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Joseph von Westphalen
Dichtung und Wahnsinn
Ganz tief unten. Ich war wirklich ganz tief unten. Das sagen viele,
und sie sagen es oft. Und oft nicht zu Recht. Ich habe es noch nie gesagt.
Ich darf es auch einmal sagen.
Ich hatte mir viel vorgenommen. Ich hatte einen Romanzyklus schreiben
und mich in verschiedener Hinsicht damit sanieren wollen. Nicht daß
ich damit reich und berühmt werden wollte. Ich bin kein Anfänger,
kein Vollträumer. Aber etwas reicher und berühmter dürfte
ich schon sein. Das hatte ich langsam verdient, fand ich. Zugleich,
vielleicht sogar vor allem, hatte ich mit diesen Romanen die Herzen
von verschiedenen entsprungenen Frauen, besonders das von einer, zurückerobern
wollen.
In meinem Überschwang hatte ich nie ein Geheimnis daraus gemacht,
warum ich Romane schrieb: um einerseits mein Liebesleben zu ordnen,
und andererseits, um die nötige Verwirrung zu schaffen, die ein
vielfältiges Liebesleben zu Gedeihen braucht. Ferner, um in meinen
Büchern versteckt Entschuldigungen und Versöhnungsangebote,
aber auch neue Lockrufe und Suchanzeigen auszubringen, auch um Verbesserungsvorschläge
zu unterbreiten. "Pour corriger la réalité",
hatte ich einem Journalisten einmal verraten. Das klang nicht schlecht,
und es war nicht einmal falsch. Für meine Bücher saugte ich
mein Leben aus, und mit meinen Büchern finanzierte ich mein Leben.
Der Kreislauf gefiel mir. Ich konnte nur schreiben, wenn ich über
beide Ohren verliebt war. Nicht leicht für einen Ehemann.
Noch schwieriger für meine Frau. "Wie kommt Ihre Frau damit
klar?" wurde ich immer wieder gefragt. Als Antwort schrieb ich
einen kleinen Sommerroman, der von einem Dichter handelt, der nur schreiben
kann, wenn er frisch verliebt ist. Seiner Frau wird das zuviel. Das
muß nicht sein! Immer wenn der Dichter gerade dabei ist, anreisende
Frauen in einem verschwiegenen Hotel am Ort unterzubringen, kriegt es
seine scharfsinnige Frau mit, und sie fordert die Liebsten ihres Mannes
liebenswürdig und unwiderstehlich auf, doch bei ihnen zu Hause
im großzügigen Gästezimmer zu übernachten. Charmant
wie sie ist, freundet sie sich blitzartig mit ihnen an und entschärft
auf diese Weise allmählich seinen ganzen Harem. Mit der neuen Freundin
seiner Frau kann auch ein Dichter mit lockerer Moral nicht mehr ohne
weiteres ein Verhältnis haben. Doch als die letzte der Geliebten
unschädlich gemacht ist, währt der Triumph der schlauen Gattin
nicht lang. Denn ihrem Dichtermann fällt nun tatsächlich nichts
mehr ein. Wovon sollen sie leben? Schließlich ist sie gezwungen,
neue Geliebte für ihn auszusuchen und sie zuzuführen. Und
er ist wählerisch.
Meine Frau las den kleinen Roman. "Hättest du wohl gern!"
Ich hätte geschworen, daß sie diesen Satz sagt. Mitleidig.
Hättest du wohl gern. Statt dessen brachte sie mich völlig
in Verwirrung mit ihrem Urteil. "Das beste, was du je geschrieben
hast", sagte sie. Mehr nicht. Sie ist nicht berechenbar. Deswegen
liebe ich sie noch immer. Leider nicht nur sie. So bin ich nun mal.
Ich bin allerdings kein Mensch, der von einem erotischen Abenteuer zum
andern taumelt. Ich möchte nicht, daß ein falsches Bild von
mir entsteht. Erotische Abenteuer lehne ich ab. Schon den Ausdruck kann
ich nicht ausstehen. "Erotisches Abenteuer." Ich mag es auch
nicht, wenn man Sex als Genuß bezeichnet. Sex ist nicht zum Fressen,
und Liebe schon gar nicht. Sie ist wichtiger. Sie ist wie Luft. Ich
habe die Frauen und die Liebe immer ernst genommen. Ich bin kein Mensch,
der in der Gegend herumfickt.
