Nr. 21, Januar 2000
 
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Jean Paul

Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht

(zweiter Teil und Schluß)

Er trug die schwindelnd ineinander laufende Uhr unter den Spiegel. Fürchterlich war es mir, als ihn der Spiegel nicht mehr abbildete und die andern auch nicht. -
Im Hintergrunde des Zimmers stunden wieder neue unkenntliche Gestalten, die alle streng auf ihre Uhren sahen - Der Schwedenkopf drehte bald umarmende Menschen, bald Herzen aus Brot und fütterte den schwarzen Hund. - Die Jungfrau faltete sanft die Hände empor, aber unter dem Erbeben überzog sich das göttliche Auge des Ringes mit einem weißen Augenlid. - Mein Herz zuckte bange zurück vor dem nächtlichen kalten Anwehen eines hin- und hergeschwungenen Dolchs und vor dem ersten Glockenton, der das Jahrhundert ausmachte.
Der Mond strahlte plötzlich den Jüngling an; groß, unbeweglich, bleich, aber voll Glanz fing er an, ohne der Maske zu antworten, und unter der Rede bebten tiefe Töne am Klavier, aber keine Taste regte sich:
"Es gibt einmal einen letzten Menschen - er wird auf einem Berg unter dem Äquator stehen und herabschauen auf die Wasser, welche die weite Erde überziehen - festes Eis glänzet an den Polen heraus - der Mond und die Sonne hängen ausgebreitet und tief und nur blutig über der kleinen Erde, wie zwei trübe feindliche Augen oder Kometen - das aufgetürmte Gewölke strömet eilig durch den Himmel und stürzet sich ins Meer und fährt wieder empor, und nur der Blitz schwebt mit glühenden Flügeln zwischen Himmel und Meer und scheidet sie* - Schau auf zum Himmel, letzter Mensch! Auf deiner Erde ist schon alles vergangen - deine großen Ströme ruhen aufgelöset im Meere. -
Die alten Menschen, in welchen die früheren Alten lebten, wie Versteinerungen in Ruinen, zergehen unter dem Meere - nur die Welle klinget noch, und alles schweiget, und das Geläute der Uhren, womit deine Brüder die Jahrhunderte wie einen Bienenschwarm verfolgten, regt sich nicht im Meeressand - Bald flattert das noch von dir bewohnte Sonnenstäubchen hinauf, und die größern blinkenden Staubkörner auch; aber die Sonne trägt den Kindersarg der Menschheit leicht am Arm und hüpfet, von deiner Flugerde schwach bestäubt, jugendlich, obwohl kinderlos, mit andern Schwestern um die Muttersonne weiter ... Schwacher Sterblicher! der du vor allem zitterst, was älter wird als du, höre weiter! Auch die Sonnen der Milchstraße ergreifen endlich einander feindlich und umschlingen sich kämpfend zu einer Riesenschlange, und eine chaotische Welt aus Welten arbeitet brennend und flutend - Aber im unendlichen Himmel hängt ihre schwarze und feurige Gewitterwolke nur unbemerkt und klein, weit über und unter ihr schimmern die Sterne friedlich in ihren tausend Milchstraßen. - Vernimm weiter, Erschrockener! In der Ewigkeit kommt ein Tag, wo auch alle diese Straßen und weißen Wölkchen sich verfinstern und wo in der weiten Unermeßlichkeit nur Gewitterwolken ziehen, aus Sonnen gemacht, und wo es dämmert in der ganzen Schöpfung ... Dann ist Gott noch; er steht licht in der Nacht, seine Sonne zog die Sonnen-Wolken auf, seine Sonne zerteilt sie wieder - und dann ist wieder Tag. - - Und nun sprich nicht mehr von der kleinen Vergangenheit der kleinen Erde. - Gott hat den Donner und den Sturm in der Hand und und den Schmerz und ordnet die Ewigkeit - und das weiche Würmchen pflanzet sich doch fort durch die stürmischen Jahrtausende; - aber der Mensch, die Parze der Erde, die auf Würmchen auftrat, und die überall Opfer forderte und machte, klagte über die höhern für das Höchste. - - Der Unendliche und die Sonne waren ihm, so wie seine Erdscholle sich auf- oder unterwärts kehrte, bald im Auf-, bald im Untergang - Tor! Sie haben beide keinen Morgen und Abend, sondern sie glänzen ewig fort, aber sie ziehen mit dir und deinem Ball in die unbekannte Gegend** - - Letzter Mensch, denke nicht nach über die lange Welt vor und nach dir; im Universum gibts kein Alter - die Ewigkeit ist jung - sinke in die Welle, wenn sie kommt, sie versiegt, und nicht du!" -
Der edle Jüngling hatte vor Entzückung die Augen geschlossen, und der Schnee seines Angesichtes war zu Glanz geworden. Plötzlich änderte sich alles in der überirdischen Minute; der Knabe rief schreckhaft: "Es wird 12 Uhr; meine Weiser stehen." Auf der Uhr mit sieben ruhten schon fünfe übereinander, und nur die schnellsten flogen noch um. "Draußen fliegt schon die Taube aus Osten", rief jemand, und die Turmuhr schlug aus.
Ich blickte durch das Fenster, und in den langen Bogen des Fluges zog eine blendende Taube unter den Sternen durch den tief-blauen Hinimel hin; und Luftschiffe voll unbekannter Gestalten jagten nach, und eines ging wie unter Schleiern vorüber, worauf alle Menschen waren, die ich innig geliebt und nur am Grabe verloren habe – und dann schoß eines vorüber, worin der Knabe und die verhüllte Jungfrau ruhten; und Sterne fielen in ihr Schiff, sie aber warfen Rosen aus.
