Nr. 20, Dezember 1999
 
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Paul Celan
Rechts-Erbe
Typographie

 

 

Unter dem Pont Mirabeau

John Felstiner, Literatur-Professor an der Stanford University, ist an Behutsamkeit im Umgang mit der Person seiner Biographie kaum zu übertreffen. Der Selbstmord Paul Celans in Paris kommt zwar im letzten Kapitel so abrupt zur Sprache, wie er auch den Freunden erschien, aber ohne jede Einebnung von Ungenauigkeiten, ohne Dramatisierung:

Um den 20. April 1970, um die Zeit des Passahfestes, stieg Celan von der Brücke hinab in die Seine und ertrank unbemerkt, obwohl er ein guter Schwimmer war. An der École Normale Supérieure vermißte man ihn. Unter der Tür seiner spärlich eingerichteten Wohnung stapelte sich die Post. Gisèle rief einen Freund an, um zu fragen, ob ihr Mann jetzt doch nach Prag gefahren sei. Am 1. Mai stieß ein Fischer auf die Leiche, rund zehn Kilometer flußabwärts.

Umso präziser untersucht der Autor die literarischen Bezüge: Auf Celans Schreibtisch wird eine Hölderlinbiographie gefunden, aufgeschlagen an der Stelle: "Manchmal wird dieser Genius dunkel und versinkt in den bitteren Brunnen seines Herzens ..." Die Stelle - Felstiner: "wie ich feststellen konnte" - ist von Celan unterstrichen, nicht jedoch der Fortgang des Satzes: "meistens aber glänzet sein apokalyptischer Stern Wehmut wunderbar".

So ist der Untertitel zu seinem Buch, nämlich "Eine Biographie", wohl eher durch die Etikettierzwänge des Marktes zustandegekommen, als daß er sich aus dem Werk selbst ergäbe. Diese Biographie ist, den Begriff ernstgenommen, keine. Sondern die leicht chronologisch geordnete Annäherung an ein Lebenswerk, an einen Klassiker der Moderne. Sicher: Wir erhalten die wesentlichen Lebensdaten, Ereignisse und Begegnungen Celans, meist mit der nötigen Ausführlichkeit geschildert. Aber die größere Leistung Felstiners ist der Blick auf dieses Leben durch Celans Gedichte hindurch. Kaum eine Doppelseite in diesem Buch, die nicht - umrahmt von reichlich Blattweiß - die Gedichte selbst sprechen läßt. Und ihre Interpretation ist meisterlich: eine ungeheuer belesene und wortgenaue Lektüre zeichnet die biographischen Einflüsse nach, ohne ihnen in die reduktionistische Falle zu gehen, zieht die vielfältigen Quellen von Celans Lyrik heran, aber nur um an ihnen die unerschöpfliche Originalität des Dichters zu beweisen, und verfolgt die spätere Rezeption, wobei aber ihre Schwierigkeiten - gerade in Deutschland - nicht verheimlicht werden. Felstiner bewundert - ja, er liebt Celan, und diese das ganze Buch tragende Zuneigung teilt sich dem Leser langsam und unaufdringlich mit.
Solch verehrende Zurückhaltung ist nicht ohne Risiko. Man hätte, zum Beispiel, gern etwas mehr oder doch eine Art Beweiswürdigung zur Begegnung Celans mit Heidegger 1967, als was Felstiner uns gönnt. Ein paar Jahre zuvor, 1959, hatte sich sich Celan, wie übrigens auch Ingeborg Bachmann, geweigert, für die Festschrift zu Heideggers siebzigstem Geburtstag ein Gedicht zu liefern (was der Jubilar sich ausdrücklich gewünscht hatte). Aber Celan hatte Heidegger gelesen, und daß Sprache "unterwegs zum Sein" ist, war ein Gedanke, der ihm, dem sprachlichen Wirklichkeitssucher, gefallen mußte. Andererseits war für Celan, dessen Eltern in einem Vernichtungslager der Nazis umgekommen waren, der Heidegger der Rektoratsrede von 1935, zu der dieser auch nach dem Krieg beharrlich schwieg, keine einfache Angelegenheit. Aber Celan traf den Denker in dessen Hütte in Todtnauberg, "trank einen Schluck Wasser aus Heideggers viel photographiertem Brunnen" und schrieb sich in das Gästebuch "mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen" ein.
Gleich darauf läßt der Autor dann schon wieder ein Gedicht Celans sprechen, und natürlich "Todtnauberg", das bereits eine Woche später entstand und auch den Eintrag ins Gästebuch wiederaufnimmt:

Arnika, Augentrost, der
Trunk aus dem Brunnen mit dem
Sternwürfel drauf,
in der
Hütte,

die in das Buch
- wessen Namen nahms auf
vor dem meinen? -,
die in dies Buch
geschriebene Zeile von
einer Hoffnung, heute,

auf eines Denkenden
(un-
gesäumt kommendes)
Wort
im Herzen.

Von diesem Gedicht ließ Celan in Paris einen bibliophilen Druck herstellen und schickte das erste Exemplar dem Gastgeber in die Hütte: "Die Reaktion war ein nichtssagender Brief, der nur konventionelle Dankesfloskeln enthielt." Später hat der - mit anderen - immer noch vergeblich auf eine Erklärung wartende Celan das Wort "un- / gesäumt" resignierend aus dem Gedicht entfernt.

