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Jean Paul
Die wunderbare Gesellschaft in der Neujahrsnacht
(zweiter Teil und Schluß)
Er trug die schwindelnd ineinander laufende Uhr unter den Spiegel.
Fürchterlich war es mir, als ihn der Spiegel nicht mehr abbildete
und die andern auch nicht. -
Im Hintergrunde des Zimmers stunden wieder neue unkenntliche
Gestalten, die alle streng auf ihre Uhren sahen - Der Schwedenkopf drehte
bald umarmende Menschen, bald Herzen aus Brot und fütterte den
schwarzen Hund. - Die Jungfrau faltete sanft die Hände empor, aber
unter dem Erbeben überzog sich das göttliche Auge des Ringes
mit einem weißen Augenlid. - Mein Herz zuckte bange zurück
vor dem nächtlichen kalten Anwehen eines hin- und hergeschwungenen
Dolchs und vor dem ersten Glockenton, der das Jahrhundert ausmachte.
Der Mond strahlte plötzlich den Jüngling an; groß, unbeweglich,
bleich, aber voll Glanz fing er an, ohne der Maske zu antworten, und
unter der Rede bebten tiefe Töne am Klavier, aber keine Taste regte
sich:
"Es gibt einmal einen letzten Menschen - er wird auf einem Berg
unter dem Äquator stehen und herabschauen auf die Wasser, welche
die weite Erde überziehen - festes Eis glänzet an den Polen
heraus - der Mond und die Sonne hängen ausgebreitet und tief und
nur blutig über der kleinen Erde, wie zwei trübe feindliche
Augen oder Kometen - das aufgetürmte Gewölke strömet
eilig durch den Himmel und stürzet sich ins Meer und fährt
wieder empor, und nur der Blitz schwebt mit glühenden Flügeln
zwischen Himmel und Meer und scheidet sie*
- Schau auf zum Himmel, letzter Mensch! Auf deiner Erde ist schon alles
vergangen - deine großen Ströme ruhen aufgelöset im
Meere. -
Die alten Menschen, in welchen die früheren Alten lebten, wie Versteinerungen
in Ruinen, zergehen unter dem Meere - nur die Welle klinget noch, und
alles schweiget, und das Geläute der Uhren, womit deine Brüder
die Jahrhunderte wie einen Bienenschwarm verfolgten, regt sich nicht
im Meeressand - Bald flattert das noch von dir bewohnte Sonnenstäubchen
hinauf, und die größern blinkenden Staubkörner auch;
aber die Sonne trägt den Kindersarg der Menschheit leicht am Arm
und hüpfet, von deiner Flugerde schwach bestäubt, jugendlich,
obwohl kinderlos, mit andern Schwestern um die Muttersonne weiter ...
Schwacher Sterblicher! der du vor allem zitterst, was älter wird
als du, höre weiter!
Auch die Sonnen der Milchstraße ergreifen endlich einander feindlich
und umschlingen sich kämpfend zu einer Riesenschlange, und
eine chaotische Welt aus Welten arbeitet brennend und flutend - Aber
im unendlichen Himmel hängt ihre schwarze und feurige Gewitterwolke
nur unbemerkt und klein, weit über und unter ihr schimmern die
Sterne friedlich in ihren tausend Milchstraßen. - Vernimm weiter,
Erschrockener! In der Ewigkeit kommt ein Tag, wo auch alle diese Straßen
und weißen Wölkchen sich verfinstern und wo in der weiten
Unermeßlichkeit nur Gewitterwolken ziehen, aus Sonnen gemacht,
und wo es dämmert in der ganzen Schöpfung ... Dann ist Gott
noch; er steht licht in der Nacht, seine Sonne zog die Sonnen-Wolken
auf, seine Sonne zerteilt sie wieder - und dann ist wieder Tag. - -
Und nun sprich nicht mehr von der kleinen Vergangenheit der kleinen
Erde. - Gott hat den Donner und den Sturm in der Hand und und den Schmerz
und ordnet die Ewigkeit - und das weiche Würmchen pflanzet sich
doch fort durch die stürmischen Jahrtausende; - aber der Mensch,
die Parze der Erde, die auf Würmchen auftrat, und die überall
Opfer forderte und machte, klagte über die höhern für
das Höchste. - - Der Unendliche und die Sonne waren ihm, so wie
seine Erdscholle sich auf- oder unterwärts kehrte, bald im Auf-,
bald im Untergang - Tor! Sie haben beide keinen Morgen und Abend, sondern
sie glänzen ewig fort, aber sie ziehen mit dir und deinem Ball
in die unbekannte Gegend** -
- Letzter Mensch, denke nicht nach über die lange Welt vor und
nach dir; im Universum gibts kein Alter - die Ewigkeit ist jung - sinke
in die Welle, wenn sie kommt, sie versiegt, und nicht du!" -
Der edle Jüngling hatte vor Entzückung die Augen geschlossen,
und der Schnee seines Angesichtes war zu Glanz geworden. Plötzlich
änderte sich alles in der überirdischen Minute; der Knabe
rief schreckhaft: "Es wird 12 Uhr; meine Weiser stehen." Auf
der Uhr mit sieben ruhten schon fünfe übereinander, und nur
die schnellsten flogen noch um. "Draußen fliegt schon die
Taube aus Osten", rief jemand, und die Turmuhr schlug aus.
