Nr. 21, Januar 2000

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Interview
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

 

Interview mit Alexander Korund, Projektleiter Leipziger Literarischer Herbst 1999

Herr Korund, im Herbst 1999 fand der 9. Literarische Herbst in Leipzig statt. Wie war die Resonanz?
Wir hatten etwa 4500 Besucher.

1998 waren es 6000 Besucher ...
Ja – 1998 hatten wir auch doppelt so viele Veranstaltungen.

Aus welchem Grund wurde nur die Hälfte der Veranstaltungen angeboten?
Wir haben uns gedacht, daß wir mehr auf Qualität setzen – bei weniger Veranstaltungen kann mehr darauf geachtet werden, daß es publikumskompatibel ist. Man kann sich auch besser um die Autoren kümmern. Und last but not least ist es eine Geldfrage.

Nach welchen Kriterien wurden die Autoren ausgewählt?
Die Literaturvereine machen Angebote für Veranstaltungen – von dem Leipziger Literaturverein Die Fähre bis zum Leipziger Literaturkreis. In diesem Jahr wurde, was die Vorschläge der Vereine betrifft, sehr selektiert.

Das heißt?
Es ging uns nicht um große Namen, es ging darum, ob der Vorschlag dem Thema entspricht. Rühmkorf beispielsweise, der auch vorgeschlagen wurde, ist nicht in die Auswahl aufgenommen worden, weil er thematisch nicht ins Programm paßte.

Das Thema lautete ja "Im fliegenden Wechsel schreiben" und bezog sich auf "10 Jahre Wende". Standen auch andere Themen zur Diskussion?
Kurz wurde der Vorschlag diskutiert, etwas zum Millennium zu machen. Aber das war schnell vom Tisch. "10 Jahre Wende" bot sich als Thema im Jahr 1999 natürlich an. Wir sind davon ausgegangen, daß das Publikumsinteresse da wohl am stärksten ist. Und das hat sich bestätigt.

Im Jubiläumsjahr 1999 gab es allerdings viele Veranstaltungen, die sich auf die Wende bezogen. Haben Sie nicht befürchtet, daß die Leute am Ende des Jahres "übersättigt" sind? Das Wort "Millennium" kann ja auch niemand mehr hören ...
Das war, denke ich, keine Gefahr, da in dieser Veranstaltungswoche ja das Literarische im Vordergrund stand - im Gegensatz zu anderen Veranstaltungen, die übers Jahr angeboten wurden und in denen die geschichtlich-politische Dimension thematisiert wurde. Bei uns hingegen ging es um die literarische Verarbeitung des Themenkomplexes "Wende" – die Bedingungen der Wende, die Zeit davor und vor allem natürlich die Zeit danach, die letzten zehn Jahre ...

Welche Autoren sollten in das Programm aufgenommen werden?
Es gab eine Liste, auf der natürlich auch Autoren wie Grass standen. Aber Grass hätte man lange vor der Vorbereitungszeit für den Literarischen Herbst anfragen müssen. Andere ins Programm aufgenommene Autoren waren unter anderem Brussig, Schlesinger, Dieckmann, Hochhuth, Biermann, Christa Wolf.

Wie war die Reaktion der Autoren, die eingeladen wurden, auf das Programm?
"So viele Veranstaltungen an einem Abend, geht das denn gut ..."

Aus Angst, daß zu den eigenen Veranstaltungen keiner kommen könnte?
(lacht) Die Veranstaltung ist in erster Linie für die Leser, nicht für die Autoren. Auf solche Urängste können wir keine Rücksicht nehmen.

Thomas Brussig jedenfalls mußte sich keine Sorgen machen ...
Ja, in diesem Fall kamen leider nicht alle Leute rein.

Und Christa Wolf hat den Buchherbst eröffnet. Wie war die Resonanz?
Insgesamt waren an dem Abend ca. 600 Leute da. Christa Wolf wird ja von den Leipzigern absolut geliebt. Es war eine Art "preview" für ihre Werkausgabe.

Um noch einen großen Namen zu nennen: Adolf Dresen war ins Schauspielhaus Leipzig eingeladen und hat einen Vortrag zu seinen Faust-Inszenierungen und seiner Theaterarbeit im allgemeinen gehalten. Wenige Monate zuvor hatte die Faust- Inszenierung von Wolfgang Engel am Schauspielhaus Leipzig Premiere. Hat man hier versucht, einen Bogen zu schlagen von der Vorwendezeit zu 1999?
Ja, der Hintergedanke war, daß Dresen ja früher wegen seiner Inszenierungen in der DDR politisch angegriffen wurde, heute wird er immer noch angegriffen – aber wegen seiner Ästhetik.

