Nr. 20, Dezember 1999
 
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Die Sonderheit des Wollens

Der Deutsche begann [um 1800], sich inmitten der fremden Völker als führend im Dichten und Denken zu fühlen. Das Bewußtsein der überragenden Leistung auf einem, und zwar dem ihm so wichtigen Felde erfüllte ihn endlich seit Hunderten von Jahren der Verehrung für französische, italienische, englische Verbilder mit sehr berechtigtem Stolz. Die Bewunderung des Auslandes machte ihm völlig klar, wie viel er vermochte.
So geschah es, daß der Begriff der Nation, der deutschen Nation als einer Sonderheit des Seins und Wollens, in den Köpfen der Besten emporstieg und langsam bestimmten Inhalt erhielt. Gerade das weiche Zerfließen im raumlosen All erzeugte zuletzt den Sinn für das Ureigene, Angestammte und Nahe. Der Flug in die Ferne gebar die Sehnsucht nach Heimat. ... Kein Geringerer als Schiler hat ferner im Entwurf zu einem Gedicht kurz vor seinem Tode den grundlegenden Zügen des deutschen Wesens nachgespürt und gelangte dabei vom Standpunkt der Epoche aus zu einem wunderbar stolzen Ergebnis. Nach ihm verkehrt der Deutsche "mit dem Geist der Welten", doch das eben macht ihn "zum Kern der Menschheit". "Nicht im Augenblick zu glänzen", ist seine Aufgabe, sondern "den großen Prozeß der Zeiten zu gewinnen". "Jedes Volk", heißt es zum Schluß, "hat seinen Tag in der Geschichte, doch der Tag der Deutschen ist die Ernte der ganzen Zeit". Eindeutig gewinnt hier der Hang zum Internationalen den Übergang zum nationalen Empfinden.

Friedrich Stieve, Geschichte des deutschen Volkes, München und Berlin 1940

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