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Unter dem Pont Mirabeau John Felstiner, Literatur-Professor an der Stanford University, ist an Behutsamkeit im Umgang mit der Person seiner Biographie kaum zu übertreffen. Der Selbstmord Paul Celans in Paris kommt zwar im letzten Kapitel so abrupt zur Sprache, wie er auch den Freunden erschien, aber ohne jede Einebnung von Ungenauigkeiten, ohne Dramatisierung: Um den 20. April 1970, um die Zeit des Passahfestes, stieg Celan von der Brücke hinab in die Seine und ertrank unbemerkt, obwohl er ein guter Schwimmer war. An der École Normale Supérieure vermißte man ihn. Unter der Tür seiner spärlich eingerichteten Wohnung stapelte sich die Post. Gisèle rief einen Freund an, um zu fragen, ob ihr Mann jetzt doch nach Prag gefahren sei. Am 1. Mai stieß ein Fischer auf die Leiche, rund zehn Kilometer flußabwärts. Umso präziser untersucht der Autor die literarischen So ist der Untertitel zu seinem Buch, nämlich "Eine Biographie",
wohl eher durch die Etikettierzwänge des Marktes zustandegekommen,
als daß er sich aus dem Werk selbst ergäbe. Diese Biographie
ist, den Begriff ernstgenommen, keine. Sondern die leicht chronologisch
geordnete Annäherung an ein Lebenswerk, an einen Klassiker der
Moderne. Sicher: Wir erhalten die wesentlichen Lebensdaten, Ereignisse
und Begegnungen Celans, meist mit der nötigen Ausführlichkeit
geschildert. Aber die größere Leistung Felstiners ist der
Blick auf dieses Leben durch Celans Gedichte hindurch. Kaum eine Doppelseite
in diesem Buch, die nicht - umrahmt von reichlich Blattweiß -
die Gedichte selbst sprechen läßt. Und ihre Interpretation
ist meisterlich: eine ungeheuer belesene und wortgenaue Lektüre
zeichnet die biographischen Einflüsse nach, ohne ihnen in die reduktionistische
Falle zu gehen, zieht die vielfältigen Quellen von Celans Lyrik
heran, aber nur um an ihnen die unerschöpfliche Originalität
des Dichters zu beweisen, und verfolgt die spätere Rezeption, wobei
aber ihre Schwierigkeiten - gerade in Deutschland - nicht verheimlicht
werden. Felstiner bewundert - ja, er liebt Celan, und diese das ganze
Buch tragende Zuneigung teilt sich dem Leser langsam und unaufdringlich
mit. Arnika, Augentrost, der die in das Buch auf eines Denkenden Von diesem Gedicht ließ Celan in Paris einen bibliophilen Druck herstellen und schickte das erste Exemplar dem Gastgeber in die Hütte: "Die Reaktion war ein nichtssagender Brief, der nur konventionelle Dankesfloskeln enthielt." Später hat der - mit anderen - immer noch vergeblich auf eine Erklärung wartende Celan das Wort "un- / gesäumt" resignierend aus dem Gedicht entfernt. Mit derselben philologischen Genauigkeit erzählt Felstiner die Geschichte des wohl berühmtesten Celan-Gedichts (siehe hierzu auch die Rubrik Die Adresse): Todesfuge erschien nicht zuerst auf deutsch,
sondern auf rumänisch (es war Celans erstes veröffentlichtes
Gedicht und das erste, das unter dem Namen "Paul Celan" erschien).
Im Mai 1947 druckte die Bukarester Zeitschrift Contemporanul
Petre Salomons Übersetzung und schickte ihr folgende Notiz voran:
"Das Gedicht, dessen Übersetzung wir hier veröffentlichen,
beruht auf der Beschwörung einer wahren Begebenheit. In Lublin
wie in vielen anderen nazistischen Todeslagern' zwang man eine
Gruppe von Verurteilten, wehmütige Lieder zu singen, während
andere Gräber schaufelten." ... In der insgesamt positiven Rezeption des in Paris lebenden Dichters
- insbesondere gefördert durch Karl Krolow - gab es vereinzelte,
aber umso bemerkenswertere Fehlleistungen. Der christliche Heinz Piontek
fand bei Celan einen "französischen Schmelz", "glitzernde
Arrangements" und "die Suggestivität des Chansons"
und gab dem Dichter den Rat, künftig keine "Etuden und Fingerübungen"
mehr zu publizieren. Und Hans Egon Holthusen lobte zwar die "Todesfuge",
beglückwünschte den Dichter jedoch in abenteuerlicher Wortwahl
dazu, ein grausiges Geschehen "besungen" und damit "bewältigt"
zu haben (Felstiner: "als sei Celan ein Teil der deutschen Vergangenheitsbewältigung'."
- Gegen die instrumentalisierende Vereinnahmung der "Todesfuge"
schrieb Celan einige Jahre später dann das Gedicht "Engführung".).
So versäumte er die Begegnung mit Adorno - "nicht von ungefähr", wie er zugab. Einen Monat später schrieb Celan um diese versäumte Begegnung seine einzige Prosaerzählung - sofern dieser Begriff das redselige und doch poetisch modulierte Gespräch im Gebirg zu beschreiben vermag, eine Art Volksmärchen, worin der Jude Klein dem Juden Groß begegnet und beide eine Weile miteinander schwätzen. Die Kurzerzählung wird in der Biographie ungekürzt abgedruckt. Und die Lektüre gibt den Blick frei auf das verwickelte Verhältnis der beiden Männer (die sich später doch noch begegnet sind). Eingehend behandelt Felstiner auch den Brotberuf Celans, das Übersetzen, vor allem Übersetzungen englischer, russischer und französischer Lyrik. Man findet Celans deutsche Fassung der oft zitierten Schlußzeilen aus "Stopping by Woods on a Snowy Evening" von Robert Frost möglicherweise zu variierend, aber Felstiners behutsamer Kommentar legt die Celansche Version wiederum nahe: And miles to go before I sleep, Und Meilen, Meilen noch vorm Schlaf. Was ist mit dem Ich des Sprechers geschehen? Mag die Wiederholung bei Frost einen Todeswunsch verkörpern, das Gegenteil eines Todeswunsches oder schiere Schläfrigkeit - Celan optiert für eine kleine Veränderung, eine Vorgang, eine Möglichkeit. Er bringt sogleich seine eigene Woederholung - "Meilen, Meilen" - und macht dann aus "vorm Schlaf" "zum Schlaf", was den Schlaf noch um ein Weniges hinausschiebt. Wer so kundig und liebevoll über die Gedichte seines "Helden" schreibt, so frei von jeder biographischen Anmaßung und Selbstgewißheit, dem glaubt man fast schon deshalb. Felstiner hat auf diese Weise eine unvergleichliche Aussicht freigelegt: den Blick auf einen Menschen und gleichzeitig in seine Schöpfungen, die ihn, solange wir noch lesen, groß und unvergeßlich machen. Martin Kubelka |
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