| Dichtung und Wahrheit
Carson McCullers ("Das Herz ist ein einsamer Jäger")
hat in ihren Romanen wahrscheinlich ebensoviel Biographisches
untergebracht wie Fiktives in ihrer Biographie. Ersteres kennt
man, letzteres ist - pace Goethe - zumindest erstaunlich.
Ihre unvollendete Hundertachtundzwanzig-Seiten-Lebensbeschreibung,
erschienen im September, trägt den Titel "Illumation
and Night Glare". Darin spricht sie ausführlich vom
Alkoholismus ihres Ehemannes, verschweigt aber ihren eigenen.
Einem Kleid in ihrem Besitz, das nicht älter als siebzig
Jahre alt war, verleiht sie ein pharaonisches Alter von zweitausend
Jahren.
Trotz der "Fehler und Auslassungen", die der Vorwort-Autor
Carlos Dews anmerkt, fanden Kritiker das Buch amüsant und
stellenweise "ehrlich". Carson McCullers hat, aus innerer
Einsamkeit, zahlreiche prominente Beziehungen gepflegt: Aaron
Copland, W. H. Auden und Tennessee Williams zählten zu ihren
Freunden. Bei einer Party mit Arthur Miller und Marilyn Monroe
kam ihr die Schauspielerin "schüchtern" vor.
Dews brauchte nach eigener Auskunft acht Jahre Vertrauensarbeit
bei den Nachlaßverwaltern, bis sie ihm das seit dem Tod
der Autorin (1967) unveröffentlichte Manuskript zur Bearbeitung
überließen.
Ein etwas einsamer Deutscher
Der Dubliner Literaturpreis International IMPAC ist mit genau
einhundertdreißigtausendneunhundert Dollar der bestausgestattete
Romanpreis der Welt. Die engere Auswahl
für den nächstjährigen Preisträger steht jetzt.
Es sind einhunderteins Titel. Die Liste wurde von mehr als hundert
Bibliotheken in vierunddreißig Ländern zusammengestellt.
Bis zum März 2000 soll die Zahl der Finalisten auf zehn vermindert
werden, und im Mai 2000 erfolgt die Preisverleihung.
Unter den hunderteins Kandidaten ist immerhin ein Deutscher: W.
G. Sebald mit "Die Ringe des Saturn" (vor drei Jahren
als Fischer-Taschenbucherschienen). Er wird eingerahmt von einer
Phalanx amerikanischer Romanciers, einundvierzig insgesamt, siebzehn
britischen und vier irischen Autoren sowie weiteren aus Ausralien,
Frankreich, Kanada, Brasilien und anderen Ländern.
Die Psychoanalyse: die Krankheit, für
deren Heilung sie sich hält
Waren die frühen Psychoanalytiker paranoid?
Sigmund Freund und seine ersten Anhänger (Karl Abraham, Max
Eitington, Sándor Ferenczi, Ernest Jones, Otto Rank und
Hanns Sachs) gründeten etwa 1919 nach einer schon älteren
Idee von Jones ein "Geheimes Komitee". Es sollte "die
besten und zuverlässigsten Männer" der neuen Lehre
vereinen, und zwar ursprünglich die Leiter ihrer "Ortsgruppen",
später auch die Mitglieder des sogenannten "Zentralleitungs-Komitees"
(die nicht nur sprachlichen Anleihen bei sowohl braunen wie roten
Totalitarismen sind unübersehbar). Die so Erwählten
sollten sich wie eine verläßliche "Palastwache",
"wie Paladine Karls des Großen" schützend
vor das große Werk und seinen Schöpfer stellen. "Alles,
was er uns sagte und sagen wird", schrieb Ferenczi am 1.
Dezember 1919 an Eitington, "muß also mit einer Art
Dogmatismus gehegt werden." Freud bemühte in diesem
Zusammenhang gern das Tell-Zitat "Seid einig, einig, einig!",
mit dem er die Freiheit der Kritik deutlich der orthodoxen Einheit
der "Bewegung" unterordnete.
Freud kommentierte zwar kurz das "knabenhafte","vielleicht
romantische Element" in den ab 1920 regelmäßigen
Rundbriefen des "Geheimen Komitees", den Dogmatismus
jedoch und die Immunisierung gegen Kritik ließ er beifällig
durchgehen. Und nicht ohne Selbstgefühl figurierte er bei
seinen Jüngern als "papa", als "Papst",
der für sie immer "ex cathedra" sprach.
Veröffentlich ist der erste Teil der "Komitee-"Korrespondenz
jetzt in G. Wittenberger, Chr. Tögel (Hrsg.), Die Rundbriefe
des "Geheimen Komitees", Band I, 1913-1920, edition
diskord, Tübingen 1999.
