilanz für dieses Jahrzehnt erkennt Dubiel mehrere
rhetorische Figuren, mit denen sich die Redner die unliebsame Vergangenheit
vom Leib halten: die Abspaltung (die anderen sind schuld), die Opferhaltung
(siehe Kiesinger), die Existentialisierung (das "dritte Reich":
eine - wie ebenfalls bei Kiesinger - irgendwie hereingebrochene Natur-
"Katastrophe") und die Relativierung (die sehr viel später
von einem Präsidentschaftskandidaten so genannte "Einordnung").
Ebenso aufmerksam geht Dubiel durch die folgenden Parlaments-Jahrzehnte.
Er stellt die Ungeheuerlichkeit fest, dass es fünfundzwanzig Jahre
dauerte, bis der Bundestag erstmals eine Gedenkveranstaltung zum 8.
Mai 1945 abhielt. Kanzler Brandt erklärt in seiner Rede übrigens
nicht, wie es zu dieser Verspätung kam. Ihm antwortete damals niemand
anderer als Richard von Weizsäcker, in dessen Rede sich jedoch
noch kaum Hinweise finden auf seine zu Recht "groß"
genannte Rede genau fünfzehn Jahre später.
Leider etwas im Vorübergehen behandelt der Autor die "Gedächtnispolitik"
des ab 1982 amtierenden Bundeskanzlers Kohl (hier macht sich die Konzentration
auf die Bundestagsprotokolle als Quellen ein wenig störend bemerkbar).
Kohl betrieb immer wieder die nun aus größeren zeitlichem
Abstand mögliche Distanzierung und propagierte, besonders nach
seiner Israel-Reise 1984 ("die Gnade der späten Geburt")
den jetzt notwendigen Blick nach vorn, in die Zukunft. Wozu ihm die
Abgeordnete Renger eine "bedenkliche Ungenauigkeit der Sprache
und des Gefühls" vorhielt.
Ein wenig aus dem Rahmen fällt die berüchtigte Jenninger-Rede
fünfzig Jahre nach den Pogromen des 9. November 1938, die sich
eher als privates Versagen herausstellt. Sie wird von Dubiel behutsam
und angemessen interpretiert. Er erkennt im Ablauf des Vortrags die
(zu?) kurze Vorbereitung eines "Perspektivenwechsels", und
zwar weg von der Rede des "moralisierenden Antifaschisten",
"um den Erinnerungen des Täters Platz zu machen", zitiert
Jenningers "Faszinosum" Hitler und ergänzt:
Die folgende, etwa eine Druckseite umfassende Passage
kostete Jenninger sein Amt, weil er sich dieser Faszination ohne rhetorisch
erkennbare Distanz hingab. Zumindest ließen die in der gesprochenen
Rede nicht sichtbaren Anführungszeichen den schuldreflexiven Rahmen
verblassen, in dem diese Rede nach den Gesetzen der politischen Liturgie
doch situiert war. Besonders irritierend war die paradoxe Verwendung
der Stilform rhetorischer Fragen. ...
Paradox war die Verwendung des Stilmittels offener Fragen insofern,
als sich in ihnen zwei widersprechende Stimmen artikulierten: zum einen
die des sich erinnernden Täters, der nicht zögern würde,
die gestellten Fragen zu bejahen, und zugleich die des seine Schuld
reflektierenden Subjekts, das diese Fragen nur stellt, um sie zu verneinen.
Im letzten Kapitel geht Dubiel schließlich auf die eigentlich
unverständliche Aufgeregtheit ein, die der Golfkrieg 1991 in der
deutschen Bevölkerung auslöste, als sich zum Beispiel Feministinnen
weigerten, "wieder Trümmerfrauen" zu sein, andererseits
Enzensberger entlastenderweise Saddam Hussein mit Hitler gleichsetzte.
In seinem Schlußwort klärt Dubiel die gegenwärtige Situation:
Die öffentliche Erinnerung wird jetzt, über fünfzig Jahre
nach Kriegsende und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, nicht mehr
als "Material einer positiven Vergewisserung des Status quo"
benötigt, sondern nunmehr mit der Aufgabe bedacht, "dem mythischen
Wiederholungszwang einer mit Schuld und Unrecht belasteten Geschichte
zu brechen" (hier sind Ähnlichkeiten mit einer neuen, kritischeren
Geschichtschreibung der spanischen "conquista", der Französischen
Revolution und des Kolonialismus zu beobachten). In diesem Zusammenhang
plädiert der Autor für eine neue, bedachtsamere, "gereifte"
Erinnerungskultur, die, wenn wir "wir" sagen, außer
den Toten auch die noch Ungeborenen einschließt:
Von dieser neuen Legitimationskultur würde, wenn
sie sich denn durchsetzt, ein schonungsloses Licht auf die konventionellen
Formen nationaler Identitätsbildung fallen. Ihr triumphalistischer
Stil, der sich bezeichnenderweise vorwiegend in militärischer Symbolik
artikuliert, in Hymnen, Fahnenweihen, Aufmärschen, öffentlichen
Vereidigungen usw., würde in diesem Licht erkennbar als Relikt
einer barbarischen Sozialität - einer Sozialität, die sich
vor allem durch ausgrenzende Gewalt konstituiert hat. ... Das Geheimnis
ihres Zusammenhalts beruht nicht auf der freien Wahl ihrer Mitglieder,
sondern auf beschwiegener Komplizenschaft.
Die Diskussion um das "Dritte Reich" ist noch lange nicht
- in jedwedem Sinn - beendet. Die Unabgeschlossenheit beweist sich vor
unseren Augen, und zwar sowohl durch die laute Fröhlichkeit der
Rechten über die Fehler der Wehrmachtsausstellung (als wäre
durch ein paar falsch etikettierte Fotos das "Ehrenkleid des deutschen
Soldaten" wiederhergestellt), wie auch durch die beredt schweigende
Zurückhaltung vieler deutscher Unternehmen beim Stiftungsfonds
für die ehemaligen Zwangsarbeiter (als verleugneten sie ihre Vergangenheit
noch immer genau so, wie es das Parlament der fünfziger Jahre tat).
Wer sich fundiert an dieser Diskussion beteiligen will, braucht Dubiels
kluge, dertailsichere und historisch fundierte Rekonstruktion eines
halben Jahrhunderts der "Stellvertreter- Debatten".
Korbinian Brauner
Helmut Dubiel
Niemand ist frei von der Geschichte. Die nationalsozialistische Herrschaft
in den Debatten des Deutschen Bundestages
Hanser Verlag, München Wien 1999
14,5 x 22 Zentimeter, 394 Seiten
DM 39,80, öS 291, sFr 38,30
Ihr
Kommentar
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