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Freier Blick auf eine Stadt Der Autor mag seinen Gegenstand, offenbar trotz allem: "Es wäre
ganz nutzlos abzustreiten, wie liebenswert diese Stadt ist, wie sehr
sie für sich einzunehmen versteht. Neben den korruptesten Politikern
Amerikas, den gewalttäigsten Gangs und den skrupellosesten Kapitalisten
hat sie die sozialsten Bewegungen hervorgebracht, hier hat Reverend
Jesse Jackson seine politische Laufbahn begonnen. Unter den Bäumen
des Lincoln Parks am In einem Wohnzimmer voller Nippesfiguren versetzt der
strahlende Held seinem korpulenten Gegner einen gezielten Schlag; der
taumelt gegen die Wand und bricht durch, rollt auf den grünen Rasen
vor dem Haus und bleibt dort betäubt liegen. Wie oft hat jeder
von uns solche Szenen in amerikanischen Filmen gesehen und sie als Beweis
für die unglaubliche Muskelkraft der Helden des Zelluloids betrachtet.
In Wahrheit aber sind diese Bilder durchaus realistisch, und jedermann
wäre in der Lage, die Wand eines amerikanischen Wohnzimmers zu
durchschlagen, weil die "Mauern" tatsächlich nur aus
dünnen Brettern bestehen. Die Mehrheit der fortgeschrittensten Nation der Welt, stellt der Autor
verblüfft fest, lebt derzeit in Holzhäusern. Von hier aus
entdeckt er, weitersuchend wie ein gebildeter Privatdetektiv, nicht
nur das Holz als "Figur der Authentizität", sondern konkret
das unfeste Holzhaus aus Zeichen der höheren Beweglichkeit der
Bewohner, die Philosophie der Trailers und "mobile homes"
und die gestiegene Mobilität der modernen Senioren. Aus dem Haus als Tempel der Familiengottheiten war das Haus als Ware geworden, und dann wurde auch die Stadt zur Ware, die man wechseln, kaufen, verkaufen und an der Börse handeln kann. Durch das Eigentum erweist sich die Welt der Waren als der Welt der Politik verwandt, weil der Besitz in einer Gesellschaft, die sich auf das Eigentum gründet, die höchste Form der Souveränität darstellt. So entsteht die contradictio in adjecto der privaten Regierung, einer privaten res publica, in der die öffentliche Dimension unter die private subsumiert ist. In dieser privaten Stadt hofft der Hausbesitzer den Übeln der öffentlichen Stadt, ihrer Kriminalität, ihrem Schmutz und ihren Krankheiten zu entrinnen, gleichzeitig aber alle Annehmlichkeiten städtischen Lebens zu erhalten. Die private Stadt stellt deshalb die extremste und vollendetste Form der suburb dar, in der der Egoismus zum Moralkodex erhoben und die Rassentrennung sanktioniert ist. Man muß keine Angst vor Fremden haben, denn Eindringlinge werden sofort erschossen, und man muß nur ein bißchen auf den Stacheldraht aufpassen. Spannend, konkret, faktenreich und zuverlässig recherchiert erfahren
wir, wie sich Chicago durch zwei Erfindungen im Transportwesen verändert
hat: die Eisenbahn und die Tram, durch die plötzlich Waren (das
heißt hier: Tiere) für die Schlachthöfe über Tausende
von Kilometern und Arbeiter aus neuen Satellitenstädten zu denselben
Schlachthöfen transportiert werden konnten (wobei dann aber, vollendet
durch den eigenen Pkw und die Autobahnen, die Straße als "Sphäre
des öffentlichen Lebens" ausgedient hatte). Hier auf dem Campus und Umgebung finden sich die Symptome dessen, was Nozick den "Ultraminimalstaat" nennt: Der Minimalstaat, der Polizeistaat wäre noch allzu "umverteilend", denn durch die Steuern einiger weniger würde die körperliche Unversehrtheit aller finanziert, und also würden durch die Polizei Mittel umverteilt (eine grauenhafte Vorstellung!). "Ein Ultraminimalstaat" hingegen "hat das Monopol auf alle Gewaltanwendung außer bei Notwehr und schließt damit Vergeltung [...] durch Privatpersonen [...] aus; doch er bietet Schutz- und Durchsetzungsleistungen nur denjenigen, die sie von ihm kaufen. Wer keinen Schutzvertrag kauft, genießt keinen Schutz." Wer auf der Straße aufgegriffen wird und keinen öffentlichen Schutz genießt, dem kommt die Polizei nicht zu Hilfe. Für die Unversehrtheit gilt somit, was für die Gesundheit in einem privaten Gesundheitsvorsorgesystem gilt: Geheilt wird, wer zahlt. Und die Universität von Chicago zahlt. Sie bezahlt eine Privatpolizei, die mit 13 Patrouillenwagen (für eine Fläche von nur drei Quadratkilometern) und allen Vollmachten der Polizei ausgestattet ist und 80 Prozent der Verhaftungen vornimmt. Selbstverständlich geschieht in diesem Viertel jährlich nur ein Mord und rund ein Dutzend Diebstähle, während draußen, jenseits der unsichtbaren Grenze in den benachbarten Ghettos zig Morde, Hunderte von Überfällen und Tausende von Diebstählen registriert werden. "Man muß sich fragen", fährt der Autor fort, "wie
man auf diese Weise leben kann, im Belagerungszustand, in ständiger
Angst, immer bereit, die Polizei zu rufen, bedacht darauf, die Schwelle
zur Hölle nicht zu überschreiten, eingesperrt in einer eigenen
colony, einer belagerten Festung. Welcher Bildungsbegriff sich
wohl daraus ergibt?" Philipp Reuter |
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