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Die sprechenden Narben Jorge Semprún ist Europäer, heimatvertrieben, weise, belesen,
Schriftsteller und Politiker und dann auch noch KZ-Überlebender.
Menschen wie ihn gibt es nicht mehr viele. Die ältere der Nonnen aus der Wäschekammer,
diejenige, die die Inspektion des für jeden Internen vorgeschriebenen
Gepäcks leitete, legte die Unterhose auf die Theke, die uns trennte.
Sie wartete darauf, dass die jüngere ein weiteres Wäschestück
aus meinem Koffer nahm, der offen auf der langen Fläche aus polierten,
gewachstem, sich sanft anfühlendem Holz stand. Wir sind im Jahr 1939, und der Junge "war fünfzehn, als der
spanische Krieg verloren war." Der Vater, Auslandsvertreter der
jungen Republik Spanien, ist nach dem Sieg der Franco- Truppen in Holland
gestrandet und hat seinen Sohn ins Internat nach Paris gebracht. Schon
hier, auf den ersten zwei Seiten von Semprúns Erinnerungen, sind
die beiden Stränge - persönliche Erlebnisse und politische
Entwicklungslinien - ineinandergeflochten. Die frühe Verletzung
geschieht ihm zweifach: durch die Inspektion der Unterwäsche und
durch den Verlust des Heimatlandes an das Franco-Regime. Und da kam es mir so vor, als sei der im feinen hartnäckigen
Frühlingsregen sich ausbreitende graue feuchte Fleck auf den angeschlagenen
Zeitungsblatt eine visuelle Metapher, die auf seltsame Weise zu meinen
Gefühlen paßte. Als ob das angstvolle Unbehagen, die Übelkeit,
die körperliche Traurigkeit, die ich empfand, sich in den aufgelösten,
aufgeweichten Fasern meines Körpers, in der trostlosen Landschaft
meiner Seele ebenso ausbreiteten wie der feuchte Fleck auf jenem Zeitungsblatt. Die Beschreibung ist meisterlich: keine falsche, angeblich miterlebende
Unmittelbarkeit, sondern eine (speziell durch dieses "wir mir scheint")
aus der erwachsenen Distanz verdichtete Erinnerung. Sie sperrte Mund und Augen auf, aufrichtig bewegt. Und nicht ohne Grund. Denn das Gedicht war herrlich. Natürlich war es nicht von mir. Ich hätte ihr nur unbeholfene, noch kindliche Gedichtfetzen aufsagen können. Ich hatte mich dafür entschieden, ihr einige Verse von Rafael Alberti zu rezitieren. Zur Zeit, als er Sobre los ángeles schrieb, das Buch, aus dem das Fragment stammte, war Alberti bereits Kommunist. Nicht aber seine Poesie. Ich meine: seine Poesie stand einzig im Dienst ihrer selbst, im Dienst der Entdeckung der Schönheit, der Schönheit der Entdeckungen. Dabei ist er in dieser Szene, gesteht er uns, immer noch schüchtern
(allerdings nicht in allem: "Meine Schüchternheit betraf immer
nur Gefühle und soziale Beziehungen, aber niemals Ideen oder Überzeugungen.").
Was ihm in der gewiß drangvollen Situation bei Tisch weiterhilft,
ist die Poesie. Und die Gespanntheit der Szene besteht darin, dass wir
nicht genau wissen, ob die Sexualität das Gedicht hervortreibt
oder - umgekehrt - die Poesie überhaupt erst die Wahrnehmung der
Sexualität ermöglicht; übrigens: auch an der gut in der
Schwebe gehaltenen Reaktion der Reedersgattin ist die Antwort nicht
abzulesen. Mit anderen Worten: Auch das Liebesobjekt des Autors, präziser:
"das Glück des anderen" (Semprún), betritt dieses
neue Universum, das aus Literatur und Leben gemacht ist. Unnachahmlich. Ich mochte den Gedanken nicht, in die Rolle des Überlebenden, des glaubwürdigen, achtenswerten und Mitgefühl verdienenden Zeugen verbannt zu sein. Angst packte mich bei dem Gedanken, diese Rolle mit der Würde, der Zurückhaltung und dem tiefen Ernst eines vorzeigbaren - menschlich und politisch korrekten - Davongekommenen spielen zu müssen. Gleichzeitig bleibt er ein Gebrannter, ein Verwundeter, aber mehr durch den spanischen Bürgerkrieg, in dem es ebenfalls um Freiheit ging, die republikanische Freiheit. Schon hier hat der Autor gelernt: "Das Leben ist der Güter höchstes nicht" (Schiller). Oder in Semprúns eigenen Worten: Es ist schon immer ein historisches Desaster gewesen,
das Leben als höchsten Wert anzusehen. Die reale Welt wäre
unaufhörlich in die Sklaverei, die gesellschaftliche Entfremdung
oder den selbstzufriedenen Konformismus zurückgefallen, wenn die
Menschen das Leben stets als höchsten Wert betrachtet hätten.
... Die Stimme dieses Mannes wird uns eines Tages abgehen. Spätestens
dann nämlich, wenn niemand mehr durch historische Verletzungen
hindurch erwachsen geworden ist, wie Semprún sie ertragen mußte
und ohne Haß in seine Person eingearbeitet hat, auch literarisch.
Wenn es nur noch Selbstzufriedenheit gibt, aber keine Wunden mehr, die
in einer so liebenswürdigen Sprache zu uns sprechen. Fritz R. Glunk Jorge Semprún |
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