Mit derselben philologischen Genauigkeit erzählt Felstiner die Geschichte des wohl berühmtesten Celan-Gedichts (siehe hierzu auch die Rubrik Die Adresse):

Todesfuge erschien nicht zuerst auf deutsch, sondern auf rumänisch (es war Celans erstes veröffentlichtes Gedicht und das erste, das unter dem Namen "Paul Celan" erschien). Im Mai 1947 druckte die Bukarester Zeitschrift Contemporanul Petre Salomons Übersetzung und schickte ihr folgende Notiz voran: "Das Gedicht, dessen Übersetzung wir hier veröffentlichen, beruht auf der Beschwörung einer wahren Begebenheit. In Lublin wie in vielen anderen ‘nazistischen Todeslagern' zwang man eine Gruppe von Verurteilten, wehmütige Lieder zu singen, während andere Gräber schaufelten." ...
Eine Merkwürdigkeit begleitet diesen Auftritt von Celans Gedicht in Bukarest, nämlich sein Titel: nicht das heute berühmte Todesfuge, sondern das rumänische Tangoul Mortii (Todestango) - wie wenn durch romantische Rhythmen das Geschäft des Gräberschaufelns elegante Gestalt gewinnen könnte.

In der insgesamt positiven Rezeption des in Paris lebenden Dichters - insbesondere gefördert durch Karl Krolow - gab es vereinzelte, aber umso bemerkenswertere Fehlleistungen. Der christliche Heinz Piontek fand bei Celan einen "französischen Schmelz", "glitzernde Arrangements" und "die Suggestivität des Chansons" und gab dem Dichter den Rat, künftig keine "Etuden und Fingerübungen" mehr zu publizieren. Und Hans Egon Holthusen lobte zwar die "Todesfuge", beglückwünschte den Dichter jedoch in abenteuerlicher Wortwahl dazu, ein grausiges Geschehen "besungen" und damit "bewältigt" zu haben (Felstiner: "als sei Celan ein Teil der deutschen ‘Vergangenheitsbewältigung'." - Gegen die instrumentalisierende Vereinnahmung der "Todesfuge" schrieb Celan einige Jahre später dann das Gedicht "Engführung".).
Ja, und dann war da auch noch Theodor Adorno. Celan hätte ihn, nachdem er viel von ihm gelesen hatte, im Juli 1959 im Engadin kennenlernen sollen, reiste aber vorzeitig wieder ab. Vier Jahre vorher schon hatte der Philosoph das Verdikt in die Welt gesetzt: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch." Es wurde sofort auf die "Todesfuge" bezogen, auch von Celan selbst, und der Zusammenhang "schmerzte und ärgerte" ihn (obwohl - auch von Felstiner - vermutet wird, daß Adorno sein Schreibverbot in Unkenntnis der "Todesfuge" erlassen hat):

So versäumte er die Begegnung mit Adorno - "nicht von ungefähr", wie er zugab. Einen Monat später schrieb Celan um diese versäumte Begegnung seine einzige Prosaerzählung - sofern dieser Begriff das redselige und doch poetisch modulierte Gespräch im Gebirg zu beschreiben vermag, eine Art Volksmärchen, worin der Jude Klein dem Juden Groß begegnet und beide eine Weile miteinander schwätzen.

Die Kurzerzählung wird in der Biographie ungekürzt abgedruckt. Und die Lektüre gibt den Blick frei auf das verwickelte Verhältnis der beiden Männer (die sich später doch noch begegnet sind).

Eingehend behandelt Felstiner auch den Brotberuf Celans, das Übersetzen, vor allem Übersetzungen englischer, russischer und französischer Lyrik. Man findet Celans deutsche Fassung der oft zitierten Schlußzeilen aus "Stopping by Woods on a Snowy Evening" von Robert Frost möglicherweise zu variierend, aber Felstiners behutsamer Kommentar legt die Celansche Version wiederum nahe:

And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.

Und Meilen, Meilen noch vorm Schlaf.
Und Meilen Wegs noch bis zum Schlaf.

Was ist mit dem Ich des Sprechers geschehen? Mag die Wiederholung bei Frost einen Todeswunsch verkörpern, das Gegenteil eines Todeswunsches oder schiere Schläfrigkeit - Celan optiert für eine kleine Veränderung, eine Vorgang, eine Möglichkeit. Er bringt sogleich seine eigene Woederholung - "Meilen, Meilen" - und macht dann aus "vorm Schlaf" "zum Schlaf", was den Schlaf noch um ein Weniges hinausschiebt.

Wer so kundig und liebevoll über die Gedichte seines "Helden" schreibt, so frei von jeder biographischen Anmaßung und Selbstgewißheit, dem glaubt man fast schon deshalb. Felstiner hat auf diese Weise eine unvergleichliche Aussicht freigelegt: den Blick auf einen Menschen und gleichzeitig in seine Schöpfungen, die ihn, solange wir noch lesen, groß und unvergeßlich machen.

Martin Kubelka

John Felstiner
Paul Celan. Eine Biographie
C. H. Beck, München 1999
432 Seiten, 14,5 x 22,5 Zentimeter
DM 68,--, öS 496, sFr 62,--

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