Ich blickte nach dem Zimmer zurück. Welches ringende Geister-Chaos! Die alten Gestalten gingen durcheinander - neue liefen zwischen sie - die Saiten klangen ungespielt - der Knabe, die Jungfrau und der Jüngling waren entflohen - In dem von innen hell erleuchteten Spiegel war nichts als mein sitzendes Bild; dieses richtet sich auf, bewegt sich, tritt nahe vor das Glas und will drohend heraus und sagt, mich ablickend: "O seh' ich mich dort selber? - Warte, Lufterscheinung, ich fürchte dich nicht, ich setze mir, wie Nicolai, einen Blutegel an den After, und dann zerfließest du." - O wie ist der Spieler, der Mensch, ein Spiel! - Glühende Toten-Asche legte sich finster auf mein Auge - das gepreßte Leben schlug gewaltsam gegen die kleinste Ader an - endlich bückte sich der überströmte Kopf und ließ sein heißes Blut aus sich fließen.
Zugleich lauter und dunkler wurd' es um mich; ein schärferes Getöne umfloß den Betäubten und warf höhere Wellen, um das Leben wegzuspülen; aber die Gestalten fingen zu erblassen und zu weichen an, selber die Maske wurde weiß - peinlich dröhnten in meine offnen Adern die langsamen Glockenschläge von 12 Uhr wie Kanonenschüsse neben der Gruft des Jahrhunderts, und ich erwartete bebend den zwölften - aber er verzog, der Tod hielt die Streitaxt des Glockenhammers immer aufgehoben, und die zusammenrinnende Menge, weiß wie Ertrunkne, murmelte immer banger: zwölf, zwölf - - als auf einmal eine blühende, beseelte Erscheinung die Türe öffnete und durch die luftigen Figuren durchging und mit einer teuern lebendigen Stimme meinen Namen nannte: ach es war meine Hermina. O wie der Mensch nur durch den Menschen in das Tageslicht des Lebens tritt, indes er in der auflösenden Einsamkeit auf seinen Geist und Leib nur wie auf einen toten fremden, unter ihm zuckenden Torso niedersieht! -
Durch die gute Erschrockenheit und durch die Krisis des blutenden Natur kam ich aus meinen Bildern zurück, die sich immer mehr verglaseten und sich endlich nur zu zerstreueten Gliedern eines Antikenkabinetts zersetzten. Pfeifenberger hielt sich am längsten und wollte schwer zerfahren, und sogar als er schon verflüchtigt war, streckt' er noch sein Sprachrohr aus. Ich beruhigte die gute Hermina durch Nicolai, dem ähnliche Erscheinungen viel länger zugesetzt*** der sie aber mit besserer Entschlossenheit empfangen als ich.
Wie erstaunt' ich, als mir Hermina sagte, sie habe ihr Wort gehalten, noch früher zu kommen als das 19te Säkulum. Es war erst 11 Uhr; so richtig hatte das innere Ohr, das immer den zwölften Schlag begehrte, mitten unter diesen Stürmen nachgezählt; dieser stille Sonnenzeiger in uns bewies sich schon bei Wahnsinnigen und am Ende bei Schlafenden, die in der vorgesetzten Stunde erwachen. Aber nun war ich für die letzte Szene des fünften Aktes ganz kalt. Ein Jahrhundert schwand ein vor den gigantischen Jahrmillionen, die der Jüngling vorübergeführt; und selber die Lebendigen schienen mir, wie die wunderbare Gesellschaft, sich jetzt leichter zu entfärben und aufzulösen. Die frische Sonne, dacht' ich, wird morgen (wie in ein altes Menschenherz) in das Gebeinhaus des alten Jahrhunderts scheinen auf zerschlagene Statuen, Torsen, Aschenkriege und Ruinen; und sie wird ein neues herüberbringen, das die Erde mit dem Interdikt belegt, das die Altäre entkleidet, die Reliquien vergräbt und die Heiligenbilder mit Disteln bedeckt und die Tempel verschließet. Aber sie tu' es denn! Ein trübes Jahrhundert ist in der langen Jahrszeit der Erde nur ein fliegender Maifrost, eine Sonnenfinsternis; o wie viele und Stürme dazu sind schon bei Frühlingsanfang dagewesen! - Aber das bessere Herz bleibe sich nur treu und verstumme nicht vor der tauben Zeit. Am Nordpol versteinert (nach dem Märchen) der Winter den Strom der Musik, aber in den Frühlingslüften fließen die aufgelösten Töne wieder laut dahin: so wird manches warme Wort erstarren, und die heiligen Laute wird niemand hören; aber sprecht sie aus, es kommt die mildere Zeit, und dann klinget die Äolsharfe aus der rauhen neu.
Weich, aber gestillt stand ich mit Hermina am Fenster vor dem zauberisch wie ein Frühlingshimmel auf die winterlich scharfe Erdennacht herunterleuchtenden Sternengewölbe, und wir feierten sanft die ernste Stunde. Der Mond schwamm einsam in einem weiten reinen Blau, gleichsam das große Auge auf dem Ringe der Jungfrau, und weit von seiner Lilienglocke waren die Marienblümchen kleiner Sterne gesäet. "O wie gut ist es, Hermina" (sagt' ich, als ich ihre von der Reise sanft nachglühenden Wangen ansah) "daß du vorhin nicht unter den Gestalten erschienest, die neben mir blaß wurden - es hätte mich zu sehr ergriffen." - "Du hast ihr Gesicht nicht gesehen", sagte sie, "vielleicht war ich die kniende Gestalt mit dem Schleier." - "Das verhüte Gott" (sagt' ich) "denn die Verschleierte saß mit auf dem Toten-Schiff, das durch den Himmel flog - Rühre mich heute nicht sehr - ich bin ganz aufgelöset, und noch immer schießen mir weiße Gesichter auf, und es tönet mir noch von weitem her." Da ging die Gute, gleichsam um das Tönen zu überstimmen, an das Klavier und sang ihr liebstes Abendlied, mit den betenden Augen an den Sternen liegend; und unter den heiligen Augen, die unser Herz verjüngten und es wieder in seinen ewigen Frühling trugen, löseten sanft und kaum bemerkt die Jahrhunderte einander ab.