Zeitgeschichte auf rumänisch
Ein neues Schulbuch zur Geschichte Rumäniens erregt die
Gemüter in Bukarest. Den Autoren geht es, wie sie sagen,
"um Erziehung, nicht um Patriotismus".
Vlad der "Pfähler", zum Beispiel, ist jetzt nicht
mehr der unüberwindliche Krieger gegen die Türken und
eine immerwährend Inspiration für Nationalisten, sondern
nur die literarische Vorlage für Dracula (wie im Westen schon
immer). Sowas schmerzt. Und auch die jüngere Geschichte bleibt
nicht vor Revisionen verschont: Der Sturz Ceausescus vor zehn
Jahren ist jetzt alles andere als eine gloriose "Revolution"
mit Helden und Schurken, denn damals seien lediglich etwas akzeptablere
Regime-Getreue an die Macht gekommen; also müsse man die
Ereignisse eher als den schwachen Beginn einer langwierigen Demokratisierung
bezeichnen.
Ein Journalist warf dem Schulbuch vor, es "zerstöre"
durch die Mißachtung aller Heldentaten die Geschichte Rumäniens.
Und eine parlamentarische Initiative, angeführt von Sergui
Nicolaescu, Senator und Regisseur vaterländischer Historienschinken,
verlangte vom Erziehungsministerium die Einziehung des Schulbuchs,
Nicolaescu sogar seine öffentliche "Verbrennung".
Der Erziehungsminister Andrei Marga immerhin verteidigte das Buch
als Bestandteil einer dringend erforderlichen Bildungsreform.
Frißt das Internet die klassischen Medien?
Mit einem "emphatischen Nein" antwortet darauf die
New Yorker Investmentbank Veronis, Suhler & Associates, die
auch einige führende Medienkonzerne der Welt berät.
Die Analyse bezieht sich auf die Vereinigten Staaten, und ihre
Ergebnisse sind überraschend. Im Jahr 2003 wird jeder Amerikaner
durchschnittlich eine gute halbe Stunde pro Tag im Internet verbringen
(eine Steigerung um sechzig Prozent gegenüber 1998), aber
auch fast zwölf Minuten pro Tag mehr mit den traditionellen
Medien wie Bücher, Zeitungen und Fernsehen. Der Grund dafür:
Das Internet schafft durch die schnellere Erledigung bestimmter
Tätigkeiten mehr freie Zeit.
Den amerikanischen Zeitungen geht es trotz verschärfter Konkurrenz
nicht schlecht. Die Einnahmen der Tages- und Wochenzeitungen betrugen
1998 satte sechzig Milliarden Dollar (davon fast fünfzig
Milliarden aus Werbeeinnahmen). Prognose: leichte Steigerungen
bis 2003.
Und noch eine gute Nachricht für alle Verleger: Der Papierpreis
soll sich von fünfhundertsiebenundachtzig Dollar pro Tonne
(1998) bis 2003 um lediglich drei Dollar erhöhen.
Holocaust-Leugner
Dariusz Ratajczak ist siebenunddreißig Jahre alt, Universitätsprofessor
in Opole und meint zu wissen, daß die Nationalsozialisten
keinerlei Plan zur Ausrottung der Juden hatten, daß die
Gaskammern in den Konzentrationslagern nur zur Entlausung der
Gefangenen gedacht waren und (eigentlich unlogisch) daß
nur drei - nicht sechs - Millionen Juden der Verfolgung zum Opfer
fielen. Augenzeugenberichte sind für ihn "sinnlos"
und Zeitgeschichtler nur die "Anhänger einer Holocaust-Religion",
die allen anderen "ein falsches Bild der Vergangenheit"
aufdrängen wollen.
Dies und derlei mehr steht in seinem vor kurzem veröffentlichten
Buch "Gefährliche Fragen". Das Werk des seltsamen
Historikers wurde nur in wenigen hundert Exemplaren gedruckt und
vor allen in Universitätsbuchhandlungen verkauft.
Offenbar notwendigerweise hat auch Polen ein Gesetz gegen die
Leugnung des Holocaust. Ratajczak wurde seines Lehramts enthoben
und steht jetzt vor Gericht. In der ersten Verhandlung machte
er geltend, er habe lediglich die Meinungen anderer Historiker
zusammengefaßt, und seine eigene Auffassung entspreche ihnen
nicht. Andererseits sagte er aber auch einer Nachrichtenagentur:
"Revisionen der Geschichte sind eine historische und soziale
Tatsache. Ein Historiker darf davor nicht die Augen verschließen."
Wohl schon wieder ein Mißverstandener. Wie unser Walser.
