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Mircea Eliade: Die Rauhnächte
20. Dezember (1946): Seit vielen Jahren liebe ich es, am Weihnachtsabend
die Legenden, die Rituale und Gebräuche der zwölf Tage (zwischen
Weihnachten und dem Dreikönigstag) wieder durchzulesen: die Zeremonien
nach Karnevalsart, die Tiermasken, die Legenden um Pferde ohne Kopf,
die in der Silvesternacht erscheinen, usw.
Diese Mythen und rituellen Abläufe sind nicht nur den indoeuropäischen
Gesellschaften eigen: man findet sie auch in Japan, in China, bei den
Ainus und an vielen anderen Orten. Überall kennzeichnen die zwölf
Tage vor und nach Neujahr einen entscheidenden Höhepunkt der Gemeinschaft.
Zu dieser Zeit suchen die Seelen der Toten die Lebenden auf, findet
die Initiation der Heranwachsenden statt usw. Das wußte ich seit
langem. Warum aber findet der Besuch der Toten nur rund um das neue
Jahr statt? Weil Neujahr nicht nur den kritischen (das "Chaos",
welches unmittelbar auf das Ende eines zyklischen Zeitabschnittes folgt),
sondern auch einen kosmogonischen Zeitpunkt darstellt. Das neue Jahr
wiederholt die Schöpfung, an jedem neuen Jahr fängt die Welt
wieder an, wird sie wiedergeboren, genauer: Sie wird von neuem geschaffen.
(Siehe, zum Beispiel, der zeremonielle Vortrag des Schöpfungsgedichtes
in Mesopotamien; die rituelle Reproduktion des Kampfes, welcher der
Schöpfung vorangegangen ist und sie bewirkt hat, wie in Ägypten
und anderswo ein Kultdrama, das im Volksglauben und Volksbrauchtum
des europäischen Südostens weiterlebt.) In der Zeit zwischen
dem zu Ende gegangenen (die alte Welt, die geht) und dem neuen Jahr
(das All, das daran ist, wiedergeschaffen zu werden) nähern sich
die Seelen der Toten den Lebenden in der Hoffnung auf eine, und sei
es nur ephemere, Wiederholung des Seins (diese Seelen erscheinen unter
Masken und in Tieren "reinkarniert" wieder). Oder sie hoffen
auch, implizit, auf die Zerstörung der Zeit, also auf die Transzendenz
ihres eigenen Schattendaseins. Ich werde diese Ideen in einem Büchlein
entwickeln, an dem ich seit einigen Wochen arbeite: Archetypen und Wiederholung
(im Rumänischen hatte ich es Kosmos und Geschichte genannt).
Mircea Eliade, Im Mittelpunkt. Bruchstücke eines
Tagebuches
Ihr
Kommentar
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