Fußnoten:

* Die Astronomie beweiset, daß sich die Erde der Sonne (wie nach Euler der Mond der Erde) in einer Spirale immer näher drehe; und schon die Mechanik beweiset es, da es ebensowenig außer als auf der Erde ein perpetuum mobile geben kann, weil ja Kraft und Zeit im umgekehrten Verhältnis stehen und mithin jene null würde, wenn diese unendlich würde. Aber ehe der Planet zur Sonne wird (wie der Mensch zur Erde), wovon er genommen ist: so ist weniger die Erhitzung des Erdkörpers - die z.B. nicht bisher mit der Sonnennähe am Äquator unter den geraden Strahlen wuchs und die ja nicht vom Sonnen-Abstande abhängt, da wir keine diversen Merkmale desselben in den fernsten und nächsten Planeten entdecken - als seine Überschwemmung zu befürchten, weil - außer dem, daß alle Meere immer gegen den Äquator hinaufströmen - die nähere Anziehung der Sonne, des Mondes und mithin der andern Planeten, wie in den Äquinoktien, fürchterlich die Flut der Meere und ebenso des Dunstkreises und zuletzt der Elektrizität auftreiben und über unsere Ameisenhaufen, die wir vom Maulwurf des Erdbebens geerbet, herüberstürzen muß. (zurück)


** Bekanntlich bewegt sich die Sonne mit ihrem Gefolge nach einem noch unbekannten Ziel im Norden des Himmels. (zurück)


*** Dem Publikum sind die Gestalten, die Nicolais Augen und Ohren erschienen, schon bekannt. Ich kenne drei zartorganisierte und phantasiereiche Mädchen, welche dieselbe optische Plastik quälte. Es kann keinem Psychologen schwer fallen, meine optische Nachdruckerei der Wirklichkeit, diese größern mouches volantes, sich zu erklären, wenn er den Frost, die Nervenschwäche, die Einsamkeit und das Abendessen und Trinken zusammennimmt. Ja jedes Wort der wunderbaren Gesellschaft getrau' ich mir aus den Betrachtungen herzuleiten, die ich nachmittags über die Zukunft angestellt; und selber die drei Akteurs (wie anfangs in der griechischen Tragödie) scheinen nur Söhne und Konterfeie der Charaktere zu sein, denen ich im Aufsatz für dieses Werkchen meine säkularischen Betrachtungen soufflieren wollen. Der Schwedenkopf ist eine offenbare Reminiszenz des wilden Jägers, der jetzt aus dem jungen burschikosen Jena ausreitet und dessen Jagdpersonale, Wildzeug, Hifthörner, Hundekoppel und Weidwerk, am Tageslicht besehen, auf ein Mandel mausender Eulen hinauslaufen. - Manches ist aus den Gemälden meines Zimmers zu erklären, z.B. aus Da Vincis Christus im Tempel. (zurück)

(Zeichnungen: Alfred Kubin)

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