Ich blickte durch das Fenster, und in den langen Bogen des Fluges zog
eine blendende Taube unter den Sternen durch den tief-blauen Hinimel
hin; und Luftschiffe voll unbekannter Gestalten jagten nach, und eines
ging wie unter Schleiern vorüber, worauf alle Menschen waren, die
ich innig geliebt und nur am Grabe verloren habe und dann schoß
eines vorüber, worin der Knabe und die verhüllte Jungfrau
ruhten; und Sterne fielen in ihr Schiff, sie aber warfen Rosen aus.
Ich blickte nach dem Zimmer zurück. Welches ringende Geister-Chaos!
Die alten Gestalten gingen durcheinander - neue liefen zwischen sie
- die Saiten klangen ungespielt - der Knabe, die Jungfrau und der Jüngling
waren entflohen - In dem von innen hell erleuchteten Spiegel war nichts
als mein sitzendes Bild; dieses richtet sich auf, bewegt sich, tritt
nahe vor das Glas und will drohend heraus und sagt, mich ablickend:
"O seh' ich mich dort selber? - Warte, Lufterscheinung, ich fürchte
dich nicht, ich setze mir, wie Nicolai, einen Blutegel an den After,
und dann zerfließest du." - O wie ist der Spieler, der Mensch,
ein Spiel! - Glühende Toten-Asche legte sich finster auf mein Auge
- das gepreßte Leben schlug gewaltsam gegen die kleinste Ader
an - endlich bückte sich der überströmte Kopf und ließ
sein heißes Blut aus sich fließen.
Zugleich lauter und dunkler wurd' es um mich; ein schärferes Getöne
umfloß den Betäubten und warf höhere Wellen, um das
Leben wegzuspülen; aber die Gestalten fingen zu erblassen und zu
weichen an, selber die Maske wurde weiß - peinlich dröhnten
in meine offnen Adern die langsamen Glockenschläge von 12 Uhr wie
Kanonenschüsse neben der Gruft des Jahrhunderts, und ich erwartete
bebend den zwölften - aber er verzog, der Tod hielt die Streitaxt
des Glockenhammers immer aufgehoben, und die zusammenrinnende Menge,
weiß wie Ertrunkne, murmelte immer banger: zwölf, zwölf
- - als auf einmal eine blühende, beseelte Erscheinung die Türe
öffnete und durch die luftigen Figuren durchging und mit einer
teuern lebendigen Stimme meinen Namen nannte: ach es war meine Hermina.
O wie der Mensch nur durch den Menschen in das Tageslicht des Lebens
tritt, indes er in der auflösenden Einsamkeit auf seinen Geist
und Leib nur wie auf einen toten fremden, unter ihm zuckenden Torso
niedersieht! -
Durch die gute Erschrockenheit und durch die Krisis des blutenden Natur
kam ich aus meinen Bildern zurück, die sich immer mehr verglaseten
und sich endlich nur zu zerstreueten Gliedern eines Antikenkabinetts
zersetzten. Pfeifenberger hielt sich am längsten und wollte schwer
zerfahren, und sogar als er schon verflüchtigt war, streckt' er
noch sein Sprachrohr aus. Ich beruhigte die gute Hermina durch Nicolai,
dem ähnliche Erscheinungen viel länger zugesetzt***
der sie aber mit besserer Entschlossenheit empfangen als ich.
Wie erstaunt' ich, als mir Hermina sagte, sie habe ihr Wort gehalten,
noch früher zu kommen als das 19te Säkulum. Es war erst 11
Uhr; so richtig hatte das innere Ohr, das immer den zwölften Schlag
begehrte, mitten unter diesen Stürmen nachgezählt; dieser
stille Sonnenzeiger in uns bewies sich schon bei Wahnsinnigen und am
Ende bei Schlafenden, die in der vorgesetzten Stunde erwachen. Aber
nun war ich für die letzte Szene des fünften Aktes ganz kalt.
Ein Jahrhundert schwand ein vor den gigantischen Jahrmillionen, die
der Jüngling vorübergeführt; und selber die Lebendigen
schienen mir, wie die wunderbare Gesellschaft, sich jetzt leichter zu
entfärben und aufzulösen. Die frische Sonne, dacht' ich, wird
morgen (wie in ein altes Menschenherz) in das Gebeinhaus des alten Jahrhunderts
scheinen auf zerschlagene Statuen, Torsen, Aschenkriege und Ruinen;
und sie wird ein neues herüberbringen, das die Erde mit dem Interdikt
belegt, das die Altäre entkleidet, die Reliquien vergräbt
und die Heiligenbilder mit Disteln bedeckt und die Tempel verschließet.