Buchdiebstähle: ein Rätsel
Die vor sechs Monaten aus der Jagellonen-Bibliothek in Krakau
gestohlenen Bücher bleiben - bis auf die wenigen, die inzwischen
in Deutschland und Großbritannien wieder aufgetaucht sind
- verschwunden. Es waren insgesamt achtundfünfzig ausgesucht
wertvolle Manuskripte, darunter astronomische Werke von Kopernikus
und Galileo Galilei.
Wie der Diebstahl durchgeführt wurde, ist noch immer unklar.
Fest steht nur, daß jedes gestohlene Buch im Regal durch
ein eine Atrappe ersetzt wurde. Die Bibliotheksleitung gibt sich
entrüstet bei dem Gedanken, ihre eigenen Angestellten könnten
"die Heiligkeit der Bibliothek verletzt haben" (andererseits
verdienen sie nur zwischen vierhundert und fünfhundertfünfzig
Mark pro Monat, wenig genug immerhin für einen Bestechungsversuch).
Eine amerikanische Sicherheitsfirma installiert jetzt ein neues
Überwachungssystem - ein Jahr früher als geplant.
Antisemitisches Buch in Ungarn beschlagnahmt
"Die Protokolle der Weisen von Zion" wurden vor hundert Jahren von
der zaristischen Geheimpolizei geschrieben, um damit den angeblichen,
in Wahrheit völlig fiktiven Plan einer jüdische Weltherrschaft
zu "denunzieren". In Ungarn wurde jetzt das antisemitische
Machwerk in drei verschiedenen Ausgaben einen Herbst lang kommentarlos
in den Buchhandlungen angeboten.
Bis die jüdischen Verbände im Land protestierten. Ende
November wurden in Budapest und in zwei weiteren Städten
insgesamt fünfzig Exemplare beschlagnahmt, nachdem der Oberste
Staatsanwalt das Buch als "Anstiftung zum Rassenhaß"
bezeichnet hatte.
Ihr
Kommentar
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Die Lüge hinter der Sonnenbrille
Die chilenische Journalistin und Ex-Bürgermeisterin
von Santiago Maria Eugenia Oyarzun hat soeben ein Buch über
den früheren Staatschef herausgebracht: "Augusto Pinochet
- Dialog mit seiner Geschichte". Sie hat ihn auch auf das
berühmte Foto mit der dunklen Sonnenbrille angesprochen,
das kurz nach dem Sturz Allendes aufgenommen wurde und heute mit
Vorliebe von Anti-Pinochet-Demonstranten verwendet wird.
"Das war meine Methode", sagte er ihr, "etwas zu
sagen. Lügen verraten sich durch die Augen, und ich habe
oft gelogen."
Also, irgendwie sind unsere Politiker doch besser. Keiner von
ihnen trägt eine Sonnenbrille zum Statement.
Klassiker in New York
Von dem Überraschungserfolg der "Kartause
von Parma" in New York war schon
im vergangenen Monat die Rede.
Vor einigen Wochen trafen sich dreißig Stendhal-Freunde
in einer Buchhandlung in Manhattan, als der Dichter und "Kartause"-Übersetzer
Richard Howard zu einer Diskussion über den Roman eingeladen
hatte. Fast (zu ihrem eigenen Bedauern leider nur fast) hätte
dabei eine Teilnehmerin ihn nach Stendhals Einfluß aus Marcel
Proust gefragt. Der Roman in der neuen Übersetzung hält
sich immer noch in den oberen Plätzen des Bestsellerlisten,
in der Nachbarschaft von Frank McCourt und Stephen King. Dreißigtausend
Exemplare wurden bis Ende November verkauft, ganz ohne den Film
zum Buch, ohne Werbung und Promotion- Kampagne.
Und das ist noch nicht alles an erfolgreicher Klassik. Die Neuübersetzung
von Dantes "Inferno" durch den preisgekrönten Dichter
Robert Pinsky fand in den letzten fünf Jahren hunderttausend
Leser. Die "Ilias" und die "Odyssee", in der
Übersetzung von Robert Fagles, Literaturprofessor in Princeton,
verkauften sich jeweils mit zweihunderttausend Exemplaren.
Der Stendhal-Übersetzer Howard hat sich als nächste
Arbeit schon Flauberts "Éducation sentimentale"
vorgenommen.
Sherlock Holmes:
Boomende Memorabilia
Der Detektiv lebt. Jeden Monat treffen in seinem
Londoner Haus in der Baker Street Nummer 221b etwa fünfzig
Briefe ein (zu drei Vierteln aus den USA), und fast alle Absender
bitten um Hilfe bei der Aufklärung eines persönlichen
Falles. Die Firma, die inzwischen hier residiert, beantwortet
jeden Brief abschlägig, aber liebenswürdig: Holmes würde
gern helfen, aber er ist in Rente gegangen und kümmert sich
auf Farm in Südostengland nur noch um seine Bienen.
