Nr. 20, Dezember 1999
 
 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv

 
Rubriken
 
 
 
Lese-Effekte
Fundsache
Texte, die wir nicht verstehen
Unzeitgemäß
Die Adresse
Peinlichkeiten

 
Leserbriefe
Impressum

 

 

Mircea Eliade: Die Rauhnächte

20. Dezember (1946): Seit vielen Jahren liebe ich es, am Weihnachtsabend die Legenden, die Rituale und Gebräuche der zwölf Tage (zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag) wieder durchzulesen: die Zeremonien nach Karnevalsart, die Tiermasken, die Legenden um Pferde ohne Kopf, die in der Silvesternacht erscheinen, usw.
Diese Mythen und rituellen Abläufe sind nicht nur den indoeuropäischen Gesellschaften eigen: man findet sie auch in Japan, in China, bei den Ainus und an vielen anderen Orten. Überall kennzeichnen die zwölf Tage vor und nach Neujahr einen entscheidenden Höhepunkt der Gemeinschaft. Zu dieser Zeit suchen die Seelen der Toten die Lebenden auf, findet die Initiation der Heranwachsenden statt usw. Das wußte ich seit langem. Warum aber findet der Besuch der Toten nur rund um das neue Jahr statt? Weil Neujahr nicht nur den kritischen (das "Chaos", welches unmittelbar auf das Ende eines zyklischen Zeitabschnittes folgt), sondern auch einen kosmogonischen Zeitpunkt darstellt. Das neue Jahr wiederholt die Schöpfung, an jedem neuen Jahr fängt die Welt wieder an, wird sie wiedergeboren, genauer: Sie wird von neuem geschaffen. (Siehe, zum Beispiel, der zeremonielle Vortrag des Schöpfungsgedichtes in Mesopotamien; die rituelle Reproduktion des Kampfes, welcher der Schöpfung vorangegangen ist und sie bewirkt hat, wie in Ägypten und anderswo – ein Kultdrama, das im Volksglauben und Volksbrauchtum des europäischen Südostens weiterlebt.) In der Zeit zwischen dem zu Ende gegangenen (die alte Welt, die geht) und dem neuen Jahr (das All, das daran ist, wiedergeschaffen zu werden) nähern sich die Seelen der Toten den Lebenden in der Hoffnung auf eine, und sei es nur ephemere, Wiederholung des Seins (diese Seelen erscheinen unter Masken und in Tieren "reinkarniert" wieder). Oder sie hoffen auch, implizit, auf die Zerstörung der Zeit, also auf die Transzendenz ihres eigenen Schattendaseins. Ich werde diese Ideen in einem Büchlein entwickeln, an dem ich seit einigen Wochen arbeite: Archetypen und Wiederholung (im Rumänischen hatte ich es Kosmos und Geschichte genannt).

Mircea Eliade, Im Mittelpunkt. Bruchstücke eines Tagebuches

Ihr Kommentar

 
 Essays     Interview     Leseproben     Net-Ticker     TextBilder     Rubriken     Archiv