Eine gute Weile hatte es so ausgesehen, als würde die Rechnung
aufgehen. Es war das Zeitalters des fröhlichen Wirtschaftswachstums
überall. Auch in meinem Einmannbetrieb effektive Hochleistungsproduktion.
Glänzende Vorschüsse, in denen ich mich aalte wie in einem
Vollbad. Alles bestens automatisiert. Jeder Liebesbrief, den ich schrieb,
hatte einen doppelten Sinn: Er brachte mich nicht nur näher an
das erotische Ziel, er wanderte auch sofort, nur wenig verwandelt, in
die Literatur. Das heißt, ich verlor keine Zeit. Wenn ich private
Briefe schrieb, arbeitete ich gleichzeitig an meinem Roman. Wenn ich
den Frauen nachstellte, tat ich immer auch etwas für meine Geschäfte.
Beneidenswert, ich weiß. Manchmal hinkte der Roman, den ich schrieb,
der Wirklichkeit nur ein, zwei Tage hinterher. Manchmal überholte
er die Wirklichkeit, und ich hatte den Krach, die Versöhnung oder
die neuartigen Öbsönitäten schon beschrieben, die mich
erst eine Woche später wirklich beutelten.
Ein paar fette Jahre konnte ich in höchst realer Achtlosigkeit
herumliegende Liebesbriefe glaubhaft als literarische Fingerübungen
oder als Romankapitelbestandteile deklarieren und meine Frau immer wieder
davon abhalten, sich scheiden zu lassen, was mich finanziell ruiniert
und mir die Basis für mein erotisches Wildern genommen hätte.
Meine Frau nannte ich in meinem Romanen Helene, meine Hauptgeliebte
hieß Ines. Wenn mein Held seiner Ines erklärt, warum er es
falsch fände, sich von seiner Helene scheiden zu lassen, um mit
ihr, Ines, gottweißwo ein neues Leben zu beginnen, zu dem er gleichwohl
große Lust habe, so brauchte ich diese Peinlichkeit meiner echten
Ines nicht auseinanderzusetzen. Sie konnte es nachlesen. Mein Leben
war bunt, bequem und witzig, meine Arbeit war ein Vergnügen, und
ich verdiente gutes Geld.
Das Elend fing an, als Ines sich verabschiedete. Aus heiterem Himmel.
Ich war an Liebe gewöhnt, nicht an Leid. Ich konnte meinem Lieeskummer
nichts entgegensetzen, und er fing an, mich auszuhöhlen.
Wenn man vom Schreiben lebt, ist Hohlsein kein guter Zustand. Mir fiel
nichts mehr ein. Zwölf Jahre lang hatte mir die Liebe Schwung und
Stoff gegeben. Der ungewohnte Mangel, der manche zu Künstlern macht,
wollte mich nicht beflügeln.
Der Teufel scheißt auf den dicksten Haufen, sagt der Volksmund,
die alte Schnauze. Und der Millionär, der Affe, behauptet steif
und fest, daß die erste Million die schwerste sei. Der weitere
Reichtum wächst einem angeblich von selbst zu. Das Akkumulationsgesetz
waltet in allen Bereichen. Ich kann das bestätigen. Hat man eine
schöne Liebesgeschichte, kommen gleich zwei, drei vier, fünf
dazu.
Zwölf Jahre hatte ich mit dem Koordinieren der Liebe alle Hände
voll zu tun gehabt. Zwölf Jahre war es gut gegangen. Ich weiß
bis heute nicht, warum mir Ines entglitt. Und schon rutschten sie alle
weg. Erosion. Weg war Ines, weg waren meine anderen Liebesgeschichten.
Ich weiß nicht, für wen die Folgen verheerender waren, für
mein Gemüt oder für meinen Ruf als Schriftsteller. Mein weites
Herz wurde eng, und ich konnte immer nur das gleiche schreiben: Wie
ein Mann von den Frauen und damit von allen guten Geistern verlassen
wird. Mein Witz und meine Heiterkeit kamen mir abhanden, weil mir die
Liebe abhanden gekommen war. Was für ein feuchter Christensatz:
weil mir die Liebe abhanden gekommen war. So dachte ich, so schrieb
ich. Der Liebeskummer hatte meinen Stil versaut.
aus dem Anfang des 2000 oder 2001 erscheinenden Romans
"Dichtung und Wahnsinn".
Ihr
Kommentar
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