Nr. 21, Januar 2000
 
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"Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit"

Selten verstecken sich hinter einem trocken beschreibenden Buchtitel so erregende Inhalte wie in Dubiels Studie über die Bundestagstagsdebatten zur nationalsozialistischen Herrschaft.
Der Autor hat den Zusammenhang zwischen der Erinnerung an das "Dritte Reich" und der Entwicklung einer demokratischen Kultur der Bundesrepublik an bestimmten Parlamentsreden nachgezeichnet, weil die öffentliche - anders als die private, persönliche - Erinnerungsarbeit immer nur durch Stellvertreter stattfinden kann. "Die stellvertretende Verantwortung für Dinge, die wir nicht getan haben", so Hannah Arendt im Motto des Buches, ist der Preis dafür, "dass wir unser Leben nicht mit uns allein, sondern unter unseren Gefährten leben".
In einem kurzen Abriß zur Einleitung spricht Dubiel vom in den fünfziger Jahren geübten "Beschweigen, Bemänteln und Relativieren":

Am Phänomen des Beschweigens dieser Greuel in der frühen Nachrkriegszeit kann man aber auch lernen, dass die Herrschaft der Gegenwart über die Vergangenheit - so verbreitet sie auch in vielen Gesellschaften und Epochen sein mag - nicht etwa Teil einer unveränderlichen Condition humaine darstellt. Sie ist vielmehr in soziologischer wie in psychologischer Sicht ein pathologisches Symptom. Das kollektive Gedächtnis der Nachkriegsdeutschen funktionierte wie ein rigides Informationsverarbeitungsprogramm, das alle Informationen nur zur Stabilisierung der bereits eingeschliffenen Denk- und Gefühlsbahnen benutzte. Viele offenkundig irrationale Einstellungen dieser Zeit - etwa die Selbststilisierung der Deutschen als Opfer, das Abschieben aller Schuld auf das Individuum Hitler oder die Deutung der NS- Zeit als einer Art Naturkatastrophe - werden im nachhinein durchsichtig in ihrer Funktion, ein noch vom totalitären System geprägtes stereotypisches Weltbild zu stützen.

Es scheint, als käme erst jetzt eine nicht mehr nur von Leidenschaften bewegte Analyse der fünfziger und sechziger Jahre in Gang, einer Epoche, die schon früh als Adenauersche "Restauration" bezeichnet wurde und deren nicht nur personelle, sondern in erheblichem Maß psychologische Kontinuität mit dem "Dritten Reich" bislang allenfalls unter Fachleuten diskutiert wurde. Dubiels Untersuchung gibt eine Antwort darauf, warum wir darauf so lange warten mußten.
Als Prolog und zur Aktualisierung seiner These greift der Autor die Bundestagsdebatte über die Wehrmachtsausstellung auf, bei der sogar ein glühender Verfechter der unbeschädigten "Ehre" der "deutschen Soldaten", der CDU-Abgeordenete Dregger, nach den offenen, sehr persönlichen Redebeiträgen von Otto Schily und Christa Nickels Einsicht zeigte: Die Kritik, die an ihm geübt worden sei, wolle er "nicht schlankweg zurückweisen", sondern für sich prüfen. Eine solche Redewirkung hatte das deutsche Parlament noch nicht erlebt, und sie wurde erfreulicherweise mit "Beifall im ganzen Hause" bedacht.
So hatte die junge Bundesrepublik nicht gesprochen. Damals, 1952, "neigte" sich Minister Seebohm im Parlament "in Ehrfurcht vor jedem Symbol unseres Volkes - ich sage ausdrücklich: vor jedem!, - unter dem deutsche Menschen ihr Leben für ihr Vaterland geopfert haben." Gemeint waren die mit einem Hakenkreiz versehenen Nazi-Orden.
Die restaurativen, staatstragender gesagt: integrativen Kräfte kamen auch 1954 bei der Flucht Otto Johns in die DDR zu Wort, besonders nach seinen Angriffen gegen die von alten Nazis durchsetzte politische Klasse der Bundesrepublik. Damals fragte der Abgeordnete Menzel (SPD):

"Wie kann es kommen, wie kann es die Regierung dulden, dass der Vertreter einer Regierungspartei sich auf einer solchen Kundgebung hinstellt und erklärt, es komme gar nicht darauf an, dass wir den Zweiten Weltkrieg verloren hätten, entscheidend sei doch vielmehr, dass wir in diesem Kampf gut gekämpft hätten. Das heißt doch nichts anderes, als den Versuch zu unternehmen, auch die hitlerischen Greuel des Krieges nachträglich in aller Öffentlichkeit zu legalisieren."