Aber sie tu' es denn! Ein trübes Jahrhundert ist in der langen
Jahrszeit der Erde nur ein fliegender Maifrost, eine Sonnenfinsternis;
o wie viele und Stürme dazu sind schon bei Frühlingsanfang
dagewesen! - Aber das bessere Herz bleibe sich nur treu und verstumme
nicht vor der tauben Zeit. Am Nordpol versteinert (nach dem Märchen)
der Winter den Strom der Musik, aber in den Frühlingslüften
fließen die aufgelösten Töne wieder laut dahin: so wird
manches warme Wort erstarren, und die heiligen Laute wird niemand hören;
aber sprecht sie aus, es kommt die mildere Zeit, und dann klinget die
Äolsharfe aus der rauhen neu.
Weich, aber gestillt stand ich mit Hermina am Fenster vor dem zauberisch
wie ein Frühlingshimmel auf die winterlich scharfe Erdennacht herunterleuchtenden
Sternengewölbe, und wir feierten sanft die ernste Stunde. Der Mond
schwamm einsam in einem weiten reinen Blau, gleichsam das große
Auge auf dem Ringe der Jungfrau, und weit von seiner Lilienglocke waren
die Marienblümchen kleiner Sterne gesäet. "O wie gut
ist es, Hermina" (sagt' ich, als ich ihre von der Reise sanft nachglühenden
Wangen ansah) "daß du vorhin nicht unter den Gestalten erschienest,
die neben mir blaß wurden - es hätte mich zu sehr ergriffen."
- "Du hast ihr Gesicht nicht gesehen", sagte sie, "vielleicht
war ich die kniende Gestalt mit dem Schleier." - "Das verhüte
Gott" (sagt' ich) "denn die Verschleierte saß mit auf
dem Toten-Schiff, das durch den Himmel flog - Rühre mich heute
nicht sehr - ich bin ganz aufgelöset, und noch immer schießen
mir weiße Gesichter auf, und es tönet mir noch von weitem
her." Da ging die Gute, gleichsam um das Tönen zu überstimmen,
an das Klavier und sang ihr liebstes Abendlied, mit den betenden Augen
an den Sternen liegend; und unter den heiligen Augen, die unser Herz
verjüngten und es wieder in seinen ewigen Frühling trugen,
löseten sanft und kaum bemerkt die Jahrhunderte einander ab.
Fußnoten:
* Die Astronomie beweiset, daß sich die Erde
der Sonne (wie nach Euler der Mond der Erde) in einer Spirale immer
näher drehe; und schon die Mechanik beweiset es, da es ebensowenig
außer als auf der Erde ein perpetuum mobile geben kann, weil ja
Kraft und Zeit im umgekehrten Verhältnis stehen und
mithin jene null würde, wenn diese unendlich würde.
Aber ehe der Planet zur Sonne wird (wie der Mensch zur Erde), wovon
er genommen ist: so ist weniger die Erhitzung des Erdkörpers
- die z.B. nicht bisher mit der Sonnennähe am Äquator unter
den geraden Strahlen wuchs und die ja nicht vom Sonnen-Abstande
abhängt, da wir keine diversen Merkmale desselben in den fernsten
und nächsten Planeten entdecken - als seine Überschwemmung
zu befürchten, weil - außer dem, daß alle Meere immer
gegen den Äquator hinaufströmen - die nähere Anziehung
der Sonne, des Mondes und mithin der andern Planeten, wie in den Äquinoktien,
fürchterlich die Flut der Meere und ebenso des Dunstkreises und
zuletzt der Elektrizität auftreiben und über unsere Ameisenhaufen,
die wir vom Maulwurf des Erdbebens geerbet, herüberstürzen
muß. (zurück)
** Bekanntlich bewegt sich die Sonne mit ihrem Gefolge
nach einem noch unbekannten Ziel im Norden des Himmels. (zurück)
*** Dem Publikum sind die Gestalten, die Nicolais
Augen und Ohren erschienen, schon bekannt. Ich kenne drei zartorganisierte
und phantasiereiche Mädchen, welche dieselbe optische Plastik quälte.
Es kann keinem Psychologen schwer fallen, meine optische Nachdruckerei
der Wirklichkeit, diese größern mouches volantes, sich zu
erklären, wenn er den Frost, die Nervenschwäche, die Einsamkeit
und das Abendessen und Trinken zusammennimmt. Ja jedes Wort der wunderbaren
Gesellschaft getrau' ich mir aus den Betrachtungen herzuleiten, die
ich nachmittags über die Zukunft angestellt; und selber die drei
Akteurs (wie anfangs in der griechischen Tragödie) scheinen nur
Söhne und Konterfeie der Charaktere zu sein, denen ich im Aufsatz
für dieses Werkchen meine säkularischen Betrachtungen soufflieren
wollen. Der Schwedenkopf ist eine offenbare Reminiszenz des wilden Jägers,
der jetzt aus dem jungen burschikosen Jena ausreitet und dessen Jagdpersonale,
Wildzeug, Hifthörner, Hundekoppel und Weidwerk, am Tageslicht besehen,
auf ein Mandel mausender Eulen hinauslaufen. - Manches ist aus den Gemälden
meines Zimmers zu erklären, z.B. aus Da Vincis Christus im Tempel.
(zurück)
(Zeichnungen: Alfred Kubin)
Ihr
Kommentar

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