Eine interessante Verschiebung der Wahrnehmung...
Und ein exemplarischer Fall.
Manchmal nimmt das Exemplarische übrigens skurrile Formen an.

Worauf spielen Sie an?
Rolf Hochhuth las aus seinem Roman "Wessis in Weimar". Dabei geht es ja um Ostdeutsche, die ihr Haus für 10 000 Mark verkaufen und später das gleiche Geld für eine Garage zahlen.

Fälle, wie sie sich zuhauf finden. Was ist das Skurrile daran?
Seine Hauptfiguren saßen im Publikum und ließen sich anschließend ihre "Lebensgeschichte"
signieren.

Bei "Ost-West-Themen" spielt Identifikation sicherlich eine große Rolle ... Stießen eigentlich manche Veranstaltungen auch auf Ablehnung bzw. gab es einen "Flop"?
Ja, in der Moritzbastei gab es eine Diskussionsrunde mit Bürgermeister Tiefensee zur Kulturpolitik. Leider waren nur sechs Leute da. Das Problem war, daß wir den Termin kurzfristig vorverlegen mußten, weil Tiefensee einen Fernsehtermin hatte. Kurzfristig wurde er dann wieder rückverlegt. Eventuell wäre auch die Zielgruppe anders anzusprechen gewesen. Vielleicht als Hintergrundinformation: Ende Oktober dieses Jahres sind junge Leute mit Anträgen auf Fördermittel in Scharen ins Kulturamt geströmt. Wir hatten erwartet, daß dieselben Leute in Scharen kommen und den Bürgermeister generell wegen der schlechten Fördersituation zur Rede stellen würden. Vielleicht hätten wir mehr mit Graffiti arbeiten müssen, um die Zielgruppe zu erreichen ...

Gab es auch den Fall, daß der "run" auf einen Autor/ eine Autorin unerwartet groß war?
Bei Daniela Dahn wollten über hundert Leute rein, womit wir nicht gerechnet hatten. Daniela Dahn war in den 80ern eine sehr polemische, streitbare Autorin, um die es nach der Wende ein wenig stiller wurde. "In guter Verfassung" lautet übrigens der Titel ihres neuen Buches.

Daran schließt sich natürlich die unvermeidliche Fragen an: Was meinen Sie, haben Ost- und Westdeutsche unterschiedliche Präferenzen?
Ich denke schon. Ich hatte das Vergleichserlebnis "Daniela Dahn" in Köln, zum Jubiläumskongreß des Verbands der Schriftsteller. Sie trat zusammen mit Günter Wallraff auf. Da waren nur 45 Leute, obwohl der Eintritt frei war.

Warum braucht Leipzig den Literarischen Herbst? Leipzig hat doch schon die Buchmesse!
Wenn man sich die Entwicklung ansieht, so hat sich gezeigt, daß das Publikum sehr am Literarischen Herbst interessiert ist. Der Literarische Herbst war ja ursprünglich als Forum gedacht, als Austauschmöglichkeit für Exilanten, für Autoren, die aus dem Osten in den Westen gegangen sind und denen, die hiergeblieben sind. Die Friedrich-Ebert-Stiftung und der Verband der Schriftsteller haben dieses Forum gemeinschaftlich gegründet. 1991 fand das erstmalig statt. Es gab viele Diskussionsrunden - wie soll es jetzt weiter gehen, es war ja noch alles offen. Und das ist bei den Leuten auf großes Interesse gestoßen. Die Stadt Leipzig hat die Zeichen der Zeit erkannt und den Literarischen Herbst übernommen. Man merkte, es fehlte ein Gegengewicht zur Buchmesse.

Inwiefern?
Es gab zum Gründungszeitpunkt in Leipzig noch keine "euro-scene", keine "Lachmesse" – der Literarische Herbst war nach dem Sommerloch die erste große Veranstaltung. Im Lauf der Jahre ist er in Leipzig immer mehr institutionalisiert worden.

Wer finanziert den Literarischen Herbst seitdem?
Größtenteils die Stadt, ein Teil kommt von Sponsoren wie der Dresdner Bank, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem Kuratorium Haus des Buches.

Wie hoch ist das Budget?
In den Vorjahren hatten wir 120 000 Mark Landesmittel zur Verfügung, dieses Jahr waren es knapp 80 000 Mark.