Deshalb müsse man als Parlamentarier den Finger "in diese offene Wunde" legen. Worauf ihm der Abgeordnete Kiesinger antwortet, "eine wichtige Aufgabe dieses Parlaments ist es auch, diese Wunden mit heilen zu helfen und nicht bei jedem Anlaß die kaum vernarbten Wunden wieder aufzureißen", also "aus diesem immer noch gespaltenen und blutenden, unsicheren und verwirrten Volk endlich wieder ein gesundes Volk zu machen."
Das läßt keine Unklarheiten übrig. Die Affäre John hat den Gründungskonsens der restaurativen Bundesrepublik bedroht, aber die politische Rechte springt in die Bresche: Die Deutschen werden mit beeindruckenden Opfermerkmalen ausgestattet ("blutend"), die Zukunft unter bewährt biologische Begriffe gestellt ("ein gesundes Volk"). Solche Wieder- Gesundung ist natürlich nur durch ein "kollektives Beschweigen" der Vergangenheit möglich.
In der Zwischenbilanz für dieses Jahrzehnt erkennt Dubiel mehrere rhetorische Figuren, mit denen sich die Redner die unliebsame Vergangenheit vom Leib halten: die Abspaltung (die anderen sind schuld), die Opferhaltung (siehe Kiesinger), die Existentialisierung (das "dritte Reich": eine - wie ebenfalls bei Kiesinger - irgendwie hereingebrochene Natur- "Katastrophe") und die Relativierung (die sehr viel später von einem Präsidentschaftskandidaten so genannte "Einordnung").
Ebenso aufmerksam geht Dubiel durch die folgenden Parlaments-Jahrzehnte. Er stellt die Ungeheuerlichkeit fest, dass es fünfundzwanzig Jahre dauerte, bis der Bundestag erstmals eine Gedenkveranstaltung zum 8. Mai 1945 abhielt. Kanzler Brandt erklärt in seiner Rede übrigens nicht, wie es zu dieser Verspätung kam. Ihm antwortete damals niemand anderer als Richard von Weizsäcker, in dessen Rede sich jedoch noch kaum Hinweise finden auf seine zu Recht "groß" genannte Rede genau fünfzehn Jahre später.
Leider etwas im Vorübergehen behandelt der Autor die "Gedächtnispolitik" des ab 1982 amtierenden Bundeskanzlers Kohl (hier macht sich die Konzentration auf die Bundestagsprotokolle als Quellen ein wenig störend bemerkbar). Kohl betrieb immer wieder die nun aus größeren zeitlichem Abstand mögliche Distanzierung und propagierte, besonders nach seiner Israel-Reise 1984 ("die Gnade der späten Geburt") den jetzt notwendigen Blick nach vorn, in die Zukunft. Wozu ihm die Abgeordnete Renger eine "bedenkliche Ungenauigkeit der Sprache und des Gefühls" vorhielt.
Ein wenig aus dem Rahmen fällt die berüchtigte Jenninger-Rede fünfzig Jahre nach den Pogromen des 9. November 1938, die sich eher als privates Versagen herausstellt. Sie wird von Dubiel behutsam und angemessen interpretiert. Er erkennt im Ablauf des Vortrags die (zu?) kurze Vorbereitung eines "Perspektivenwechsels", und zwar weg von der Rede des "moralisierenden Antifaschisten", "um den Erinnerungen des Täters Platz zu machen", zitiert Jenningers "Faszinosum" Hitler und ergänzt:

Die folgende, etwa eine Druckseite umfassende Passage kostete Jenninger sein Amt, weil er sich dieser Faszination ohne rhetorisch erkennbare Distanz hingab. Zumindest ließen die in der gesprochenen Rede nicht sichtbaren Anführungszeichen den schuldreflexiven Rahmen verblassen, in dem diese Rede nach den Gesetzen der politischen Liturgie doch situiert war. Besonders irritierend war die paradoxe Verwendung der Stilform rhetorischer Fragen. ...
Paradox war die Verwendung des Stilmittels offener Fragen insofern, als sich in ihnen zwei widersprechende Stimmen artikulierten: zum einen die des sich erinnernden Täters, der nicht zögern würde, die gestellten Fragen zu bejahen, und zugleich die des seine Schuld reflektierenden Subjekts, das diese Fragen nur stellt, um sie zu verneinen.

Im letzten Kapitel geht Dubiel schließlich auf die eigentlich unverständliche Aufgeregtheit ein, die der Golfkrieg 1991 in der deutschen Bevölkerung auslöste, als sich zum Beispiel Feministinnen weigerten, "wieder Trümmerfrauen" zu sein, andererseits Enzensberger entlastenderweise Saddam Hussein mit Hitler gleichsetzte.
In seinem Schlußwort klärt Dubiel die gegenwärtige Situation: Die öffentliche Erinnerung wird jetzt, über fünfzig Jahre nach Kriegsende und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, nicht mehr als "Material einer positiven Vergewisserung des Status quo" benötigt, sondern nunmehr mit der Aufgabe bedacht, "dem mythischen Wiederholungszwang einer mit Schuld und Unrecht belasteten Geschichte zu brechen" (hier sind Ähnlichkeiten mit einer neuen, kritischeren Geschichtschreibung der spanischen "conquista", der Französischen Revolution und des Kolonialismus zu beobachten). In diesem Zusammenhang plädiert der Autor für eine neue, bedachtsamere, "gereifte" Erinnerungskultur, die, wenn wir "wir" sagen, außer den Toten auch die noch Ungeborenen einschließt:

Von dieser neuen Legitimationskultur würde, wenn sie sich denn durchsetzt, ein schonungsloses Licht auf die konventionellen Formen nationaler Identitätsbildung fallen. Ihr triumphalistischer Stil, der sich bezeichnenderweise vorwiegend in militärischer Symbolik artikuliert, in Hymnen, Fahnenweihen, Aufmärschen, öffentlichen Vereidigungen usw., würde in diesem Licht erkennbar als Relikt einer barbarischen Sozialität - einer Sozialität, die sich vor allem durch ausgrenzende Gewalt konstituiert hat. ... Das Geheimnis ihres Zusammenhalts beruht nicht auf der freien Wahl ihrer Mitglieder, sondern auf beschwiegener Komplizenschaft.

Die Diskussion um das "Dritte Reich" ist noch lange nicht - in jedwedem Sinn - beendet. Die Unabgeschlossenheit beweist sich vor unseren Augen, und zwar sowohl durch die laute Fröhlichkeit der Rechten über die Fehler der Wehrmachtsausstellung (als wäre durch ein paar falsch etikettierte Fotos das "Ehrenkleid des deutschen Soldaten" wiederhergestellt), wie auch durch die beredt schweigende Zurückhaltung vieler deutscher Unternehmen beim Stiftungsfonds für die ehemaligen Zwangsarbeiter (als verleugneten sie ihre Vergangenheit noch immer genau so, wie es das Parlament der fünfziger Jahre tat).
Wer sich fundiert an dieser Diskussion beteiligen will, braucht Dubiels kluge, dertailsichere und historisch fundierte Rekonstruktion eines halben Jahrhunderts der "Stellvertreter- Debatten".

Korbinian Brauner

Helmut Dubiel
Niemand ist frei von der Geschichte. Die nationalsozialistische Herrschaft in den Debatten des Deutschen Bundestages
Hanser Verlag, München Wien 1999
14,5 x 22 Zentimeter, 394 Seiten
DM 39,80, öS 291, sFr 38,30


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