Soeben hat der Detektiv endlich auch vor diesem Haus eine drei
Meter hohe Statue erhalten, nachdem man ihm schon unzählige
zwischen Edinburgh ind Tokyo errichtet hatte. Das Sherlock-Holmes-Museum
hat sich ein Restaurant und einen zweiten Andenkenladen zugelegt
und gibt jetzt auch eine Sherlock-Holmes-Kreditkarte heraus. Was
im Souvernirshop verkauft wird, ist nicht nur Nippes (wie etwa
die berühmte Jägermütze für zweihundert Mark),
sondern auch Wertvolleres wie eine Erstausgabe des Romans "Der
Hund von Baskerville" (zweihundertsechzigtausend Mark) oder
ein Originalmanskript (etwas teurer, fast achthundertfünfzigtausend
Mark).
Dabei hatte Arthur Conan Doyle von seinem Helden bald so genug,
daß er ihn schon 1893 (in "The Final Problem")
in den Reichenbach-Wasserfällen in der Schweiz ertrinken
ließ - nur sechs Jahre nach seinem ersten Auftritt in "A
Study in Scarlet".
Noch ein Rücktritt
Der Bestseller-Autor Jeffrey Archer ist nicht
mehr der konservative Bürgermeisterkandidat für London.
Man hat ihn auf einer Schwindelei erwischt.
Eine lächerliche Affäre eigentlich. Sie ist auch noch
dreizehn Jahre alt. Damals wehrte er sich gegen den Vorwurf der
Tageszeitung "Daily Star", er habe ein Verhältnis,
halb Arbeitgeber-, halb sexuell, mit der Prostituierten Monica
Coghlan. Das stimmte tatsächlich nicht ganz. Außerdem:
Den Abend, um den es in der Klage ging, hatte Archer mit einer
Freundin verbracht; um ihren Namen aus der Sache herauszuhalten,
bat er seinen Freund Ted Francis, vor Gericht zu bezeugen, Archer
sei den ganzen Abend bei ihm gewesen. So geschah es. Und jetzt
ist Archer deswegen seine Kandidatur los (und den Posten als Stellvertretender
Vorsitzender der britischen Konservativen auch).
Die Klage hat ihm damals 1,7 Millionen Mark an Schadensersatz
eingebracht, dazu kamen noch mal hundertsiebzigtausend aus einer
ähnlichen Klage gegen "News of the World"
So wird das nichts!
Zwei Literaturlexika sind jetzt auch auf CD erhältlich,
und beide tun weder sich, noch dem Medium einen Gefallen.
"Kindlers Neues Literaturlexikon" kostet einen noch
annehmbaren Preis von vierhundertachtundneunzig Mark (Systhem
Verlag). Die böse Überraschung kommt danach: Das Ding
installiert sich, der Bildschirm wird schwarz, Windows startet
neu - und das wars dann. Nirgendwo findet sich eine Spur des installierten
Lexikons (erst nach langer Suche entdeckt man, vielleicht, in
einer gut versteckten Textdatei einen Hinweis, die Installation
ein zweites Mal durchzuführen). Auf Reporternachfragen erklärte
der Verlag, er wisse selber nicht genau, was da los sei. Hat es
nicht wenigstens ein Lektor mal selbst installiert?
Rigoroser geht es bei dem "Kritischen Lexikon der deutschsprachigen
Gegenwartsliteratur" zu (edition text+kritik, vierhundertsechzig
Mark). Es hat eine eingebaute Zeitsperre, die sämtliche Daten
der CD immer wieder, erstmals Ende Mai 2000, unlesbar macht. Dem
ist nur dadurch zu entgehen, daß man dreimal im Jahr rechtzeitig
das update kauft, für jedesmal achtunddreißig Mark.
Erst wenn man dieses Abonnement kündigt, erhält der
Leser einen weiteren Schlüssel, der die Daten wieder lesbar
auf den Bildschirm bringt.
Ziemlich ruppig!
Däubler-Gmehlin begrüßt,
was denn auch sonst, die Entscheidung von amazon.com,
die englische Übersetzung von Hitlers "Mein Kampf"
nicht mehr nach Deutschland zu liefern. Die Justizministerin erhofft
sich davon ein "positives Signal" auch an andere, keine
rassistische und menschenverachtende Literatur mehr in dieses
Land zu schicken.
Bei amazon.de, dem deutschen Ableger des Internet-Buchhändlers,
war das Buch ohnehin nicht verfügbar. Bereits im August hatte
Bertelsmann das Buch bei seinem Internet-Anbieter BOL zurückgezogen
und gleichzeitig seinen Partner in den USA, barnesandnoble.com,
gebeten, ebenso zu verfahren. Mary Ellen von barnesandnoble.com
gab bekannt, die Anfrage werde zur Zeit noch geprüft.
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