Nr. 21, Januar 2000
 
 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv

 
 Leseproben
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 Jorge Semprún
 Chicago
 Zeitgeschichte

 

 

Freier Blick auf eine Stadt

Der Autor mag seinen Gegenstand, offenbar trotz allem: "Es wäre ganz nutzlos abzustreiten, wie liebenswert diese Stadt ist, wie sehr sie für sich einzunehmen versteht. Neben den korruptesten Politikern Amerikas, den gewalttäigsten Gangs und den skrupellosesten Kapitalisten hat sie die sozialsten Bewegungen hervorgebracht, hier hat Reverend Jesse Jackson seine politische Laufbahn begonnen. Unter den Bäumen des Lincoln Parks am blauen See nähern sich Eichhörnchen ohne jede Scheu dem Spaziergänger, um sich füttern zu lassen." So das Vorwort. Und das Buch endet nicht weniger lyrisch, wieder im Park, nachts beim Feuerwerk am 4. Juli: "Und der Menge aus Millionen Menschen entströmt, wie sie da zusammenstehen, eine ungeheure Wärme, eine fröhliche und beharrliche Hoffnung, eine gewaltige Zustimmung, ein Stolz, eine Freude, da zu sein, die dem Betrachter ein durch nichts begründetes, glühendes Vertrauen in die Zukunft einflößt."
Dazwischen erzählt der italienische Soziologe und Journalist Marco d'Eramo vierhundertvierzig aufregende Seiten lang von scheinbar nichts anderem als Chicago: von Holzhäusern beispielsweise. Und in jedem dieser Kapitel gewinnt er dem trockenen Gegenstand eine ungewöhnliche, erhellende Nuance ab. Bei den Holzhäusern liest sich das etwa so:

In einem Wohnzimmer voller Nippesfiguren versetzt der strahlende Held seinem korpulenten Gegner einen gezielten Schlag; der taumelt gegen die Wand und bricht durch, rollt auf den grünen Rasen vor dem Haus und bleibt dort betäubt liegen. Wie oft hat jeder von uns solche Szenen in amerikanischen Filmen gesehen und sie als Beweis für die unglaubliche Muskelkraft der Helden des Zelluloids betrachtet. In Wahrheit aber sind diese Bilder durchaus realistisch, und jedermann wäre in der Lage, die Wand eines amerikanischen Wohnzimmers zu durchschlagen, weil die "Mauern" tatsächlich nur aus dünnen Brettern bestehen.
Amerikanische Filme sind immer wieder überraschend realistisch, und zwar ganz im Sinne des "figuralen Realismus", wie ihn Erich Auerbach für die mittelalterliche Literatur Europas herausgearbeitet hat.

Die Mehrheit der fortgeschrittensten Nation der Welt, stellt der Autor verblüfft fest, lebt derzeit in Holzhäusern. Von hier aus entdeckt er, weitersuchend wie ein gebildeter Privatdetektiv, nicht nur das Holz als "Figur der Authentizität", sondern konkret das unfeste Holzhaus aus Zeichen der höheren Beweglichkeit der Bewohner, die Philosophie der Trailers und "mobile homes" und die gestiegene Mobilität der modernen Senioren.
Da der Besitz, in diesem Fall das eigene Heim, "geheimnisvolle, unvorhersehbare Konsequenzen" hat, bleibt die Entwicklung da auch nicht stehen. D'Eramo über die von einer Privatpolizei bewachten autarken Wohnkomplexe (die "Utopie der belagerten Festung", auf die er später noch einmal zu sprechen kommt):

Aus dem Haus als Tempel der Familiengottheiten war das Haus als Ware geworden, und dann wurde auch die Stadt zur Ware, die man wechseln, kaufen, verkaufen und an der Börse handeln kann. Durch das Eigentum erweist sich die Welt der Waren als der Welt der Politik verwandt, weil der Besitz in einer Gesellschaft, die sich auf das Eigentum gründet, die höchste Form der Souveränität darstellt. So entsteht die contradictio in adjecto der privaten Regierung, einer privaten res publica, in der die öffentliche Dimension unter die private subsumiert ist. In dieser privaten Stadt hofft der Hausbesitzer den Übeln der öffentlichen Stadt, ihrer Kriminalität, ihrem Schmutz und ihren Krankheiten zu entrinnen, gleichzeitig aber alle Annehmlichkeiten städtischen Lebens zu erhalten. Die private Stadt stellt deshalb die extremste und vollendetste Form der suburb dar, in der der Egoismus zum Moralkodex erhoben und die Rassentrennung sanktioniert ist. Man muß keine Angst vor Fremden haben, denn Eindringlinge werden sofort erschossen, und man muß nur ein bißchen auf den Stacheldraht aufpassen.