Hat sich der Literarische Herbst, seit er von der Stadt finanziert wird, gewandelt?
Ja, und hier setzte auch die Kritik an. Der Literarische Herbst war zu groß geworden, ging eigentlich am Publikum vorbei, setzte auf Prominenz und große Namen. Da wurde gesagt: So geht´s eigentlich nicht mehr weiter. Zurück zum Publikum! Wir müssen uns wieder mehr auf das besinnen, was die Leute wollen. Das scheint geklappt zu haben. Wir haben dieses Jahr auf die Zahl der Veranstaltungen umgerechnet im Prinzip weitaus mehr Eintrittsgelder eingenommen als im Vorjahr.

Zurück zum Publikum! Hat das auch eine Rolle gespielt bei der Entscheidung, erstmals einen Poetry Slam zu veranstalten?
Das war der Vorschlag eines Vereins, wir freuen uns sehr, daß wir das realisieren konnten. Er hat übrigens etwa 1/10 gekostet wie die Biermann-Veranstaltung und hat immerhin halb soviel Publikum gebracht. Es kam so gut an bei Publikum und Presse, daß zur Buchmesse geplant wird, den Poetry-Slam mit der gleichen Organisations-Crew zu veranstalten.

Ist das öfters so, daß Literarischer Herbst und Buchmesse ineinandergreifen?
Es gibt ja Reihen, die das ganze Jahr über laufen. Der Slam ist zwar im Herbst begründet worden, ist jetzt aber auch eine Reihe, die dann im Frühjahr eben weitergeführt wird.

Was gibt es noch für Reihen?
Zum Beispiel die von dem Verein Die Fähre regelmäßig veranstalteten "Begegnungen deutscher und ausländischer Autoren". Oder das, was die Literaturzeitschrift EDIT e.V. anbietet, die in diesem Zusammenhang inzwischen auch ein eigenes Profil gewonnen hat und Lesereihen macht, die sich einer bestimmten Literatur verschrieben haben, die pfiffig und peppig ist.

Also stehen sich Literarischer Herbst und Buchmesse inhaltlich doch sehr nah! Worin liegt der Unterschied zwischen diesen beiden Veranstaltungen?
Im Buchmesse-Programm sind die Verlage mit ihren Programmen im Mittelpunkt, nicht die Vereine, die demgemäß auch keine Vorschläge machen können. Die Vereine können nur Vorschläge machen, wenn sie in Kooperation mit einem Aussteller arbeiten. Das ist der größte Unterschied, der für die Existenzberechtigung des Herbstes spricht. Die Buchmesse ist ein Verkaufs-Fest. Der Herbst hingegen will, daß große und unbekannte Autoren nebeneinander lesen, um dem Publikum eine gewisse Bandbreite zu bieten.

Ist es in diesem Zusammenhang schon zu "Entdeckungen" gekommen?
Das ist eigentlich eine interessante Frage, aber schwierig festzustellen, weil wir keine Nachbereitungszeit in Anspruch nehmen können, da die finanziellen Mittel fehlen. Unser Job ist im Dezember beendet. Dabei wäre es schön, gemeinsam über das feedback auf die verschiedenen Veranstaltungen nachdenken zu können.

Macht das denn nicht die nächste Projektgruppe?
Eigentlich nicht.

Weiß man schon, wie es in Zukunft weiter gehen soll?
Das wird noch intern entschieden. Nach dem letzten Erfolg jedenfalls bleibt Leipzig der Literarische Herbst erhalten, nachdem im letzten Jahr die Frage auftauchte, ob er sich totgelaufen hat.
Die Mehrzahl der Entscheidungsträger will den Leipziger Literarischen Herbst.

Was hätten Sie für nächstes Jahr vorgeschlagen?
Populärkultur.

Warum?
Weil es in den letzten Jahren einen Wandel gab in der Vorstellung von Populärkultur. Das ist nicht mehr nur trivial, das hat Qualität und spricht viele Menschen an.

Wie lauteten die Themen der letzten Jahre?
Themen der letzten Jahre waren "Mann und Frau", "Zukunft" , "Generationen" ...

Auch wenn Sie meinen, das Populäre habe sich vom Trivialen emanzipiert und könne bei neuen Themenfindungen Pate stehen – könnten dem Literarischen Herbst nicht langfristig gesehen die Themen ausgehen?
Es heißt auch immer, man könne keine Romane mehr schreiben. Trotzdem werden immer noch Romane geschrieben.

Das Interview führte Maja Das Gupta.

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