Nr. 21, Januar 2000

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Kommentar
Gastkolumne

 

 

Der freie Fall

Die Freiheiten, die sich der Neo-Liberalismus gern herausnähme, sind gar nicht so neu. Sondern die zwanghafte Wiederholung des Versuchs, eine mühsam erworbene menschliche Kultur und ihre immer prekäre Zivilität auszuhöhlen.
Man muß, um dies in erstaunlicher Klarheit zu sehen, gar nicht an das "Schwarzbuch Kapitalismus" von Robert Kurz erinnern. Eher lohnt sich schon ein Blick in "The Doubter's Companion" von John Ralston Saul, etwa beim Stichwort "free" und den seltsamen Oxymora, die mit diesem Zauberwort neuerdings ins Kraut schießen (etwa "freistellen").
Die eigentliche Enthüllung aber liegt noch woanders, etwas länger zurück, im Jahr 1795. Und zwar im Werk eines Moralphilosophen, dessen ungebremste Konsequenz den aufklärerischen, "freiheitlichen" Aufbruch geradewegs zu den Chicago Boys führt. Die sieben Dialoge, so das Kindler Literatur Lexikon, fassen des Autors "machiavellistische Philosophie des radikalen Egoismus ... in geschlossener Weise zusammen". Auch dieser Autor - ganz wie unsere Neo-Liberalen - wünscht sich die Befreiung des Individuums aus allen einschränkenden Bindungen und verlangt dazu die Abschaffung aller hemmenden Gesetze und Normen.
Der Autor ist Donatien-Alphonse-François Marquis de Sade und das bahnbrechende Werk "Die Philosophie im Boudoir oder Die lasterhaften Lehrmeister".
Auch der Marquis war ein Gegner jeder staatlichen Umverteilung; speziell aus der Sozialhilfe sollte sich der Staat heraushalten (kurz zuvor hatte schon der Reverend Joseph Townsend festgestellt, dass die großzügige Fürsorge bei den Armen "Hoffnung und Angst" zerstört, die doch erwünschten "Triebfedern des Arbeitseifers"). Die Wohltätigkeit, erklärt de Sades Held Dolmancé zeitgemäß,

"gewöhnt den Armen an Hilfe, die seine Energie untergräbt; er arbeitet nicht länger, wenn er sich eurer Barmherzigkeit vergewissert, und wird, sobald sie aussetzt, zum Dieb und Mörder. Von allen Seiten höre ich, wie man nach Mitteln sucht, die Bettelei zu unterdrücken, und währenddessen tut man alles, um sie zu vermehren. Wollt ihr vermeiden, dass Fliegen in euer Zimmer kommen? Dann stellt keinen Honig hin, der sie anzieht. Wollt ihr, dass es keine Armen mehr in Frankreich gibt? Verteilt keine Almosen mehr und schließt vor allem eure Wohltätigkeitsanstalten. Der im Unglück geboren ist und sich dieser gefährlichen Hilfsmittel beraubt sieht, wird allen Mut zusammennehmen, den er von der Natur mitbekommen hat, um sich aus dem Zustand herauszuarbeiten, in dem er geboren wurde; er wird euch nicht länger in Verlegenheit setzen. Zerstört, reißt mitleidlos die gräßlichen Häuser nieder, in denen ihr, unverschämt, wie ihr seid, die Früchte der Libertinage des Armen verbergt, diese abscheulichen Kloaken, die jeden Tag einen wiederwärtigen Schwarm neuer Kreaturen in die Gesellschaft erbrechen, die nur von der Hoffnung auf euren Geldbeutel leben."

Das ist der in vorbildlicher Weise ausgefaltete Neo-Liberalismus. Herkömmliche Wohltaten, sagen wir mal: Sicherheit oder Gesundheit, werden demnach nicht mehr gratis verteilt; sondern es kriegt sie nur noch der, der dafür bezahlen kann. Wer es nicht kann, ja mein Gott, der geht eben unter, irgendwie verdient, wie ein unrentables Unternehmen. Was soll das staatsinterventionistische Geschrei: Der Stärkere überlebt doch, und sei es in "Hoffnung und Angst". Früher hieß das mal Sozialdarwinismus (ein häßliches Wort, das von der Neuauflage der de Sadeschen Philosophie lieber vermieden wird).
Wir sehen: Man muß die alt-neue Wirtschaftsphilosophie nur so konsequent ("mitleidlos") zu Ende denken wie der "göttliche" Marquis, und die störenden Übel dieser Gesellschaft (Armut zum Beispiel) verschwinden ganz von allein. Das schöne Ergebnis ist natürlich "nicht zum Nulltarif zu haben"; wir lassen dafür nur ein paar überkommene Werte wie Mitmenschlichkeit hinter uns zurück.
Im Klartext: Die Freiheit des Neo-Liberalismus ist der freie Rückfall in den vorzivilisatorischen Naturzustand.

Anatol (der den Hinweis auf den de-Sade-Text dem von solchen Informationen funkelnden "Chicago"-Buch d'Eramos verdankt)

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