Spannend, konkret, faktenreich und zuverlässig recherchiert erfahren wir, wie sich Chicago durch zwei Erfindungen im Transportwesen verändert hat: die Eisenbahn und die Tram, durch die plötzlich Waren (das heißt hier: Tiere) für die Schlachthöfe über Tausende von Kilometern und Arbeiter aus neuen Satellitenstädten zu denselben Schlachthöfen transportiert werden konnten (wobei dann aber, vollendet durch den eigenen Pkw und die Autobahnen, die Straße als "Sphäre des öffentlichen Lebens" ausgedient hatte).
Eine persönliche Zwischenbemerkung: Dies ist der erste Autor, der mir verständlich erklärt hat, was Futures, Options und Derivate sind (nicht zufällig, denn die Futures etwa mit Schweinebäuchen wurden schließlich hier in Chicago erfunden).
Im zweiten Teil des Buches berichtet d'Eramo dann von den Einwanderern, vor allem Iren und Deutschen (wobei diese zeitweise dreißig deutschsprachige Tageszeitungen allein in Chicago herausgaben). Man kommt sich mit unseren städtischen Ausländeranteilen fast überempfindlich vor: In Chicago stellten die Immigranten im letzten Jahrhundert bis zu siebzig Prozent der Einwohner. Und doch: Der berühmte "melting pot", weist d'Eramo nach, hat nie funktioniert, die Ethnien blieben unter sich. Was die deutsche Kolonie betrifft, so war es allerdings nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr opportun, sich als Deutscher zu kennzeichnen. Damals wurden die "Frankfurters" zu "hot dogs" umgetauft, die Umbenennung von "sauerkraut" in das kindische "liberty cabbage" hat sich nicht durchgesetzt.
Der dritte Teil befaßt sich vor allem mit den sogenannten "Chicago Boys", den inzwischen weltweit agierenden Fundamentalisten einer modernen Sekte, die mit leidenschaftlicher Hingabe an die unsichtbare Hand des Marktes glaubt. Ihr Gründungsort und ihre Zentrale ist die University of Chicago, die auf ihrem Gelände bereits den idealen Minimalstaat, der das Geschehen der Wirtschaft nicht mehr durch Eingriffe stört, verwirklicht hat:

Hier auf dem Campus und Umgebung finden sich die Symptome dessen, was Nozick den "Ultraminimalstaat" nennt: Der Minimalstaat, der Polizeistaat wäre noch allzu "umverteilend", denn durch die Steuern einiger weniger würde die körperliche Unversehrtheit aller finanziert, und also würden durch die Polizei Mittel umverteilt (eine grauenhafte Vorstellung!). "Ein Ultraminimalstaat" hingegen "hat das Monopol auf alle Gewaltanwendung außer bei Notwehr und schließt damit Vergeltung [...] durch Privatpersonen [...] aus; doch er bietet Schutz- und Durchsetzungsleistungen nur denjenigen, die sie von ihm kaufen. Wer keinen Schutzvertrag kauft, genießt keinen Schutz." Wer auf der Straße aufgegriffen wird und keinen öffentlichen Schutz genießt, dem kommt die Polizei nicht zu Hilfe. Für die Unversehrtheit gilt somit, was für die Gesundheit in einem privaten Gesundheitsvorsorgesystem gilt: Geheilt wird, wer zahlt. Und die Universität von Chicago zahlt. Sie bezahlt eine Privatpolizei, die mit 13 Patrouillenwagen (für eine Fläche von nur drei Quadratkilometern) und allen Vollmachten der Polizei ausgestattet ist und 80 Prozent der Verhaftungen vornimmt. Selbstverständlich geschieht in diesem Viertel jährlich nur ein Mord und rund ein Dutzend Diebstähle, während draußen, jenseits der unsichtbaren Grenze in den benachbarten Ghettos zig Morde, Hunderte von Überfällen und Tausende von Diebstählen registriert werden.

"Man muß sich fragen", fährt der Autor fort, "wie man auf diese Weise leben kann, im Belagerungszustand, in ständiger Angst, immer bereit, die Polizei zu rufen, bedacht darauf, die Schwelle zur Hölle nicht zu überschreiten, eingesperrt in einer eigenen colony, einer belagerten Festung. Welcher Bildungsbegriff sich wohl daraus ergibt?"
D'Eramo entdeckt in der Geschichte dieser Stadt eine erstaunliche Fülle historisch relevanter Ereignisse und Entwicklungen: die Anfänge der urbanen Architektur, das Kastenwesen der Immigranten (einschließlich kastenloser "Unberührbarer"), das Aufkommen und die Zerschlagung der frühen Gewerkschaften, die planmäßige - und bizarr bürokratisch gestützte - Erfindung ethnischer "Identitäten", den geschmeidigen Zusammenhang zwischen Korruption und Politik, den "Lumpenkapitalismus" der armen Kleinunternehmer, die Entstehung des derzeit unangefochtenen Wirtschafts-Credos.
Und er vergleicht zuletzt die Ghettos von Chicago mit den Slums von Manchester, wie Engels sie beschrieben hat: Sie sehen sich ziemlich ähnlich, und die kleinen Unterschiede machen nachdenklich: Die modernen Ghettos sind nicht mehr von Arbeitern bewohnt sind, sondern von Arbeitslosen, nicht von Weißen, sondern von Farbigen, und auf den öden, menschenleeren Straßen von Chicago herrscht nicht mehr das bunte Treiben der englischen Slums.
Eine notwendige und in allem Ernst kurzweilige Weiterbildung.

Philipp Reuter

Marco d'Eramo
Das Schwein und der Wolkenkratzer
Antje Kunstmann Verlag, München 1996
14 x 21,5 Zentimeter, 462 Seiten
DM 48,--, öS 350, sFr 46,--


Ihr Kommentar

 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv